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🤔 Was ist los?
Die Börsen sind nervös wegen der hohen Schulden in Frankreich – bei gleichzeitig instabiler innenpolitischer Lage. Aus Sicht der Anleger steigt das Risiko, dass der französische Staat seine Verbindlichkeiten nicht mehr bedienen kann. Dass sie dieses Risiko eingehen, lassen sie sich bezahlen, nämlich durch eine höhere Verzinsung. Ende Oktober waren rund fünf Prozent Zinsen fällig, wenn sich Frankreich Geld für zehn Jahre borgte. Anfang des Jahres waren es noch anderthalb Prozentpunkte weniger.
Steigende Zinsen bedeuten, dass Frankreich immer größere Summen aufwenden muss, um für seine bereits aufgelaufenen Schulden aufzukommen. Dieser Schuldenberg beläuft sich inzwischen auf bald 120 Prozent der Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt, BIP), fast doppelt so viel wie der deutsche Vergleichswert. In absoluten Zahlen gerechnet ist dies mit mehr als 3,5 Billionen Euro der höchste Schuldenberg Europas.
Viele Länder haben ähnlich hohe Schuldenquoten, teils sogar noch höhere. Was Frankreich besonders macht, sind die weiterhin hohen laufenden Defizite. Das heißt: Jahr für Jahr kommen neue Schulden hinzu. 2026 wird sich das Minus im Staatshaushalt auf mehr als fünf Prozent des BIP belaufen. Während beispielsweise Italien (138 Prozent Schuldenquote) an eine vorsichtige Haushaltsführung ohne große strukturelle Defizite gewöhnt ist, damit die Finanzen nicht aus dem Ruder laufen, ist das in Frankreich nicht der Fall.
An dieser Stelle kommt die Politik ins Spiel. Die Regierung unter Präsident Emmanuel Macron hat keine Mehrheit im Parlament. Rechts- und Linkspopulisten, die zusammen die Nationalversammlung dominieren, haben eigene Vorstellungen von Fiskalpolitik. So will der hartlinke Interner Link: Jean-Luc Mélenchon (La France insoumise) jene Teile der französischen Staatsschulden, die die französische Notenbank hält, einfach streichen. Und die rechtsnationale Marine Le Pen (Interner Link: Rassemblement National) hat sich zwar neuerdings die Sanierung des Staatshaushalts Externer Link: zum Ziel gesetzt, Fachleute sehen in den meisten ihrer Pläne aber eher Externer Link: Luftschlösser. Auch Steuererhöhungen könnten das Problem nicht lösen, da Frankreich bereits eine der höchsten Abgabenbelastungen weltweit hat (52 Prozent des BIP). Im Frühjahr 2027 finden Präsidentschaftswahlen statt.
Die landesweiten Proteste und Ausschreitungen der vergangenen Wochen haben der internationalen Öffentlichkeit die verfahrene Lage drastisch vor Augen geführt – und die Finanzmärkte zusätzlich verunsichert. Das Land begleitet der Ruf einer eher legeren Haushaltspolitik. Das letzte Mal, dass der Staatshaushalt im Plus abschloss, liegt lange zurück: Externer Link: Das war 1977. Seither steigen die Schulden, lange in moderatem Tempo. Seit der Finanzkrise von 2008 geht es jedoch bei jeder weiteren Krise Externer Link: sprunghaft nach oben.
Was in Frankreich geschieht, betrifft ganz Europa. Schließlich geht es um die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone und der EU; Gründungsmitglied der Europäischen Gemeinschaften und der Währungsunion; einzige Atommacht der EU; einziges EU-Land mit ständigem Sitz im UN-Sicherheitsrat; traditionell einer der engsten außenpolitische Partner der Bundesrepublik. Ohne Frankreich hätte es in der Vergangenheit keine europäische Integration und keine gemeinsame Währung gegeben. Ohne Frankreich wird sich Europa in Zukunft kaum im geopolitischen Wettbewerb behaupten können.
Diese Folge von „Zahlen, bitte!“ dreht sich deshalb nicht primär um Frankreich. Im Fokus steht die Zukunft des Euro. Ist es möglich, dass unsere gemeinsame Währung an Frankreich scheitert?
⚠️ Wo ist das Problem?
Risse innerhalb der Eurozone sind in den vergangenen Wochen sichtbar geworden. Die sogenannten Spreads haben sich ausgeweitet. Damit sind die Risikoaufschläge gemeint, die Käufer von Staatsanleihen verlangen. Gerechnet werden die europäischen Spreads als Zinsabstand gegenüber deutschen Staatsanleihen, die als Ankerpunkt („Benchmark“) der europäischen Kapitalmärkte gelten, weil sie als vergleichsweise sicher gelten. Je höher der Spread, desto teurer werden neue Schulden.
Im Laufe des Jahres 2026 hat sich der französische Spread mehr als verdoppelt. Ende Oktober lag der Renditeabstand bei rund 1,7 Prozentpunkten – fast so viel wie auf dem Höhepunkt der Eurokrise im Herbst 2011. Besonders drastisch ging es seit Anfang September aufwärts. Es besteht Ansteckungsgefahr: Auch andere europäische Staaten bekommen das Misstrauen der Finanzmärkte zu spüren. So stiegen infolge der französischen Probleme auch die Risikoaufschläge für Italien und Spanien, allerdings verharren sie auf niedrigeren Niveaus.
Dies ist eine erstaunliche neue Rollenverteilung. Früher galt Frankreich als relativ solide und verlässlich. Italien hingegen, das drittgrößte Euro-Mitglied, wurde eher skeptisch beäugt und mit entsprechenden Zinsaufschlägen bedacht. Auch Spanien galt lange als eher wackliger Schuldner an der Euro-Peripherie. Obwohl beide Länder derzeit als relativ stabil gelten, steigt auch dort das Risiko politischer Verwerfungen. Bei den bevorstehenden Wahlen (in Spanien im November, in Italien 2027) könnte die Polarisierung so weit voranschreiten, dass am Ende auch dort die Defizite nach oben schnellen.
Die finanzpolitische Unsicherheit verstärkt einen internationalen Trend: Weltweit steigen die Zinsen, getrieben auch durch die Kapitalnachfrage der USA. Denn auf der anderen Seite des Atlantiks macht die Regierung jährlich neue Schulden in Billionenhöhe, hinzu kommt die Kreditaufnahme der KI-Firmen, Externer Link: ebenfalls in Billionenhöhe. Wo die Risikoaufschläge zulegen, steigen die Zinsen umso stärker. Nicht nur die Staaten müssen mehr für den Schuldendienst ausgeben. Auch Unternehmen oder private Immobilienbesitzer werden belastet. Banken in Ländern, deren Staatsanleihen an Wert verlieren, müssen ihr Kapital zusammenhalten und knausern bei Krediten. Dadurch kann eine negative Dynamik in Gang kommen, ein Teufelskreis, bei dem schwache Staatsfinanzen die Investitionen bremsen, wodurch wiederum die Konjunktur abschmiert, was die Staatsfinanzen zusätzlich belastet.
📰 Ist das neu?
Leider nein. Die Entwicklung erinnert an die Eurokrise der Jahre 2010 bis 2015. Auf dem Höhepunkt der Verwerfungen 2011 und 2012 stand damals immer wieder die Währungsunion kurz vor dem Auseinanderbrechen. Die Spreads stiegen im Fall Griechenlands auf fast 30 Prozent. Italien und Spanien mussten zeitweise Aufschläge von mehr als fünf Prozent zahlen.
Die Unruhe an den Anleihemärkten kam damals recht überraschend. Mit dem Übergang zur Währungsunion am 1. Januar 1999 hatten sich die Zinsen stark angenähert. In Griechenland geschah dies etwas später; das Land wurde erst 2002 Euromitglied. In dieser ersten Phase der Währungsunion behandelten die Finanzmärkte die Länder, als seien sie Teile eines einheitlichen Staatswesens mit gemeinsamer Finanzpolitik. Eine Illusion, wie sich später herausstellen sollte. Weder die Anleger noch die Politik in der EU waren auf die Finanzkrise vorbereitet.
Die EU und die Mitgliedstaaten reagierten langsam und widersprüchlich. Die deutschen Bundesregierungen jener Jahre wollten die Krise vor allem durch massive Sparprogramme in den Partnerländern sowie durch härtere Regeln für die Finanzpolitik bekämpfen – ein Ansatz, für den langfristig einiges sprach, der aber kurzfristig die Risiken noch weiter erhöhte und die Interner Link: Lage in den betroffenen Volkswirtschaften verschlimmerte. Dazu kam, dass die Eurozone ursprünglich keinen Geldgeber der letzten Zuflucht (lender of last resort) hatte. Üblicherweise gehört das zu den Aufgaben der Notenbanken. Bei der Europäischen Zentralbank (EZB) war das anders. Im Fall von akutem Finanzstress sollte sie zwar eingreifen, aber nicht zugunsten einzelner Mitgliedstaaten. Eine Staatsschuldenkrise lässt sich damit kaum bekämpfen. Immer wieder kam es zu Spekulationswellen gegen einzelne Mitgliedstaaten.
Um den Euro kurzfristig zu stabilisieren, passierte vor allem zweierlei. Zum einen richteten die Euro-Mitgliedstaaten 2010 einen Stabilisierungsfonds (EFSF, später ESM) ein, der angeschlagenen Ländern bei der Schuldenaufnahme half. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) wurde ins Boot geholt. Wer ein Sanierungsprogramm vereinbarte, konnte aus diesen Gemeinschaftskassen Unterstützung bekommen. Das galt insbesondere für Griechenland, Portugal, Irland und Zypern; Spanien erhielt zeitweise Unterstützung für die Sanierung seines Bankensektors. In Deutschland war der Rettungsschirm hochgradig umstritten, zumal in konservativen und wirtschaftsliberalen Kreisen. Die AfD wurde damals Interner Link: als Anti-Eurorettungs-Partei gegründet.
Zum anderen wurde die Interner Link: EZB von der Kette gelassen. Für die Stützung großer, hochverschuldeter Volkswirtschaften wie Italien und Spanien war der Rettungsfonds zu klein. Eine Notenbank jedoch kann theoretisch in unbegrenztem Umfang Anleihen aufkaufen. Der damalige EZB-Chef Mario Draghi beendete denn auch die heiße Phase der Eurokrise quasi im Alleingang, als er im Sommer 2012 erklärte, die Zentralbank werde die Eurozone zusammenhalten, „whatever it takes“. Zocker, die gegen einzelne Mitgliedstaaten spekulierten, würden sich eine blutige Nase holen. Das wirkte: Die Spreads gingen zurück, ohne dass die EZB tatsächlich am Kapitalmarkt eingreifen musste.
Später stützten auch die geldpolitischen Anleihekaufprogramme („Interner Link: Quantitative Easing“) die Finanzmärkte, insbesondere während der Corona-Krise.
⏩ Was passiert als nächstes?
Noch erleben wir keine Wiederholung der Eurokrise. Aber der Anstieg der Spreads zeigt, dass ein solches Szenario wahrscheinlicher wird. Frankreich ist zu groß und zu hoch verschuldet, als dass es vom ESM gerettet werden könnte. Der Fonds verfügt derzeit über Externer Link: freie Mittel von 433 Milliarden Euro. Nach dem noch nicht verabschiedeten Haushaltsentwurf der Pariser Regierung wird der gesamte Finanzierungsbedarf (Neuverschuldung plus Refinanzierung von Altschulden) des französischen Staates allein Externer Link: 2027 bei 340 Milliarden Euro liegen.
Bleibt die EZB als Retter der letzten Zuflucht. Indem sie Anleihen vom Markt kauft, könnte sie die französischen Zinsen auf erträglichen Niveaus halten. Die Zentralbank jedoch darf nur Mitgliedstaaten beispringen, die sich finanzpolitisch vernünftig verhalten. So sieht es sowohl das OMT-Programm vor, das Draghis Whatever-it-takes-Ankündigung formalisierte, als auch das TPI-Programm, mit dem die EZB während der Eurokrise die Märkte präventiv vor Verwerfungen schützen wollte.
Schlimmstenfalls könnte es zu einem Kräftemessen zwischen einer künftigen populistischen Regierung in Paris und der EZB kommen. Einerseits wird niemand ein Ausscheiden aus der Währungsunion oder eine französische Staatspleite riskieren wollen – die wirtschaftlichen und geopolitischen Folgen mag man sich kaum ausmalen. Andererseits herrscht im gegenwärtigen Umfeld ohnehin Inflationsdruck. Anleihekäufe würden den zusätzlich anheizen. Den Schaden hätten alle Eurozonen-Bürgerinnen und -Bürger.
Um die gemeinsame Währung und die EU als Ganzes besser abzusichern, wäre es aus meiner Sicht sinnvoll, die wirtschaftliche und politische Integration zu beschleunigen.
Im internationalen Normalfall gibt es in einem Währungsraum eine starke Zentralregierung, bei der die Kernbereiche staatlichen Handelns angesiedelt sind: Finanzen, Verteidigung, innere Sicherheit, soziale Sicherungssysteme. Die Regierung nimmt auch Schulden auf, in Demokratien legitimiert durch ein zentralstaatliches Parlament. Wenn die Zentralbank in Krisenzeiten am Markt eingreifen muss, kauft sie diese Schuldscheine auf. Das ist rechtlich erstmal unproblematisch.
In Europa gibt es dergleichen nicht. Wenn die EU-Staaten gemeinsame Finanzgarantien aussprechen, kommt es zu einer Umverteilung von Haftung, Risiken und am Ende Geld, womöglich ohne, dass dies durch eine Volksvertretung legitimiert wäre. Das ist ein Grund, warum es zum Beispiel keine gemeinsame EU-Sicherung von Bankguthaben gibt. Und es ist eine Leerstelle, die dazu beiträgt, dass die Kapitalmärkte fragmentiert bleiben und Interner Link: Europa sein potenzielles Gewicht nicht auf die weltwirtschaftliche Bühne bringt, wie der frühere EZB-Chef Draghi vor zwei Jahren in einem vielbeachteten Interner Link: Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit dargelegt hat.
Die Eurozone verfügt über keinen eigenen Haushalt. Das Budget der gesamten EU (inklusive der derzeit sechs Nicht-Euro-Staaten) beträgt weniger als ein Prozent des gemeinsamen BIP; inklusive des Corona-Krisenfonds „NextGenerationEU“, der bald ausläuft, sind es 1,8 Prozent. In den USA hingegen beträgt der Washingtoner Zentralhaushalt 23,3 Prozent des BIP. Bei den derzeit laufenden Verhandlungen zur mittelfristigen Finanzplanung der EU stehen Deutschland und andere finanzstärkere Länder jedoch auf der Bremse.
Auf längere Sicht könnte ein Ausbau föderaler Strukturen helfen, die EU und den Euro krisenfester zu machen. Am Ende ist Europa eine Frage des politischen Willens. Das gilt nicht nur für Frankreichs Populisten am rechten und linken Rand. Das gilt auch für Deutschland, das für mich bei Fragen der europäischen Integration allzu häufig Führung, Vision und Pragmatismus vermissen lässt.
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🧐 Wer weiß mehr?
Internationaler Währungsfonds (2026a). Externer Link: Länderbericht des IWF zu Frankreich vom Juli dieses Jahres. 79 Seiten Facts & Figures für diejenigen, die tiefer in Frankreichs Finanz- und Wirtschaftsverfassung einsteigen möchten.
Internationaler Währungsfonds (2026b). Externer Link: Fiscal Monitor Database (October 2026). Internationale Datenbank des IWF zu Schuldenständen und Schuldentragfähigkeit.
Deutsche Bundesbank (2026). Externer Link: Fiskalische Risiken und Finanzstabilität. Reformoptionen für den Staaten-Banken-Nexus im Euroraum. Die deutschen Notenbanker legen dar, dass die „Doom Loops“, getrieben vom sich gegenseitig verstärkenden Vertrauensschwund in Banken und Staaten, keineswegs verschwunden sind.
Borsa Italiana. Externer Link: European Spreads. Ständig aktualisierte Website der Mailänder Börse mit den Zinsabständen Frankreichs, Italiens und Spaniens.
Mario Draghi (2024). Externer Link: The future of European competitiveness. Report des früheren EZB-Präsidenten. Ein umfangreiches Kompendium darüber, wie Europa hinter den Megamächten USA und China herläuft und darüber droht, seine Eigenständigkeit zu verlieren.
Mario Monti und andere (2016). Externer Link: Future Financing of the EU. Final report and recommendations of the High Level Group on Own Resources. Der frühere EU-Kommissar legt dar, warum die heutige Finanzierung der EU wenig Gutes bewirkt – und macht detaillierte Vorschläge für ein besseres Finanzsystem, das in der Lage wäre, tatsächliche europäische Gemeinschaftsgüter zu finanzieren, anstatt vornehmlich Subventionen für ärmere Regionen und die Landwirtschaft ausreichen. Nach wie vor lesenswert.
Henrik Müller (2011). Externer Link: Vereinigte Staaten von Euro-Land. Ein Inside-Report über die Anatomie der – und mögliche Auswege aus der – letzten akuten Eurokrise, erschienen im manager magazin 10/2011. Inzwischen ein Dokument von eher zeitgeschichtlichem Charakter.
Henrik Müller (2012). Externer Link: Euro-Vision. Warum ein Scheitern unserer Währung in die Katastrophe führt. Campus-Verlag. Ein proeuropäisches Plädoyer erschienen auf dem Höhepunkt der Eurozone. Heute auf Grabbeltischen erhältlich.