Überwachungskamera

15.4.2015 | Von:
Holger Floeting

Urbane Sicherheit

Welche Konzepte und Maßnahmen bestehen zur Schaffung und Erhaltung sicherer Städte?

In den Städten wird eine breite Palette von Maßnahmen und Konzepten zur Verbesserung der Sicherheit eingesetzt. Sie umfassen
  • ordnungsrechtliche Maßnahmen wie beispielsweise rechtliche Vorschriften (z.B. zum Umgang mit Alkohol) und die Ahndung von Ordnungswidrigkeiten,
  • personelle Maßnahmen wie die Präsenz von Ordnungskräften vor Ort, den Einsatz ehrenamtlicher Sicherheitskräfte oder privater Sicherheitsdienste,
  • technische Maßnahmen wie Investitionen in Beleuchtung oder Videoüberwachung,
  • baulich-gestalterische Maßnahmen wie die Verbesserung der Einsehbarkeit von Räumen, die Pflege und Instandhaltung des öffentlichen Raumes oder die Berücksichtigung von Mindestanforderungen für Sicherheitsaspekte in der Bauleitplanung bzw. beim Einsatz von Instrumenten des Baurechts,
  • sozialräumliche Maßnahmen wie gezielte Investitionen in soziale Infrastruktur, die Förderung der sozialen Mischung der Bewohnerschaft im Quartier, die Belebung des Raumes durch Förderung von Aktivitäten (z.B. Stadtteilfeste), die Förderung der Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an Planungsprozessen und Maßnahmen der Stadtumgestaltung, Quartiersmanagement, Jugendarbeit und sozialpädagogische Angebote sowie das Angebot sozialer Dienstleistungen (z.B. Schuldnerberatung) und
  • die Kommunikation mit der Bürgerschaft und die Information der Öffentlichkeit in Form der Veröffentlichung von Informationsbroschüren, Durchführung von Informationsveranstaltungen, Bereitstellung von Ordnungstelefonen oder Hotlines für Bürgermeldungen, Internetangebote für Bürgermeldungen usw. (Floeting/Seidel-Schulze 2012).

Was sind Herausforderungen "urbaner Sicherheit"?

Sichere Städte sind ein Wunsch, ein Anspruch und ein Versprechen, aber im Ziel (ähnlich wie andere übergeordnete Ziele wie "soziale Gerechtigkeit" oder "gleichwertige Lebensbedingungen") nie vollständig erreichbar. Der Anspruch verliert damit aber nicht an Bedeutung. Städte verändern sich oft schleichend. Damit verändert sich auch der Rahmen, in dem sichere Lebensbedingungen gewährleistet werden sollen.

Zukünftige Herausforderungen liegen beispielsweise im demografischen Wandel. Die städtischen Gesellschaften werden älter und bunter. Wenngleich dieser Trend für alle Räume gilt, sind einzelne Städte aber in unterschiedlichem Maß davon betroffen. An Bevölkerung wachsende Städte stehen neben schrumpfenden. Die Alterung der Gesellschaft wird auch Auswirkungen auf die Kriminalität und die Kriminalitätsfurcht haben. So wird beispielsweise eine Zunahme der Furcht, Opfer einer Straftat zu werden und eine stärkere Verbreitung des Empfindens bedrohlicher Ereignisse erwartet. Dies kann mit erheblichen Auswirkungen für die Städte verbunden sein, wenn Bürgerinnen und Bürger vor der aktiven Nutzung des öffentlichen Raumes grundsätzlich oder zu bestimmten Tageszeiten in größerer Zahl zurückscheuen (vgl. Bornewasser u.a. 2014).

Die Möglichkeiten der Nutzung moderner Kommunikationsmittel (Internet, Mobilfunk, soziale Netze, Videoüberwachung, Big Data usw.) verändert einerseits die Anforderungen an Sicherheit in den Städten, andererseits bieten sie neue Möglichkeiten zur Schaffung und Gewährleistung sicherer Städte, die kontrovers diskutiert werden (z.B. hinsichtlich des immer stärkeren Eindringens in die Privatsphäre). Auch die Bekämpfung der organisierten Kriminalität in Städten stellt eine in Zeiten des Internets und der internationalen Vernetzung "organisierter" Straftäter neue Dimension von Herausforderungen dar.

Die gesellschaftliche Polarisierung (in Bezug auf Wohlstand, Bildung, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben usw.) wächst zwischen den Städten und innerhalb der Städte. Vor dem Hintergrund begrenzter finanzieller wie personeller Ressourcen von Staat und Kommunen einerseits, einem erweiterten Aufgabenspektrum andererseits, stellen sich Fragen nach der Priorisierung von Sicherheitsmaßnahmen und der gerechten Verteilung: Wieviel Sicherheit können und wollen wir uns leisten? Wie stellen wir sicher, dass ein zufriedenstellendes Sicherheitsniveau für jeden und jede weitgehend unabhängig vom eigenen Einkommen gewährleistet ist. Welche Aufgaben können von staatlichen und kommunalen Institutionen, welche von privaten Dienstleistern, welche durch zivilgesellschaftliches Engagement wahrgenommen werden?

Die Koordination der zahlreichen direkt oder indirekt mit Fragen der Sicherheit in den Städten befassten Akteure gehört zu den besonderen Herausforderungen, die durch eine voranschreitende Privatisierung (private Unternehmen müssen in die Sicherheitsarchitektur eingebunden werden) und zunehmend notwendiges zivilgesellschaftliches Engagement (z.B. im Zuge von Sicherheitspartnerschaften zwischen Bürgerinnen/Bürgern und Polizei oder die Integration von Spontanhelfern im Katastrophenfall usw.) zudem immer komplexer wird.

Städte und ihre Bürger werden sich in Zukunft in stärkerem Maße mit Sicherheitsfragen auseinandersetzen. Für sichere Städte zu sorgen, bleibt dabei eine Aufgabe, an der viele Akteure, beteiligt sind, die sich zum Teil ihrer Wirkung auf Sicherheitsfragen in der Stadt bisher kaum bewusst sind: beispielsweise nicht unmittelbar mit Ordnungsaufgaben betraute Ämter in der Stadtverwaltung wie Stadtplanungsämter, der Einzelhandel, die Wohnungswirtschaft, Sportvereine usw.) Daher ist es zunächst einmal notwendig, das Bewusstsein für Fragen der Sicherheit bei den unterschiedlichen Akteuren zu wecken, nicht nur kooperative Strukturen aufzubauen, sondern auch praktisch kooperativ zu handeln und urbane Sicherheit – die einen wesentlichen Teil der Lebensqualität für die Bürger der Städte ausmacht – als kontinuierliche Aufgabe und ein gemeinschaftliches Ziel der Stadtgesellschaft zu begreifen, ohne jedoch jede Frage der Stadtentwicklung zur Sicherheitsfrage zu erklären.

Literatur:
  • Bornewasser, M. & S. Bloch A. Köhn, S. Otte (2014): Sichere Städte unter veränderten demografischen Bedingungen. In: H. Floeting (Hrsg.): Urbane Sicherheit. Rahmenbedingungen – Praxisbeispiele – Internationale Erfahrungen. Berlin 2014.
  • Bundeskriminalamt (2013): Polizeiliche Kriminalstatistik 2013. Wiesbaden.
  • Floeting, H. (2013): Von harten Zielen und weichen Maßnahmen – Sind “resiliente” Städte “sichere” Städte? In: K.J. Beckmann (Hrsg.): Jetzt auch noch resilient? Anforderungen an die Krisenfestigkeit der Städte. Berlin, S. 14-22.
  • Floeting, H. & A. Seidel-Schulze (2012): Sicherheit in der Stadt – eine Gemeinschaftsaufgabe. Berlin.
  • Floeting, H. (2006): Sicherheitstechnologien und neue urbane Sicherheitsregimes, ITA manu:script, Institut für Technikfolgenabschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Wien.
  • Statistisches Bundesamt (2013): Unfallentwicklung auf deutschen Straßen 2012. Wiesbaden.
  • Wirth, Louis (1938): Urbanism as a way of life. In: The American Journal of Sociology. Vol. 44, No. 1, S. 1-24.


Krieg, Terror, gewaltsame Konflikte: Internationale Auseinandersetzungen sind allgegenwärtig. Aber auch auf nationalstaatlicher Ebene spielen Konflikte eine zunehmend wichtigere Rolle. Dabei geht es auch und immer wieder um das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit. Seit 2001 verschickt die bpb daher einen täglichen Newsletter mit Beiträgen zu den Folgen von Krieg, Terrorismus und anderen Aspekten der Sicherheitspolitik.

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