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Das Ende der Hegemonie: Russlands Einflussverlust im postsowjetischen Raum | Kriege und Konflikte | bpb.de

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Das Ende der Hegemonie: Russlands Einflussverlust im postsowjetischen Raum

Stefan Meister

/ 10 Minuten zu lesen

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine verändert die Machtbalance in der postsowjetischen Region. Russland verliert zunehmend an Einfluss auf Kosten der Länder der Regionen sowie externer Mächte und Staatenbündnisse.

Treffen der Europäischen Politischen Gemeinschaft Anfang Mai 2026 in Jerewan. (© picture-alliance, Anadolu)

Russland verliert zunehmend an Einfluss in seinen postsowjetischen Nachbarstaaten, weil seine verfügbaren militärischen und finanziellen Ressourcen weitgehend vom Krieg gegen die Ukraine (seit Februar 2022) absorbiert werden. Gleichzeitig sind für Moskau gute Beziehungen zu diesen Ländern noch wichtiger geworden. So ist die russische Wirtschaft für die Umgehung der westlichen Sanktionen auf die Unterstützung der Nachbarländer angewiesen, allen voran der Staaten der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU). Wichtige Handelsrouten zu Partnern im Nahen Osten und in Asien führen durch den Südkaukasus und Zentralasien.

Das veränderte Kräfteverhältnis Russlands zu den postsowjetischen Staaten beschleunigt seinen Niedergang als Regionalmacht in seinem historischen Interessenbereich Osteuropa, Südkaukasus und Zentralasien. Seine Einflussmöglichkeiten als dominanter Akteur und Nachfolgestaat der Sowjetunion nehmen weiter ab. Damit droht zugleich ein wichtiger Baustein seines Status als globale Macht verloren zu gehen. Die russischen Eliten definieren die globale Rolle ihres Landes über den Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, seine Position als Nuklearmacht sowie nicht zuletzt über seine Rolle als Regionalmacht im postsowjetischen Raum.

Während Russland seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 in seinem „nahen Ausland“ aus Sicht einiger Staaten auch Stabilität und Sicherheit zur Verfügung gestellt hat, ist es mit dem Krieg gegen die Ukraine für seine Nachbarstaaten zu einem sicherheitspolitischen Risikofaktor geworden. Auch für die Nutzung von innerstaatlichen und regionalen Konflikten als Instrumente politischer und militärischer Einflussnahme hat Moskau immer weniger verfügbare Ressourcen. Moskau vermeidet es im Moment sogar, in andere Konflikte in der postsowjetischen Region hineingezogen zu werden. Das verbessert die Position der postsowjetischen Staaten, um niedrigere Energiepreise auszuhandeln, alternative Partnerschaften mit anderen Staaten zu entwickeln und so die Abhängigkeit und den Einfluss von Russland auszubalancieren.

In Osteuropa, dem Südkaukasus und Zentralasien entstehen neue regionale Ordnungen, in denen Russland keine dominante Position mehr einnimmt. Stattdessen gewinnen für die Staaten der Region die direkten Nachbarstaaten sowie die Beziehungen zu anderen Staaten zunehmend an Bedeutung. In Folge der verstärkten intraregionalen Kooperation und Regionalisierung verliert Russland seine Position als regionaler Hegemon und muss zunehmend mit der Türkei, China, Iran, arabischen Staaten, den USA und der EU um Einfluss konkurrieren.

Osteuropa

Eine Ausnahme vom allgemeinen Trend ist Interner Link: Belarus. Die autokratische Führung des an die baltischen Staaten und Polen grenzenden Landes hat unter dem Langzeitpräsidenten, Alexander Lukaschenko, entschieden, Russland im Krieg gegen die Ukraine zu unterstützen. Aufgrund von Sanktionen der EU und anderer Staaten ist das Land weitgehend isoliert und noch abhängiger von Russland geworden. Es findet eine verstärkte wirtschaftliche und sicherheitspolitische Integration mit Russland im Rahmen eines gemeinsamen „Unionsstaates“ statt.

Dagegen setzen die Ukraine und Moldau auf einen zeitnahen Beitritt zur EU. Beide Länder haben im Juni 2022 den Status eines Beitrittskandidaten erhalten. Durch die diskutierte beschleunigte Integration könnten sich Geschwindigkeit und Architektur des Beitrittsprozesses verändern. Um Frieden, Sicherheit, nachhaltiges Wachstum und Umweltschutz in der Region zu fördern, hat die EU 2025 eine Schwarzmeerstrategie beschlossen, die stark auf Konnektivität und eine enge Zusammenarbeit mit den Anrainerstaaten setzt. Neben der Ukraine und Moldau strebt die EU mit weiteren Ländern der Region engere Beziehungen in den Bereichen Handel, Transit, Energie, Digitales sowie menschlicher Austausch an.

Russland hat zwar die Krim und Teile der Ostukraine besetzt und rückt militärisch im Osten der Ukraine langsam vor. Es hat jedoch dauerhaft die Ukraine als Partner verloren, die Konsolidierung der ukrainischen Identität findet gegen Russland statt, was auch für die bisher russischsprachigen Teile im Süden und Osten des Landes gilt. In Moldau haben die proeuropäischen Kräfte das zweite Mal die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2024/25 gewonnen. Der Beitritt zur EU wurde nach einem knapp gewonnen Referendum in die Verfassung geschrieben. Auch die abtrünnige Region Transnistrien wendet sich, u. a. angestoßen durch die komplette Unterbrechung der russischen Gaslieferungen im Januar 2025, zunehmend von Moskau ab. Eine Reintegration der Region mit Interner Link: Moldau wird immer offener diskutiert. Ökonomisch kooperieren Tiraspol und Chişinău bereits verstärkt, und die EU ist für die abtrünnige Region zum wichtigsten Markt geworden.

Südkaukasus

Im Südkaukasus erfolgt eine grundlegende Verschiebung der regionalen Mächtebalance zu Ungunsten Russlands. Nachdem Aserbaidschan v.a. mit türkischer Unterstützung den zweiten Bergkarabach-Krieg gegen Armenien 2020 gewonnen hatte, gelang es Moskau zwar noch, den Konflikt durch Verhandlungen und die Stationierung von knapp 2.000 international nicht anerkannten Friedenstruppen in der umstrittenen Region zu beenden. Doch das hat Baku nicht daran gehindert, die in Interner Link: Bergkarabach lebenden Armenier im Herbst 2023 gewaltsam zu vertreiben und die vollständige Kontrolle über das Territorium zu übernehmen.

Russland konnte oder wollte sich dem nicht widersetzen und hat inzwischen vorzeitig seine Friedenstruppen aus der Region abgezogen. Armenien und Aserbaidschan haben seitdem ein Friedensabkommen ohne russische Vermittlung ausgehandelt, das kurz vor der Unterzeichnung steht. Eine Beendigung des Konflikts zwischen beiden Staaten und eine Lösung der Auseinandersetzung um Bergkarabach verringert Russlands Einflussmöglichkeiten auf die beiden südkaukasischen Länder. Vor allem die Türkei wird nach der massiven militärischen Unterstützung für Aserbaidschan im zweiten Bergkarabach-Krieg im Rahmen der engen sicherheitspolitischen Zusammenarbeit mit Baku und durch die Schaffung neuer Handelsrouten zu einem noch wichtigeren Akteur in der Region.

Aserbaidschan sieht sich selbst als die zentrale regionale Macht im Südkaukasus, die die entstehende regionale Ordnung maßgeblich bestimmt. Es nimmt dabei kaum noch Rücksicht auf Russland, wie eine Eskalation zwischen beiden Ländern nach dem versehentlichen Abschuss eines aserbaidschanischen Passagierflugzeugs durch russische Abwehrsysteme im Oktober 2025 zeigt. Beide Länder haben sich danach gegenseitig mit Sanktionen und harscher Rhetorik überzogen, wobei Russland im Moment Aserbaidschan mehr zu brauchen scheint als umgekehrt. Das Land ist wichtig für den russischen Transit und Handel Richtung Iran und auf der Nord-Süd-Route in Richtung Indischer Ozean.

Auch die EU und die USA engagieren sich verstärkt im Südkaukasus. Für die EU gewinnt der Südkaukasus als alternative Handelsroute nach Zentralasien und Asien gegenüber der nördlichen Route über Russland an Bedeutung. Die USA konnten im Konflikt über diese Transitroute zwischen Baku und Jerewan eine Lösung vermitteln. Die sogenannte Trump Route for International Peace and Prosperity (TRIPP) verläuft über das südliche Territorium Armeniens und verbindet Aserbaidschan mit seiner Exklave Nachitschewan. Das macht Washington de facto zu einem Garanten für das mögliche Friedensabkommen. Auch hier spielt Moskau keine Rolle mehr und verliert weiterhin Einfluss an den Gegner USA.

Armenien, dass traditionell Russland als Schutzmacht betrachtet hat, wendet sich zunehmend von Moskau ab, nachdem es keinerlei militärische Unterstützung im zweiten Bergkarabach-Krieg sowie bei der Verhinderung der Vertreibung der Karabach-Armenier erhalten hatte. Jerewan nähert sich verstärkt der EU an, strebt ein Visaabkommen und eine stärkere Integration mit Brüssel an. Jüngste Beispiele dafür waren die Ausrichtung des Treffens der Europäischen Politischen Gemeinschaft und des ersten EU-Armenien-Gipfels Anfang Mai 2026 Interner Link: in der armenischen Hauptstadt Eriwan.

Auch im Südkaukasus gibt es eine Ausnahme von der Regel des Einflussverlustes Russlands: Georgien. Das über zwei Jahrzehnte prowestlich orientierte Land hat sich bereits im Vorfeld des russischen Krieges gegen die Ukraine unter der Führung der seit 2012 regierenden Partei „Georgischer Traum“ schrittweise von der EU entfernt und Russland angenähert. Doch das hat weniger mit russischer Einflusspolitik zu tun als vielmehr mit der Einschätzung des Oligarchen und Gründers des „Georgischen Traums“, Bidzina Iwanischwili, dass eine EU-Integration seine Macht, seine persönliche Sicherheit und Pfründe schmälern würde. Er setzt daher im Innern auf einen harten antidemokratischen und autoritären Kurs und nach außen auf eine Distanzierung gegenüber der EU und eine Politik der Interner Link: Annäherung und Absicherung gegenüber Russland.

Iwanischwili hat keine direkten Interessen in den beiden abtrünnigen georgischen Regionen Abchasien und Südossetien, was die russische Führung durch den Ausbau von Kontrolle und eine schleichende Integration ausnutzt. Für die Menschen in beiden Regionen verfestigt sich dadurch eine doppelte Isolation, da sie mit ihrem lokalen Pass nicht reisen können und auch mit dem russischen Pass kaum noch Visa nach Europa bekommen. Russland nutzt die aktuelle Situation u.a., um die politischen Eliten in Abchasien noch stärker unter seine Kontrolle zu bringen, die Eigentumsverhältnisse für russische Investoren zu verändern und die Anbindung der abchasischen Infrastruktur (Eisenbahn, Häfen, Flughafen) an Russland voranzutreiben.

Zentralasien

Auch die Länder Zentralasiens haben ihre Handlungsfähigkeit und Verhandlungsposition gegenüber Russland im Kontext des Krieges gegen die Ukraine verbessert. Vor allem die Mitgliedsstaaten der von Russland gegründeten und dominierten Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) (Kirgistan, Kasachstan und Tadschikistan) sind wichtige Umschlagplätze für den Reexport von Waren nach Russland und zur Umgehung von Sanktionen. Handel und Transit nach China und Asien ist für Russland noch wichtiger geworden und läuft über diese Region. Gleichzeitig ist das Interesse anderer Akteure, wie der EU, den USA und arabischen Staaten, an den Ländern der Region gewachsen. Dies gilt insbesondere für Ressourcen, wie seltene Erden, Uran, Metalle, Öl und Gas, aber auch für Handelsrouten über die Region.

Das veränderte Selbstbewusstsein dieser Staaten gegenüber Moskau zeigt sich u.a. darin, dass auf Gipfeltreffen mit dem russischen Präsidenten zum Teil nicht mehr Russisch, sondern in den nationalen Sprachen gesprochen wird. Auch hat die Abstimmung zwischen den fünf Staaten zu regionalen Fragen seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine weiter zugenommen. Es gibt verstärkte Bemühungen, die intraregionale Konnektivität zu verbessern und Grenzkonflikte zu lösen. So hat beispielsweise Usbekistan mit der Vermittlung zwischen Konfliktparteien in Zentralasien zur Befriedung regionaler Konflikte beigetragen, die in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder aufgeflammt waren. Mit der Khujand-Deklaration 2025 wurde der Grenzkonflikt zwischen Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan im Fergana Tal gelöst. 2022 hatte es noch einen brutalen Konflikt an der kirgisisch-tadschikischen Grenze mit massivem Einsatz von Militär und vielen Toten gegeben. Inzwischen setzen die Konfliktparteien auf Kooperation, was zu einem dauerhaften Frieden führen könnte.

Das veränderte geopolitische Umfeld mit einer wachsenden Instabilität führt dazu, dass die zentralasiatischen Staaten das Interesse haben, Risiken zu reduzieren und bei Konflikten eher bereit sind, Kompromisse zu einzugehen. Externe Akteure, allen voran Russland, aber auch China, sollen so weniger Möglichkeiten haben, intraregionale Konflikte zu nutzen, um Einfluss auszuüben. Sicher gibt es Grenzen der regionalen Kooperation und vor allem Integration, da kein autoritäres Land Souveränität abgeben möchte. Aber Pragmatismus und die Bereitschaft zu Kooperation zwischen den fünf zentralasiatischen Staaten haben seit 2022 merklich zugenommen. Dazu gehören auch Versuche, mit Afghanistan u.a. in den Bereichen Transit, Handel und Sicherheit zu kooperieren.

Ausblick und globaler Kontext

Mit Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine und der Wiederwahl von Donald Trump als US-Präsident endet die kooperative multilaterale Ordnung. Wir beobachten in der postsowjetischen Region, dass Russland durch seinen Krieg gegen die Ukraine geschwächt wird. Moskau musste teilweise seine Truppen aus den Militärbasen in Abchasien, Südossetien, Armenien und Tadschikistan abziehen und zur Verstärkung in die Ukraine verlegen. Aufgrund seiner geschwächten Position vermeidet es Russland im Moment, in jegliche Konflikte weltweit hineingezogen zu werden; das gilt auch für die postsowjetischen Regionen.

Als Reaktion intensivieren die Staaten ihre Abstimmung und Kooperation in allen drei postsowjetischen Regionen. Gleichzeitig wächst das Engagement von externen Akteuren, wie die Türkei, China und die USA, die um Macht und Einfluss konkurrieren. In der Folge verlieren multilaterale Institutionen, wie die Vereinten Nationen und die OSZE, ihre Position bei der Bearbeitung der Konflikte in den postsowjetischen Regionen. Beispielsweise hat die Minsk-Gruppe für den Bergkarabach-Konflikt bei den Friedensverhandlungen zwischen Armenien und Aserbaidschan am Ende keine Rolle mehr gespielt und wurde aufgelöst.

Als alternative Formate gewinnen sogenannte transaktionale Verhandlungsmechanismen an Bedeutung, bei denen zeitweise Kooperationen auf der Grundlage ausschließlich von Interessen und nicht gemeinsamen Werten zu Stande kommen. Dabei setzen sich nicht immer die großen Staaten durch, sondern zunehmend auch mittlere Staaten, wie Aserbaidschan und Usbekistan, die Ressourcen haben und eine starke Führung mit dem Willen, Risiken einzugehen. Ein Beispiel für die Verschiebung von der Macht des Rechts zur Macht des Stärkeren ist das erfolgreiche Vorgehen Aserbaidschans im Bergkarabach-Konflikt. Auch im Ukraine-Krieg setzt Moskau darauf, als militärisch und wirtschaftlich stärkere Macht Kiew in künftigen Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen zum Verzicht auf die beanspruchten ukrainischen Gebiete zwingen zu können.

Russland ist nicht mehr der unbestrittene regionale Hegemon, weil es über immer weniger Ressourcen zur Machtprojektion verfügt. Doch trotz des offenkundigen Verlusts an Macht, Glaubwürdigkeit und Ansehen verfügt Russland weiterhin über Möglichkeiten und Instrumente der Einflussnahme in den postsowjetischen Staaten und Regionen. Neben den Militärbasen in der Region und den wirtschaftlichen und energiepolitischen Abhängigkeiten der kleineren Staaten sind das vor allem formelle und informelle Netzwerke, im Ausland aktive russische Medien sowie Techniken der Desinformation und Wahlbeeinflussung. Russland ist auch ein autoritärer Normsetzer bei der Kontrolle des Internets, der Zivilgesellschaft und unabhängiger Medien.

Weitere Inhalte

Dr. Stefan Meister leitete das Zentrum für Ordnung und Regierungsführung in Osteuropa, Russland und Zentralasien der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin. Davor war er Regionaldirektor Südkaukasus der Heinrich Böll Stiftung. Meister war mehrfach Wahlbeobachter für die OSZE und EU in postsowjetischen Staaten.