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Silberne Spielzeuglokomotive

Hanno Loewy Anika Reichwald

/ 7 Minuten zu lesen

Dieses jahrzehntelang verlorene silberne Andenken gehörte dem Gründervater der österreichischen Eisenbahn, einem Wiener Juden, der für seine Leistungen durch den Kaiser in den Adelsstand erhoben wurde. Sein Enkel versteckte die silberne Lokomotive am Vorabend seiner Deportation mit der österreichischen Eisenbahn in ein Konzentrationslager bei seinen Nachbarn.

Silberne Spielzeuglokomotive, Externer Link: Shared History Projekt. (Jüdisches Museum Hohenems) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Das Objekt

von Hanno Loewy und Anika Reichwald

Die Silberne Lokomotive wurde Heinrich Sichrovsky 1845 von den Beamten der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn zum Geschenk gemacht und innerhalb der Familie über die Tochter Elise Sichrovsky (verh. Gomperz) an deren Sohn Rudolf Gomperz weitervererbt. Seit 1941 war das Objekt verschollen und tauchte erst 2016 wieder auf, als die Tochter eines St. Antoner Bekannten von Rudolf Gomperz das Objekt der Israelitischen Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg übergab. Seitdem ist es als Leihgabe dem Jüdischen Museum Hohenems überlassen. Etwaige Interner Link: Erbschaftsansprüche werden von der Restitutionsstelle der Israelitischen Kultusgemeinde Wien überprüft.

Historischer Kontext

"Papas Silberlokomotive"

von Hanno Loewy und Anika Reichwald

Die Lokomotive, die sich seit 2016 als Leihgabe der Israelitischen Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg im Jüdischen Museum Hohenems befindet, ist das detailgetreue Modell einer jener Personenzug-Dampflokomotiven, die die k.k. privilegierte Kaiser Ferdinands-Nordbahn (kurz: KFNB) ab 1838 einsetzte.

Österreich, Kaiser-Ferdinand-Nordbahn, eröffnet 1837 (© picture-alliance/akg)

Das Modell, das gänzlich aus Silber bestehend mehrere Punzen eines Wiener Silberschmieds aufweist, dient auch als Samowar. Kohle- oder Wasserkasten, Kessel sowie der Wasserhahn mit Verschluss auf der Modellfrontseite weisen Nutzspuren auf. Neben diesen eher untypischen Funktionsmerkmalen finden sich etliche weitere Details, die das Modell als kunsthandwerkliches Meisterstück seiner Zeit auszeichnen: etwa der kleine Balkon mit filigranen Streben statt eines Führerhauses hinter dem mit Blumenranken verzierten Kessel oder das ebenfalls verzierte Namensschild der Lokomotive sowie der dem Original nachempfundene Schlot, das Sicherheitsventil und Dampfhorn. 1845 schenkten Beamte der KFNB dieses Modell Heinrich Sichrovsky nachträglich zu seinem 50. Geburtstag, wie das Wiener Sonntagsblatt am 14. September 1845 vermeldete. Der Name "Fortuna" war als Glückwunsch zu verstehen. Eine Fortuna 1 Lokomotive wurde erst 1853 eingesetzt.

Heinrich Sichrovsky (1794–1866), einer konservativ-jüdischen Wiener Familie entstammend, trat zunächst in das Wiener Großhandels- und Bankhaus H. Biedermanns Söhne ein, das mit dem Bank- und Wechselhaus Salomon Mayer von Rothschilds assoziiert war. In den 1830er Jahren erweiterte er in enger Zusammenarbeit mit dem Geologen Franz Xaver Riepl seine Expertise zum Eisenbahnbau, dessen wirtschaftliche Vorzüge und technisch-administrative Voraussetzungen. Gleichzeitig gewann Riepl Salomon Rothschild als Finanzier für die Idee, eine Bahnlinie zum Transport von Kohle und Eisen aus Mähren zu bauen.

Nach etlichen Anläufen erhielt Rothschild 1836 das uneingeschränkte Privileg zur Errichtung einer Dampfeisenbahn - die KFNB war gegründet. Als Eisenbahn- und Bergbaugesellschaft bespielte sie zu ihrer wirtschaftlichen Hochzeit vor allem die Hauptstrecke von Wien nach Nordmähren und später Österreichisch-Schlesien - und war damit nicht nur transeuropäisches Bindeglied, sondern auch Antriebsmotor für die spätere Interner Link: Industrialisierung des Habsburger Reiches und damit wesentliches Merkmal der österreichischen Wirtschaftsgeschichte.

Heinrich Sichrovsky wurde nach der Gründung der KFNB ihr erster Generalsekretär und ging als Eisenbahnpionier in die Geschichte ein. Auch in der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien war er als Reformer und Funktionär, Mäzen und Leiter zahlreicher sozialer und Bildungseinrichtungen vielfältig engagiert. 1850 erhielt Sichrovsky als einer der ersten Juden das Wiener Bürgerrecht und kurz vor seinem Tod 1866 wurde er auch mit dem Orden der Eisernen Krone III. Kl. ausgezeichnet und geadelt. Heinrich von Sichrovsky hatte es geschafft, sich unwiderruflich in die Kulturgeschichte des Österreichischen Kaiserreiches einzuschreiben.

Seine gesellschaftlichen Privilegien gingen auch auf seine Nachkommen über - ebenso wie das Modell der Fortuna, Symbol einer gehobenen bürgerlichen Lebensart und Repräsentationskultur des assimilierten Judentums in Österreich. Sie blieb in Familienbesitz und zierte als Blickfang den Wiener Salon seiner Tochter Elise und ihres Mannes Theodor Gomperz, der die Altertumswissenschaften mit seinen Werken zur griechischen Literatur und Philosophie entscheidend mitprägte. Ihr Sohn Rudolf Gomperz wiederum begründete den modernen alpinen Tourismus mit und brachte die Lokomotive nach St. Anton, Tirol. Dort gab er sie vor seiner Interner Link: Deportation und Ermordung durch die Nationalsozialisten in Interner Link: Maly Trostinez 1942 noch "in gute Hände".

Die silberne Lokomotive - Heinrich Joachim von Sichrovsky, Generalsekretär der Kaiser Ferdinands-Nordbahn (Wikimedia, St.Anton1901) Lizenz: cc by-nc-sa/4.0/deed.de

Nach Interner Link: Ende des Zweiten Weltkrieges fehlte von der Lokomotive jede Spur. Gomperz und das unauffindbare Lokomotiv-Modell wurden Jahre später zu einer österreichischen ‚Legende‘: Der Tiroler Lokalhistoriker und Journalist Hans Thöni ging der bis dahin tabuisierten Geschichte in den späten 1970er Jahren nach, und Felix Mitterer diente sie als Stoff für das Theaterstück "Kein schöner Land". Harry Sichrovsky, ein Nachfahre Heinrichs, beschrieb die Geschichte der Lokomotive in einer Biografie seines Urahns, und 2002 fragte der Dokumentarfilm Die silberne Lokomotive von Sina Moser nach deren Verbleib. Auch nachdem die Jüdischen Museen in Hohenems und Wien 2009 gemeinsam die jüdische Geschichte des Alpinismus in einer großen Wanderausstellung aufrollten, blieb die Lokomotive verschollen.

Erst 2016 ging ein Hinweis bei der Israelitischen Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg in Innsbruck ein, der eine Wende einleitete: Auf dem Dachboden der Familie, der Rudolf Gomperz vor seiner Verhaftung das Modell anvertraut hatte, fand sich in einem Karton mit der Aufschrift "Alte Si Lokom. v. Papa" das Modell, das über 70 Jahre lang verschwunden war. Es bleibt nur zu vermuten, was jene Familie dazu bewogen hat, die Lokomotive nicht zurückzuführen - obwohl man wahrscheinlich um die Anstrengungen, diese zu finden, wusste.

Ob es noch erbberechtigte Nachfahren von Sichrovsky gibt, denen das Lokomotiv-Modell Interner Link: restituiert werden kann, wird von der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien und ihrer Arbeitsstelle für Restitutionsfragen noch untersucht. Solange bleibt das Objekt übergangsweise im Besitz der Israelitischen Kultusgemeinde Tirol und Vorarlberg. Seine Geschichte wurde seit dem Auftauchen in unterschiedlichen Kontexten thematisiert, etwa in den Ausstellungen Übrig - Blick in die Bestände (2016, Jüdisches Museum Hohenems) oder Spuren (2018, Huber-Hus in Lech am Arlberg). Seit 2020 ist das Lokomotiv-Modell Teil der Dauerausstellung im Jüdischen Museum Hohenems.

Persönliche Geschichte

Ein Brief aus dem Jenseits
von Hanno Loewy und Anika Reichwald

Rudolf Gomperz (Wikimedia, St.Anton1901) Lizenz: cc by-nc-sa/4.0/deed.de

Am Dreikönigstag 1942 schrieb Rudolf Gomperz in St. Anton einen "Brief aus dem Jenseits": "In den nächsten Tagen soll ich St. Anton verlassen und nach Wien ziehen, wahrscheinlich schiebt man mich dann weiter - und die Wahrscheinlichkeit, dass ich dabei mein Leben verliere, ist sehr groß. […] Gott verzeihe denen, die mir Böses taten und meinen früheren Tod herbeiführten. Einst werden ihnen die Augen geöffnet werden. […] Als reicher Mann kam ich vor 37 (Jahren) in dieses Dorf, das klein und fast unbekannt war. Als armer Bettler verlasse ich es, das heute dank meiner Arbeit groß, wohlhabend, und weltbekannt wurde."

Am 16. Dezember 1941 hatte die Interner Link: Gestapo sein Haus durchsucht, drei Tage später wurde er angewiesen, den Judenstern zu tragen. Es muss in diesen Tagen gewesen sein, dass er die silberne Lokomotive, das Erbstück seiner Mutter bei einem Nachbarn deponierte.

Wenige Tage später, am 20. Januar, wurde er nach Interner Link: Wien zwangsumgesiedelt, in ein Sammellager in der Sperlgasse. 1905 war Gomperz nach St. Anton gekommen, um sich von der Malariakrankheit zu erholen, die er sich als Ingenieur der Bagdad-Bahn zugezogen hatte. Der leidenschaftliche Skifahrer fand in Tirol neue Freunde. Den jugendlichen Hannes Schneider aus Stuben am Arlberg, dessen Skitechnik den neuen Sport revolutionierte - und den Frankfurter Bernhard Trier, einen passionierten Alpinisten aus jüdischer Familie, dessen Mutter aus dem nahegelegenen Hohenems im Vorarlberger Rheintal stammte. Ein Hotelier in St. Anton hatte die Idee, Hannes Schneider als Skilehrer anzustellen, und Skikurse mit Übernachtung als Paket anzubieten. Der moderne Skitourismus war geboren.

1908 wurde Gomperz Vorsitzender des Österreichischen Skiverbandes, dann dessen Geschäftsführer, und trieb die Entwicklung des Skisports in Österreich voran. Der erste Weltkrieg unterbrach diese Erfolgsgeschichte: Bernhard Trier kehrte von der russischen Front nicht zurück. Hannes Schneider überlebte den Krieg in den Dolomiten und Gomperz als Leiter der Skiwerkstätten der österreichischen Armee.

In den 1920er Jahren zog es sie erneut nach St. Anton. Gomperz übernahm die Leitung des Fremdenverkehrsbüros und Hannes Schneider baute seine legendäre Skischule auf. Bergfilme von Arnold Fanck und seinem jüdischen Produzenten Henry Sokal machten Schneider (zusammen mit Leni Riefenstahl) zum Filmstar. Gomperz, Schneider, und Fanck publizierten moderne Lehrbücher und Skiführer. Und selbst die "Arisierung" von Alpenverein und Skiverband durch österreichische Antisemiten hatte in St. Anton zunächst keinen Erfolg.

Erst 1938 machten die Nazis auch hier ernst: Hannes Schneider wurde verhaftet, Rudolf Gomperz entlassen und in seinem geliebten St. Anton zum Paria. Das SS-Blatt "Das Schwarze Korps" fiel über Schneider und Gomperz her: Gemeinsam mit einem "eingewanderten Ghetto-Juden namens Rudolf Gomperz" habe Schneider eine "wahre Schreckensherrschaft" errichtet und "diese Gewalt wie ein beutegieriger Jude ausgeübt." Schneider "möge seine Schwünge ausführen, wo er will. Vielleicht auf dem Berge Sinai, der ihm ja auch am besten zu Gesicht stehen würde." Schneider emigrierte im Januar 1939 in die USA, wo er seine Karriere erfolgreich fortsetzte.

Längst zum Protestantismus konvertiert, hatte Gomperz 1925 die beiden Söhne seiner zweiten Frau Anna Stecher adoptiert - die nun bald in der Interner Link: Wehrmacht und in der Waffen-SS Dienst taten. Von seinem Vermögen war schon seit der Inflation nichts mehr übrig. Nun war er gänzlich mittellos. Gomperz lehnte es trotz der sich zuspitzenden Lage entschieden ab, in die Schweiz zu flüchten und seine Frau zu verlassen.

Nach seiner Zwangsumsiedlung Anfang 1942 erreichte Anna Stecher am 24. Mai noch ein Brief, den Gomperz aus dem Sammellager schmuggeln konnte. Wenige Tage zuvor, am 20. Mai 1942, war er mit 986 Menschen im 22. "Judentransport" von Wien nach Osten "abgegangen". Am 26. Mai traf er in Minsk ein, wo die Deportierten im Lager Maly Trostinez erschossen wurden.

Dieser Beitrag ist Teil des Externer Link: Shared History Projektes vom Externer Link: Leo Baeck Institut New York I Berlin.

Weitere Inhalte

Hanno Loewy, Dr. phil, geboren 1961 in Frankfurt am Main, Literatur- und Filmwissenschaftler, Ausstellungsmacher und Publizist. Von 1995 bis 2000 Gründungsdirektor des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt am Main, seit 2004 Direktor des Jüdischen Museums Hohenems in Österreich. Von 2011-2017 Präsident der Association of European Jewish Museums. Publikationen und Ausstellungen zur jüdischen Gegenwart und Geschichte, Filmtheorie, Filmgeschichte und Fotografie sowie zur Geschichte und Rezeption des Holocaust. Zuletzt: All About Tel Aviv-Jaffa. Die Erfindung einer Stadt (gemeinsam als Hg. mit Hannes Sulzenbacher), Hohenems 2019.

Anika Reichwald, Dr. sc. ETH, Geschichts-, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Von 2015 bis 2020 Leiterin Sammlungen und Archiv am Jüdischen Museum Hohenems; seit 2021 dort als Kuratorin tätig. Ausstellungen zu Lokal- und Objektgeschichte sowie Rezeption des Holocaust. Verschiedene Beiträge zu museumsnahen Themen, ebenso wie zu literarischem Antisemitismus, deutscher Phantastik in der Moderne und deutsch-jüdischer Literatur- und Kulturgeschichte seit der Haskala. Zuletzt: Die Zukunft der Zeitzeugenschaft? in: Jim Tobias / Andreas Livnat (Hg.): Zeitenwende – neue Formen der Erinnerungs- und Gedenkkultur [nurist 2020. Beiträge zur deutschen und jüdischen Geschichte], Nürnberg 2020. S. 87–102.