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Kapitänsmütze der "MS St. Louis"

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Kapitänsmütze der "MS St. Louis"

Susan Bachrach Frank Mecklenburg

/ 7 Minuten zu lesen

Kapitän Gustav Schröder steuerte die St. Louis auf ihrer verhängnisvollen Reise von Hamburg nach Kuba, wo sie abgewiesen und einige Wochen später zur Rückkehr nach Europa gezwungen wurde.

Kapitänsmütze der MS St. Louis; Mit freundlicher Genehmigung von USHMM. Externer Link: Shared History Projekt, (United States Holocaust Memorial Museum) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Das Objekt

Kapitänsmütze der MS St. Louis

von Susan Bachrach
Diese Mütze trug Kapitän Gustav Schröder, der auf der Interner Link: zur Rettung jüdischer Geflüchteter unternommenen Unglücksfahrt der MS St. Louis das Kommando hatte. Das Schiff stach am 13. Mai 1939 vom Hamburger Hafen aus in See und steuerte Kuba an, wurde jedoch wenige Wochen später gezwungen, nach Europa zurückzukehren. Kapitän Schröder starb 1959 im Alter von 73 Jahren in Hamburg. Bei einem Treffen der überlebenden Passagiere im Jahr 1989 schenkte sein Neffe Rolf Schröder die Kapitänsmütze Herbert Karliner, der als zwölfjähriger Junge mitgereist war. Herbert Karliner stiftete die Kapitänsmütze dem United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D. C. Dort gibt sie Zeugnis von der Notlage der jüdischen Geflüchteten in den 1930er Jahren und davon, wie ihr Träger einigen von diesen Menschen geholfen hat. Zu einer Zeit, als viele Deutsche Maßnahmen zur Ächtung von Jüdinnen und Juden aktiv unterstützten oder geschehen ließen, entschied sich Kapitän Schröder zur tätigen Hilfe für seine Mitmenschen.

Historischer Kontext

Eine restriktive Einwanderungspolitik besiegelte das Schicksal der Passagiere auf der St. Louis.

von Susan Bachrach

Porträtfotografie des Kapitäns Gustav Schröder, 1937. (© Public Domain, Wikimedia)

Diese Mütze gehörte Gustav Schröder, dem Kapitän der MS St. Louis. Im Mai 1939 brachte der Atlantikliner 937 Passagiere nach Kuba, bei denen es sich größtenteils um aus Nazi-Deutschland flüchtende Jüdinnen und Juden handelte. Wie zahlreiche andere jüdische Familien, die in der "Reichskristallnacht" vom 9. auf den 10. November 1938 in ihren Gemeinden gewalttätige Angriffe auf ihre Geschäfte, Häuser und Synagogen erlebt hatten, waren die Passagiere der St. Louis verzweifelt auf der Suche nach einer sicheren Anlaufstelle. Unter ihnen befanden sich auch einige Männer, die in jener Schreckensnacht verhaftet und erst nach Wochen und nur unter der Bedingung, das Land zu verlassen, aus den Konzentrationslagern freigelassen worden waren.

1. Juni 1939: Die St. Louis, ein Passagierschiff der Hamburg-Amerika-Linie mit über 900 deutsch-jüdischen Flüchtlingen an Bord, darf in der kubanischen Hauptstadt Havanna nicht anlegen, obwohl die Regierung sich zuvor bereit erklärt hatte, deutschen Flüchtlingen vorübergehend Asyl zu gewähren. Das Schiff muss mit seinen Passagieren nach Europa zurückkehren, viele von ihnen werden später im KZ umgebracht. (Quelle: Externer Link: https://www.ushmm.org/ (© Foto: picture alliance/AP Images)

Als das Schiff am 13. Mai aus dem Hamburger Hafen auslief, waren die meisten seiner Passagiere im Besitz von Einreisebewilligungen für Kuba. Bei der Ankunft am 27. Mai im Hafen von Havanna wurde jedoch allen jüdischen Geflüchteten bis auf 28 (von denen einige gültige Visa für die Vereinigten Staaten vorweisen konnten) die Einreise verweigert. Die kubanische Regierung erklärte die Bewilligungen für ungültig und der kubanische Präsident Federico Laredo Brú forderte mit allem Nachdruck, die St. Louis habe den Hafen von Havanna zu verlassen.

Um Zeit zu gewinnen, steuerte Kapitän Schröder die Küste Floridas an. Während das Schiff vor Miami ankerte, flehten die Passagiere in Telegrammen bei Angehörigen und Behördenmitarbeitern in den Vereinigten Staaten um Hilfe. Doch verfügten sie nicht über die speziellen Einreisevisen, die nach den den Zufluss von Immigranten beschränkenden Einwanderungsbestimmungen der Vereinigten Staaten erforderlich waren – und so erlaubte man den Passagieren nicht, von Bord zu gehen. Auch die kanadische Regierung weigerte sich, die Geflüchteten aufzunehmen. Am 6. Juni schließlich nahm der Kapitän Kurs zurück nach Europa auf.

Es liefen in dieser Zeit viele Schiffe in den Hafen von New York ein, fast 1.200 mit annähernd 110.000 jüdischen Geflüchteten – vom März 1938, als österreichische Jüdinnen und Juden nach dem Anschluss nichts dringender als ausreisen wollten, bis Oktober 1941, als Deutschland die Auswanderung verbot. Aber auf den langen Wartelisten für Einwanderungsvisa standen noch viele weitere jüdische Personen. Die Fahrt der St. Louis wurde schon zu ihrer Zeit zum Symbol amerikanischer – und weltweiter – Gleichgültigkeit gegenüber dem Los der Jüdinnen und Juden, die aus Nazi-Deutschland zu entkommen versuchten. Ein etwaiges Mitgefühl in den Vereinigten Staaten für das Schicksal der jüdischen Verfolgten fand jedenfalls keinen Niederschlag in einer Änderung der restriktiven Einwanderungsgesetze, die seit 1924 in Kraft waren. Die gegen die Geflüchteten gerichtete Stimmung in den USA, in Kuba und Kanada war geprägt von der in den Jahren der Interner Link: Weltwirtschaftskrise entstandenen Angst vor Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt, von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus.

Noch während sich die St. Louis auf dem Weg Richtung Europa befand, verhandelte Morris Trooper als Vertreter des American Jewish Joint Distribution Committee (JDC) in Paris mit den Ländern Westeuropas und konnte mehrere dafür gewinnen, Passagiere aufzunehmen. So wurde keiner der Passagiere zur Rückkehr nach Deutschland gezwungen. Nachdem das Schiff am 17. Juni im belgischen Antwerpen eingelaufen war, reisten 287 seiner Passagiere nach Großbritannien weiter, 224 nach Frankreich und 181 in die Niederlande, während 214 Passagiere in Belgien blieben.

Der Kapitän der St Louis, Gustav Schroeder, verhandelt im Hafen von Antwerpen mit belgischen Beamten. (© Public Domain, Wikimedia)

Auf der gesamten Seefahrt hatte Kapitän Schröder seine Mannschaft angehalten, die jüdischen Passagiere mit Respekt zu behandeln, und hatte Gottesdienste an Bord zugelassen. An erster Stelle ist jedoch seine energische Zusammenarbeit mit den Vertretern des JDC bei der Suche nach sicheren Anlaufstellen für seine Passagiere und bei der Verhinderung einer erzwungenen Rückkehr nach Deutschland zu nennen. Nach der Anlandung in Antwerpen kehrte Schröder nach Hamburg zurück und behielt weiterhin das Kommando über die St. Louis. Als jedoch Großbritannien und Frankreich nach dem Interner Link: Polenfeldzug im September 1939 Deutschland den Krieg erklärten, kam die Passagierschifffahrt zum Erliegen. Schröder wurde eine Stelle in der Verwaltung zugewiesen und fuhr nie wieder zur See.

Mit Beginn des Interner Link: Westfeldzugs im Frühjahr 1940 sahen sich viele der einstigen Passagiere der St. Louis ein weiteres Mal in Lebensgefahr, wie durch das Schicksal einer Familie veranschaulicht wird. Herbert Karliner war 12 Jahre alt, als er mit seinen Eltern und Geschwistern auf der St. Louis reiste. In den Novemberpogromen war der Lebensmittelladen der Karliners durch Plünderer zerstört worden; sein Vater Joseph wurde festgenommen und im Konzentrationslager Buchenwald gefangen gehalten. Nach zwei Monaten wurde er freigelassen, da er nachweisen konnte, bereits Vorkehrungen für die Ausreise der Familie getroffen zu haben. Als die St. Louis nach Europa zurückgekehrt war, ging die Familie Karliner nach Frankreich. Ab 1940, während der Besetzung Frankreichs durch Deutschland, überlebten Herbert und sein Bruder Walter in Kinderheimen, die von jüdischen Hilfsorganisationen betrieben wurden, und im Untergrund. Ihre Eltern und Schwestern wurden nach Interner Link: Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Von den 937 Passagieren an Bord der St. Louis waren 620 im Sommer 1939 in den Niederlanden, Belgien und Frankreich untergekommen. Als ein Jahr später deutsche Truppen in diesen Ländern einmarschierten, saßen 532 von ihnen sozusagen in der Falle. Von diesen überlebten 278 Menschen. 254 wurden ermordet.

Persönliche Geschichte

Trotz Anweisungen, die ihm untersagten, mit den Passagieren zu kommunizieren, versuchte Kapitän Schröder, den Passagieren der St. Louis zu helfen

von Frank Mecklenburg
"Nach dem Krieg stand er im Rahmen der Interner Link: Nürnberger Prozesse vor Gericht und mein Vater sagte dann als Zeuge aus, dass er kein Nazi gewesen sei, sondern tausenden Menschen das Leben gerettet hätte. Und er wurde freigesprochen", schreibt Ruth Zellner über Gustav Schröder, den Kapitän der zu trauriger Berühmtheit gelangten St. Louis. Sie war 18 Jahre alt, als sie und ihre Familie es an Bord des Schiffes geschafft hatten. Die Familie lebte in Breslau (Wrocław, heute Teil Polens). Ihr Vater, ein 1882 in Posen (Poznań) geborener Anwalt, hatte im Interner Link: Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite gekämpft. Ihre Mutter war eine der ersten promovierten Frauen in Deutschland; sie hatte ihren Doktortitel in Chemie erworben. Da Posen nach dem Ersten Weltkrieg Polen zugefallen war, setzte die Familie ihre Hoffnung auf das von den Vereinigten Staaten festgelegte Kontingent für polnische Geflüchtete, um dort einwandern zu können.

Jüdische Emigranten auf der St. Louis im Hafen von Havanna im Sommer 1939. Sie dürfen das Schiff nicht verlassen und werden nach Europa zurückgeschickt. (© Foto: picture-alliance / akg-images)

Die deutschen Behörden hatten es dem Kapitän untersagt, mit den Passagieren in Kontakt zu treten. Die für den Brandschutz verantwortlichen Seeleute waren Mitarbeiter der Interner Link: Gestapo und überwachten und kontrollierten alle Ereignisse an Bord. Als jedoch den Passagieren von Kuba die Ausschiffung verwehrt wurde und auch die Vereinigten Staaten und andere Länder die Geflüchteten nicht aufnehmen wollten, ergriff Kapitän Schröder aktiv Maßnahmen.

"Der Kapitän bat fünf Männer, darunter meinen Vater, die Verbindung zwischen ihm, den verschiedenen Regierungen und den Passagieren zu halten und dafür zu sorgen, dass die Fakten bekannt werden und die Verbreitung von Gerüchten aufhört. Es waren ja alle verzweifelt, insbesondere diejenigen, die aus den Interner Link: Konzentrationslagern entkommen waren. Sie wollten eher das Schiff in Brand setzen als nach Deutschland zurückzukehren. Bei Nacht durfte niemand an Deck. Es wurde eine Nachtwache eingerichtet, um Selbstmorde zu verhindern. Mir wurden von vielen Menschen Zettel zugesteckt, in denen mein Vater angefleht wurde, ihr Leben zu retten.

Das JDC schickte weiterhin hoffnungsfrohe Telegramme, aber keiner glaubte mehr daran. Es wurden auch einige eher abstruse Pläne geschmiedet. Zum Beispiel ist es im Seerecht vorgeschrieben, dass ein Schiff haltmachen und zwei Stunden lang suchen muss, wenn jemand über Bord gegangen ist. Nach dem Plan sollten junge Männer untereinander auslosen, wer über Bord springt. Dann wollten sie versuchen, so lange wie möglich über Wasser zu bleiben. Sobald sie entweder ertrunken oder gerettet worden waren, sollte der nächste Mann über Bord gehen. Auf diese Weise sollte eine Weiterfahrt des Schiffs nach Europa verhindert werden.

[...] Mit einigen Vertrauensleuten unter den Mitgliedern seiner Besatzung traf der Kapitän die höchst geheime Absprache, das Schiff vor der Küste Englands auf Grund laufen zu lassen, ein Feuer vorzutäuschen und die Passagiere in Rettungsboote zu verfrachten. Ungefähr zwei Wochen vergingen, in denen die Angst und Verzweiflung stetig größer wurden. Und dann kam die Nachricht, die wir kaum zu glauben wagten: England, Frankreich, Holland, Belgien – jedes dieser Länder würde ungefähr 250 Menschen aufnehmen. Endlich war es wahr geworden. […]"

Von den 937 Geflüchteten, die ursprünglich an Bord der St. Louis gegangen waren, kehrten 620 nach Europa zurück. Nach der Besetzung durch Deutschland der westeuropäischen Länder wurden 254 von ihnen ermordet.

Dieser Beitrag ist Teil des Externer Link: Shared History Projektes vom Externer Link: Leo Baeck Institut New York I Berlin.

Weitere Inhalte

Susan Bachrach ist Historikerin am United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C. Seit ihrem Eintritt in das Museum im Jahr 1992 hat sie an vielen Sonderausstellungen mitgearbeitet und die Ausstellungen Deadly Medicine: Creating the Master Race und Some Were Neighbors: Collaboration and Complicity in the Holocaust kuratiert. Ihr Aufsatz "'Bystanders' in Exhibitions at the United States Holocaust Memorial Museum" erschien in Christina Morina und Krijn Thijs, Hrsg., Probing the Limits of Categorization: The Bystander in Holocaust History (New York und Oxford: Berghahn Books, 2019).

Frank Mecklenburg ist Forschungs- und Archivleiter am Leo Baeck Institut. Er promovierte in Neuerer Deutscher Geschichte an der Technischen Universität Berlin. Er kam 1984 als Archivar zum Leo Baeck Institut und übernahm 1996 seine jetzige Funktion.