Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen

Katharina Guth am 03.03.2017

"Medien extrem…": Tag der Medienkompetenz im Landtag Düsseldorf

Extrem radikal, extrem spielerisch oder extrem inklusiv: Heutige Medienphänomene bewegen sich zwischen Hass und Kreativität, Extremismus und Innovationen. Chancen und Risiken digitaler Angebote liegen eng beieinander. Was bedeutet das für die Förderung von Medienkompetenz? 
Damit beschäftigte sich der Tag der Medienkompetenz, der am 28.11.2016 im Landtag Nordrhein-Westfalen stattfand.

Bild der Slideshow vom Tag der MedienkompetenzGanz nach dem Motto "Medien extrem..." sind Medien bei der Veranstaltung überall zu sehen. (© G. Jorczyk / Grimme-Institut)

Durch den Tag führte der Journalist und zukünftige Tagesschau-Moderator Constantin Schreiber. Er erhielt für die Sendung "Marhaba – Ankommen in Deutschland", in der er auf Arabisch syrischen Geflüchteten den Alltag in Deutschland erklärt, einen Grimme-Preis und berichtete über seine Erfahrungen mit massiven Anfeindungen und extremen Hasskommentaren im Netz, die ihn oft unter Klarnamen geschrieben erreichten.

Diskussion: extreme Phänomene im Netz



Zu diesem Thema diskutierten anschließend Younes Al-Amayra, Melek Balgün und Richard Gutjahr. Younes Al-Amayra ist Islamwissenschaftler, YouTube ("Datteltäter") und arbeitet als Deradikalisierungstrainer mit Islamisten. Er ist der Meinung, dass der muslimischen Community eine Plattform gegeben werden muss, damit sie gehört werde. Hierbei und auch in seiner Arbeit mit radikalisierten Jugendlichen setze er allerdings nicht vollständig auf digitale Angebote. Ihm ist eine Kombination aus Online-Angeboten, die eine große Reichweite erzielen (können), und Offline-Angeboten, an die sich Jugendliche vor Ort direkt wenden können, wichtig. Im Internet soll vor allem auf die Angebote aufmerksam gemacht werden und erste Informationen gegeben werden, wirksam sei in der Arbeit mit radikalisierten Jugendlichen aber vor allem das persönliche Gespräch mit geschultem Personal.



Melek Balgün ist ehemalige Profi-Gamerin und arbeitet als E-Sports-Reporterin bei Events in der Computerspielszene. Sie berichtete, dass es früher sehr schwierig war, mit Computerspielen Geld zu verdienen. Die Branche erfahre aber derzeit einen Aufwind und Computerspieler könnten in Vollzeitstellen beschäftigt werden oder durch die Teilnahme an Turnieren hohe Gewinne erzielen. Zur Gefahr, dass Jugendliche durch das Internet gewalttätig werden, sagt sie: "Dass Muslime sich durch das Internet radikalisieren, ist genauso Unsinn, wie dass man durch Computerspiele zum Amokläufer wird. Dazu gehört viel mehr, vor allem die Lebensrealität offline."



Der Journalist Richard Gutjahr wurde im Sommer 2016 Ziel von Verschwörungstheorien, nachdem er zufällig bei den kurz aufeinander folgenden Terroranschlägen in Nizza und München vor Ort war und live berichtete. Er sieht das aktuell größte Problem darin, dass viele Menschen nicht unterscheiden können zwischen Wahrheit und Verschwörung. Diejenigen, die Unwahrheiten und Hass verbreiten wollen, hätten schnell gelernt, das Internet für ihre Zwecke zu nutzen. Um das Internet diesen Leuten nicht zu überlassen, sieht er vor allem die etablierten Medienanstalten in der Pflicht. Diese sollten ihre Art der Kommunikation an die neuen Begebenheiten in Social Media anpassen. Zum Ende des Gesprächs sind sich die Teilnehmenden einig: "Das Internet ist da und es liegt an uns, etwas daraus zu machen!"

Forum: "Gaming – extrem stylisch, extrem sportlich, extrem kommunikativ"



An diesem Forum nahmen teil: Melek Balgün, dieses Mal als Moderatorin, Cosplayerin Anissa Baddour (Anissa Cosplay), Linda Scholz von der Fachstelle für Jugendmedienkultur NRW, Gaming-Youtuber Christian Stachelhaus ("PietSmiet") und Dr. Friederike von Gross, Geschäftsführerin der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK). Zunächst stellte Linda Scholz Ergebnisse der aktuellen JIM-Studie vor: Knapp zwei Drittel der 12- bis 19-Jährigen spielen regelmäßig (täglich oder mehrmals pro Woche) Computerspiele. Durch diese und weitere Zahlen der Studie wird deutlich, dass es sich bei der Gaming-Szene nicht um eine Parallelwelt handelt, sondern dass Computerspielen in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Jugendliche wachsen heute selbstverständlich damit auf, trotzdem sind Computerspiele mit Klischees und Vorurteilen behaftet. Anissa Baddour kritisierte, dass es als völlig normal oder sogar erstrebenswert gelte, drei Stunden in ein Monopoly-Spiel zu versinken, dasselbe bei Computerspielen aber ein Problem darstelle. Den Grund dafür sieht Friederike von Gross darin, dass viele Leute, die mit Computerspielen nicht vertraut sind, ihnen zunächst ablehnend gegenüberstünden. Sie rät Eltern, sich von ihren Kindern erklären zu lassen, welche Spiele diese spielen und was sie daran fasziniert. Ihrer Erfahrung nach freuen sich Kinder und Jugendliche, wenn sich Erwachsene für ihr Hobby interessieren und erzählen bereitwillig davon. Auch Linda Scholz berichtet von vielen Anfragen besorgter Eltern, die nicht wissen, was ihr Kind da eigentlich macht, wenn es vor dem PC sitzt und ob es vielleicht süchtig nach Computerspielen sei. Diesen Eltern rät sie: "Sie haben den Experten zu Hause! Lassen Sie sich alles von ihm erklären und spielen Sie selbst mal eine Runde." Die Werkstatt der bpb hat im Rahmen von "Ausprobiert" die bpb-Veranstaltungsreihe "Eltern-LAN" getestet, bei der Eltern gemeinsam mit ihren Kindern Computerspiele ausprobieren können – mehr dazu finden Sie hier.

Spielen sei aus pädagogischer Sicht ein menschliches Bedürfnis. Auch Computerspiele seien generell zunächst nicht negativ zu bewerten, so Linda Scholz. Wichtig sei aber, die Altersempfehlung einzuhalten. Natürlich sei es möglich, durch digitale Spiele etwas zu lernen, oder Kinder damit spezifisch zu fördern. Eltern sollten aber akzeptieren, dass Kinder mit Computerspielen auch einfach mal Spaß haben und abschalten wollen.

LGBTI* in den Medien: Klischees und Vorurteile

Im folgenden Forum ging es um die medial erzeugten Bilder von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans* und Inter* sowie die Vorurteile, durch die diese geprägt sind. Zunächst gab es für die Teilnehmenden eine Aufgabe: Jeder sollte fünf Begriffe aufschreiben, die einem zu den Begriffen Schwul, Lesbisch, Trans und Heterosexuell als erstes ungefiltert in den Sinn kommen. Eine spannende Übung, um den eigenen Vorurteilen auf die Schliche zu kommen. Anschließend wurden von den Referentinnen Caroline Frank (Leiterin der Kampagne "anders und gleich") und Andrea Krieger (Sprecherin für Trans* bei SCHLAU NRW) wichtige Begriffe wie Heteronormativität, Inter- und Transgeschlechtlichkeit oder Cissexualität erläutert. Diese Definitionen können in der "Fibel der vielen kleinen Unterschiede – Begriffe zur sexuellen und geschlechtlichen Identität" der Kampagne "anders und gleich" nachgelesen werden. Wichtig ist Caroline Frank dabei, sich immer klar zu machen, dass es dabei um Menschen geht. "Wir müssen nicht überlegen, 'über was' wir sprechen, sondern 'über wen'".


Anhand von ausgewählten Medienberichten über LGBTI* zeigten die Referentinnen, welche Bilder durch diese transportiert werden. Sie stellten das Angebot des TransInterQueer e.V. vor, der eine Broschüre veröffentlicht hat, die sich an Journalisten richtet und in der aufgezeigt wird, warum bestimmte Begriffe problematisch sind und welche besser geeignet sind. Zu empfehlen sei außerdem die Broschüre "Schöner schreiben über Lesben und Schwule" des Bund lesbischer und schwuler JournalistInnen.

Ein weiteres Thema des Forums waren Angriffe auf Antidiskriminierungsprojekte für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, wie beispielsweise auch SCHLAU NRW sie vor kurzem erlebt hat. Diese würden meist auf falschen Fakten oder unhaltbaren Argumenten basieren und von rechtskonservativen Gruppierungen forciert werden. Als Verteidigungsstrategie helfe hier nur gezielte Dekonstruktion der falschen Aussagen, so die Referentinnen. Es sei normal, bestimmte Assoziationen und eventuell auch Vorurteile zu haben. Sie vollständig zu überwinden, sei fast unmöglich. Die Referentinnen plädierten aber dafür, die eigenen Bilder immer wieder kritisch zu hinterfragen, an der eigenen Sichtweise zu arbeiten und stets neue Bilder dazuzubekommen. 
Auch von der bpb gibt es hier passendes Material, zum Beispiel die Wandzeitung "Homophobie begegnen" – eine Hilfestellung für Demokratiearbeit vor Ort und den Video-Icon Infofilm "Homophobie begegnen".


Zusätzlich zu den Vorträgen, Diskussionen und Foren gab es in den Pausen und zum Schluss die Möglichkeit, sich an verschiedenen Ständen über Institutionen und Projekte zur Förderung von Medienkompetenz in NRW zu informieren. Hier konnte auch vieles ausprobiert werden, wie zum Beispiel ein 360Grad Film, ein Joystick aus Obst oder Handschuhe, mit denen Klavier gespielt werden kann. Eine Liste mit allen Ausstellern findet sich im Programmheft zum Tag der Medienkompetenz.


Der Tag der Medienkompetenz im Landtag NRW ist eine gemeinsame Veranstaltung des Landtags NRW und der Landesregierung, des Ministers für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien und Chef der Staatskanzlei NRW. Organisiert und durchgeführt wurde die Veranstaltung vom Grimme-Institut.

Maßnahmen der Landesregierung zur Förderung von Medienkompetenz:

Leitbild "Lernen im Digitalen Wandel"
Die Landesregierung NRW hat als Richtlinie zur Vermittlung von Medienkompetenz das Leitbild "Lernen im Digitalen Wandel" entwickelt. Es enthält Richtlinien für die Bildung in Zeiten der Digitalisierung und umfasst dabei sämtliche Bildungseinrichtungen von der Kita bis zur Hochschule, sowie die berufliche Aus- und Weiterbildung. Als übergreifende Ziele werden "Teilhabe am digitalen Leben", "Bildungsqualität", "Bildungsgerechtigkeit", "wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit" und "mehr Fachkräfte für den digitalen Wandel" genannt.

Medienpass NRW


Der Medienpass NRW enthält einen Kompetenzrahmen an Fähigkeiten, über die Kinder und Jugendliche ab einem bestimmten Alter verfügen sollten ("Bedienen und Anwenden", "Informieren und Recherchieren", "Kommunizieren und Kooperieren", "Produzieren und Präsentieren" sowie "Analysieren und Reflektieren"). Zusätzlich stellt der Lehrplankompass eine Verbindung zwischen dem Kompetenzrahmen und den bereits bestehenden Lehrplänen her. Lehrende können sich hier passendes Unterrichtsmaterial herunterladen sowie Hinweise und Unterstützung bei der Umsetzung bekommen. Ziel soll es sein, Medienkompetenz nicht innerhalb eines einzelnen Fachs oder einer Unterrichtsreihe zu fördern, sondern die Maßnahmen kontinuierlich im Fachunterricht und passend zu aktuellen Unterrichtsinhalten anzuwenden.

"Aktionen vor Ort"


Bei den sogenannten "Aktionen vor Ort" wurden alle Abgeordneten eingeladen, ausgewählte Bildungseinrichtungen ihres jeweiligen Wahlkreis zu besuchen und vor Ort zu erfahren, wie dort auf unterschiedliche Weise Medienkompetenz gefördert wird. Ziel der Aktion ist es, den Dialog zwischen den Einrichtungen und der Politik zu fördern. So besuchten Abgeordnete aller Parteien zum Beispiel Schulen, Medienzentren, Volkshochschulen oder Bibliotheken. Die Aktionen laufen noch bis Ende 2016. Die Politikerinnen und Politiker halten ihre Erfahrungen auf einem Blog fest.

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