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NECE

16.11.2004

NECE - Networking European Citizenship Education

Interview mit Monika Oels von der EU-Kommission (only in German)

Hier finden Sie ein Interview mit Monika Oels von der EU-Kommission. Geführt wurde es anlässlich der Veranstaltung "NECE - Networking European Citizenship Education" im September 2004.

Zum Netzwerken in der politischen Bildungsarbeit gibt es bereits zahlreiche Erfahrungen - und ausreichend Geld, erklärt Monika Oels von der EU-Kommission, EU-Kommission, Generaldirektion Bildung und Kultur[1].

Was kann ein Netzwerk für die citizenship education in Europa tun?
Es ist eine Herkulesarbeit, aber es gibt auf europäischer Ebene auch beachtliche Förderprogramme dafür, insbesondere im Sokrates-Programm, u.a. mit "Grundtvig" für die Erwachsenenbildung, "Comenius" für die Schulen, "Erasmus" für die Hochschulen, Minerva für E-learning in allen Bildungsbereichen. Wir sprechen übrigens auf europäischer Ebene inzwischen von "Lifelong Learning" for democratic citizenship, von "Demokratie lernen", weil der Lernende mit seinen Interessen im Mittelpunkt stehen soll. Die Bildungsinstitutionen und die Lehrenden sollen das Lernen ermöglichen, unterstützen und begleiten. Man spricht daher in den Papieren der EU Kommission zum Lebenslangen Lernen auch vom Lehrenden als "Learning facilitator" ("Lernermöglicher") [2].

Was sind Ihrer Meinung nach die Vorbedingungen für ein erfolgreiches,europaweites Netzwerk von Organisationen und Akteuren und Akteurinnenum das kontinuierliche "Demokratie lernen" zu ermöglichen?
Es sollte zum einen auf gleicher Augenhöhe miteinander gesprochen werden. Das ist nicht nur zwischen PartnerInnen aus verschiedenen Ländern in Europa wichtig, sondern auch dann, wenn staatliche und nicht-staatliche Organisationen effektiv miteinander kooperieren wollen. Zum anderen sollte darauf geachtet werden, dass das Netzwerk auch die wichtigen, aktuellen Bürger-Bewegungen und Organisationen mit an Bord hat, die politische Bildung machen. Auch alle Altersgruppen sollten in einem solchen Verbund vertreten sein, nicht nur die Jugend, d.h. schulische und außerschulische Bildung mit jungen Erwachsenen. Das demokratische Potential älterer Menschen und das intergenerationelle Lernen wird bisher vergleichsweise wenig gefördert, deshalb haben die künftigen europäischen Programme dort auch einen Schwerpunkt. Ich finde es wichtig, dass auch Hochschulen im Netzwerk vertreten sind, denn StudentInnen sollten sich nicht nur am demokratischen Dialog innerhalb der Hochschule beteiligen, sondern auch gesellschaftliche und ökologische Verantwortung zu übernehmen lernen für all ihre zukünftigen Berufsfelder. Die Universitäten könnten die Weiterbildung ausserhalb ihrer Mauern, ihr drittes Aufgabenfeld neben Forschung und Ausbildung von AkademikerInnen, mit offenen wissenschaftlich fundierten aktuellen Angeboten für LehrerInnen der politischen Schul- und Erwachsenenbildung stärker entwickeln, gerade im Bereich der "europäischen Dimension" und der Globalisierung.

Sind große, paneuropäische Netzwerke denn von Anfang an sinnvoll?
Es mag anfänglich schneller gehen, wenn sich erst einmal wenige vergleichbare Organisationen in europäischen Lernpartnerschaften oder Kooperationsprojekten zusammenschließen. Für AnfängerInnen sind die europäischen Verwaltungsregeln ja durchaus gewöhnungsbedürftig, auch wenn die Kommission kontinuierlich an Vereinfachungen arbeitet, um Europa den BürgerInnen zugänglicher zu machen. Dafür gibt es dezentrale europäische Förderprogramme in Europa wie Sokrates-Grundtvig 2 Lernpartnerschaften für mindestens 3 Partner oder Sokrates-Grundtvig 1 Kooperationsprojekte für 5-7 Partnerorganisationen aus der Erwachsenenbildung. Auf alle Fälle brauchen wir auch dringend den lebendigen Austausch zum "Demokratie lernen" zwischen West- und Osteuropa, den neuen und den alten Mitgliedsstaaten, damit sich dauerhafte und unabhängige Förder- und Servicestrukturen der politischen Bildung für staatliche und nicht-staatliche AkteurInnen erhalten oder überhaupt erst entwickeln können.

Netzwerken und Kontakte knüpfen ist auf europäischer Ebene zwar einwichtiger, aber eben nur ein erster Schritt. Wie helfen die europäischenInstitutionen weiter?
Zunächst gibt es die Möglichkeit, bei der EU Förderung für den Aufbau von Netzwerken zu beantragen. Beginnen kann man zum Beispiel mit vorbereitenden Besuchen, Studienaufenthalten oder einzelnen europäischen thematischen Konferenzen, für die immer auch eine professionelle Vorbereitung und Übersetzung in mehrere Sprachen gefördert werden kann. Unsere Sokrates-Nationalagenturen beraten über die Details. Die EU Kommission fördert zum Beispiel bereits jetzt in einem Sokrates-Grundtvig Netzwerk interkulturelle Fortbildungen für ErwachsenenbildnerInnen, aber auch für interessiertes Verwaltungs-Personal im Bildungsbereich oder Bildungs-PolitikerInnen in Parlamenten, oder in einem anderen Netzwerk der Europäischen "Schulen der Zweiten Chance" (E2C) europäische Sommerschulen für LehrerInnen im Zweiten Bildungsweg. Wir fördern auch bereits europäische Grundtvig-Netzwerke zur Bildungsarbeit im Bereich Menschenrechte (DARE), zum regionalen oder zum weltweitem bürgerschaftlichen Engagement ("global citizenship") oder Projekte zum Entwurf eines europäischen Rahmen-Curriculums für gewaltfreie Konfliktbearbeitung. Wer mehr über bereits existierende Netzwerke von Schulen, Erwachsenbildungs-
einrichtungen und Universitäten in seinem europäischen Land wissen will, kann sich an die Sokrates-Nationalagenturen wenden und auf die Europa-Webseite mit den Bildungsprogrammen der EU-Kommission gehen [3].

Oft ist das Problem der Bildungsarbeit das schnell veraltendeUnterrichtsmaterial. Wo gibt es da Möglichkeiten der Unterstützung?
Das Problem ist, dass bisher viele Materialien im Westen erarbeitet wurden und werden, ohne die Counterparts aus den neuen Mitgliedsländern bei der Erarbeitung als PartnerInnen aktiv einzubeziehen, manchmal sogar ohne dass die westlichen AutorInnen ihr Material von ExpertInnen der neuen Länder checken lassen. Auch für partnerschaftliche Kooperation bei der Revision oder neuen Erstellung von Unterrichtsmaterialien kann das Sokrates-Programm Fördermittel zur Verfügung stellen. Ein guter Anfang wäre gemacht, wenn es zu einem Schulbuchvergleich käme, wie die deutsch-polnische Schulbuch-Kommission es vorgemacht hat. Dazu müssen zahlreiche bilaterale oder multilaterale Kommissionen sich die Schulbücher des jeweils anderen Landes vornehmen und kommentieren, was lernt ihr über uns und umgekehrt, aber auch, was ist nicht mehr auf der Höhe der Zeit in einem vereinten Europa. Jedes Land ist dann frei, solche kritischen Anregungen vielleicht bei zukünftigen Ausgaben zu berücksichtigen oder auch nicht. Das ist ein spannender und fortwährender Dialog-Prozess in Ost und West. Einige osteuropäische Staaten haben nach 1989 noch einmal neu angefangen, sich ihre Identitäten unter Berücksichtigung der verschiedenen sprachlichen, kulturellen, ethnischen und religiösen Minderheiten und teilweise einer Neubewertung ihrer Geschichte zu schmieden. Schon darüber wissen wir nur wenig im Westen. Und Europa ist dabei nur eine zusätzliche Herausforderung zum "geordneten" gemeinsamen "Nachdenken" (Hermann Glaser).

Es gibt, dafür ist Europa ja bekannt, in der Zusammenarbeit schnellinterkulturelle Probleme. Wie soll damit umgangen werden?
Es sollte natürlich darauf geachtet werden, dass in einem solchen Netzwerk auch kulturelle, religiöse, ethnische und sprachliche Minderheiten oder Menschen mit Behinderungen repräsentiert sind. Angesichts der anhaltend ungleichen Repräsentation von Männern und Frauen in den Parlamenten Europas und im Europa-Parlament gehört zum "Demokratie lernen" sicher auch das Thema einer demokratischeren Verteilung der Macht zwischen Männern und Frauen. Um Veränderungen zu erreichen, müssen beide Geschlechter dazu lernen. Die EU ? Kommission hat sogar Mess-Indikatoren entwickelt, um die Repräsentanz von Frauen in den Parlamenten zu beobachten und zu verbessern. Die Bundeszentrale für Politische Bildung in Deutschland kann schon auf ein laufendes europäisches Gendermainstreaming Netzwerk in der politischen Erwachsenenbildung zurückgreifen, das im Sokrates-Grundtvig Programm gefördert wird. Sehr großes Zögern beobachte ich bei den VertreterInnen religiöser Organisationen im Bildungsbereich, sich untereinander mit BildungsexpertInnen aus anderen europäischen Ländern und Religionen über Menschen- und Weltbilder, über ethische und politische Fragen auszutauschen. Hier gibt es erst vereinzelte Förderanträge und europäische Projekte, zu denen wir immer ermutigen. Was die sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten anbelangt, stellt die EU-Kommission ausreichend Mittel zur Verfügung, um eine professionelle sprachliche Verständigung zu ermöglichen. Man sollte da nicht an der falschen Stelle sparsam sein bei der Antragstellung. Es ist wichtig, dass sich die AkteurInnen in allen Nuancen ihrer eigenen Fach-Sprache ausdrücken können. Wir haben gerade in einer der bildungspolitischen Arbeitsgruppen der EU Kommission, die sich mit dem Thema "Demokratie lernen, Chancengleichheit und sozialer Zusammenhalt" befasste, die Empfehlungen des Europa-Rats im Jahr 2002 zum "Demokratie lernen" diskutiert und sie als geeignete sprachliche und inhaltliche Grundlage für die politische Bildungsarbeit in Europa den EU BildungsministerInnen zur Zustimmung vorgeschlagen. Sie liegen jetzt neben der offiziellen Fassung auf englisch und französisch in neun weiteren Sprachen vor und können helfen, das richtige Vokabular zur Verständigung zu finden.

Wäre es nicht konsequent gedacht, die Bildung einer zentralen Agenturfür Lifelong learning for democratic citizenship auf europäischer Ebene anzustreben?
Es wurde bereits in Fachkreisen auch auf europäischer Ebene, nämlich in der erwähnten Arbeitsgruppe zur politischen Bildung, darüber diskutiert, aber es gibt keine konkreten Empfehlungen.
2005 ist das "Europäische Jahr der Demokratieerziehung", in Deutschland mit dem Slogan "Demokratie lernen und leben", das der Europa-Rat im Dezember in Sofia feierlich eröffnen wird. Dies ist auch in der Europäischen Union eine willkommene und günstige Gelegenheit, sich im Rahmen des Sokrates-Programms, das politische Bildung auch für 2-3 Jahre fördert, in einer ersten Lernpartnerschaft, einem europäischen Kooperationsprojekt oder einem weiteren speziellen Netzwerk zusammen zu schließen oder Bildungsforschung in diesem Bereich zu beantragen.

Interview: Adrienne Woltersdorf

Fußnoten

1.
Die im Interview geäußerten persönlichen Meinungen müssen nicht in jedem Fall mit der Meinung der EU-Kommission übereinstimmen.
2.
http://europa.eu.int/comm/education/policies/lll/life/index_de.html
3.
http://europa.eu.int/comm/education/programmes/Socrates/socrates_en.html Kontaktadresse: Alan.Smith@cec.eu.int (Sokrates-Grundtvig-Koordination)

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