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Die russische Politik im Umgang mit innerstaatlichen und regionalen Konflikten | Kriege und Konflikte | bpb.de

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Die russische Politik im Umgang mit innerstaatlichen und regionalen Konflikten Konfliktmanagement als Großmachtprojekt

Liana Fix Leslie Schübel

/ 13 Minuten zu lesen

Russland nutzt innerstaatliche und regionale Konflikte gezielt zur Absicherung seines imperialen Großmachtanspruchs – primär mit militärischen und hybriden Mitteln. Die strukturellen Ursachen der Konflikte sowie Völkerrechts- und Menschenrechtsstandards bleiben dabei weitgehend unberücksichtigt.

Russische Soldaten auf einem gepanzerten Fahrzeug in Aleppo/Syrien, 23.12.2016. (© picture-alliance/dpa, TASS)

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde Russlands Politik gegenüber innerstaatlichen Konflikten vor allem durch die Erfahrungen mit zahlreichen Sezessionskonflikten im postsowjetischen Raum geprägt. Nach einer kurzen Phase der Orientierungslosigkeit und des Rückzugs beanspruchte Russland in seiner unmittelbaren Nachbarschaft zunehmend die Rolle als hegemoniale Ordnungsmacht und als Friedens- und Stabilitätsgarant.

Dreh- und Angelpunkt der Politik Moskaus gegenüber innenstaatlichen Konflikten im postsowjetischen Raum ist bis heute das imperiale Selbstverständnis, wonach Russland als „regionaler Vormacht“ ein Recht auf Intervention in die inneren Angelegenheiten seiner Nachbarstaaten zusteht. Friedenssicherung und Großmachtpolitik sind dabei zwei Seiten einer Medaille. Trotz vereinzelter konstruktiver Ansätze der Kooperation mit der UNO und der OSZE dominiert ein machtpolitisches und militärisches Verständnis von Friedensschaffung, -sicherung und Konfliktmanagement, das auf die einseitige Durchsetzung russischer Interessen und Einflussgewinn in der Konfliktregion ausgerichtet ist und sich seit der großangelegten Invasion gegen die gesamte Ukraine im Februar 2022 weiter verstärkt hat. Das strategische Ziel bleibt dabei konstant: institutionellen Einfluss bewahren, ohne sich den normativen Verpflichtungen internationaler Organisationen zu unterwerfen.

Die Angst vor dem Verlust traditioneller Einflusssphären

In den 1990er Jahren rückten die jugoslawischen Nachfolgekriege und insbesondere das Eingreifen der NATO zunehmend auch innerstaatliche Konflikte außerhalb des postsowjetischen Raumes in den Fokus der russischen Politik. Die Debatte über humanitäre Interventionen führte seit Anfang der 2000er zu einer Neuausrichtung. Primär ging es nun darum, die Marginalisierung des eigenen Status‘ und Einflusses im westlichen Balkan und im Kontext der gesamteuropäischen Friedens- und Sicherheitspolitik zu verhindern.

Die russische Führung räumt der Wahrung der staatlichen Souveränität und der territorialen Integrität der Konfliktländer ausdrücklich Vorrang gegenüber humanitären Interventionen zur Verhinderung von Menschenrechtsverbrechen und Gewaltanwendungen gegen die Zivilbevölkerung ein. Außerdem betonte Russland die Notwendigkeit eines Mandats des UN-Sicherheitsrates für humanitäre Interventionen – wohlwissend, dass es mit seinem Vetorecht jederzeit unliebsame Initiativen verhindern kann.

Dieses Prinzip steht jedoch in einem grundlegenden Widerspruch zu Russlands eigenem Handeln: So begründet Moskau seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine unter anderem mit der humanitären Notwendigkeit, einen angeblichen „Genozid an der russischsprachigen Bevölkerung“ im Donbas zu verhindern, also mit jener Interventionslogik, die es in anderen Kontexten stets als Verletzung staatlicher Souveränität abgelehnt hat. Die humanitäre Begründung fungiert damit nicht als normativer Rahmen, sondern als selektiv einsetzbare Legitimation machtpolitischer Interessen.

Neubegründung des russischen Weltmachtanspruchs

Angesichts der Verschlechterung der Beziehungen zwischen Russland und dem Westen seit Mitte der 2000er Jahre und der „Farbenrevolutionen“ in mehreren Staaten des postsowjetischen Raums nutzte Russland die innerstaatlichen Konflikte in seiner unmittelbaren Nachbarschaft immer rücksichtloser zur Wahrung und Durchsetzung seiner Interessen. So beschränkten sich die russischen Streitkräfte 2008 im Georgien-Krieg nicht darauf, den georgischen Angriff auf das abtrünnige Südossetien zurückzuschlagen, sondern besetzten georgisches Territorium und zerstörten große Teile der Infrastruktur.

Seit den 2010er Jahren ist eine Tendenz russischer Machtprojektion in andere Weltregionen zu beobachten. Russland baut seine diplomatische, wirtschaftliche und militärische Präsenz im Nahen und Mittleren Osten, in Afrika sowie in Lateinamerika aus. Dahinter steht ein übergeordneter Gestaltungsanspruch: Russland versteht sich als unverzichtbare Großmacht in einer multipolaren Weltordnung und fordert in nahezu allen weltpolitisch relevanten Konflikten eine aktive Rolle als Vermittler, Ordnungsfaktor und Vetospieler.

Autoritäres Konfliktmanagement – Interessenslage und Strategie Russlands

Das russische Vorgehen steht in einem offenkundigen Widerspruch zu den im UN-Rahmen entwickelten Normen, Standards und Praktiken des Krisen- und Konfliktmanagements. Moskau praktiziert vielmehr einen Ansatz, der von Experten als „zwingende Mediation“ (coercive mediation) oder autoritäres Konfliktmanagement beschrieben wird. Im Gegensatz zu liberalen Ansätzen der Konfliktlösung, die auf eine neutrale Mediation sowie auf von allen Seiten akzeptierte Friedensgespräche und Kompromisse setzen, sind Verhandlungen in einem autoritären Konfliktmanagement ein hierarchischer, machtpolitischer Prozess, bei dem die stärkere Partei eine Friedensregelung durchsetzt, oft auch unter Anwendung militärischer Gewalt. Die Ursachen des Konflikts sowie Kosten, Folgen und Nachhaltigkeit einer solchen zwangsbewehrten Konfliktbearbeitung bleiben dabei weitgehend unberücksichtigt.

Auch im Ukraine-Krieg folgt Russlands Verhalten seit 2022 einer Strategie maximaler Intransparenz und demonstrativer Stärke: Moskau setzt auf inoffizielle Mittler statt auf klassische Diplomatie und versucht, Kiew und seine Unterstützerstaaten zur Offenlegung ihrer Konzessionen zu bewegen, ohne selbst konkrete Ziele und Positionen preiszugeben. Am Verhandlungstisch pokert Russland auf maximalen Gewinn: Es hält an seinen Positionen fest und kalkuliert, dass die Zeit auf seiner Seite ist. Die öffentliche Kommunikation und Verhandlungen werden so nicht zur Konfliktlösung genutzt, sondern als Fortsetzung des Machtkampfes mit anderen Mitteln.

In internationalen Konflikten reicht das Spektrum der Machtmittel zur Durchsetzung der Interessen und Ziele der von Russland unterstützten Konfliktpartei(en) von direkter militärischer Gewalt und hybrider Kriegsführung über Verhandlungen und wirtschaftliche Maßnahmen (Hilfeleistungen oder Sanktionen) bis hin zur Gewährung oder Verweigerung humanitärer Hilfe. Zum machtpolitischen Instrumentenkasten gehört auch die Auslegung des Völkerrechts gemäß den russischen Interessen. Konfliktlösung wird hier nicht als gesellschaftliche Transformation verstanden, sondern als Unterstützung russlandfreundlicher Konfliktparteien. Waffenstillstände oder die Eindämmung der Kampfhandlungen sind kein Ziel an sich. Sie werden nur dann angestrebt, wenn sie Moskau oder der von Moskau unterstützten (autoritären) Regierung bzw. Konfliktpartei nützen.

Ein wichtiger Eckpfeiler zur Stärkung des russischen Einflusses ist die Involvierung regionaler Mächte und ihrer Stellvertreter in die Konflikte. Ziel ist die Etablierung eines an den russischen Interessen ausgerichteten regionalen Konsenses. Dabei werden gezielt westliche Akteure und Vermittlungsformate diskreditiert und ins Abseits gestellt und durch eigene Formate ersetzt. Das Ergebnis ist ein „illiberaler Frieden“. Die Kampfhandlungen werden zwar reduziert oder beendet, aber die tieferliegenden Ursachen werden nicht adressiert. Da die Konflikte lediglich unterdrückt werden, kommt es zu keiner nachhaltigen Konfliktlösung. Deshalb bleibt das Risiko eines Wiederaufflammens der Gewalt sehr hoch.

Zu den zentralen Instrumenten der Einflussnahme auf innerstaatliche Konflikte gehört auch die Mitgliedschaft Russlands im UN-Sicherheitsrat. Hier nutzt Russland seine Veto-Macht, um die Verurteilung seiner eigenen Politik sowie von Menschenrechtsverletzungen autoritärer Regime zu verhindern. So legte Russland am 25. Februar 2022 als einziges Ratsmitglied sein Veto gegen einen Resolutionsentwurf ein, der seinen Angriff auf die Ukraine verurteilte und den sofortigen Truppenrückzug forderte. Die UN-Generalversammlung reagierte mit Notstandssitzungen und verabschiedete im März 2022 eine Verurteilungsresolution mit 141 Ja-Stimmen. Eine entsprechende Resolution zum dritten Jahrestag der Invasion erhielt nur noch 93 Ja-Stimmen. Zudem blockiert Moskau, meist gemeinsam mit der VR China, Beschlüsse über humanitäre Interventionen zur Befriedung innerstaatlicher Konflikte. So entsteht im UN-Sicherheitsrat immer häufiger eine Blockade, die effektive Lösungsschritte und ein wirksames Handeln gegenüber autoritären Regimen verhindert. All das zeigt, wie wirksam die Obstruktionspolitik Russlands und seiner Verbündeten innerhalb der UNO ist.

Die russische Politik – Hintergründe und Beispiele

Die Aggression gegen die Ukraine hat Russlands Fähigkeit zur globalen Machtprojektion insgesamt geschwächt: Ressourcenbindung sowie Reputations- und Machtverlust haben den Handlungsspielraum Moskaus in anderen Konfliktregionen erheblich eingeschränkt. Die verstärkte Kooperation mit China, Iran und Nordkorea liefert zwar zusätzliche Kapazitäten, zwingt Moskau aber zugleich, auf deren Interessen Rücksicht zu nehmen und schafft Abhängigkeiten. Zugleich versucht Russland, diese Schwäche durch verstärkte Präsenz im Globalen Süden – insbesondere in Afrika – zu kompensieren und seinen Status als alternative Ordnungsmacht gegenüber dem Westen zu behaupten.

Im Israel-Gaza-Krieg seit Oktober 2023 hat Moskau seine langjährigen Kontakte zur Hamas reaktiviert, Israel öffentlich kritisiert und den Konflikt gezielt genutzt, um sich gegenüber dem Globalen Süden als antikoloniale Gegenmacht zum Westen zu inszenieren , ohne allerdings substanzielle Vermittlungsleistungen zu erbringen. Dieses Muster setzt sich in anderen Konflikten fort. Im Kaschmir-Konflikt verfolgte Moskau nach dem Anschlag in Pahalgam im Mai 2025 eine bewusste Neutralitätsstrategie: Russland verurteilte den Anschlag, bot sich als Vermittler an, vermied ansonsten jedoch jede explizite Unterstützung für Indiens militärische Reaktion bzw. Kritik an Pakistan – ein Balanceakt, der Russlands Bemühen widerspiegelt, die wachsende Beziehungen zu beiden Ländern nicht zu gefährden.

Auch im Iran-Krieg seit Februar 2026 verfolgt Moskau eine Strategie kalkulierter Absicherung, auch „strategic hedging“ genannt: Russland verurteilte die US-israelischen Angriffe scharf als „unprovozierte Aggression", entsandte jedoch weder Truppen, noch leistete es Iran direkte militärische Hilfe – zu groß ist die Sorge, die Verhandlungsbeziehung zur Trump-Administration bezüglich der Ukraine zu zu gefährden. Gleichzeitig profitiert Russland indirekt erheblich: hohe Ölpreise steigern die Staatseinnahmen, während die USA Ressourcen vom Ukraine-Krieg abziehen.

Der Mangel an Nachhaltigkeit der russischen Strategie wird insbesondere am Beispiel des Syrien-Krieges deutlich. Die russische Unterstützung für Präsident Assad und die Etablierung des Astana-Gesprächsformats hatten die UNO sowie westliche Akteure an den Rand gedrängt. Nach dem Sturz Assads im Dezember 2024 konnte Moskau seine Militärbasen in Syrien zunächst sichern. Dazu gehören der Luftwaffenstützpunkt Hmeimim und der Marinestützpunkt Tartus, der Russland den Zugang zum Mittelmeer und eine logistische Drehscheibe für seine Afrikaoperationen sichert. Da deren langfristiger Verbleib ungewiss ist, strebt Moskau eine Verlagerung nach Libyen an. Ob dies angesichts der tiefen innenpolitischen Spaltungen in Libyen gelingt, ist jedoch keineswegs sicher.

Libyen ist heute Teil einer breiteren russischen Afrikastrategie mit dem Schwerpunkt subsaharisches Afrika. Die Ausweitung des russischen Einflusses in Afrika bringt Russland bei niedrigen Kosten und überschaubarem Risiko einen erheblichen strategischen Ertrag in Form von Rohstoffzugang, Möglichkeiten der Sanktionsumgehung sowie der Unterstützung der russischen Politik durch ein entsprechendes Stimmverhalten in der UNO und anderen internationalen Organisationen.

Das wichtigste Instrument ist das „Africa Corps“, d.h. die dem russischen Verteidigungsministerium unterstellte Nachfolgeorganisation der Wagner-Gruppe. Sie ist heute in sieben afrikanischen Staaten präsent: Mali, Burkina Faso, Niger, Äquatorialguinea, Sudan, Zentralafrikanische Republik und Libyen. Neben militärischen Aufgaben, wie Ausbildung, Kampfunterstützung, Personenschutz, Aufbau von Militärstützpunkten und Absicherung von Minen, steuert die Gruppe u.a. auch Desinformationskampagnen, um anti-westliche (insbesondere anti-französische und anti-amerikanische) Stimmungen in der Bevölkerung zu schüren.

In Venezuela haben Ressourcenbindung durch den Ukraine-Krieg und wirtschaftliche Zwänge die russische Handlungsfähigkeit deutlich begrenzt und auch der US-geführte Sturz Maduros im Januar 2026 offenbarte die Grenzen der russischen Schutzmacht: Moskau war weder willens noch in der Lage, seinen langjährigen Verbündeten zu verteidigen, und erlitt damit nach dem Assad-Sturz 2024 einen weiteren schweren Glaubwürdigkeitsverlust als verlässliche Schutzmacht.

Der Preis der russischen Politik

Die Anstrengungen Russlands zur Sicherung des eigenen Einflusses fordern ihren Preis. Russland ist mit einem BIP von rund 2,17 Billionen US-Dollar eine mittelgroße Volkswirtschaft (2024: Platz 11 zwischen Kanada und Südkorea), trägt aber die Kriegslasten einer Großmacht. Gegenüber der russischen Gesellschaft und im globalen Informationsraum sind immer mehr Anstrengungen erforderlich, um die eigene Bevölkerung von der Notwendigkeit eines weltweiten politischen und militärischen Engagements zu überzeugen und dem realen Einflussverlust im postsowjetischen Raum entgegenzuwirken, der sich in wachsenden antirussischen Stimmungen in den Nachbarländern widerspiegelt.

Die Kosten-Nutzen-Relation der russischen Außen- und Einflusspolitik steht nicht erst seit den Angriffskrieg gegen die Ukraine unter Druck. Die Praxis, Konflikte am Köcheln zu halten oder lediglich mit illiberalen und repressiven Mitteln zu managen, erfordert einen ständigen Ressourceneinsatz. Nachhaltige Friedensprozesse werden so eher verhindert als gefördert. Verschärft wird dieser Druck durch die Konkurrenz mit anderen Mächten wie der Türkei, dem Iran und China. Besonders die wachsende Abhängigkeit von Peking wiegt schwer: Da Russland mit Europa seinen wichtigsten Energieabsatzmarkt verloren hat, nutzt Peking diese Asymmetrie und kauft russische Energie zu Vorzugspreisen. Zugleich ist Russland auf China als Abnehmer, Technologielieferant und Handelspartner angewiesen, wodurch dessen struktureller Einfluss auf die russische Wirtschaft schnell wächst.

Nicht zuletzt führt die russische Politik zur Schwächung multilateraler Institutionen auf globaler und regionaler Ebene (z.B. UNO, Afrikanische Union, OSZE). Damit hat Moskau über Jahre dazu beigetragen, dass die regelbasierte internationale Ordnung heute immer mehr an Autorität und Prägekraft verliert. Unter dem Schlagwort der „Multipolarität" propagiert Russland eine alternative Weltordnung, die westliche Normen und Institutionen delegitimieren soll, um freie Hand für seine in hohem Maße auf Desinformation, Zwang und Gewalt gestützte Politik zu bekommen.

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Liana Fix ist Historikerin und Politikwissenschaftlerin mit den Schwerpunkten europäische Sicherheit, transatlantische Beziehungen sowie russische Außen- und Osteuropapolitik. Sie ist Senior Fellow für Europa beim Council on Foreign Relations (CFR) in Washington, D.C., und Adjunct Professor an der Georgetown University.



Leslie Schübel ist Politikwissenschaftlerin mit den Schwerpunkten russische Innen- und Außenpolitik sowie die Länder der Östlichen Partnerschaft. Sie ist Programmleiterin Internationale Politik der Körber-Stiftung in Berlin und leitet das Berliner Forum Außenpolitik und das Körber Policy Game.