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Die Arbeit mit dem Langzeit-Trauma Interview mit Bruce Shapiro

Bruce Shapiro Anne-Katrin Schneider

/ 4 Minuten zu lesen

Wie können Lokaljournalisten mit einem Amoklauf umgehen? Interview mit Bruce Shapiro vom Dart Center für Journalismus und Trauma.

Schülerinnen der Albertville-Realschule umarmen sich während einer Gedenkfeier für Opfer des Amoklaufs in Winnenden. Am 11. März 2009 hatte ein 17-jähriger ehemaliger Schüler in Winnenden acht Schülerinnen, einen Schüler und drei Lehrerinnen erschossen. Auf der Flucht nach Wendlingen tötete er drei weitere Menschen und sich selbst. (© picture-alliance/AP)

Mit welcher Motivation haben Sie das Dart Center für Journalismus und Trauma gegründet?

Als Lokaljournalist kam ich mit sehr viel Gewalt und schlimmen Schicksalsschlägen in Berührung. Als ich 19 Jahre alt war, musste ich über eine Frau schreiben, die nach einem Giftgasunfall gestorben war. Das war meine erste Geschichte. Ein schlimmes Ereignis im Sommer 1994 veränderte meine Perspektive. Ich und sechs weitere Menschen wurden in einem Café von einem Mann niedergestochen. Im Sommerloch wurde die Geschichte großgefahren und kam auf die Titelseiten der New York Times und des Time Magazines. Urplötzlich war ich nicht nur Journalist, sondern auch Opfer. Als ich meine Erfahrungen in verschiedenen Artikeln beschrieb, wurde mir bewusst, dass ich den Prozess, den ein Opfer nach einer Gewalttat erlebt, bislang überhaupt nicht verstanden hatte. Ich reagierte äußerst emotional auf die Berichterstattung und die Fernsehkameras, die mich und meine Familie belagerten. Seither beschäftigt mich das Verhältnis von Gewalt und Medien. Ich war nicht der einzige. Wir fanden uns in einer Gruppe aus Psychologen, Betroffenen und Kollegen zusammen, um uns auszutauschen und zu lernen. Das war der Beginn der Dart Foundation, aus der Jahre später das Dart Center hervorging.

Was waren die wichtigsten Themen, die Journalisten, die viel mit Gewalt zu tun haben, beschäftigten?

Zwei Jahre später stießen wir auf ein Thema, das bis dahin noch nie öffentlich diskutiert worden war. Ein befreundeter Psychiater hielt einen Vortrag über die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) bei der Seattle Times. Daraufhin meldete sich ein älterer Redakteur und sagte: "Das trifft ziemlich genau auf mich zu." Wir gaben Umfragen und Untersuchungen in Auftrag, um herauszufinden, wie groß die traumatische Belastung für Journalisten ist, die über Gewalt und Kriminalität berichten. 86 % aller Lokaljournalisten haben mit solchen Themen zu tun, unsere Ergebnisse ergaben, dass etwa sechs bis 13 Prozent Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung zeigten, bei den Auslandskorrespondenten sind es sogar 28 Prozent. Unsere Untersuchungen ergaben aber auch, dass Journalisten statistisch gesehen relativ gute seelische Widerstandskräfte gegenüber PTBS aufweisen.

Welche Risikofaktoren gelten für Journalisten?

Bei Traumata gibt es keine kausalen Zusammenhänge. Aber wir fanden heraus, dass ein wiederholtes Miterleben von Gewalt und Kriminalität das Risiko erhöht. Als ich jung war, dachte ich immer, je mehr Berufserfahrung ich haben würde, desto weniger würde mich das Erlebte mitnehmen. Diese Annahme ist offensichtlich falsch. Auch eine hohe Identifikation mit dem Ereignis wirkt sich negativ aus. Das bedeutet, je mehr ich mir vorstelle, das Ganze könnte auch mir selbst passieren. Klassisch sind dabei Autounfälle, über die jemand berichtet, der anschließend in sein eigenes Auto einsteigen muss. Auch Mütter und Väter, die miterleben müssen, wie ein Kind stirbt, können dies schwerer verkraften. Auf der anderen Seite gibt es Faktoren, die die seelischen Widerstandskräfte stärken können. Dazu gehören vor allem ein gutes Teamgefühl und Zusammenhalt in der Redaktion, aber auch ein Basiswissen über die Symptome eines Traumas.

Wie bewerten Sie die Aufgaben eines Journalisten in einer Situation nach einer Tragödie? Wie kann man die Qualität seiner Arbeit beurteilen?

Die Aufgabe, nach einem Unglück oder etwa einem Amoklauf zu berichten, ist besonders für Lokaljournalisten eine große Herausforderung. Anders als die anderen Medien können sie eine große Geschichte nicht fahren und danach wieder verschwinden. Meistens leben sie in der Gemeinde und sind auf irgendeine Weise betroffen. Gerade wegen dieser fehlenden Distanz wird häufig das Thema Objektivität diskutiert. Dabei gibt es aus meiner Sicht gar keine journalistische Objektivität. Jeder Reporter hat seine eigene Geschichte, seine eigene Sichtweise. Diese muss und darf ein guter Journalist nicht verleugnen. Seine wichtigste Aufgabe ist es, fair zu berichten.

Bruce Shapiro beim Forum Lokaljournalismus 2011 in Waiblingen. 2009 starben im nahegelegenen Winnenden durch den Amoklauf eines Schülers 16 Menschen, darunter auch der Täter. (© Zeitungsverlag Waiblingen)

Was ist aus Ihrer Sicht die Aufgabe von (Lokal-)Journalisten nach einem Amoklauf wie in Winnenden?

So ein Ereignis passiert nicht und kann dann für die Vergangenheit abgehakt werden. Die ganze Gemeinde erleidet ein Langzeittrauma, dass sich auf ganz unterschiedliche Weise und mit verschiedenen Graden der Betroffenheit offenbart. Manchmal ist die lokale Presse die einzige vertrauenswürdige Informationsquelle. Das ist eine große Verantwortung. Journalisten können helfen und beeinflussen, wie die Menschen das Trauma und die eigenen Heilungsperspektiven wahrnehmen. Zunächst müssen Journalisten akzeptieren, dass es sich um einen kontinuierlichen Prozess und kein einmaliges Ereignis handelt. Sie müssen ein sensibles Gespür für diesen Prozess entwickeln Es ist normal, wenn sich besonders unmittelbar Betroffene isoliert fühlen, wenn sie traurig sind und oft eben auch sehr wütend. Wenn das eigene Kind in der Schule erschossen wird, verlieren viele Eltern das Vertrauen in die Gesellschaft. In jenen sozialen Vertrag, der uns eigentlich garantieren soll, dass wir in einem sicheren Land leben und dass Schulen sichere Orte sind. Wenn dieser Vertrag durch einen Amoklauf gebrochen wird, bricht nicht nur das Familienleben, sondern auch das gesellschaftliche Vertrauen zusammen. Aber auch die Angehörigen, die ihr Kind verloren haben, gehen trotz dieses nicht zu kompensierenden Verlustes durch einen Prozess der seelischen Heilung. Journalisten können diesen Prozess positiv begleiten, indem sie diesen Menschen eine Stimme geben. Indem sie helfen, zu vermitteln, zwischen jenen, die sich schwer tun, weiterzuleben, und jenen, die schon längst nichts mehr von dem Schulmassaker wissen wollen. Wenn einige Zeit verstrichen ist, beispielsweise am ersten Jahrestag, können Journalisten erinnern. Nicht, indem sie die Vergangenheit zurückholen, sondern indem sie aufzeigen, wie sich die Situation entwickelt hat und was momentan für den Heilungsprozess von Einzelnen oder der gesamten Gemeinde wichtig ist. Dabei kann es aber nie eine pauschale Herangehensweise geben, denn jeder Betroffene hat seine ganz eigene Art und Zeit, mit dem Erlebten umzugehen. Es geht immer um die Frage, welche Geschichte wann und wie erzählt werden kann. Dabei müssen Journalisten immer wieder ihr Gewissen befragen und auch über die eigenen Gefühle reflektieren.

Interview: Anne-Katrin Schneider

Dart-Center

Das Dart Center für Journalismus und Trauma ist ein Netzwerk, das sich als Forum und als Ressource versteht, um die sensible und sachkundige Berichterstattung über Tragödien und Gewalt zu fördern. Es unterstützt die Aus- und Weiterbildung von Journalisten und bietet hilfreiche Anleitungen über Journalismus und Trauma. Termine, Materialien und weiteres unter: Externer Link: www.dartcenter.org/german

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in der Dokumentation des Forum Lokaljournalismus 2011

Bruce Shapiro ist Direktor des Dart Centers für Journalismus und Trauma mit Hauptsitz an der Columbia Universität in New York.

Anne-Katrin Schneider ist Online-Redakteurin des Zeitungsverlags Waiblingen