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Goldohrring

Anette Mazur Magdalena Wrobel

/ 7 Minuten zu lesen

Ein wichtiges Beispiel mittelalterlicher Goldschmiedekunst verkörpert den blühenden kunsthandwerklichen Austausch zwischen Christen und Juden im Rheinland.

Verzierter Goldohrring, Externer Link: Shared History Projekt. (MiQua. LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Das Objekt

von Anette Mazur

Der Goldohrring ist nicht nur ein Kleinod der mittelalterlichen Goldschmiedekunst im Rheinland – er verdeutlicht die Blüte des Handwerks in der rheinischen Hauptstadt. Der Ohrring ist ein Fundstück aus der letzten Ausgrabung am Kölner Rathaus im Jahr 2011. Ziel war es, die materiellen Hinterlassenschaften des jüdischen Lebens in der Großstadt am Rhein zu sichern und zu dokumentieren. Über fast 600 Jahre lag dieses Schmuckstück im Boden verborgen. Heute wird es im Römisch-Germanischen Museum aufbewahrt. Zukünftig wird ihm in der Dauerausstellung des MiQua. Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln ein besonderer Platz eingeräumt.

Historischer Kontext

Als christliche und jüdische Kunsthandwerker Hand in Hand arbeiteten.
von Anette Mazur

Der Goldohrring gibt Zeugnis von der außerordentlichen Kunstfertigkeit, in der von Juden und Christen Anfang des 11. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum gepflegten handwerklichen Goldschmiedekunst. Er besteht aus einem dreiviertelmondförmigen Anhänger und einem goldenen Tragebügel als Ohrhaken. Die leicht konvexe Vorderseite ist reich mit Perlen, Edelsteinen und Glasperlen, einer antiken Gemme und einer feinen Ornamentik aus Golddraht verziert. Die schlichte Rückseite ist ohne jeden Schmuck.

Der Perlenrand des Anhängers lebt von dem Kontrast zwischen abwechselnd weißen und türkisfarbenen Perlen. In der Mitte der Vorderseite wurde an hervorgehobener Stelle eine ovale römische Gemme mit dem Bild Amors angeordnet, dem Gott der Liebe, der einen Schmetterling in seiner Hand hält. Die wiederverwendete Gemme – das Herzstück des Goldohrrings – wird zusätzlich durch die streng symmetrische Anordnung einer runden und einer tropfenförmigen Schmuckeinlage an den Ausläufern der Mondsichel betont. Die größere, gläserne Türkisperle im inneren Bogen des dreiviertelmondförmigen Anhängers lenkt so den Blick auf das Mittelfeld des Ohrrings.

Um die Bedeutung der römischen Gemme noch weiter zu unterstreichen, wählte der Goldschmied einen dreistufigen Aufbau für das Schmuckstück: in das Basisblech, dessen Mittefeld sichelförmig ausgeschnitten wurde, brachte er zunächst eine entsprechend geformte Fassung auf, die er mit einer ähnlich geformten Platte überdeckte. Der geschliffene Edelstein, ein Achat, wurde schließlich in die vorgesehene podestartige Fassung eingesetzt, die in kunstvoller Durchbruchtechnik gearbeitet den römischen Schmuckstein schwebend wirken lässt.

Fehlende oder ausgebrochene Einlagen auf der Vorderseite und die grob reparierten Bruchstellen des Perlenkranzes auf der Rückseite geben Zeugnis von Abnutzung und Verschleiß, die das Schmuckstück erfahren hat. Aus den Reparaturen wird deutlich, dass der Goldohrring über längere Zeit getragen wurde, ehe er – aus unerfindlichen Gründen – unter die Erde kam, aus der er später ausgegraben wurde.

Der goldene Tragebügel wurde wahrscheinlich später am Anhänger befestigt, damit die Goldschmiedearbeit als Ohrring getragen werden konnte. Durch Vergleich mit ähnlichen aus Gold gefertigten Gegenständen lässt sich der Ohrring Interner Link: in die Zeit zwischen dem 10. und 11. Jahrhundert datieren.

Als dieser einzelne Goldohrring 2011 bei Ausgrabungsarbeiten in einer ehemaligen Latrine einer Wohnanlage im Bereich des jüdischen Viertels im mittelalterlichen Köln entdeckt wurde, waren sich die Archäologen einig, dass das Objekt von außergewöhnlich hoher handwerklicher Qualität war. Nicht nur die Kostbarkeit der verwendeten Materialien, sondern auch verschiedene Techniken der Goldschmiedekunst der Zeit wie etwa Durchbrüche, Granulation und unterschiedliche Edelsteinfassungen aus Golddraht geben davon Zeugnis. Die Goldschmiede des Rheinlands wurden in der Zeit zwischen dem 10. und dem 11. Jahrhundert in ganz Europa für ihre Kunstfertigkeit gerühmt.

Köln, 2012: Archäologen haben auf dem Rathausplatz in der Kölner Innenstadt Ruinen von mittelalterlichen Gebäuden freigelegt, darunter Überreste von Synagoge, Kultbad, Hospital, Bäckerei, Tanz- und Hochzeitshaus. (© picture-alliance, Oliver Berg)

Seit dem Mittelalter waren die Erzeugnisse der Kölner Goldschmiede im gesamten deutschsprachigen Gebiet beliebt. Mit der Zeit entwickelte sich die Rheinmetropole zu einem der wichtigsten Zentren der Goldschmiedekunst in Europa. Ende des 14. Jahrhunderts sind ungefähr 100 Goldschmiede in der Stadt urkundlich belegt. Ihre Aufträge erhielten sie sowohl von kirchlichen als auch von weltlichen Kunden. Neben liturgischem Geräten wie Kelchen, Patenen (Hostienschalen) und anderen Sakralgegenständen fertigten die Kölner Goldschmiede auch modische Accessoires und Gegenstände des täglichen Gebrauchs an.

Aus den schriftlich überlieferten Quellen ist auch bekannt, an welchen Standorten in Köln die Goldschmiede arbeiteten und wohnten. Ihre Werkstätten lagen in unmittelbarer Nähe zum jüdischen Viertel, nicht weit vom Rathaus und Alter Markt. Die ehemalige Latrine, in der der Goldohrring gefunden wurde, lag in der Nähe des Hauses Bardowiek, das von in jüdischem Besitz befindlichen Häusern in der Judengasse umgeben war. Die Latrine gehörte wahrscheinlich zu einem der jüdischen Wohnhäuser.

Archäologische Funde belegen die Nutzung der Kloake zwischen dem 13. und ausgehenden 15. Jahrhundert. Der Goldohrring wurde zwischen anderen Gegenständen des Spätmittelalters gefunden: Münzen, Täfelchen mit hebräischer Beschriftung, sonstige Alltagsgegenstände und Abfall. Daher ist es unwahrscheinlich, dass der Ohrring absichtlich im Boden vergraben wurde. Vielmehr ist von einem versehentlichen Verlust auszugehen. Auch der Zustand des Goldohrrings bei seiner Auffindung zeigte keine Spur von absichtlicher Deponierung. Zu einem Klumpen zusammengedrückt, kam der Ohrschmuck zum Vorschein. Entsprechend wurde der Ohrring nicht mehr getragen, als er in die Latrine fiel. Vielleicht war es geplant, das Schmuckstück auseinanderzunehmen, um seine kostbaren Materialien wiederzuverwenden.

Die Kloake des Wohnhauses verbindet zwei Wohn- und Arbeitsbereiche miteinander. Das Haus Bardowiek lag an der Grenze zwischen dem Goldschmiedeviertel und dem jüdischen Wohnviertel in mittelalterlicher Zeit, das seit dem 11. Jahrhundert dort bestand und sowohl durch archäologische Funde als auch durch schriftliche Quellen nachgewiesen ist. Der Begriff "Grenze" ist nicht als Trennlinie im strengen Sinne zwischen zwei Bevölkerungsgruppen zu verstehen, sondern spiegelt nur die stadträumlichen Strukturen im Mittelalter wider. Aus historischen Zeugnissen geht hervor, dass nicht nur Christen die Goldschmiedekunst beherrschten, sondern auch Juden. Archäologische Funde, die Bezüge zu Goldschmiedewerkstätten aufweisen, wurden überall im ehemaligen jüdischen Viertel verteilt gefunden, einschließlich in der Umgebung der Synagoge. Aus Urkunden des 14. Jahrhunderts geht hervor, dass es christlichen Goldschmieden durch Verordnung verboten war, in jüdischen Häusern zu arbeiten. Das könnte als Aufteilung von Märkten oder Wettbewerbern interpretiert werden und legt nahe, dass im mittelalterlichen Köln sowohl jüdische als auch christliche Goldschmiede tätig waren.

Der entsetzliche Frühling

Die Auswirkungen des Ersten Kreuzzugs auf die jüdische Gemeinde von Köln.
von Magdalena Wrobel

Zwar wissen wir nicht, wer die Trägerin des Goldohrrings war, noch wie sie an ihn kam oder wie er in einer Kloake endete, aber wir wissen von den existentiellen Umständen der Geschichte, mit denen sie und ihre Familie konfrontiert wurden.

Im ausgehenden 11. Jahrhundert wurde der Interner Link: Erste Kreuzzug ausgerufen, der sich auf das Leben der Juden in ganz Europa auswirken sollte. Der Anfang war mit der Rede von Papst Urban II. 1095 gemacht, die er im Rahmen der Synode von Clermont hielt, und in der er zur bewaffneten Pilgerfahrt nach Palästina aufrief. Die im Vorfeld sorgfältig vorbereitete Entsendung europäischer Adliger hatte das Ziel, den Kaiser von Byzanz zu unterstützen und Jerusalem und das Heilige Land von muslimischer Herrschaft zu befreien.

Die Mission wurde mit großer Begeisterung aufgenommen – in Europa gab es eine starke Sehnsucht nach einem gemeinsamen Ziel, das die in Machtkämpfe verstrickten Königreiche und Fürstentümer einen könnte.

Bis zu dieser Rede in Clermont waren die Kölner Juden relativ frei gewesen. Zwar lebten sie in einem gesonderten Stadtteil und es kam gelegentlich zu Spannungen, doch blühte der kulturelle und wirtschaftliche Austausch mit der nicht-jüdischen Bevölkerung der Stadt.

Das sollte sich im Frühjahr 1096 radikal ändern.

Anders als ursprünglich geplant schlossen sich nicht nur Ritter und andere Adlige dieser religiös geprägten Waffenfahrt an, sondern auch Laienprediger und Bauern. Diese riesige Menschenmenge wälzte schon bald über Europa hinweg und säte überall auf ihrem Weg in den Nahen Osten Gewalt und Chaos. Als tausende von französischen Kreuzzugsteilnehmern an den Grenzen des Rheinlands erschienen, war ihre Verpflegung bereits aufgebraucht. Dazu kam, dass die Juden von Christen als "Fremde" wahrgenommen wurden. Mal galten sie als der verlängerte Arm der Muslime, mal als personifizierter Wucher und mal als die Übeltäter, die die Kreuzigung Christi zu verantworten hatte. Und schließlich erachtete der verelendete Mob den bescheidenen Wohlstand der jüdischen Gemeinden als leichte Beute. Alle diese Aspekte zusammengenommen dienten den Massen , eine rationale Begründung für die Ermordung von Juden im Rahmen des Kreuzzugs zu konstruieren.

Zahlreiche Juden wurden angegriffen, schikaniert, umgebracht, oder zum Übertritt zum christlichen Glauben gezwungen. Einige nahmen sich das Leben, um der Zwangstaufe zu entgehen. Synagogen wurden geplündert und niedergebrannt. Die genaue Anzahl der Toten ist nicht überliefert, doch ist bekannt, dass die jüdischen Gemeinden von Speyer, Worms und Mainz ausgelöscht wurden. Auch in anderen Städten wurden zahlreiche Juden umgebracht.

Jüdische Gemeinden in Speyer, Worms, Mainz und Frankfurt a. M.

Als die katholische Kirche der allenthalben in Mitteleuropa in großem Umfang begangenen Gräueltaten gewahr wurde, verurteilte sie das Morden und Brandschatzen. Von der Kirchenleitung und den jüdischen Gemeinden hagelte es förmliche Proteste. Doch war jegliche Form von Vergeltung unmöglich, denn die Täter kamen von überall her und unterlagen nicht der lokalen Gerichtsbarkeit. Für die jüdischen Einwohner von Köln und anderen Städten war es ohnehin zu spät – entweder hatten sie fliehen können oder sie waren getötet worden. Immerhin eine positive Episoden gab es allerdings in diesem entsetzlichen Teil gemeinsam erlebter Geschichte: einige der Juden von Köln fanden Aufnahme in christlichen Häusern und konnten sich dort verstecken, bis der Mob weiter nach Südosteuropa zog.

Ungeachtet der Brutalität und der großflächigen geographischen Ausdehnung dieser Massaker wird in den zeitgenössischen lateinischen Chroniken nicht über diese Ereignisse berichtet – die gegen eine Minderheit gerichteten Gräueltaten für die Nachwelt festzuhalten hätte schließlich das edle Ziel der von der christlichen Mehrheitsgesellschaft des Kreuzzugs in Misskredit bringen können. Der Bericht des Mainzer Anonymus (von dem nur bekannt ist, dass er vermutlich aus Mainz stammte und über das Schicksal der jüdischen Gemeinden berichtete) sowie die Chronik des Salomo bar Simson sind zwei der sehr wenigen überlieferten Quellen, in denen die Ereignisse ausführlich beschrieben wurden. Heute gilt das, was sich im Jahr 1096 abspielte, als Auftakt dessen, was in der langen europäischen Geschichte an antijüdischer Massengewalt noch folgen sollte.

Dieser Beitrag ist Teil des Externer Link: Shared History Projektes vom Externer Link: Leo Baeck Institut New York I Berlin.

Weitere Inhalte

Anette Mazur ist Promotionsstudentin im Fach Christliche Archäologie und Byzantinische Kunstgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Ihr Forschungsschwerpunkt sind die Bildzyklen des Alexanderromans in verschiedenen Kulturkreisen vom 13. bis ins 15. Jahrhundert. Bis Dezember 2020 unterstützte sie das Team des MiQua. LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln.

Magdalena Wrobel ist Projektmanagerin am Leo Baeck Institute - New York | Berlin (LBI). Sie promovierte am Historischen Seminar, Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Am LBI hat sie u.a. das 1938Projekt und das Shared History Project betreut.