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Wahlergebnisse und Wählerschaft der SPD

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Wahlergebnisse und Wählerschaft der SPD

Frank Decker

/ 4 Minuten zu lesen

Die Hochburgen der SPD befinden sich in den protestantischen Gebieten der alten Bundesrepublik, sowie den katholisch geprägten Industrieregionen Nordrhein-Westfalens. Ihre Stammklientel bildet sich aus der gewerkschaftsnahen Industriearbeiterschaft und zunehmend auch den aufstiegsorientierten Angehörigen der neuen Mittelschichten.

Olaf Scholz bei einer SPD-Konferenz im Ruhrgebiet. Die Industrieregionen Nordrhein-Westfalens gelten als Hochburg der SPD. (© picture-alliance)

Auf der nationalen Ebene ist es der SPD nur zweimal gelungen, der Union die führende Position im Parteiensystem streitig zu machen. Ihren stetigen, als "Genosse Trend" umschriebenen Zuwächsen bis zum Jahre 1972 folgten zunächst eine Stagnations- und - nach dem Regierungsverlust 1982 - eine bis 1994 anhaltende Abstiegsphase. Dasselbe Muster zeigte sich während der rot-grünen Regierungszeit. Lagen die Sozialdemokraten 2002 und 2005 etwa gleichauf mit der Union, stürzten sie seither auf ihre schlechtesten Ergebnisse seit 1949 ab. In beiden Regierungsphasen der SPD entstanden neue Parteien an ihrem linken Rand. Beförderte die Vernachlässigung des Umweltthemas während der Kanzlerschaft Schmidts das Aufkommen der Grünen, so stellte der Erfolg der gesamtdeutschen Linkspartei im Westen eine unmittelbare Folge der Schröderschen Reformen dar, die dem Gerechtigkeitsempfinden vieler sozialdemokratischer Traditionswähler widersprachen (Jun 2018: 479 f.). Die Stellung der SPD in den Ländern verhielt sich zu ihren kürzeren Stärke- und längeren Schwächephasen auf Bundesebene lange Zeit spiegelbildlich, wobei die Diskrepanz zwischen den jeweiligen Wahlergebnissen nach der deutschen Einheit zunahm. Ab 2014 kam es hier wieder zu einer Angleichung, indem die sich häufenden Landtagswahlniederlagen dem negativen Bundestrend folgten. Die bislang unangefochtene Position der SPD als führende Kraft im linken Lager wird mittlerweile durch die Grünen bedroht, die seit Herbst 2018 in den Umfragen kontinuierlich vor ihr liegen.

Aktuelle Wahlergebnisse der SPD

Wahlergebnisse bei den letzten Wahlen zu Landesparlamenten, dem Bundestag und dem Europäischen Parlament

Wahl Datum Prozentualer Anteil Stimmenanzahl
Anteil Gewinn
Verlust
Stimmen Gewinn
Verlust
Niedersachsen 15.10.2017 36,9% 4,3% 1.413.846 248.427
Bayern1 14.10.2018 9,7% -11,0% 1.309.078 -1.128.323
Hessen 28.10.2018 19,8% -10,9% 570.446 -391.450
Bremen2 26.05.2019 24,9% -7,9% 366.375 -17.134
Europäisches Parlament 26.05.2019 15,8% -11,4% 5.916.882 -2.086.746
Brandenburg 01.09.2019 26,2% -5,7% 331.238 16.036
Sachsen 01.09.2019 7,7% -4,6% 167.289 -35.107
Thüringen 27.10.2019 8,2% -4,2% 90.987 -25.902
Hamburg3 23.02.2020 39,2% -6,4% 1.593.825 -17.449
Baden-Württemberg 14.03.2021 11,0% -1,7% 535.489 -144.238
Rheinland-Pfalz 14.03.2021 35,7% -0,5% 690.962 -80.886
Sachsen-Anhalt 06.06.2021 8,4% -2,2% 89.475 -29.893
Berlin 26.09.2021 21,4% -0,1% 390.329 37.960
Bundestag 26.09.2021 25,7% 5,2% 11.955.434 2.416.053
Mecklenburg-Vorpommern 26.09.2021 39,6% 9,0% 361.769 115.374
Saarland 27.03.2022 43,5% 13,9% 196.801 38.744
Schleswig-Holstein 08.05.2022 16,0% -11,3% 221.496 -180.310
Nordrhein-Westfalen 15.05.2022 26,7% -4,6% 1.905.002 -744.203

Fußnote: 1 Bayern: Gesamtstimmen (bis zu zwei Stimmen je Wähler)

Fußnote: 2 Bremen: Personen- und Listenstimmen (bis zu fünf Stimmen je Wähler)

Fußnote: 3 Hamburg: Landesstimmen (bis zu fünf Stimmen je Wähler)

Quelle: Der Bundeswahlleiter und Landeswahlleitungen.

Die Hochburgen der Sozialdemokraten befinden sich in den protestantischen Gebieten der alten Bundesrepublik, insbesondere in Hessen, Niedersachsen und den Stadtstaaten, sowie den stärker katholisch geprägten Industrieregionen Nordrhein-Westfalens, wo sie den Durchbruch zur Mehrheitspartei aber erst in den 1960er-Jahren schafften. In Bayern, wo sie bei der Landtagswahl 2018 nur noch auf dem fünften Platz landete, und Baden-Württemberg bleibt die Partei schwach. Auch in den neuen Ländern hat sich seit den Gründungswahlen 1990 ein Nord-Süd-Gefälle eingestellt. Am schlechtesten schneidet die SPD in Sachsen und in Thüringen ab - hier überflügelte sie die PDS schon Ende der 1990er-Jahre (Spier / Alemann 2013: 456). Mit Ausnahme von Brandenburg und Berlin fiel die SPD bei der Bundestagswahl 2017 in allen ostdeutschen Ländern auf den vierten Platz im Parteiensystem zurück (hinter CDU, AfD und Linke).

Am erfolgreichsten war die SPD immer dann, wenn sie ihre Stammklientel aus der gewerkschaftsnahen Industriearbeiterschaft mit den aufstiegsorientierten Angehörigen der neuen Mittelschichten zu einer breiten Wählerkoalition verbinden konnte. Am besten gelang ihr dies am Beginn der beiden Phasen, in denen sie den Kanzler stellte (von 1969 bis 1972 und 1998 bis 2002). Eine reine Klassenpartei waren die Sozialdemokraten auch vor "Godesberg" nie gewesen. Einerseits blieb die Arbeiterschaft im katholischen Bevölkerungsteil für sie lange Zeit unerreichbar, andererseits begann sich die SPD schon in der Weimarer Republik für die rasch wachsenden Angestelltenberufe zu öffnen, in deren Gruppe sie bald besser abschnitt als unter den Arbeitern (Lösche / Walter 1992: 21 ff.).

Erreichte die SPD von 1994 bis 2008 unter den gewerkschaftlich organisierten Arbeitern stets absolute Mehrheiten, fiel sie 2009 in dieser Gruppe auf 34 Prozent zurück. Auch bei den Arbeitslosen lag der Anteil mit 19 Prozent jetzt deutlich unter ihrem Gesamtergebnis. In absoluten Zahlen hatte die SPD 2009 gegenüber 1998 rund zehn Millionen Wähler verloren. Knapp ein Viertel davon (2,4 Millionen) blieben der Wahl fern, während mehr als ein Fünftel (2,1 Millionen) zur Linkspartei überliefen (Zahlen von Infratest dimap). Durch den Rückzug der Traditionsklientel gibt es in der Berufsstruktur der sozialdemokratischen Wählerschaft heute keine nennenswerten Schwerpunkte mehr, nur bei den Selbständigen und Landwirten schneidet die Partei weiterhin stark unterdurchschnittlich ab (Spier / Alemann 2013: 458 f.).

Auch nach Alter und Geschlecht ist die Wählerstruktur seit den 1990er-Jahren relativ ausgeglichen. Nur bei den Bundestagswahlen 2002 und 2005 konnte die SPD bei den Frauen ein deutlich besseres Ergebnis verbuchen als den Männern. 2009 erlitt sie vor allem in der jüngsten Wählergruppe (der 18- bis 29-Jährigen) einen Einbruch, den sie aber durch Rückgewinne 2013 größtenteils wieder wettmachen konnte. Bei den über 60-Jährigen schneidet die SPD genauso wie die Union überdurchschnittlich ab, dasselbe gilt für die Wähler mit niedrigem formalen Bildungsgrad. Bei der Bundestagswahl 2017 haben sich der Verluste auf alle Altersgruppen gleichmäßig verteilt; nur die über 70-Jährigen hielten der SPD noch einigermaßen die Treue. Unter den Protestanten und kirchlich ungebundenen Wählern findet die Partei weiterhin mehr Zuspruch als unter Katholiken; allerdings haben sich die Unterschiede hier im Laufe der Zeit abgeschliffen.

Wie sehr die neue Konkurrenz der AfD auch den Sozialdemokraten zusetzt, lässt sich an den – methodisch allerdings nicht ganz zuverlässig ermittelbaren – Wählerströmen ablesen (Zahlen von Infratest dimap). Hier gab die SPD bei der Bundestagswahl 2017 innerhalb des linken Lagers in etwa derselben Größenordnung Stimmen ab (430.000 an die Linke und 380.000 an die Grünen) wie über die Lagergrenzen hinweg (450.000 an die FDP und 470.000 an die AfD). Nimmt man die Rekrutierung bisheriger Nichtwähler und Linken-Wähler durch die AfD hinzu, haben sich die Kräfteverhältnisse zugunsten der drei rechten Parteien gegenüber 2013 nochmals kräftig verschoben.

Quellen / Literatur

  • Bukow, Sebastian (2014), Die SPD-Parteiorganisationsreform 2009-2011. Mit Primaries und verstärkter Basisbeteiligung auf dem Weg zur "modernsten Partei Europas"?, in: Ursula Münch / Uwe Kranenpohl / Henrik Gast (hg.), Parteien und Demokratie, Baden-Baden, S. 133-150.

  • Fischer, Sebastian (2005), Gerhard Schröder und die SPD. Das Management des programmatischen Wandels als Machtfaktor, München.

  • Grunden, Timo (2012), Die SPD. Zyklen der Organisationsgeschichte und Strukturmerkmale innerparteilicher Entscheidungsprozessen, in: Karl-Rudolf Korte / Jan Treibel (Hg.), Wie entscheiden Parteien? (ZPol-Sonderband), Baden-Baden, S. 93-119.

  • Grunden, Timo / Maximilian Janetzki / Julian Salandi (2017), Die SPD. Anamnese einer Partei, Baden-Baden.

  • Jun, Uwe (2018), Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), in: Frank Decker / Viola Neu (Hg.), Handbuch der deutschen Parteien, 3. Aufl., Wiesbaden, S. 468-486.

  • Klein, Markus u.a. (2018), Die Sozialstruktur der deutschen Parteimitgliedschaften. Empirische Befunde der Deutschen Parteimitgliederstudien 1998, 2009 und 2017, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen 50 (1), S. 81-98.

  • Krell, Christian / Meik Woyke (2015), Die Grundwerte der Sozialdemokratie. Historische Ursprünge und politische Bedeutung, in: Christian Krell / Tobias Mörschel (Hg.), Werte und Politik, Wiesbaden, S. 93-137.

  • Lösche, Peter / Franz Walter (1992), Die SPD. Klassenpartei - Volkspartei - Quotenpartei. Zur Entwicklung der Sozialdemokratie von Weimar bis zur deutschen Vereinigung, Darmstadt.

  • Lynen von Berg, Heinz (2019), Der Niedergang der SPD als Volkspartei und ihr hilfloser Antipopulismus, in: Leviathan 47 (1), S. 7-27.

  • Machnig, Matthias / Hans-Peter Bartels, Hg. (2001), Der rasende Tanker. Analysen und Konzepte zur Modernisierung der sozialdemokratischen Organisation, Göttingen.

  • Meyer, Thomas (2005), Theorie der Sozialen Demokratie, Wiesbaden.

  • Spier, Tim / Ulrich von Alemann (2013), Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), in: Oskar Niedermayer (Hg.), Handbuch Parteienforschung, Wiesbaden, S. 439-467.

  • Spier, Tim / Ulrich von Alemann (2015), In ruhigerem Fahrwasser, aber ohne Land in Sicht? Die SPD nach der Bundestagswahl 2013, in: Oskar Niedermayer (Hg.), Die Parteien nach der Bundestagswahl 2013, Wiesbaden, S. 49-69.

  • Sturm, Daniel Friedrich (2009), Wohin geht die SPD?, München.

  • Walter, Franz (2018), Die SPD. Biographie einer Partei von Ferdinand Lassalle bis Andrea Nahles, Reinbek bei Hamburg.

  • Wolfrum, Edgar (2013), Rot-Grün an der Macht. Deutschland 1998-2005, München.

Fussnoten

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Prof. Dr. Frank Decker lehrt und forscht am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Parteien, westliche Regierungssysteme und Rechtspopulismus im internationalen Vergleich.