Autonomer am 1. Mai 2009 in Berlin, bewaffnet mit Flasche und Stein.

1.8.2008 | Von:
Hans-Gerd Jaschke

Linksextremismus

Einige der sogenannten K-Gruppen existieren weiter, ebenso andere, im Umfeld der neuen sozialen Bewegungen der achtziger Jahre entstandene Gruppierungen. Die sogenannten "Autonomen", militante linksextremistisch beeinflusste Jugendliche, die vor allem bei gewaltbereiten Aufmärschen und Demonstrationen von sich reden machen, sorgen für intensive polizeiliche Aufmerksamkeit, aber sie liefern kein wirklich politisches Programm. Hier lassen sich allenfalls Bruchstücke aus der Ideengeschichte des Anarchismus wiederfinden wie etwa die Ablehnung des Staates und der Glaube an eine Gesellschaft ohne Macht und Herrschaft.

Die Szene der kommunistischen Parteien ist nach dem Ende der Sowjetunion und der DDR beträchtlich geschwächt. Die DKP kämpft weiter für die sozialistische Revolution nach leninistischem Vorbild. Am linken Rand der PDS sorgt die kommunistische Plattform gelegentlich für Aufsehen, aber insgesamt spielt die extreme Linke in Deutschland heute kaum eine politische Rolle. Die Theorie Lenins über Partei und Organisation wird jedoch dazu beitragen, die Reste der linksextremen Szene zu stabilisieren, liefert sie doch einen entscheidenden Rechtfertigungsgrund für die Existenz auch kleiner linksextremer Parteien: Lenin zufolge kann nur eine aus Berufsrevolutionären zusammengesetzte Kaderpartei mit dem richtigen Klassenbewusstsein die revolutionäre Botschaft in die Arbeitermassen hineintragen – Grund genug also, durchzuhalten.

Am Anfang des 21. Jahrhunderts, nach dem Schock des Zerfalls der Sowjetunion, gliedert sich die verbliebene politische Landschaft der kommunistischen Parteien in Europa in mindestens zwei verschiedene Strömungen (Moreau 2004: 53ff.): Die traditionalistischen Parteien, gewerkschaftsorientiert, antikapitalistisch, anti-sozialdemokratisch, halten fest am Mythos der Oktoberrevolution und an den Theorien Lenins. Die reformkommunistischen haben ideologischen und sprachlichen Ballast abgeworfen, verstehen sich weiter als antikapitalistisch, gehen aber auch Bündnisse mit den Sozialdemokraten ein. Beide Lager leiden unter dem Drama des Untergangs der Sowjetunion, der Überalterung ihrer Anhänger, dem Verschwinden der Arbeiterklasse und der Konkurrenz der Globalisierungskritiker. "In den Parteien selbst", so Moreau (2004: 61), "ob reformorientiert oder nicht, tobt die Schlacht zwischen Traditionalisten und 'Reformern'. Erstere sehen nur im leninistischen Modell eine Zukunft für den Kommunismus. Letztere wissen um die absolute Notwendigkeit der Allianz mit den Sozialdemokraten. Nur so können ihrer Partei ein glaubwürdiges Image und die Statur einer 'Regierungspartei' zuwachsen. Beide Strategien kommen die KPen teuer zu stehen: Der Leninismus mit seiner Fixierung auf einen neuen roten Oktober verführt nicht mehr zum Träumen. Die Politik des Konsenses der KPen mit dem 'sozialdemokratischen oder sozialistischen Feind' um jeden Preis lässt die reformorientierte kommunistische Identität unscharf werden".

Literatur

Koenen, Gerd: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturevolution 1967-1977, Frankfurt 2002.

Moreau, Patrick: Die kommunistischen und postkommunistischen Parteien Westeuropas: Ein unfaufhaltsamer Niedergang? In: Totalitarismus und Demokratie Heft 1/2004, S. 35-62.
Aus: Hans-Gerd Jaschke: Politischer Extremismus, Wiesbaden 2006, VS Verlag für Sozialwissenschaften. Der Band aus der Reihe "Elemente der Politik", hrsg. v. Hans-Georg Ehrhart, Bernhard Frevel, Klaus Schubert und Suzanne S. Schüttemeyer ist außerdem als Lizenzausgabe bei der Bundeszentrale für politische Bildung erschienen und kann hier bestellt werden.


Dossier

Rechtsextremismus

Das Auffliegen der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) hat gezeigt: In Deutschland sind Strukturen entstanden, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage stellen. Aber nicht nur im Untergrund oder am Rand der Gesellschaft gibt es rechtsextreme Einstellungen wie Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus und den Glauben an einen starken Führer.

Mehr lesen

Veranstaltungsdokumentation (Juni 2017)

Linksextremismus und linke Militanz - Phänomene, Kontroversen und Prävention

Ist Gewalt ein Unterscheidungskriterium zwischen demokratischer und extremistischer Linke? Gibt es inhaltlich-ideologische Unterschiede? Die Fachtagung ging diesen Fragen nach und bot Einblicke in verschiedene Handlungsfelder und Strömungen.

Mehr lesen