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Praxis: Nebenan im Kiez

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Praxis: Nebenan im Kiez

René Martens

/ 5 Minuten zu lesen

Wie hyperlokal ist die Zukunft des Lokaljournalismus? Meinungen und neue Trends aus Deutschland und den USA.

Hyperlokale Medien verstärken den Zoom auf das Lokale: Auch Viertel und Quartiere werden zum Zentrum der Berichterstattung. (Heartbeat29/flickr.com) Lizenz: cc by-nc-sa/2.0/de

"Der Hype ist vorbei", titelte die Frankfurter Rundschau im Juli. Sechs Wochen später schrieb das Medienmagazin journalist: "Die zweite Welle schwappt gerade durchs Land." Beide Formulierungen bezogen sich auf ein Thema: hyperlokale Berichterstattung. Die FR analysierte die Entscheidung der New York Times, sich aus wirtschaftlichen Gründen peu à peu aus der hyperlokalen Berichterstattung zu verabschieden; eine Zeitlang hatten Leserreporter für das Blog "The Local" Beiträge aus den New Yorker Vororten geliefert. Der journalist schrieb dagegen über verlagsunabhängige hyperlokale Projekte. Der unterschiedliche Tonfall der Artikel deutet an, dass sich noch immer nicht eindeutig sagen lässt, inwieweit hyperlokale Berichterstattung zukunftsträchtig ist oder nicht.

Der Begriff "hyperlokal" kursiert seit ein paar Jahren – als Beschreibung für eine Berichterstattung aus den kleinsten lokalen Räumen. Während manche Zeitungen in den größeren Städten sich aus diesen Räumen, wie etwa aus den Stadtteilen, zurückziehen, gibt es in Deutschland nach wie vor viele kleinere Tageszeitungen, die schon immer hyperlokal berichtet haben – auch als der Begriff noch gar nicht existierte. Wie unterschiedlich hyperlokale Strategien sogar in einem Verlag sein können, zeigen das Hamburger Abendblatt und die Berliner Morgenpost. Beide gehören bei Springer zur sogenannten Grünen Gruppe, beide erscheinen in vergleichbaren Großstädten. Während sich das Hamburger Abendblatt zu Beginn dieses Jahres entschied, nicht mehr mit Leserreportern zusammenzuarbeiten, greift die Berliner Morgenpost seit August bei ihrer hyperlokalen Berichterstattung auf sie zurück.Wie ist das uneinheitliche Bild zu erklären?

"Die Tendenz bei den Verlagen geht dahin, alles auszuprobieren", sagt der Leipziger Medienwissenschaftler Martin Welker. Er hat gerade gemeinsam mit Daniel Ernst das Buch "Lokales. Basiswissen für die Medienpraxis" veröffentlicht. Auch die Bergedorfer Zeitung/Lauenburgische Landeszeitung gehört zum Springer Verlag. Seit Frühsommer 2011 veröffentlicht das Blatt, das im Südosten Hamburgs und im Westen des Kreises Herzogtum Lauenburg erscheint, online Texte von Leserreportern. Derzeit sind 350 Mitwirkende registriert. "Als wir das Angebot eingeführt haben, ging es uns darum, die Leser-Marken-Bindung zu stärken. Außerdem wollten wir den Markt besetzen, damit kein anderes Portal mit einem Leserbeteiligungskonzept im Verbreitungsgebiet landen kann", sagt Wolfgang Rath, der Chefredakteur. Als Leserreporter schreibt bei der Bergedorfer Zeitung nicht nur Otto Normalverbraucher, auch Lokalpolitiker berichten aus dem Hyperlokalen – aus der Elb-Kleinstadt Geesthacht etwa. So kann es passieren, dass eine SPD-Politikerin eine komplette Rede aus der Ratsversammlung in der Leserreporter-Rubrik publiziert. "Unproblematisch", sagt Wolfgang Rath. Auch ein Geesthachter CDU-Politiker sei als Leserreporter aktiv.

Derzeit baut Rath mit seinen Leuten die Plattform aus. Man wolle "stärker mit den Nutzern kommunizieren", sagt er. Man wolle zum Beispiel Aktionen starten und Prämien für gute Fotos ausloben. Außerdem finden sich auf der Leserreporter-Seite seit Neuestem auch ausgewählte Artikel aus dem ebenfalls zu Springer gehörenden Anzeigentitel Bille Wochenblatt. In dieser Hinsicht ähnelt die Strategie des größeren Schwesterblatts Berliner Morgenpost. Dieses veröffentlicht online seit Kurzem Artikel des kostenlos verteilten Berliner Wochenblatts. Es zeichnet sich ohnehin ab, dass Anzeigenblätter bei der Verbreitung von hyperlokalen Inhalten künftig eine noch größere Rolle spielen könnten. Die Flensburger Medienholding Nord, zu der die SHZ-Gruppe, die Schweriner Volkszeitung und der Verlag des Pinneberger Tageblatts gehören, prüft gerade die Schaffung einer neuen übergreifenden Online-Plattform für ihre Anzeigenblätter. Dort werde man dann auch User Generated Content einbinden, sagt Nicolas Fromm, der Digital Chef der Medienholding Nord.

Als weiterer Trend kristallisiert sich das sogenannte Geo-Tagging heraus. Die Medienholding Nord plant mittelfristig, sämtliche ihrer Fotos und Texte mit ortsbezogenen Stichworten zu versehen. "Das wird uns übermorgen helfen bei unserer mobilen Strategie", sagt Fromm. "Wenn ein Urlauber etwa in Husum auf dem Marktplatz steht, kann ein vor einer Woche erschienener Artikel über den Marktplatz, auf dem er sich gerade befindet, durchaus Nutzwert haben." Auch beim Hamburger Abendblatt und bei der Rheinischen Post sollen Online-Nutzer ab 2013 von Geo-Tagging profitieren. Der Leipziger Wissenschaftler Welker betont, die Devise dürfe nicht lauten: Hyperlokalität um der Hyperlokalität willen. Das sei zu kurz gedacht. Wichtig sei, dass Redaktionen "in ihrem Printprodukt auf eine konsequente Leserorientierung setzen". Der Erfolg der verlagsunabhängigen hyperlokalen Plattformen basiere nämlich genau darauf: Dass sie ganz nah dran seien an den Bürgern. "Vielen Zeitungslesern missfällt es, dass die Redaktionen zu selten auf Bürger als Quellen zurückgreifen und die Sicht des Bürgermeisters oder des Vorsitzenden der Vereinigung der Gewerbetreibenden zu wichtig nehmen. An diesem Hebel sollte man ansetzen, da müssen die Chefredakteure mit ihren Redakteuren sprechen", sagt Welker.

In der neuen, noch nicht veröffentlichten Repräsentativstudie "Die Zeitungsmacher", die Welker zusammen mit den Hamburger bzw. Bremer Kollegen Stephan Weichert und Leif Kramp erarbeitet hat, ist die mangelnde Nähe zum Leser ebenfalls ein Thema. Bei den Antworten auf die Frage, wie die befragten Redakteure die "Kommunikationsdistanz" zum Leser einschätzten, ergab sich ein Durchschnittswert von 2,6. Die Skala reichte von eins ("ganz nah dran") bis fünf ("ganz weit weg"). An der Studie wirkten 73 Zeitungsredaktionen mit.

Nicolas Fromm, früher unter anderem Geschäftsführer bei der Gogol Medien GmbH, die gemeinsam mit Madsack die Mitmach- Plattform myheimat.de betreibt, sagt, Redaktionen machten manchmal den Fehler, Texte von Leserreportern zu stark zu bearbeiten: "Abgesehen von Rechtschreibfehlern sollte man sie möglichst unbehandelt lassen. Wenn der Text als bürgerjournalistischer Beitrag gekennzeichnet ist, ist ja jedem Leser klar, dass ihn kein professioneller Journalist geschrieben hat." Und auf technischer Ebene dürften Verlage nicht den Fehler machen, "Infrastrukturen nachzubauen", die anderswo erfolgreich sind. "Wer etwas kopiert, hinkt immer der Entwicklungsgeschwindigkeit hinterher", erläutert Fromm. Trotz unterschiedlicher Strategien in der hyperlokalen Berichterstattung: Seit einer Enthüllung der US-Radioshow "This American Life" in diesem Sommer weiß man zumindest, wie diese Art des Journalismus auf gar keinen Fall aussehen sollte.

Die Mitarbeiter der Sendung recherchierten,dass der bis dato bei Verlagen beliebte Dienstleister Journatic, der kostengünstig Texte für hyperlokale Websites liefert, diese unter anderem von den Mitarbeitern auf den Philippinen schreiben ließ. Die dortigen Billigkräfte hatten Polizeiberichte und amtliche Mitteilungen aus den USA ausgewertet und daraus Artikel mit vermeintlich hyperlokalem Touch gestrickt. Die Tribune Company, Verlag der Chicago Tribune und ehemaliger Investor bei Journatic, hat ihr Engagement bei dem Anbieter inzwischen beendet.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in Externer Link: drehscheibe 11/2012

Weiterführende Literatur

Welker, Martin und Daniel Ernst (2012): Lokales - Basiswissen für die Medienpraxis, Köln.

Fussnoten

René Martens ist freier Autor und lebt in Hamburg. Zu seinen Schwerpunktthemen gehören Medienstrukturwandel, Social Media & Sport, Sportberichterstattung, Medienrecht und Entwicklungen im Lokaljournalismus