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Wahlergebnisse und Wählerschaft der GRÜNEN

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Wahlergebnisse und Wählerschaft der GRÜNEN

Frank Decker

/ 3 Minuten zu lesen

Seit Gründung der GRÜNEN hat sich das Alter ihrer Wählerschaft geändert: Von 80 Prozent ist der Anteil der unter 35-Jährigen auf unter 30 Prozent gesunken. Auch die soziale Zusammensetzung hat sich gewandelt. Die Wähler der Partei haben überdurchschnittlich hohe Einkommen und sind vornehmlich im Dienstleistungs- und Bildungsbereich beschäftigt.

Wahlurne für Frauen auf der Bundesdelegiertenkonferenz der GRÜNEN. Im hohen Frauenanteil in der Wählerschaftder GRÜNEN spiegelt sich die feministische Ausrichtung der Partei, die den Kampf für die Gleichberechtigung von Anfang an auf ihre Fahnen geschrieben hatte. (© picture-alliance)

Gemessen an Wahlerfolgen und Regierungsbeteiligungen ist es den Grünen schon in den 1990er-Jahren gelungen, der FDP die Position als dritte Kraft im deutschen Parteiensystem streitig zu machen. Diese Stellung konnten sie auch in der Konkurrenz mit der 2007 entstandenen gesamtdeutschen Linken behaupten. Die Hochburgen der Partei liegen in den urbanen Zentren der alten Bundesrepublik und hier vor allem in den Universitätsstädten. In den neuen Ländern schneidet sie trotz des Aufwärtstrends seit Mitte der 2000er-Jahre schlechter ab. Bei der Bundestagswahl 2017 erreichten die Grünen dort nur zwischen 3,7 und 5,0 Prozent der Stimmen. Auch in den folgenden Landtagswahlen blieben ihre Zuwächse im Osten hinter den westdeutschen und bundesweiten Werten weit zurück, wo sie bei den Wahlen in Bayern (2018), Hessen (2018), Hamburg (2020) sowie der Europawahl (2019) erstmals zur zweitstärksten Kraft avancierten.

Aktuelle Wahlergebnisse der GRÜNEN

Wahlergebnisse bei den letzten Wahlen zu Landesparlamenten, dem Bundestag und dem Europäischen Parlament

Wahl Datum Prozentualer Anteil Stimmenanzahl
Anteil Gewinn
Verlust
Stimmen Gewinn
Verlust
Niedersachsen 15.10.2017 8,7% -5,0% 334.131 -155.342
Bayern1 14.10.2018 17,6% 9,0% 2.392.356 1.372.983
Hessen 28.10.2018 19,8% 8,7% 570.512 221.851
Bremen2 26.05.2019 17,4% 2,3% 256.181 79.374
Europäisches Parlament 26.05.2019 20,5% 9,8% 7.677.071 4.537.797
Brandenburg 01.09.2019 10,8% 4,6% 136.364 75.597
Sachsen 01.09.2019 8,6% 2,9% 187.015 93.158
Thüringen 27.10.2019 5,2% -0,5% 57.474 4.067
Hamburg3 23.02.2020 24,2% 11,9% 981.628 548.915
Baden-Württemberg 14.03.2021 32,6% 2,4% 1.586.192 -36.915
Rheinland-Pfalz 14.03.2021 9,3% 4,0% 179.860 66.599
Sachsen-Anhalt 06.06.2021 5,9% 0,8% 63.145 4.936
Berlin 26.09.2021 18,9% 3,7% 343.871 95.628
Bundestag 26.09.2021 14,8% 5,8% 6.852.206 2.693.806
Mecklenburg-Vorpommern 26.09.2021 6,3% 1,5% 57.554 18.718
Saarland 27.03.2022 4,995% 1,0% 22.598 1.206
Schleswig-Holstein 08.05.2022 18,3% 5,4% 254.158 63.977
Nordrhein-Westfalen 15.05.2022 18,2% 11,8% 1.299.821 760.759

Fußnote: 1 Bayern: Gesamtstimmen (bis zu zwei Stimmen je Wähler)

Fußnote: 2 Bremen: Personen- und Listenstimmen (bis zu fünf Stimmen je Wähler)

Fußnote: 3 Hamburg: Landesstimmen (bis zu fünf Stimmen je Wähler)

Quelle: Der Bundeswahlleiter und Landeswahlleitungen.

Sozialwissenschaftler haben die Entstehung der Grünen auf die Herausbildung einer neuen Konfliktlinie in den westlichen Gesellschaften zurückgeführt, die durch den Gegensatz zwischen Ökonomie und Ökologie und einen Bedeutungsanstieg nicht-materieller ("post-materialistischer") Werthaltungen bestimmt sei. Im Unterschied zu ihren später entstandenen und weniger erfolgreichen Schwesterparteien in anderen Ländern konnten die deutschen Grünen dabei auf dem Fundament eines durch die Studenten- und Alternativbewegungen formierten Milieus aufbauen, dessen Kern die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer-Generation bildeten (Walter 2010: 73 ff.).

Vergleicht man die heutige Wählerschaft der Grünen mit ihrer Wählerschaft in der Entstehungs- und Etablierungsphase, so fällt zuerst der Altersanstieg ins Auge. Waren im Jahre 1980 fast 80 Prozent der Grünen-Wähler jünger als 35, so lag deren Anteil bei der Bundestagswahl 2017 bei 27,8 Prozent. Wahlforscher sprechen mit Blick auf diese Entwicklung vom "Ergrauen" der Grünen. Viele Wähler, die die Partei in ihrer Entstehungsphase unterstützten, hielten ihr auch später die Treue. Dieser Generationeneffekt wird allerdings durch ein lebenszyklisches Muster überlagert, das den Grünen in den nachwachsenden Alterskohorten der Jungwähler bis heute überdurchschnittliche Ergebnisse sichert (Klein / Falter 2003: 144 ff.). Auch bei der Bundestagswahl 2017 erfuhr die Partei die prozentual größte Unterstützung mit knapp 15 Prozent in der – zahlenmäßig allerdings überschaubaren – Gruppe der 18- bis 24-jährigen Wähler; hier konnte sie gegenüber 2013 zugleich am stärksten hinzugewinnen.

Infolge des Generationeneffekts hat sich die Grünen-Wählerschaft in der sozialen Zusammensetzung stark verändert. Die Jungwähler aus den 1980er-Jahren sind heute beruflich, familiär und gesellschaftlich arriviert. Die "Verbürgerlichung" der Grünen ist daran ablesbar, dass ihre Wähler nicht nur über die höchsten Bildungsabschlüsse verfügen, sondern auch überdurchschnittlich verdienen. Vornehmlich im Dienstleistungs- und Bildungsbereich beschäftigt, lassen sie sich sozialstrukturell den neuen Mittelschichten zuordnen. Unter Arbeitern, Arbeitslosen und gering Qualifizierten konnte die Partei dagegen bisher nur wenig Unterstützung verbuchen. Am schwächsten bleibt ihr Zuspruch bei den Über-60-Jährigen (Probst 2013: 530 f.).

Die Grünen werden häufiger von Frauen gewählt als von Männern. Die Geschlechterlücke, die sich im Osten genauso zeigt wie im Westen, ist bei den drei letzten Bundestagswahlen (2009, 2013 und 2017) sogar noch größer geworden. In ihr spiegelt sich die feministische Ausrichtung der Partei, die den Kampf für die Gleichberechtigung von Anfang an auf ihre Fahnen geschrieben hatte.

Fragt man nach Einstellungen und politischen Positionen, so haben sich die Grünen von der Homogenität der einstigen Milieupartei weit entfernt. Ihre Wähler stehen heute nur noch in gesellschaftspolitischen Fragen klar links, nicht mehr dagegen in der Sozial- und Wirtschaftspolitik. Die im Wahlprogramm 2013 geforderten Steuererhöhungen lehnten sie z.B. mehrheitlich ab. Ein überraschend hoher Anteil der Wähler versteht sich sogar als unpolitisch und präferiert die Partei vor allem aus Lifestyle-Gründen (etwa beim Kauf von Bio-Lebensmitteln). Die Zusammenführung dieser unterschiedlichen Wählersegmente birgt für die Grünen eine große Herausforderung, die ihre Programmdiskussion in den nächsten Jahren mitbestimmen dürfte (Walter 2010: 80 ff.).

Quellen / Literatur

  • Anan, Deniz (2017), Parteiprogramme im Wandel. Ein Vergleich von FDP und Grünen zwischen 1971 und 2013, Wiesbaden.

  • Fücks, Ralf (2013), Intelligent wachsen. Die grüne Revolution, München.

  • Klein, Markus / Jürgen W. Falter (2003), Der lange Weg der Grünen. Eine Partei zwischen Protest und Regierung, München.

  • Kleinert, Hubert (1992), Vom Protest zur Regierungspartei. Die Geschichte der Grünen, Frankfurt a.M.

  • Kronenberg, Volker, Hg. (2016), Schwarz-Grün. Erfahrungen und Perspektiven, Wiesbaden.

  • Mende, Silke (2011), "Nicht links, nicht rechts, sondern vorn". Eine Geschichte der Gründungsgrünen, München.

  • Probst, Lothar (2013), Bündnis 90/Die Grünen (GRÜNE), in: Oskar Niedermayer (Hg.), Handbuch Parteienforschung, Wiesbaden, S. 509-540.

  • Probst, Lothar (2015), Bündnis 90/Die Grünen: Absturz nach dem Höhenflug, in: Oskar Niedermayer (Hg.), Die Parteien nach der Bundestagswahl 2013, S. 135-158.

  • Raschke, Joachim (1993), Die Grünen. Wie sie wurden, was sie sind, Köln.

  • Raschke, Joachim (2001), Die Krise der Grünen. "So kann man nicht regieren", Frankfurt a.M.

  • Switek, Niko (2012), Bündnis 90/Die Grünen: Zur Entscheidungsmacht grüner Bundesparteitage, in: Karl-Rudolf Korte / Jan Treibel (Hg.), Wie entscheiden Parteien? (ZPol-Sonderband), Baden-Baden, S. 121-154.

  • Walter, Franz (2010), Gelb oder Grün? Kleine Parteiengeschichte der besserverdienenden Mitte in Deutschland, Bielefeld.

  • Walter, Franz / Stephan Klecha / Alexander Hensel, Hg. (2015), Die Grünen und die Pädosexualität. Eine bundesdeutsche Geschichte, Göttingen.

Fussnoten

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Prof. Dr. Frank Decker lehrt und forscht am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Parteien, westliche Regierungssysteme und Rechtspopulismus im internationalen Vergleich.