Programmatische Grundlagen und Entwicklung
Die CDU hat sich nie im selben Maße als Programmpartei verstanden wie die SPD. Dies hängt mit ihrem pragmatischen Politikverständnis zusammen, das traditionell stark auf Regierungsverantwortung ausgerichtet ist. Eine zu starre ideologische Bindung lässt sich demnach nur schwer mit den Erfordernissen erfolgreicher Regierungspolitik vereinbaren. Gleichzeitig hat es mit dem weiten Spannungsbogen zu tun, den die Union von Beginn an schlagen musste, um die divergierenden Interessen und Werthaltungen der von ihr angesprochenen Wähler zu überbrücken. Intensivere programmatische Debatten und Neupositionierungen kennzeichnen vor allem die beiden längeren Oppositionsphasen (1969 bis 1982 und 1998 bis 2005), denen jeweils schmerzliche Wahlniederlagen vorausgingen. In der zuletzt genannten Phase verlängerte sich der Reformkurs dabei nahtlos in die Regierungszeit hinein, in der die CDU ab 2005 insbesondere ihre gesellschafts- und familienpolitischen Positionen an die veränderte Lebenswirklichkeit anpasste.
Ideologisch-weltanschaulich speist sich die CDU aus drei Wurzeln: einer liberalen, einer konservativen und einer sozial-katholischen. Um ihrem Anspruch einer überkonfessionellen Sammlungsbewegung gerecht zu werden, die das christlich-soziale und protestantisch-bürgerliche Lager zu einem breiten Wählerbündnis zusammenführt, musste sie diese gleichermaßen pflegen und programmatisch in die richtige Balance bringen. Der Bezug auf die christlichen Werte, das „hohe C“, bildete dabei eine gemeinsame programmatische Grundlage, die an alle drei Elemente anschlussfähig war und zugleich eine klare Abgrenzung zur Sozialdemokratie ermöglichte.
Das konservative Element bestimmte vor allem die Gesellschafts- und Familienpolitik, wo die CDU an traditionellen Geschlechterrollen und einer ständisch-hierarchischen Organisation der Gesellschaft festhielt. Niederschlag fand dies unter anderem in der Förderung der Hausfrauenehe durch das Steuerrecht, dem dreigliedrigen Schulsystem und der zögerlichen Haltung gegenüber einer Liberalisierung des Strafrechts (etwa bei Strafbarkeit der Abtreibung und des Ehebruchs). Modernität bewiesen die Christdemokraten dagegen in der Wirtschaftspolitik. Das von ihnen vertretene Konzept der Sozialen Marktwirtschaft verband liberale Ordnungspolitik mit sozialstaatlichen Elementen. In der öffentlichen Wahrnehmung wird der Sozialstaat häufig mit den Sozialreformen Otto von Bismarcks verbunden. Tatsächlich verweisen Historiker jedoch auch auf den Einfluss katholischer Zentrumspolitiker auf zentrale Strukturprinzipien des Sozialstaats (Walter / Werwarth / D'Antonio 2014: 50 f.). Indem Adenauer an diese Tradition anknüpfte (vor allem durch die große Rentenreform 1957), stand er in einem gewissen Gegensatz zu Ludwig Erhard, der das soziale Element der Marktwirtschaft in erster Linie mit einem funktionierenden Wettbewerb verband. Auch spätere Weiterentwicklungen des Sozialstaats wie die Anerkennung von Erziehungszeiten bei der Rente oder die Einführung einer Pflegeversicherung wurden unter christdemokratischer Regierungsverantwortung vorgenommen.
Weitergehende Vorstellungen eines christlichen Sozialismus, wie sie die CDU der Britischen Zone 1947 noch in ihrem ersten, Ahlener Programm vertreten hatte, waren in der Partei nur für kurze Zeit mehrheitsfähig (Bösch 2002: 17 ff.). Adenauer verfolgte mit ihnen primär taktische Ziele, um die Stimmen der Arbeiter zu gewinnen und den sozialkatholischen Flügel der Partei in die von Erhard entwickelte, auch von ihm selbst favorisierte marktwirtschaftliche Linie einzubinden (Düsseldorfer Leitsätze 1949). Sozialkatholische, liberale und konservative Vorstellungen trafen sich im Subsidiaritätsgedanken, der in seiner konkreten Handhabung freilich für unterschiedliche Interpretationen offen blieb. Die Wirtschafts-, Sozial- und Gesellschaftspolitik der CDU stellt sich deshalb bis heute als Ringen der unterschiedlichen Kräfte und Strömungen der Partei dar, das die Herausbildung einer klar umrissenen programmatischen Identität erschwert.
Im 1978 verabschiedeten ersten Grundsatzprogramm bezeichnete die CDU „Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit“ als ihre zentralen Grundwerte. Für deren Herleitung nahm sie ausdrücklich auf das christliche Menschenbild Bezug. Daran sollte sich bei den nachfolgenden Programmen nichts ändern. Das Abschmelzen der katholischen Milieubindung und die fortschreitende gesellschaftliche Säkularisierung führten dazu, dass die Hinweise auf das christliche Wertefundament sogar noch zunahmen, auch wenn dieses sich in der tatsächlichen Politik immer weniger niederschlug (Zolleis / Schmid 2013: 428 f.). Jenseits und unterhalb der Grundwerte kam es in der Programmatik allerdings zu teilweise deutlichen Verschiebungen. Hatte das erste Grundsatzprogramm 1978 durch die Betonung der Chancengerechtigkeit und Verweise auf die sogenannte „Neue Soziale Frage“ eher soziale Akzente gesetzt, so traten im 1994 verabschiedeten Grundsatzprogramm „Freiheit in Verantwortung“ liberale und ökologische Aspekte stärker in den Vordergrund. Auch beim Familienbild zeichnete sich durch die Anerkennung nichtehelicher Partnerschaften und alleinerziehender Eltern eine Korrektur ab, die den späteren Modernisierungskurs unter Merkel vorwegnahm.
Liberalisierung
Das Grundsatzprogramm von 2007 („Freiheit und Sicherheit“) schlug an verschiedenen Stellen bewusst konservative Pflöcke ein (Festhalten am Ehegattensplitting, kein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare, Ausschluss eines EU-Beitritts der Türkei etc.). Dabei handelte es sich aber primär um Zugeständnisse an die Kritiker einer inzwischen weit fortgeschrittenen gesellschafts- und familienpolitischen Liberalisierung, durch die sich die Programmatik der CDU seit Mitte der 2000er-Jahrenachhaltiger verändert wurde als in der Ära Adenauers oder Kohls. Symptomatisch dafür stehen etwa die Einführung des Elterngelds oder die Forderung nach einer gesetzlich vorgeschriebenen Frauenquote in Unternehmen. Die CDU bewegte sich dadurch auch in kultureller Hinsicht in die Mitte der Gesellschaft und des Parteiensystems hinein (Lau 2009).
Gesellschaftspolitik und Migration
Zu einem noch viel umstritteneren gesellschaftspolitischen Thema avancierte in der CDU und im Verhältnis zur CSU seit den 2010er-Jahren die Migration. Anders als in der Frauen- und Familienpolitik fielen christliche und konservative Positionen in der Flüchtlingsfrage stärker auseinander. Während die Befürworter der von Kanzlerin Merkel vorgegebenen humanitären Linie auf christliche Werte wie Barmherzigkeit oder Nächstenliebe Bezug nahmen, stellte das Christliche für die konservativen Kritiker der Flüchtlingspolitik primär eine kulturelle Zuschreibung dar. Bemerkenswert ist, dass sich neben der evangelischen auch die katholische Kirche in dieser Auseinandersetzung auf Merkels Seite schlug, obwohl sie traditionell eine größere Nähe zu den konservativen Teilen der Union aufweist.
Nach Merkels Abgang lag eine der wichtigsten Prioritäten des neuen Parteivorsitzenden Friedrich Merz darin, die Migrationspolitik im Sinne der konservativen Mehrheitsströmung und im Einklang mit der Schwesterpartei neu auszurichten. Im Grundsatzprogramm fand das insofern Niederschlag, als man sich jetzt deutlicher vom Islam abgrenzte, wenn dieser nach Auffassung der CDU den Werten der „deutschen Leitkultur“ widerspreche. Zu letzteren zählt die CDU ausdrücklich auch das Bekenntnis zum Existenzrecht Israels. Gleichzeitig trat die Partei für eine stärkere Einschränkung des Asylrechts ein (Bösch 2025: 244 f.). Dass Merz kurz vor der Bundestagswahl zwei Anträge zur Migrationspolitik in den Bundestag einbringen ließ, die nur mit den Stimmen der AfD eine Mehrheit fanden, stieß dagegen auch in den eigenen Reihen auf Kritik.
Bindung an Regierungshandeln
Das Selbstverständnis der CDU als „natürliche“ Regierungspartei bedingt eine starke Bindung der programmatischen Entwicklung an das Regierungshandeln. So nahm man mit der Abschaffung der Wehrpflicht oder dem Ausstieg aus der Kernenergie seit 2005 bedeutende Kurskorrekturen aus der Regierungsverantwortung heraus vor, ohne sie in der Partei näher zu diskutieren. Damit wurden nicht nur die politikinhaltlichen Differenzen mit der SPD geringer, sondern auch die mit den Grünen. Gleichzeitig entwickelte sich das Verhältnis zu den Grünen zunehmend zu einer zentralen Konfliktlinie im Parteiensystem. Dabei wurden die Grünen insbesondere von Teilen der CDU und CSU als wichtigster politischer Gegner dargestellt. Obwohl sich die CDU zu den Klimaschutzzielen auf nationaler und europäischer Ebene formal weiter bekannte, übte sie an den dazu eingeleiteten Maßnahmen in den Bereichen Gebäudeenergie (Heizungstausch) und Verkehr (Auslaufen des Verbrennermotors) deutliche Kritik und empfahl, bei der künftigen Energieversorgung nicht nur auf die Erneuerbaren, sondern auch auf andere Quellen zu setzen – vom Wasserstoff über klimaneutrale Gaskraftwerke bis hin zu neuen Fusionsreaktoren.
Wirtschafts- und Sozialpolitik
Die CDU konnte in der Vergangenheit meistens darauf bauen, dass die Wähler ihr eine hohe Kompetenz in der Wirtschaftspolitik attestierten. Ihr Eintreten für die Marktkräfte und das Unternehmertum wurde dabei traditionell von einer ebenso ausgeprägten sozialstaatlichen Orientierung begleitet, die in der Ära Merkel – bedingt durch die Kompromisszwänge der Großen Koalitionen – eher zu- als abnahm. Mit der sich verschlechternden Wettbewerbssituation und wirtschaftlichen Stagnation gewannen vor allem in den westdeutschen Landesverbänden die Stimmen an Gewicht, die auf einen stärker markliberalen Kurs drängten und diese Hoffnung mit der Wahl von Merz zum Vorsitzenden verbanden.
Die Rückkehr in die Opposition ermöglichte es der CDU unter dessen Führung, sich in der Sozialpolitik wieder klarer von der SPD abzugrenzen. Bei der Reform des später in „Grundsicherung“ umbenannten Bürgergeldes vertrat sie z. B. eine deutlich restriktivere Position als diese und nutzte dies zur Profilierung. Bei der Rente scheute sie dagegen im Wahlkampf vor der im eigenen Grundsatzprogramm niedergelegten Empfehlung zurück, die Regelaltersgrenze an die steigende Lebenserwartung zu koppeln, und stimmte sogar der von der CSU betriebenen Ausweitung der Mütterrente zu. Vor diesem Hintergrund stießen die im ersten Regierungsjahr vom Wirtschaftsflügel vorgetragenen und von Merz teilweise unterstützten Vorschläge für tiefgreifende Einschnitte im Sozialsystem auf Kritik. Diskutiert wurden unter anderem Einschränkungen der Teilzeitarbeit, strengere Vorgaben für Krankschreibungen, eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit sowie die Streichung von Zahnbehandlungen aus dem Leistungskatalog der Krankenversicherung. Diese Vorschläge forderten nicht nur den sozialdemokratischen Regierungspartner heraus, dem die Union im Gegenzug für das Wirtschaftsministerium erneut die Ressortzuständigkeit für die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik überlassen hatte, sondern stießen zugleich in den eigenen Reihen auf Unverständnis und Widerspruch.
Finanz- und Steuerpolitik
Auch in der Finanz- und Steuerpolitik verfügte die CDU nach ihrer Rückkehr an die Regierung über kein in sich geschlossenes Konzept. Auf der europäischen Ebene musste sie von ihrer Absage an gemeinschaftliche Schulden bereits während der Coronapandemie abrücken. Auf der nationalen Ebene hielt sie dagegen an der strikten Einhaltung der im Grundgesetz festgeschriebenen Schuldenregeln fest, nachdem es ihrem Finanzminister Wolfgang Schäuble in Merkels Amtszeit gelungen war, vier Jahre lang hintereinander (von 2014 bis 2017) einen Haushalt ohne neue Kreditaufnahme aufzustellen („Schwarze Null“). Ihr Kurswechsel im Vorfeld der neuerlichen Regierungsübernahme, der zum Teil aus Einsicht (bei den Verteidigungsausgaben) und zum Teil auf Druck des Koalitionspartners erfolgte (beim Sondervermögen für die Infrastruktur), stieß innerhalb der Partei auf Kritik und Erklärungsbedarf. Ähnliches könnte ihr in der Steuerpolitik drohen, wo sie bei Reformvorhaben wie dem Ehegattensplitting oder der Erbschaftsteuer bislang zurückhaltend agiert.
Innenpolitik
Besonders deutlich werden die Unterschiede zur politischen Konkurrenz in der Innen- und Rechtspolitik. So sieht die CDU bei der Kriminalitätsbekämpfung und Terrorismusabwehr weitere Überwachungsmaßnahmen (etwa die Einführung einer Vorratsdatenspeicherung) als geboten und rechtlich vertretbar an. Um Gefahren abzuwehren, soll die Bundeswehr in höherem Maße als bisher auch im Inneren zum Einsatz kommen. Bei der Wehrpflicht, die in ihrer eigenen Regierungszeit ausgesetzt worden war, möchte die CDU im Unterschied zur SPD nicht nur auf Freiwilligkeit vertrauen. Stattdessen betrachtet sie diese als Variante des von ihr bereits 2022 beschlossenen sozialen Pflichtjahres, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Der Schaffung neuer legaler Zuwanderungsmöglichkeiten steht die Partei aufgeschlossen gegenüber. Eine doppelte Staatsbürgerschaft soll jedoch nur in Ausnahmefällen möglich sein.
Außen-, Verteidigungs- und Europapolitik
In der Außen-, Verteidigungs- und Europapolitik wird das traditionelle Bekenntnis der CDU zum westlichen Bündnis und zur europäischen Integration durch die „doppelte Zeitenwende“ auf die Probe gestellt, die mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und der feindseligen Politik Donald Trumps gegenüber Europa eingetreten ist. Ähnlich wie in der Finanz- und Wirtschaftspolitik sah sich Merz nach der Regierungsübernahme auch in diesem Politikfeld mit neuen politischen Rahmenbedingungen konfrontiert. Entgegen seiner früheren Forderungen hielt er an der Weigerung der SPD-geführten Vorgängerregierung fest, der Ukraine den modernen Marschflugkörper Taurus zu liefern. Auch die Freigabe der eingefrorenen russischen Staatsvermögen für die Ukraine konnte er gegen den Widerstand Belgiens und anderer EU-Länder nicht durchsetzen.
Im Verhältnis zu Trump setzte der Kanzler auf einen dialogorientierten Umgang mit der US-Regierung, um den US-Präsidenten nicht weiter zu provozieren, während er gleichzeitig die Notwendigkeit betonte, die Eigenständigkeit Europas gegenüber den USA in militärischer, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht zu stärken. Welche Schritte dazu kurz-, mittel- und langfristig erforderlich sind, muss die CDU in ihren weiteren programmatischen Debatten klären.
Wenig strittig dürfte das Ziel sein, die Bundeswehr aufzurüsten und so die eigene Verteidigungsfähigkeit zu erhöhen, mit dem sich die Partei leichter tut als die SPD. Ähnliches gilt für die Stärkung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit anderen Weltregionen, wo sie Freihandelskommen wie Ceta oder Mercosur schon in der Vergangenheit positiv gegenüberstand. Das schwierigste Thema bleibt die Entwicklung der EU. Von der Idee eines europäischen Bundesstaates, die für Helmut Kohl noch leitend war, haben sich die beiden Unionsparteien seit den 2000er-Jahren verabschiedet. Wie sie sich die institutionelle und politische Gestalt der Gemeinschaft stattdessen vorstellen, haben sie jedoch bis heute nicht näher umrissen.