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Sozialstruktur und Milieus: Stammwählerschaft

Karl-Rudolf Korte

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Wenn auch in schwächerer Form, so gibt es nach wie vor einen engen Zusammenhang zwischen der sozialen und kulturellen Prägung der Wähler und ihrer konkreten Wahlentscheidung.

In der Vergangenheit konnten Wahlanalysen in der Tradition des soziologischen Ansatzes ihre Bedeutung immer wieder unter Beweis stellen. Auch für die Bundestagswahl 2013 lässt eine entsprechende Untersuchung der Wahlergebnisse wichtige Rückschlüsse auf die Existenz unterschiedlicher Stammwählerschaften der Parteien zu. Unter der Oberfläche des Gesamtergebnisses verbergen sich jedoch eine Reihe regionaler Unterschiede.

Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2017 in den Bundesländern (in %) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

  • Obwohl die Wahlbeteiligung insgesamt zugenommen hat, war sie wie schon 2013 auch bei der Bundestagswahl 2017 im Osten (73,2 Prozent) niedriger als im Westen (76,8 Prozent).

  • Die Volksparteien erlitten sowohl in West- als auch in Ostdeutschland erhebliche Verluste. So kamen CDU und CSU in Westdeutschland auf nur noch 34,1 Prozent. In Ostdeutschland schnitt die CDU mit 27,6 Prozent ebenfalls deutlich schlechter als noch bei der Bundestagswahl 2013 ab. Ähnliches lässt sich für die SPD konstatieren, die im Westen bei dieser Wahl 21,9 Prozent der Stimmen erhielt und im Osten gerade einmal 13,9 Prozent. Somit lag sie in Ostdeutschland hinter CDU, Linke und AfD auf Platz vier.

  • Nachdem die FDP bei der vorangegangenen Wahl noch aus dem Bundestag ausgeschieden war, konnte sie als Partei nun wieder auf Bundesebene reüssieren. Mit 11,4 Prozent im Westen und 7,5 Prozent der Zweitstimmen im Osten konnte sie ihre Stimmenanteile deutlich steigern.

  • Die Grünen waren mit 5,0 Prozent im Osten nach wie vor deutlich schwächer als im Westen (9,8 Prozent).

  • Die Linke wurde im Osten nach der Union und der AfD drittstärkste Kraft (17,8 Prozent). In den westdeutschen Ländern schnitt sie deutlich schwächer ab (7,4 Prozent).

Ergebnis der Bundestagswahl 2017 in Ost- und Westdeutschland Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Traditionell wird sozialstrukturellen Merkmalen für das Wahlverhalten ein großer Stellenwert beigemessen. Insbesondere für die frühen Bundestagswahlen lässt sich ein enger Zusammenhang zwischen der sozialen und kulturellen Prägung der Wählerinnen und Wähler und ihrer konkreten Wahlentscheidung nachweisen: Arbeiter wählten eher die SPD und andere linke Parteien, im Gegensatz dazu banden CDU und CSU den Großteil der gläubigen katholischen oder protestantischen Wählerschaft an sich. Solche typischen Muster waren, wenngleich in abgeschwächter Form, auch bei dieser Bundestagswahl zu beobachten:

  • In den Altersgruppen ist das Wahlverhalten ausdifferenziert. Die Unionsparteien erzielten zwar in allen Altersgruppen bessere Ergebnisse als die anderen Parteien, doch wie bei der Bundestagswahl 2013 gilt: Doch wie bei der Bundestagswahl 2009 gilt: Je älter der Wähler oder die Wählerin, desto wahrscheinlicher war eine Stimmabgabe zugunsten von CDU und CSU. Bei den über 60-Jährigen konnten die zwei Parteien sogar 41 Prozent der Stimmen auf sich vereinen. Die Unterschiede sind in den anderen Parteien kleiner.

  • Geschlechterspezifische Unterschiede bei der Bundestagswahl zeigten sich vor allem bei den Unionsparteien, den Grünen und bei der AfD. Die CDU/CSU schnitt bei den Frauen mit 37 Prozent deutlich besser ab als bei den Männern (29 Prozent). Auch die Grünen profitierten eher von Stimmen der Wählerinnen (11 Prozent) als von denen der Wähler (8 Prozent).

  • Mit steigendem Bildungsgrad nimmt die Zustimmung zu den Volksparteien CDU, CSU und SPD tendenziell ab. Wählerinnen und Wähler mit Hochschulreife oder Universitätsabschluss neigen vor allem den Grünen oder der FDP zu.

  • Die SPD erzielte ihre besten Ergebnisse bei den Arbeitern, Angestellten und Beamten. Ihre Wählerschaft rekrutierte sich überwiegend aus diesen drei Gruppen (Arbeiter: 23 Prozent, Angestellte: 21 Prozent, Beamte: 21 Prozent). Eine Kernwählergruppe für die Linke bildeten die Arbeiter (10 Prozent). Die Union lag allerdings deutlich vor den anderen Parteien. Unter den Selbstständigen (34 Prozent) war ihr Ergebnis besonders gut. Die FDP erzielte bei den Selbstständigen wie in der Vergangenheit überproportional viele Zweitstimmen (18 Prozent). Die Grünen waren bei den Beamten stark (12 Prozent). Die AfD schnitt in allen Berufsgruppen bis auf die Beamten gut ab.

  • Konfessionell gebundene Wähler machten ihr Kreuz überdurchschnittlich häufig bei den christdemokratischen Unionsparteien. 44 Prozent der Katholiken wählten CDU oder CSU, bei den Protestantinnen und Protestanten waren es hingegen nur noch 33 Prozent.

Wahlbeteiligung nach Altersgruppen bei Bundestagswahlen seit 1953 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Wahlentscheidung in sozialen Gruppen bei der Bundestagswahl 2017 (in %) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Grundsätzlich sind die traditionellen Wählermilieus noch nicht verschwunden und haben nach wie vor eine gewisse Bedeutung für die Parteien. Insbesondere bei umfangreichen Reformschritten wie der Agenda 2010 ist die jeweilige Stammwählerschaft besonders zu pflegen. Die Agenda 2010 kam in ihrer Ausrichtung allerdings einem Paradigmenwechsel gleich. Der bis dahin geltende Allparteienkonsens ‒ die Hinwendung zum Sozialstaat und eine Orientierung an der Verteilungsgerechtigkeit als Verheißung einer demokratischen Gesellschaft ‒ wurde aufgebrochen. Wenngleich die Abkehr von dieser Tradition durch den Umbau des Sozialstaates überparteilich beschlossen wurde, trägt maßgeblich die SPD die Verantwortung für das Reformprojekt. Sie hat ihre Stammwählerschaft auf eine harte Probe gestellt und kämpft weiterhin darum, diese wiederzugewinnen.

Wählerwanderungen bei der Bundestagswahl 2017 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Zweitstimmenanteile von CDU / CSU und SPD nach Wahlkreisen bei der Bundestagswahl 2017 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Direktmandate nach Wahlkreisen bei der Bundestagswahl 2017 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Generell besteht die Stammwählerschaft immer noch aus basisverwurzelten und extrem enttäuschungsresistenten Aktivistinnen und Aktivisten. Wer sich nur tagesorientiert an Wechselwählerinnen und -wählern ausrichtet, verliert am Ende auch die Stammwählerschaft. Doch gerade sie wäre bereit, unpopuläre Entscheidungen mitzutragen, wenn man sie einbindet und überzeugt. Zeitgleich wird ihre Gewinnung immer wichtiger. Deutliche Veränderungen gehen von der sinkenden Zustimmung der Wählerinnen und Wähler zu den Volksparteien aus.

Fussnoten

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