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NECE

16.11.2004

NECE – Networking European Citizenship Education

Interview mit Anneke Boot vom niederländischen Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft (only in German)

"Schulen müssen auf Bürgerschaftsbildung mehr Aufmerksamkeit verwenden" - Citizenship education will die niederländische EU-Ratspräsidentschaft künftig mehr Aufmerksamkeit verschaffen. Wie das gehen soll, erklärt Anneke Boot vom niederländischen Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft.

"Schulen müssen auf Bürgerschaftsbildung mehr Aufmerksamkeit verwenden" - Citizenship education oder Bürgerschaftsbildung will die niederländische EU-Ratspräsidentschaft künftig mehr Aufmerksamkeit verschaffen. Wie das gehen soll, erklärt Anneke Boot vom niederländischen Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft.

Die niederländische Regierung will in der Zeit ihrer EU-Präsidentschaft das Thema "citizenship education" zu einem Schwerpunkt machen. Warum?
Zunächst hat das einen formalen Grund. Die Präsidentschaft hat aufgrund eines Ersuchen des Europäisches Rates die Auflage, einen Report über "Die breitere Rolle der Bildung und ihre kulturellen Aspekte" zu erstellen. Es gibt für uns aber auch wichtige inhaltliche Gründe dafür, Bürgerschaftsbildung in den Vordergrund zu stellen. In allen Ländern der Europäischer Union, alte und neue Mitglieder, gibt es gesellschaftliche Entwicklungen, die es notwendig machen, der sozialen Kohärenz erneut Aufmerksamkeit zu verschaffen. Tendenzen wie Immigration sowie ethnische und kulturelle Vielfältigkeit in Europa kann man als neue Chance sehen, indem man gleichzeitig dem sozialen Zusammenhang neue Impulse gibt. Unter diesen Umständen brauchen wir zusätzliche Aufmerksamkeit für Bürgerschaftsbildung, mit deren Hilfe die soziale Kohärenz wieder verstärkt werden kann.

Bildung und ihre kulturellen Aspekte einerseits, soziale Kohärenzprobleme andererseits sind aber sehr unterschiedliche Ansätze, oder?
Die Präsidentschaft will diese beiden Felder miteinander verbinden. Wir gehen davon aus, dass die breitere Rolle der Bildung am Besten dadurch definiert wird, dass sie zur Unterstützung der sozialen Kohärenz beitragen soll.

Das hat die niederländische Präsidentschaft aber nicht erst erfunden?
Wir haben eine Studie machen lassen, "Citizenship – Made in Europe, Living together starts at school". In dieser Studie kann man lesen, dass alle EU-Länder versuchen, durch Bürgerschaftsbildung die soziale Kohärenz zu verstärken. Dieser Ansatz ist auch die Fortschreibung der Lissabon-Agenda. Die definiert ja Europas Ziele so: Europa soll eine führende Wissensökonomie zu werden, die soziale Kohäsion soll gefördert werden. Für den ersten Punkt, Know-How, gibt es schon zahlreiche Programme und Initiativen. Zum Beispiel die Vorgabe, dass in jedem Mitgliedsland zukünftig mindestens die Hälfte der Bevölkerung einen höheren Bildungsabschluss erreichen soll. Bislang gibt es aber nur sehr wenig Programme, die die soziale Kohäsion fördern können.
Die informelle Konferenz der EU-Bildungsminister im Rotterdam in Juli 2004 einigte sich darauf, dass ein geeignetes Instrument zur Förderung der sozialen Kohäsion eben die "citizenship education" oder Bürgerschaftsbildung ist.

Wäre es nicht notwendig, zuvor eine inhaltliche Debatte über den sperrigen Begriff "citizenship education" anzustoßen?
Es wäre keine gute Idee, wenn die niederländische Präsidentschaft mit einer Definition ankommen würde. Wir wollen, dass sich die Debatte darüber in allen Ländern entwickelt, zusammen mit Lehrern, Schülern und Eltern. Zum Beispiel hat der Niederländische Bildungsrat empfohlen, dass die Schulen Bürgerschaftsbildung auf drei Ebenen entwickeln: auf der Mikro-Ebene einzelner Schulen, auf der Meso-Ebene des Umfelds und der Nachbarschaft dieser Schulen, sowie auf der Makro-Ebene hinsichtlich der politischen und demokratischen Aspekte von Staatsbürgerschaft. Also darüber, wie Bürger sie zur jeweils eigenen Regierung und zur EU ins Verhältnis setzen.

Bislang gehen die Vorstellungen darüber, was Bürgerschaftsbildung in und für Europa sein kann, sehr weit auseinander. Macht dann eben jeder seins?
Auf EU-Ebene gibt es bereits verschiedene Arbeitsgruppen, die dabei sind, basierend auf den europäischen Werten, Schlüsselkompetenzen zu definieren, was die Bürgerschaftsbildung eigentlich ausmacht. Alle EU-Bildungsminister sind dabei für ihr eigenes Land verantwortlich. Diese Schlüsselkompetenzen sollen sogenannte "soft laws", also "weiche Gesetze" sein. Mehr Richtlinien als Vorschriften. Das ist das Prinzip der Subsidiarität, worauf sich die EU-Mitgliedsländer was die Bildung anbelangt, bereits in Maastricht geeinigt hatten. Schließlich möchte keine Region und kein Land, dass sich die EU in diesen Diskussionsprozess massiv einschaltet. Anregungen werden gerne angenommen, aber mehr auch nicht. Die niederländische Präsidentschaft bezieht dabei keine inhaltliche Stellung, wir machen Werbung für Bürgerschaftsbildung, indem wir Themen auf die Agenda setzen und die Diskussion stimulieren.

Wie kann schließlich eine Qualitätskontrolle dieser Schlüsselkompetenzen aussehen?
Keiner kann bislang wirklich genau sagen, wie effektiv die verschiedenen Herangehensweisen von "citizenship education" wirklich sind. Indikatoren für soziale Kompetenzen wie Bürgerschaftskompetenzen sind schwieriger zu entwickeln als für andere Aufgabenfelder. Aber die niederländische Präsidentschaft will auch dieser Entwicklung einen neuen Impuls geben. Natürlich muss dabei berücksichtigt werden, dass es bei 25 Mitgliedstaaten entsprechende Spielräume geben muss. Zum Beispiel muss man beim Thema Integration mitbedenken, dass es viele sehr unterschiedliche Formen von ethnischer und kultureller Vielfalt in Europa gibt.

Wie wird diese Schwerpunktsetzung nach dem turnusmäßigen Wechsel der EU-Präsidentschaft denn nachhaltig verankert?
Das EU-Bildungsprogramm, worin Bürgerschaft ein prominentes Thema ist, reicht von 2007 bis 2013. Damit wollen wir in erster Linie die Schulen ermuntern, sich Projekte der Bürgerschaftsbildung vorzunehmen. Zum Beispiel können sie sich auch mit Hilfe des Themas "Mobilität" gleichzeitig Gedanken machen um das Thema "Bürgerschaft". Es geht ja darum, zu lernen, wie man anderswo lebt und auf welchen Werten dieses Leben basiert. Zudem wollen wir die Diskussion um die Qualitätsüberwachung, die Entwicklung der Indikatoren und also das Benchmarking, anstoßen. Wir wollen, dass über die Effektivität der Bürgerschaftsbildung Aussagen gemacht werden können. Die Schulen sollen sich selbst hinsichtlich dieses Themas stärker evaluieren als bisher. Die Bildungsminister sollen zum Beispiel darüber Auskunft geben, inwieweit die Bürgerschaftsbildung Bestandteil der Lehrerausbildung in ihren Ländern ist.

Welche Impulse erwarten Sie von 2005, dem Euopäischen Jahr "Citizenship through Education" des Europarates?
Jedes EU-Mitgliedsland kann das als Chance für sich nutzen, das Thema zu befördern, denn jedes Land muss sich dazu etwas einfallen lassen. Wir wollen dabei den Austausch von Best-practice-Modellen stärken und die Bildungsminister der Mitgliedsländer anregen, feste Ansprechpartner in ihren Ländern zu suchen, damit es eine echte Netzwerkstruktur auch wirklich geben kann.

Wieviel Geld steht für die citizenship education eigentlich zur Verfügung?
Da müssen wir die EU-Budget-Debatte und ihr Ergebnis abwarten. Sicherlich wird es für die Bürgerschaftsbildung keinen extra Topf geben. Es wird nach wie vor auf die bereits existierenden Strukturen ankommen und auf die Initiativen in jeder einzelnen Kommune und jeder einzelnen Schule.

Interview: Adrienne Woltersdorf


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