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Wahlergebnisse und Wählerschaft der FDP

Frank Decker

/ 4 Minuten zu lesen

Selbstständige, Freiberufler, leitende Angestellte und Beamte sind in der FDP-Wählerschaft überproportional vertreten. Ihr geografischer Schwerpunkt liegt in ökonomisch prosperierenden Regionen.

Christian Lindner während einer Wahlkampfveranstaltung in Düsseldorf 2017. (© picture-alliance/dpa)

Wahlergebnisse

Die Wahlergebnisse der FDP unterliegen bis heute starken Schwankungen. Dies gilt auf europäischer, Landes- und kommunaler Ebene stärker als auf der Bundesebene, wo sie bis 2013 stets den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde schaffte. Bei den übrigen Wahlen kam es immer wieder zu Phasen parlamentarischer Abstinenz, teilweise über mehrere Wahlperioden hinweg. Auch in Baden-Württemberg, wo die FDP seit 1952 durchgängig im Landtag vertreten war, schied sie bei der Wahl im März 2026 aus dem Parlament aus.

Die wechselhaften Ergebnisse rühren aus dem niedrigen Stammwählerpotenzial, das die FDP sowohl von Union und SPD als auch von den später hinzugekommenen Parteien wie den Grünen und der AfD unterscheidet. Stärker als bei diesen ist die Wahlentscheidung für die FDP durch kurzfristig wirkende, situative Faktoren motiviert, vor allem durch die Kompetenzzuschreibung in der für ihre Wähler besonders wichtigen Wirtschafts- und Steuerpolitik.

Profitieren konnte die FDP zudem immer dann, wenn sie als potenzieller Koalitionspartner eine entscheidende Rolle spielte. Bei ihren Seitenwechseln 1969 und 1982 nahm sie dabei das Risiko in Kauf, von einem Teil ihrer Wähler abgestraft zu werden. Seit den 1980er-Jahren setzte die FDP vermehrt auf Leih- oder Stützstimmen (also strategisch abgegebene Zweitstimmen von Anhängern anderer Parteien) aus dem Unionslager, um so die Mehrheitsfähigkeit bürgerlicher Koalitionen sicherzustellen. Als „Partei der zweiten Wahl“ war sie hier zugleich ein Nutznießer des durch das Wahlsystem ermöglichten Stimmensplittings, von dem ihre Wähler unter allen Parteien am meisten Gebrauch machten. Mit der Flexibilisierung der Koalitionsbeziehungen hat sich dieser Effekt inzwischen abgeschwächt. Der „Koalitionsfaktor“ erklärt zugleich, warum die FDP bei den bundesweiten Europawahlen traditionell schlechter abschneidet als bei den Bundestagswahlen. Sowohl 2019 als auch 2024 lag sie hier nur knapp oberhalb der – dort allerdings nicht gültigen – Fünf-Prozent-Hürde.

Konnten die FDP und ihre Vorläuferparteien zu Beginn der Bundesrepublik in den südwestdeutschen Ländern, Hessen sowie den drei Stadtstaaten noch Werte von um oder über 20 Prozent erreichen, so wurden diese Hochburgen ab Ende der 1950er-Jahre von der CDU geschleift. Die vor allem protestantisch geprägte, mittelständische Wählerschaft, auf die sie als kirchenferner Gegenpol zur Union abzielte, nahm seit dieser Zeit demografisch und gesellschaftlich an Bedeutung ab. Heutige geografische Schwerpunkte der Partei sind die ökonomisch prosperierenden Regionen im Rheinland und im Stuttgarter, Frankfurter und Münchener Umland. Ihre besten Landesergebnisse erreichte die FDP bei den Bundestagswahlen 2021 und 2025 in Baden-Württemberg, Hessen und Schleswig-Holstein. Vergleichsweise gut schnitt sie bis zu ihrem Eintritt in die Ampel auch in den ostdeutschen Ländern ab, wo sie zwischenzeitlich, wenn man Berlin mitrechnet, wieder in vier (von sechs) Landtagen vertreten war.

Ähnlich wie in der 17. Wahlperiode (2009 bis 2013), als sie im Bund an der Seite ihres Wunschpartners CDU/CSU regierte, wurde die FDP für ihre Rolle in der Ampelregierung in den seit 2022 stattgefundenen Landtagswahlen hart abgestraft. Neun Mal fiel sie aus den Landtagen heraus bzw. verpasste den Einzug. Nach dem Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz war sie Mitte 2026 nur noch in sechs Landesparlamenten vertreten. Mit den Wahlen gingen zugleich drei ihrer vier Regierungsbeteiligungen verloren (in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz). In Sachsen-Anhalt, wo sie seit 2021 Teil einer „Deutschland-Koalition“ mit CDU und SPD ist, droht ihr bei den im September 2026 nächsten Wahlen ebenfalls das Aus.

Aktuelle Wahlergebnisse der FDP

Wahlergebnisse bei den letzten Wahlen zu Landesparlamenten, dem Bundestag und dem Europäischen Parlament

WahlDatumProzentualer AnteilStimmenanzahl
AnteilGewinn
Verlust
StimmenGewinn
Verlust
Sachsen-Anhalt06.06.20216,4%1,6%68.27713.712
Mecklenburg-Vorpommern26.09.20215,8%2,8%52.96328.442
Saarland27.03.20224,8%1,5%21.6184.199
Schleswig-Holstein08.05.20226,4%-5,1%88.593-80.444
Nordrhein-Westfalen15.05.20225,9%-6,7%418.460-646.847
Niedersachsen09.10.20224,7%-2,8%170.303-117.654
Berlin27.02.20234,6%-2,1%70.416-39.015
Bremen114.05.20235,1%-0,9%64.155-23.265
Bayern208.10.20233,0%-2,1%413.887-276.612
Hessen08.10.20235,0%-2,5%141.644-74.302
Europäisches Parlament09.06.20245,2%-0,2%2.061.33432.740
Sachsen01.09.20240,9%-3,6%20.995-76.443
Thüringen01.09.20241,1%-3,9%13.591-41.902
Brandenburg22.09.20240,8%-3,3%12.475-39.185
Bundestag23.02.20254,3%-7,1%2.148.757-3.142.256
Hamburg302.03.20252,3%-2,7%100.657-101.402
Baden-Württemberg08.03.20264,4%-6,1%235.598-272.831
Rheinland-Pfalz22.03.20262,1%-3,4%42.063-64.746
Tabellenbeschreibung

Die Tabelle zeigt die Wahlergebnisse der Partei FDP zwischen dem 06.06.2021 und dem 22.03.2026. Bei 15 von 18 Wahlantritten der Partei in diesem Zeitraum reduzierte sich der prozentuale Anteil der Partei an den gültigen Stimmen im Vergleich zur vorherigen Wahl. Das höchste Ergebnis erzielte die Partei mit 6,4% bei der Wahl in Sachsen-Anhalt 2021, das niedrigste mit 0,8% bei der Wahl in Brandenburg 2024.

Fußnote: 1 Bremen: Personen- und Listenstimmen (bis zu fünf Stimmen je Wähler)

Fußnote: 2 Bayern: Gesamtstimmen (bis zu zwei Stimmen je Wähler)

Fußnote: 3 Hamburg: Landesstimmen (bis zu fünf Stimmen je Wähler)

Quelle: Die Bundeswahlleiterin und Landeswahlleitungen.

Wählerschaft

Das Selbstverständnis der FDP als wirtschaftsliberal orientierte Partei des Besitzbürgertums spiegelt sich in der sozialstrukturellen Zusammensetzung ihrer Wählerschaft, in der die Selbstständigen und Freiberufler stark überrepräsentiert sind – sie neigen der FDP doppelt so häufig zu wie im Bevölkerungsdurchschnitt. Auch leitende Angestellte sowie höhere und mittlere Beamte sind überproportional vertreten. Darüber hinaus korreliert die Wahlbereitschaft der FDP positiv mit dem formalen Bildungsabschluss. Bei den Bundestagswahlen 2009 und 2017 gelangen den Liberalen auch unter den nicht-gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmern beachtliche Gewinne, von denen viele vorher die SPD gewählt hatten (Zahlen von Infratest dimap).

Unter männlichen Wählern findet die FDP traditionell mehr Zuspruch als unter weiblichen. 2017, 2021 und 2025 ist der Männerüberhang nochmals leicht gestiegen, was Kritiker auch auf das stark männlich geprägte Erscheinungsbild der Parteiführung zurückführen. Andere Erklärungen verweisen auf unterschiedliche politische Präferenzen und Themenprioritäten zwischen den Geschlechtern.

Deutlich gewandelt hat sich die Wählerschaft dagegen seit Mitte der 2000er-Jahre hinsichtlich ihrer Altersstruktur. Neigten der FDP bis dahin vorwiegend ältere Wähler zu, so ist sie heute in den jüngsten Altersgruppen prozentual am stärksten vertreten (Treibel 2025: 293 ff.). Nachdem sie in der „Generation Golf“ der nach 1975 Geborenen bereits 2009 unter Westerwelle einen großen Sprung nach vorne gemacht hatte, konnte die FDP in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen 2017 und 2021 weiter zulegen, während sie in der ältesten Wählergruppe der über 70-Jährigen die größten relativen Verluste verzeichnete. 2021 war sie bei den Jungwählern mit 20,5 Prozent nach den Grünen und vor SPD und CDU sogar die zweitstärkste Kraft. 2025 verzeichnete sie dort wiederum die stärksten Verluste (minus 14,9 Prozentpunkte).

Quellen / Literatur

  • Anan, Deniz (2019), Ist Opas FDP wirklich tot? Eine Analyse des FDP-Bundestagswahlprogramms 2017 im Lichte der strategischen Neuorientierung nach 2013, in: Zeitschrift für Politikwissenschaft 29 (1), S. 53-75.

  • Decker, Frank (2011), Noch eine Chance für die Liberalen?, in: Berliner Republik 13 (5), S. 58-65.

  • Decker, Frank (2024), Schwere Zeiten für die Liberalen, in: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte 71 (2024) H. 12, S. 18-21.

  • Decker, Frank / Best, Volker (2016), Wiederaufstieg oder endgültiger Abstieg? Die FDP zur Halbzeit der Auszeit, in: Gesellschaft – Wirtschaft – Politik 65 (1), S. 43-52.

  • Freckmann, Michael (2018), Lindners FDP. Profil – Strategie – Perspektiven, Frankfurt a.M. (Otto Brenner Stiftung, Arbeitspapier 29).

  • Hein, Dieter (1985), Zwischen liberaler Milieupartei und nationaler Sammlungsbewegung. Gründung, Entwicklung und Struktur der Freien Demokratischen Partei 1945-1949, Düsseldorf.

  • Jun, Uwe (2023), Die FDP. Als liberales Korrektiv und typischer Koalitionspartei zu neuen Ufern?, in: ders. / Oskar Niedermayer (Hg.), Die Parteien nach der Bundestagswahl 2021, Wiesbaden, S. 157-180.

  • Lösche, Peter / Franz Walter (1996), Die FDP. Richtungsstreit und Zukunftszweifel, Darmstadt.

  • Montag, Tobias (2025), Zurück auf Los! Die FDP nach der Bundestagswahl 2025, Berlin (Konrad-Adenauer-Stiftung).

  • Niedermayer, Oskar (2015), Von der dritten Kraft zur marginalen Partei. Die FDP von 2009 bis nach der Bundestagswahl 2013, in: ders. (Hg.), Die Parteien nach der Bundestagswahl 2013, Wiesbaden, S. 103-134.

  • Treibel, Jan (2014) Die FDP. Prozesse innerparteilicher Führung 2000-2012, Baden-Baden.

  • Treibel, Jan (2025), Freie Demokratische Partei (FDP), in: Frank Decker / Viola Neu (Hg.), Handbuch der deutschen Parteien, 4. Aufl., Wiesbaden, S. 288-301.

  • Walter, Franz (2010), Gelb oder Grün? Kleine Parteiengeschichte der besserverdienenden Mitte in Deutschland, Bielefeld.

Fussnoten

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 4.0 - Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International" veröffentlicht. Autor/-in: Frank Decker für bpb.de

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Prof. Dr. Frank Decker lehrt und forscht am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Parteien, westliche Regierungssysteme und Rechtspopulismus im internationalen Vergleich.