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1.9.2019 | Von:
Dr. Roland Götz

Russlands Volkswirtschaft

Vor Stagnation oder Aufschwung?

Investitionen und Wirtschaftswachstum

Mit Investitionen in Sachanlagen von wenig mehr als 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wie in Russland können zwar Produktionsanlagen und Gebäude ersetzt und modernisiert werden, aber der gesamtwirtschaftliche Kapitalbestand wächst nur geringfügig. Für Wachstumsraten um fünf bis sechs Prozent pro Jahr, wie sie Russlands Führung wünscht, müsste die Investitionsquote auf 25-30 Prozent ansteigen.

Regelmäßige Erhebungen der Einschätzungen von Geschäftsleuten berichten von einer Verbesserung des Geschäfts- und Investitionsklimas in Russland: Im "Doing Business Report 2018" der Weltbank ist Russland unter 189 Staaten auf den 35. Platz aufgestiegen, im "Global Competitiveness Report 2017-2018" des Weltwirtschaftsforums unter 138 Staaten auf den 38. Platz. Diese Einstufungen geben allerdings nur wieder, wie die Regularien für kleinere Unternehmen mit Eigentümern aus Russland bewertet werden – für (internationale) Großunternehmen gelten andere Regeln, die von der Präsidialadministration Russlands bestimmt werden.

Bei den nach Russland fließenden "ausländischen Direktinvestitionen" (Investitionen von außerhalb Russlands registrierten natürlichen oder juristischen Personen) handelt es sich zur Hälfte um Rückflüsse von aus Russland stammendem Kapital. Sie waren von 69 Milliarden US-$ im Jahr 2013 in Folge der Annexion der Krim, der Ukrainekrise und der westlichen Sanktionen sowie des Ölpreisrückgangs 2015 auf sieben Milliarden US-$ abgestürzt. 2016 und 2017 hatten sie sich auf rund 30 Milliarden US-$ erholt, was noch nicht auf eine Wiederkehr der vormals positiveren Zukunftshoffnungen der Investoren schließen lässt (Abbildung 2).



Demographie und Wirtschaftswachstum

Während Russlands Bevölkerung nach der "mittleren" Prognose des Statistikamts Russlands zwischen 2018 und 2036 um eine Millionen Personen abnehmen wird, wird sich die Erwerbsbevölkerung (nach amtlicher Definition in Russland: Männer von 16 bis 59 Jahren, Frauen von 16 bis 54 Jahren) im gleichen Zeitraum um 3,2 Millionen verringert haben. Das liegt am Ausscheiden der starken Geburtenjahrgänge der Sowjetzeit aus dem Arbeitsleben, während zahlenmäßig schwächeren Jahrgänge aus den 1990er-Jahren nachrücken. Die Immigration nach Russland (vorwiegend aus Zentralasien und der Ukraine) wird diesen Einfluss nicht ausgleichen können. Negativ wirkt sich auch der "brain drain" ins Ausland aus, der zwar nur einen Umfang von rund 100.000 Personen pro Jahr hat, unter denen sich aber großenteils hochqualifizierte Kräfte befinden. Die Bevölkerungsentwicklung fällt daher in Russland, anders als in Ländern wie China, Indien und den USA, als Wachstumstreiber aus.

Wachstumsperspektiven

Präsident Putin hatte am 1. März 2018 in seiner Botschaft an die Föderalversammlung die Erwartung ausgesprochen, dass Russland bis 2024 unter die fünf größten Wirtschaftsmächte der Welt aufrücken und damit Deutschland überholen wird. Bis Mitte des nächsten Jahrzehnts soll das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner außerdem um die Hälfte angestiegen sein. Während Russland beim zu Kaufkraftparitäten berechneten Bruttoinlandsprodukt Deutschland tatsächlich überrunden könnte, ist die fristgemäße Erreichung des von Putin außerdem genannten Wachstumsziels kaum möglich. Das hierbei implizierte Wachstumstempo des Bruttoinlandsprodukts von sechs Prozent pro Jahr zwischen 2019 und 2025 wäre ebenso so groß wie das, welches im Durchschnitt der Jahre 2000 bis 2008 erreicht worden war, als der Wirtschaftsaufschwung nach der Transformationsrezession auf Sonderbedingungen (freie Kapazitäten, Ölboom) basiert hatte. Nachdem dieses Aufschwungspotential erschöpft ist, verbleibt als Wachstumsimpuls für die Privatwirtschaft vor allem die Verbesserung der Funktionsweise der staatlichen Institutionen, darunter vor allem des Rechtssystems, was aber nur schrittweise gelingen wird.

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