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Was ist "lokal"? Der Ort als Kulisse

Jens Lönneker

/ 4 Minuten zu lesen

In der Vergangenheit war "das Lokale" wie selbstverständlich mit der Region vor Ort verbunden. In ihr manifestierte sich der eigene Lebensmittepunkt. Aber der Raum, in dem Gemeinschaft entsteht, verändert sich. Damit löst sich auch "das Lokale" von Ort und Zeit.

Die heutige (Selbst-)Verortung findet zunehmend individualisiert statt und verlagert sich in virtuelle Räume. (© NickNick/ Externer Link: photocase.com)

Wo lebe ich? Wie und wo ist mein Lebensalltag und mein Lebensumfeld? Wo verorte ich mich? – Der Lokaljournalismus hatte und hat eine große psychologische Relevanz. Denn das Lokale gibt Antworten auf diese zentralen Fragen. Das Interesse an diesen ist traditionell ein entscheidender Grund für die Nutzung von Medien, wie empirische Untersuchungen immer wieder nachgewiesen haben.

In der Vergangenheit war "das Lokale" wie selbstverständlich mit der Region vor Ort verbunden. In ihr lokalisierte und manifestierte sich der eigene Lebensmittepunkt, weil Gemeinschaft und örtliche Gegebenheiten den konstanten Rahmen des Lebensalltags boten. Das Zusammenleben in dieser Region war zeitlich so rhythmisiert und gestaltet, dass Gemeinschaft und Gemeinsamkeit auch zeitgleich erlebt werden konnten. Zeit und Ort waren 'synchronisiert', um Gemeinschaft im Lokalen zu ermöglichen.

Neue tiefenpsychologische Erkenntnisse aus der Medienforschung zeigen nun jedoch, dass sich das traditionelle Verständnis vom "Lokalen" bei Gruppen junger, urban geprägter Menschen zunehmend auflöst und von asynchronen Formen der Gemeinschaft abgelöst wird. Einher mit diesem Wandel geht eine andere Wahrnehmung des Alltags. Wurde der Alltag früher in Befragungen als "grau" beschrieben, wird er heute meist als "stressig" erlebt. In der Analyse werden Hintergründe dafür deutlich, die sich letztlich auch in der Gestaltung des "Lokalen" niederschlagen: In den letzten 40 Jahren hat sich unser Zusammenleben von einer an Gruppen ausgerichteten Gesellschaft zu immer stärker individualisierten Lebensformen entwickelt. Bedient wurden mit dieser Entwicklung Sehnsüchte nach mehr individueller Freiheit, die durch Aufbrechen von engen Normen und Regeln erreicht wurde – mit der 68er-Protestbewegung als Ausgangspunkt. Die neuen individuellen Freiheiten veränderten dabei auch das Verhältnis zu Zeit und Ort – und damit zum "Lokalen".

Das Idealbild von einst war bedingt durch Rituale, zu denen die Zeitung passte. Heute haben sich die Tagesabläufe verschoben und flexibilisiert: Der Raum für die Zeitung wird kleiner. (© Collage:bpb-istock.com/vm-dukeyearlook/flickr.com)

Die Flexibilisierung der Zeit

Für die zunehmende Ausrichtung des Alltags auf individuelle Freiräume wurde die gemeinschaftliche Rhythmisierung des Tagesablaufs mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt. Ein Startpunkt war die Flexibilisierung der Arbeitszeit – kein gemeinsamer Arbeitsbeginn, keine gemeinsamen Pausen, kein gemeinsames Arbeitsende mehr – zumindest nicht verordnet und gesetzt. Ihren heutigen Höhepunkt findet diese Entwicklung in Home Office- und "on-the-Go" -Modellen. Statt festem Arbeitsplatz: ein Pendeln zwischen Dependancen. Kommunikation nicht mehr auf dem Büroflur, sondern über Medien. Auch im Privaten wurden mehr und mehr die gemeinsamen Mahlzeiten mit Partner und/oder Familie zugunsten einer größeren individuellen Flexibilität aufgegeben. Anders formuliert: Gesellschaftlicher Wandel zeigt sich nun darin, dass der gemeinschaftlich-synchrone Alltagsrhythmus mit seinen Pausenverfassungen in Frage gestellt wurde.

Mit diesem Rhythmus wurde aber auch die Institution der Zeitungslektüre unterminiert. Die Lektüre der Tageszeitung war vielerorts ein Ritual, das beim Frühstück, aber auch am Arbeitsplatz – etwa in der Frühstücks- und Mittagspause – betrieben werden durfte. Die Tageszeitung half somit gerade dabei, einen solchen Tagesrhythmus einzurichten. In der heutigen Welt individualisieren sich die jedoch Tagesgestaltungen und gemeinschaftliche Rahmen verlieren an Bedeutung. Die Folge ist, dass es kaum noch ritualisierte gemeinschaftliche Pausen gibt, in der die Zeitungs-Lektüre legitimiert ist. Dies gilt für die morgendliche Zeitungslektüre in der Familie wie am Arbeitsplatz. Der "Ehemann hinter seiner morgendlichen Zeitung" ist heute eher die Vorlage für einen Sketch über den deutschen Spießer. Und alleine am Arbeitsplatz Zeitung zu lesen, gilt eher als Fauxpas.

Die grundsätzliche Wertschätzung der Zeitung ist davon unberührt. Sie steht weiterhin hoch im Kurs, es fehlt aber an psychologischen Rahmenbedingungen. Das heißt Verfassungen, in denen sie gelesen werden kann. Hierzu passt, dass die Gesamtauflage der Zeitungen zwar seit Jahren kontinuierlich sinkt, viele der Abbesteller aber beteuern, dass sie eigentlich gerne (weiter) regelmäßig Zeitung lesen würden. Sie schaffen es nur nicht. Einer der meistgenannten Gründe für die Kündigung des Zeitungsabonnements ist daher: "Keine Zeit." In den Klagen über den Stress und die geringe Zeit wird spürbar, dass Metamorphosen der Zeitung gesucht werden, die sie wieder besser in die "zeitgeistigen" Strömungen einpassen. Neue kleinere Tabloid-Formate der Zeitung und die Internetangebote sind ein Anfang. Bislang ist jedoch noch keine gelungene Metamorphose gefunden worden.

Die neuen Tablets machen vor diesem Hintergrund ein spannendes und vielbeachtetes Angebot. Ihr Versprechen erscheint auf den ersten Blick ein wenig wie ein "Coffee to go" für Medien. Sie können verschiedene Formate verdichten und sie dann individuell zugeschnitten, weitgehend unabhängig von Zeit und Ort offerieren.

Zuhause ist, wo ich bin - und wo die Freunde sind. Das kann auch auf einem Musikfestival sein. (© picture-alliance/AP, Spencer Weiner)

Der Ort als Kulisse

Nicht nur die Zeit, auch die Region wird zunehmend anders verstanden. Lokalisierung findet heute mehr und mehr zu einem großen Teil in Social Networks statt. Social Networks "transzendieren" den konkreten landschaftlichen Ort. Hier in der Lokalität des virtuellen Raums werden Freundschaften gepflegt, Kontakte geknüpft, Ideen und Nachrichten ausgetauscht.

Der Lebensalltag ist heute zudem fragmentierter und stärker durch Parallelwelten mit ihrem jeweiligen Mikrokosmos geprägt: das Schüler-Umfeld, das studentische Umfeld, das Karriere-Umfeld, die Special-Interest-Chats und Blogs. Diese Parallelwelten durchbrechen ebenfalls den regionalen Raum. Das Lokale ist dann dort, wo z.B. gerade Rock am Ring oder Elektro-Festival gefeiert wird.

Und wie findet eine Verortung heute statt? Etwa indem ich an die Freunde twittere, simse oder poste: "Ich steige gerade ins Flugzeug ein." Ich bin heute eben dort, wo ich gerade bin. Das Lokale wird mehr zur Kulisse als psychologisches Bindungsmoment.

Konsequenzen für den Lokaljournalismus

Das Lokale muss heute anders – individueller verstanden werden. Diese neue Individualwelt muss dafür mehr in der Zeitung stattfinden: Facebook-, Blog-, Twitter-Begebenheiten müssen ihren Platz finden – ergänzend zu dem, was sich bisher unter lokaler Information summierte. Gleichzeitig heißt das: Auch die Zeitung muss im sozialen Netz mehr stattfinden. Verlinkungen sollten zur Normalität werden. Repräsentanzen, Aktivitäten im virtuellen Raum sollten bestehen. Je jünger und urbaner das Klientel, umso stärker muss heute das Lokale als Kulisse begriffen werden.

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Jens Lönneker ist Diplom-Psychologe und Geschäftsführer von Rheingold Medienforschung.