Teilnehmer einer Demonstration verbrennen am 10.12.2017 eine selbst gemalte Fahne mit einem Davidstern in Berlin im Stadtteil Neukölln. Die geplante Verlegung der US-Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem sorgte auch in Berlin für Proteste. Bei den pro-palästinensischen Demonstrationen wurden Fahnen mit dem Davidstern angezündet.

23.11.2020 | Von:
Michael Höttemann

Sekundärer Antisemitismus

Antisemitismus nach Auschwitz

Der sekundäre Antisemitismus ist weder zweitrangig noch weniger problematisch als der traditionelle oder moderne Antisemitismus. Es handelt sich hierbei auch nicht allein um ein psychologisches Phänomen, wie das häufig verwendete Synonym "Schuldabwehrantisemitismus" nahelegt. Treffender ist es, ihn als Antisemitismus nach Auschwitz zu bezeichnen.

Das im August 2020 von Unbekannten beschädigte Mahnmal für die Außenstelle des NS-Konzentrationslagers Ravensbrück bei Barth. Zerbrochene Steinplatten liegen vor den beschädigten Gedenkplatten.Das im August 2020 von Unbekannten beschädigte Mahnmal für die Außenstelle des NS-Konzentrationslagers Ravensbrück bei Barth. (© picture-alliance/dpa, dpa-Zentralbild/Bernd Wüstneck)

Sekundär heißt bildungssprachlich "nach einem bestimmten Ereignis kommend". In diesem Sinne stellt der sekundäre Antisemitismus eine Familie von Antisemitismen dar, die sich: 1. nach Auschwitz aktualisiert und an neue gesellschaftliche Bedingungen angepasst haben, 2. darauf abzielen, die politischen und kulturellen Folgen der Aufarbeitung des nationalsozialistischen Judenmords auf antisemitische Weise zu neutralisieren sowie 3. dazu dienen, psychologische Ambivalenzen zu kaschieren, die aus einer gescheiterten individuellen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit resultieren. Eine Darstellung der vielfältigen Funktionen und Gestalten dieses Zusammenhangs setzt deshalb eine kurze Einführung zum Niedergang des nationalsozialistischen Antisemitismus und dessen Konsequenzen voraus.

Einführung

Die militärisch erzwungene Beendigung des in Auschwitz gipfelnden, eliminatorischen Antisemitismus ging – weltgesellschaftlich betrachtet – mit dessen Ächtung einher. Dies führte u. a. zur Verabschiedung der "Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes" durch die Vereinten Nationen. In Deutschland kam es zu Versuchen der Besatzungsmächte, die NS-Verbrechen juristisch aufzuarbeiten sowie durch politische und pädagogische Maßnahmen das Fortleben nationalsozialistischer Ideologie zu unterbinden.⁠ Diesen Versuchen stand jedoch das Ausmaß der Verstrickung der deutschen Bevölkerung in das judenfeindliche Verfolgungssystem, die Wirksamkeit ideologischer Prägung und die Bedeutung des Antisemitismus als psychologischen Kitt der Gesellschaft entgegen. Auch wenn deshalb der Reichweite dieser Strategien Grenzen gesetzt waren, so führten sie doch dazu, dass judenfeindliche Äußerungen nun eher in privaten oder halböffentlichen Zusammenhängen geäußert wurden. Zudem legten sie insbesondere in Westdeutschland das Fundament für die zukünftige Erarbeitung eines anti-antisemitischen Grundkonsenses, der sich zunächst in der Sphäre von Politik und Medien und – über den Verlauf von Jahrzehnten – auch in der Bevölkerung verbreitete bzw. private Sozialzusammenhänge unter Veränderungsdruck setzte. Als zunächst einmal ideeller (was aber auch bis heute bedeutet: oftmals nicht auch handlungswirksamer) gesamtgesellschaftlicher Konsens kann dieser nach wie vor als robust bezeichnet werden.

Die demokratische Übereinkunft, die Shoah institutionell gestützt zu erinnern, Entschädigungen zu leisten, den gegenwärtigen Antisemitismus aktiv zu bekämpfen und der nationalen Identifikation im Zusammenhang mit historischen und ideologischen Entstehungszusammenhängen des Antisemitismus praktisch Grenzen zu setzen, stellte sich allerdings nicht als Folge zwangloser Selbstreflexion her. Zwar etablierte sich die politische Norm, dass Antisemitismus- und Nationalismuskritik nicht ignoriert werden kann. Aber Fortschritte hinsichtlich der Entschädigung und Unterstützung jüdischer Opfer, der Stärkung öffentlicher Kritik antisemitischer Phänomene sowie der Etablierung einer Erinnerungskultur hatten immer schon mit gesellschaftlichen Widerständen und dem Wunsch nach Verdrängung zu rechnen. Das hatte nicht selten auch negative Folgen für diejenigen, die sich um die Aufarbeitung der Vergangenheit bemühten. Theodor W. Adorno hat diesbezüglich die ironische Formel geprägt, man solle im Hause des Henkers nicht vom Strick reden, sonst gerate man in den Verdacht, man habe Ressentiments (Adorno 2003: 393).

Vor diesem Hintergrund sind folgende fünf Erklärungsansätze des sekundären Antisemitismus zu verstehen.

(1) Variation einer "alten Leidenschaft"

Betrachtet man den modernen Antisemitismus als ein "kognitives und emotionales Weltbild", das auf die "Unfähigkeit und Unwilligkeit, abstrakt zu denken und konkret zu fühlen" (Salzborn 2020) zurückzuführen ist, dann kann der sekundäre Antisemitismus als eine Aktualisierung dieses Weltbildes in postnationalsozialistischen Zeiten verstanden werden. Antisemit(inn)en vermeiden es hierbei, den gewachsenen anti-antisemitischen Grundkonsens und dessen Folgen als Resultat der Verkettung komplexer Prozesse zu deuten. Stattdessen werden gesellschaftliche Entwicklungen auf personalisierende und über alle Maßen dramatisierende Weise interpretiert und die Vorstellung einer "jüdischen Verschwörung" auf das Feld der Aufarbeitung des Nationalsozialismus projiziert.

Hierbei kommt es zu einer Variation bereits bestehender Vorurteile: die Kritik und Erinnerung des Antisemitismus zielen im Weltbild der Antisemit(inn)en zielgerichtet auf nationale Schwächung durch "Schuldkult", und "den Juden" wird im Zuge einer Holocaustleugnung der Missbrauch ihres Opferstatus zu dubiosen Zwecken ("Einfluss", "Macht", "Geld") vorgeworfen. So kann beispielsweise auch die Staatsgründung Israels als Resultat einer Instrumentalisierung von eingebildeten Schuldgefühlen durch die "Zionisten" vorgestellt werden. Solche Ideen finden sich z.B. in Spielarten des gegenwärtigen Rechtsextremismus und im Feld islamistischer Agitation.

(2) Anpassung an anti-antisemitische Normen

In der Antisemitismusforschung wird davon ausgegangen, dass die eingangs skizzierten Entwicklungen zur Kommunikationslatenz des traditionellen Antisemitismus geführt haben. Die Etablierung eines anti-antisemitischen Grundkonsenses hat demnach bewirkt, dass antisemitisch eingestellte Menschen ihre Ansichten nicht offen äußern, um Kritik und gesellschaftliche Sanktionen zu vermeiden. Antisemitismus kann aber auch auf eine Weise zum Ausdruck gebracht werden, die die Wahrscheinlichkeit anti-antisemitischer Gegenwehr verringert.⁠ Hierfür kommt eine Vielzahl rhetorischer Operationen in Betracht, z. B. die Verwendung antisemitischer Chiffren, wobei der Begriff "Juden" durch unbelastet erscheinende Wörter wie "amerikanische Ostküste" oder "Zionisten" ersetzt wird. Das Mittel sekundärantisemitischer "Camouflage" (Holz 2001: 481) bewirkt hierbei, dass die Wahrscheinlichkeit von Widerspruch herabgesetzt wird. Heute ist es u. a. der israelbezogene Antisemitismus, über den antisemitische Einstellungen folgenlos kommuniziert werden (können).⁠ So stimmten in einer 2018 in Deutschland durchgeführten, repräsentativen Studie 26,6 Prozent der Teilnehmenden der Aussage zu, dass man es "Bei der Politik, die Israel macht" gut verstehe, "dass man etwas gegen Juden hat" (vgl. Zick, Küpper, Berghan 2019: 70f.).

(3) Umgang mit gesellschaftlichem Druck auf die nationalsozialistisch verstrickte Familie

Eine drittes Erklärungsbündel richtet sich auf die Effekte, die öffentliche anti-antisemitische Normen auf die Dynamiken innerfamiliärer Kommunikation der ersten und zweiten Nachkriegsgeneration haben. In einer frühen Antisemitismusstudie des Frankfurter Instituts für Sozialforschung stellte Peter Schönbach die Überlegung auf, dass die in den Nationalsozialismus involvierte erste Generation auf den öffentlichen Anti-Antisemitismus reagierte, indem sie sich innerhalb des Familienzusammenhangs für ihre Verstricktheit durch nachträgliche Rechtfertigungen der Judenverfolgung entschuldigte (vgl. Schönbach 1961: 80). Antisemitismus dient hierbei der Stabilisierung von sozialen Beziehungen, insofern als den Opfern zumindest eine Mitschuld an ihrer Verfolgung zugeschrieben wird. Hieran können dann Prozesse der innerfamiliären Tradierung des Antisemitismus anschließen – zumindest dann, wenn die zweite Generation die antisemitischen Einstellungen der Eltern übernimmt, um die für sie identitätsstiftenden Bilder von Vater und Mutter moralisch rein zu halten (vgl Rommelspacher 1995: 83). Inwiefern dieser Prozess auch für die Dritte und Vierte Nachkriegsgeneration eine Rolle spielt, ist nicht eindeutig geklärt.[1]

(4) Reaktion auf Antisemitismus- und Nationalismuskritik

Sekundärantisemitische Äußerungen sind auch in Reaktionen auf die Kritik des je gegenwärtigen Antisemitismus zu beobachten. Sie dienen dann dazu, sich selbst oder unter Druck geratene Sozialzusammenhänge (z. B. von Antisemitismuskritik betroffene Parteien) sowie sozial oder politisch nahestehende Personen gegen Antisemitismuskritik abzuschirmen. Zu diesem Zweck wird vom eigentlichen Thema des Antisemitismuskonflikts abgelenkt, indem antisemitismuskritische Positionen selbst unter Ideologieverdacht gestellt oder entwertet werden.

Diese Strategie verfolgte beispielsweise Jamal Karsli im Kontext der Möllemann-Affäre, als er die Vielzahl anti-antisemitischer Interventionen als Ausdruck eines "Einfluss[es] der zionistischen Lobby" darstellte, die "jede auch noch so bedeutende Persönlichkeit ,klein' kriegen“ könne (vgl. Rensmann 2004: 446). Sich an Antisemitismusdebatten beteiligenden Jüdinnen und Juden wird zudem immer wieder eine vermeintliche Überempfindlichkeit, Unfähigkeit oder Unwilligkeit vorgeworfen, sich bezüglich des Themas Antisemitismus neutral zu verhalten, was sie als gleichberechtigte Diskurspartner(innen) delegitimiert und als "Außenstehende" markiert. So wurde beispielsweise im Zusammenhang der Walser-Debatte die kritische Einmischung des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, öffentlich als "Hyperreaktion" geschmäht oder Jüdinnen und Juden im Allgemeinen eine "argwöhnische Empfindlichkeit" angedichtet (ebd.: 372).

Weiterhin kommt dem sekundären Antisemitismus im Zusammengang mit Nationalismuskritik eine Rolle zu. Als "Paradoxie der Normalisierung" (Holz 2007) wird der Umstand bezeichnet, dass die Etablierung einer anti-antisemitischen Erinnerungskultur den deutschen Nationalismus nach 1945 in eine widersprüchliche Lage gebracht hat. Einerseits ist die positive Bezugnahme auf die Idee einer deutschen Nation aus dem Feld der Politik nicht einfach verschwunden. Andererseits hat sich in zunehmendem Maße ein politisches Paradigma etabliert, wonach sich der positive Bezug auf die Nation nur durch die Abgrenzung von den Verbrechen der Nationalsozialisten legitimieren lässt. Dies aber wiederum erschwert eine restlose Normalisierung deutscher Identität, und verunmöglicht sie dort, wo das Bedürfnis nach einer bruchlosen Identifikation mit der deutschen Geschichte sich Bahn bricht. Wer der begrenzten politischen Identifikationsmöglichkeit den Stachel ziehen will, muss die Bedeutung der Erinnerung relativieren bzw. diskreditieren oder die in der Paradoxie der Normalisierung enthaltene Nationalismuskritik selber angreifen.

Heute spielen insbesondere rechtsextreme Politiker(innen) auf der Klaviatur sekundär-antisemitischer Rhetoriken. Das ist z. B. der Fall, wenn Björn Höcke ein vermeintlich mangelndes Selbstbewusstsein der Deutschen als Resultat einer "nach 1945 begonnenen, systematischen Umerziehung" (Der Tagesspiegel, 19.1.2017) bezeichnet. Explizit judenfeindliche Argumentationen lassen sich hieran direkt anschließen und bieten dann die Möglichkeit der weitergehenden Personalisierung. Die Wirkmacht von nationalismuskritischen Normen wird hierbei direkt auf die vermeintlichen Macht "der Juden" zurückgeführt.⁠

Sekundärer Antisemitismus zur Neutralisierung von Nationalismuskritik hat allerdings nicht nur eine politische, sondern auch eine psychologische Dimension. In entsprechenden Erklärungsansätzen wird vorausgesetzt, dass die "überwertige Identifikation" (vgl. Pollock 1955: 281) mit der deutschen Nation durch ein zumindest latentes Bewusstsein über die Bedeutung von Ausschwitz zugleich auch infrage gestellt wird. Die daraus resultierende Frustration wird bewältigt, indem der Widerspruch als Ausdruck einer "die Deutschen" stigmatisierende Erinnerungskultur imaginiert und ihre Entstehung auf jüdischen Einfluss zurückgeführt wird. Mit der Vorstellung, ein Opfer einer auf diese Weise dominierten Erinnerungskultur zu sein, lässt es sich dann leichter leben, als mit der Erkenntnis, sich im Grunde nicht mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandersetzen zu wollen.⁠

(5) Bewältigung von (entlehnten) Schuldgefühlen

Eine weitere psychologische Erklärung des sekundären Antisemitismus basiert auf der Überlegung, dass in der Kriegsgeneration Schuld- und Schamgefühle zumindest latent vorhanden waren und aus den Verstrickungen in das nationalsozialistische Verfolgungssystem resultieren. Im sekundären Antisemitismus werden diese unbequemen Gefühle durch den psychologischen Mechanismus der Projektion abgewehrt. Schuld und Schamgefühlen wird ausgewichen, indem Jüdinnen und Juden sowie jüdische Institutionen als rachsüchtig und nachtragend imaginiert werden. Der israelische Psychoanalytiker Zwi Rex hat diese Überlegung einmal durch die paradox anmutende Formulierung ausgedrückt, dass "die Deutschen den Juden Auschwitz niemals verzeihen werden".

Dadurch wird allerdings nicht erklärlich, warum auch Angehöriger der zweiten, vor allem aber dritten und vierten Generation Schuldgefühle abwehren sollten. Manche Sozialpsycholog(inn)en gehen davon aus, dass Schuldgefühle von den nachfolgenden Generationen übernommen werden, wenn diese nicht von den Angehörigen der ersten Generation aufgearbeitet worden seien. Dann ist von "entlehnten Schuldgefühlen" (Vogt/Vogt 1997: 500ff.) die Rede. Deren Spezifikum besteht darin, dass sie keinen wirklichen Inhalt haben, da die Frage nach der Schuld "aus ihrem Zusammenhang genommen und dadurch unkenntlich gemacht" (Rommelspacher 1995: 96) wird. Anstatt die Ursache dieser Emotionen in der Beziehung zu ihren Großeltern und Eltern zu suchen, projizieren die Nachgeborenen im sekundären Antisemitismus die "Ursache ihrer eigenen Schuldgefühle ungebremst auf die Juden, die anscheinend immer Schuldabgleichung fordern" (ebd.: 125). In diesem Zusammenhang können dann auch klassische antisemitische Stereotype – z. B. "Rachsucht" und "Geldgier" im Zusammenhang von Entschädigungsforderungen – aktualisiert werden. Auch kann bereits die Begegnung mit Jüdinnen und Juden "entlehnte Schuldgefühle" und als Reaktion darauf sekundärantisemitische Abwehrreaktionen auslösen.

Dieses Abwehrreaktionsverhalten wird besonders in der für die psychologische Schuldentlastung wirksamen Vorstellung deutlich, dass Israel mit den Palästinensern im Prinzip das mache "was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben" – eine Aussage, der rund 40 Prozent der Befragten in der oben bereits zitierten Mitte-Studie zustimmten.

Schlussfolgerungen

Die Tatsache, dass verschiedene Erklärungsansätze für sekundärantisemitische Phänomene vorliegen, lässt sich als Ausdruck der Komplexität des Gegenstandes verstehen. Sekundärer Antisemitismus verweist zugleich auf eine antisemitische Deutung des Anti-Antisemitismus nach Auschwitz, den Versuch diesen zu unterlaufen und zu delegitimieren und – im psychologischen Sinn – auch auf dessen Scheitern. In vielen Fällen des sekundären Antisemitismus werden unterschiedliche Ursachen zusammenspielen, aber deren Konstellation ist nicht immer eindeutig zu erkennen. Wie ist z. B. der Umstand zu deuten, dass 2018 rund ein Viertel der Befragten der Mitte-Studie der Aussage teilweise, eher oder voll und ganz zustimmen, dass "viele Juden versuchen, aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen"? Die Zustimmung kann – für je spezifische Teilgruppen – als Ausdruck mehrerer der oben benannten Ursachenbündel interpretiert werden. Problematisch ist auch eine pauschale Zuordnung israelbezogener antisemitischer Äußerungen zum sekundären Antisemitismus. Denn abwertende Äußerungen über Israel können (müssen aber nicht) der Schuldnivellierung dienen oder Ausdruck eines auf Umwegen ausgedrückten Antisemitismus nach Auschwitz sein. Bereits Adolf Hitler agitierte im Rahmen des rassistischen Antisemitismus gegen "die Juden" und einen potentiellen jüdischen Staat als "letzte vollendete Hochschule ihrer internationalen Lumpereien". Für eine angemessene Einordung und Kritik solcher Phänomene ist deshalb stets der weitere Kontext zu berücksichtigen.

Abschließend kann ein historischer Rückgriff deutlich machen, dass schon Ende des 19. Jahrhunderts, als der Begriff des Antisemitismus erstmals aufkam, Muster zu erkennen sind, die auch den gegenwärtigen sekundären Antisemitismus kennzeichnen: So gaben in der Entstehungszeit des modernen Judenhasses völkische Ideologen diesem einen neuen Namen: "Antisemitismus". Judenhass sollte wissenschaftlich verkleidet werden, um sich glaubhaft von der "Rückständigkeit" des judenfeindlichen Ressentiments der Straße und des christlichen Antijudaismus abzugrenzen. Doch wo Antisemitismus geäußert wurde, regte sich auch Kritik. Dies wurde von Antisemiten wiederum antisemitisch quittiert, indem die Entstehung einer kritischen Öffentlichkeit als Folge eines vermeintlichen Übergewichts jüdischen Einflusses in der Presse gedeutet wurde. Auch wenn sekundärer Antisemitismus der begrifflichen Klarheit halber nur als Antisemitismus nach Auschwitz verstanden werden sollte, zeigt dieses Beispiel, wie schon zu Anbeginn des "primären" Antisemitismus Elemente des sekundären Antisemitismus sichtbar werden: nämlich die Anpassung an neue Begebenheiten (1), die antisemitische Delegitimierung antisemitismuskritischer Normen (2) sowie den Vorwurf einer jüdisch dominierten – also nicht neutralen – Presse als Reaktion auf Antisemitismuskritik (3). Zusammenfassend ist deshalb festzuhalten, dass Epochenwechsel für die Entwicklung des Antisemitismus zwar eine Rolle spielen, ihn aber in einigen Eigenheiten nicht ändern. Die Übergänge vom sekundären Antisemitismus zu anderen Antisemitismen sind deshalb fließend. Das geringere öffentliche Erregungspotenzial gegenüber sekundär-antisemitischen Äußerungen heute führt deshalb dazu, dass auch längst überkommen erscheinende antisemitische Stereotype wieder salonfähig werden.

Literatur

Adorno, Theodor W. (2003): Replik zu Hofstätter’s Kritik des Gruppenexperiments. In: Ders.: Soziologische Schriften II. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 378–394.

Der Tagesspiegel (19.1.2017): Höcke-Rede im Wortlaut.

Holz, Klaus (2001): Nationaler Antisemitismus: Wissenssoziologie einer Weltanschauung. Hamburg: Hamburger Edition.

Holz, Klaus (2007): Die Paradoxie der Normalisierung. Drei Gegensatzpaare des Antisemitismus vor und nach Auschwitz. In: Klaus-Michael Bogdal und Klaus Holz (Hg.): Literarischer Antisemitismus nach Auschwitz. Stuttgart: Metzler, S. 37–57.

Pollock, Friedrich (1955): Gruppenexperiment. Ein Studienbericht. Frankfurt a. M.: Europäische Verlagsanstalt.

Rensmann, Lars (2004): Demokratie und Judenbild. Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.

Rommelspacher, Birgit (1995): Schuldlos - Schuldig? Wie sich junge Frauen mit Antisemitismus auseinandersetzen. Hamburg: Konkret Literatur.

Salzborn, Samuel (2020): Was ist moderner Antisemitismus?

Schönbach, Peter (1961): Reaktionen auf die antisemitische Welle im Winter 1959/1960. Frankfurt a. M.: Europäische Verlagsanstalt.

Vogt, Rolf; Vogt, Barbara (1997): Goldhagen und die Deutschen. Psychoanalytische Reflexionen über die Resonanz auf ein Buch und seinen Autor in der deutschen Öffentlichkeit. In: Psyche 51 (6), S. 494–569. Welzer, Harald; Moller, Sabine; Tschuggnall, Karoline (2002): „Opa war kein Nazi“. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag.

Zick, Andreas; Küpper, Beate; Berghan, Wilhelm (2019): Verlorene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2018/19. Berlin: Friedrich Ebert Stiftung.

Fußnoten

1.
Ergebnisse der Familienstudie "Opa war kein Nazi" legen nahe, dass für die nicht-jüdischen Nachfolgegenerationen insbesondere Opfer- und Heldenerzählungen die hier beschriebene Schutz-Funktion des sekundären Antisemitismus übernommen haben könnten. Solche Erzählungen kommen weitgehend ohne antisemitische Stereotype aus bzw. stilisieren die Groß- und Urgroßeltern teilweise gar zu Retter/innen jüdischer Menschen (Welzer u. a. 2002).
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