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Die Lebensgeschichte des Lazarus Morgenthau

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Die Lebensgeschichte des Lazarus Morgenthau

Tobias Brinkmann

/ 7 Minuten zu lesen

Der Weg, den Lazarus Morgenthau in Deutschland aus der Armut fand, ist Beleg der wirtschaftlichen Chancen, die vielen Juden mit der Gewährung der Bürgerrechte eröffnet wurden; gleichzeitig zeigt sein Scheitern in Amerika, dass die jüdische Einwanderung in die Vereinigten Staaten nicht immer eine geradlinige Erfolgsgeschichte war.

Die Lebensgeschichte des Lazarus Morgenthau, Externer Link: Shared History Projekt. (Leo Baeck Institute – New York | Berlin) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Das Objekt

Im Jahr 1933 erteilte Henry Morgenthau Jr., der ein Jahr später zum Treasury Secretary (Finanzminister) der Vereinigten Staaten ernannt werden sollte, einen Auftrag bezüglich eines Erinnerungsstücks der Familie: Die handschriftlichen Erinnerungen seines Großvaters Lazarus aus dem Jahr 1842 sollten abgeschrieben und übersetzt werden. Dieses autobiographische Dokument schrieb Lazarus Morgenthau in einer Mischung aus Hochdeutsch und dem bayrischen Dialekt seiner Kindheit. Er erzählt darin die Geschichte von seiner Geburt im Jahr 1815 über seine Tätigkeit als Schneider im schwäbischen Dorf Hürben, wo er seine Frau Babette Guggenheim heiratete, bis hin zu seinem Erfolg als Krawattennäher in Interner Link: Speyer. Louise Heidelberg, Enkeltochter von Lazarus, fügte den Memoiren eine kurze Skizze über das Leben des Patriarchen nach 1842 bei. Für die erweiterte Familie wurden mehrere Exemplare des zweisprachigen Bandes als Privatdruck erstellt. Das Originalmanuskript von Lazarus Morgenthaus Lebensbeschreibung wurde von seinem Urenkel, dem ehemaligen District Attorney (Staatsanwalt) von Manhattan Robert Morgenthau wieder aufgefunden, der es im Jahr 2018 dem Leo Baeck Institute schenkte.

Historischer Kontext

    “[...] Wenn wir am Freitagabend beisammen waren, und kaum halber satt waren, und unser Vater und Mutter fingen an das Sabbat Gesang zu singen und wir Kinder stimmten mit ein, [...] wir dachten an keinen Hunger oder Geschäft [...].”

Die handschriftliche Beschreibung seines Lebens, die Lazarus Morgenthau im Jahr 1842 aufschrieb, ist ein besonders seltenes Dokument, das das tägliche Interner Link: Leben der jüdischen Bevölkerung im ländlichen Raum im Süden Deutschlands während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beleuchtet. Der Text wurde zu einem Zeitpunkt geschrieben, als die Interner Link: Industrialisierung Mitteleuropas gerade erst in ihren Anfängen steckte. Lazarus vermittelt seinen Lesern eindrückliche und bewegende Einsichten in den alltäglichen Kampf einer jüdischen Familie, die in den Interner Link: 1820er und 1830er Jahren ständig von einem Ort zum anderen zog. Vor den Jahrzehnten um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren Juden in den südlichen Fürstentümern Deutschlands Teil von weit gespannten Familiennetzwerken. Männer und Frauen heirateten und bewegten sich innerhalb dieser Staatsgebiete übergreifenden Netzwerke, weil es in den kleinen dörflichen Gemeinden schlicht zu wenig potentielle Kandidatinnen und Kandidaten für eine Eheschließung gab. Die meisten jüdischen Männer verkauften als Wanderhändler Kurzwaren und gebrauchte Kleidung. Als Kleinunternehmer entwickelten die Hausierer einen scharfen Sinn für die Märkte und die Mode ihrer Zeit, doch waren sie ständig begleitet von der Gefahr des Scheiterns.

Jüdisches Leben in Deutschland: Soziale Ungleichheit und Wohlfahrt 1800 bis 1945

Auch diejenigen Männer, die in einer jüdischen Gemeinde eine Anstellung fanden, waren höchst mobil. Der Vater von Lazarus, Moses, war als Lehrer, Kantor und gelegentlich auch als Schächter tätig. Die Familie Morgenthau zog während Lazarus‘ Kindheit oft von einem Dorf im Obermainland zum nächsten, da sein Vater sich in Anbetracht seiner wachsenden Familie immer wieder auf die Suche einer Arbeit mit höherem Einkommen machen musste. Lazarus war das dritte von acht Kindern. Juden waren in der ländlichen Bevölkerung im süddeutschen Raum eine verschwindend kleine Minderheit. In seinem Lebensbericht beschreibt Lazarus das tägliche Miteinander zwischen Juden und Christen. Als Teenager war er Lehrling bei einem Christen als Lehrherrn. Von Interner Link: anti-jüdischer Diskriminierung erwähnt er nichts.

Allerdings ist die Beschreibung seiner Kindheit die traurige, fast schon einem Dickens-Roman gleichende Geschichte einer Familie, die große Not und viel Unglück durchlitt. Lazarus ging nie zur Schule. Er erinnert sich, wie seine Geschwister und er kurz vor dem Verhungern standen und betteln gingen. Arme Juden konnten sich in der Regel auf die Gemeinde und ihre Familie verlassen. Die Familie Morgenthau erfuhr jedoch nur wenig Unterstützung, vielleicht, weil sie als "Schnorrer" bekannt waren. Später brachten die Eltern Lazarus und seine älteren Brüder bei Familien in unterschiedlichen Städten und Dörfern unter.

Ein Hamburger Dampfschiff nimmt Auswanderer an Bord. Holzstich, um 1875. (© picture-alliance/akg)

Die Schwierigkeiten, die sich der Familie Morgenthau entgegenstellten, wurden noch verschärft durch den sozialen und wirtschaftlichen Wandel dieser Zeit im ländlichen Raum Mitteleuropas. Mit dem Niedergang der Subsistenzlandwirtschaft und der aufkeimenden Marktwirtschaft verschwanden die wirtschaftlichen Nischen, in denen die Juden über Generationen tätig sein konnten. Ebenso schrumpften die ländlichen jüdischen Gemeinden immer mehr zusammen, weil die jüngeren Männer und Frauen in nahegelegenen Städten oder in Amerika ihr Glück suchten. Moses, dem Vater von Lazarus, gelang die Anpassung an die neue Zeit nicht, doch Lazarus und seine Geschwister (wie auch später seine Kinder) stellten sich der Veränderung und brachten es zu Erfolg. 1830, als er 13 Jahre alt war, zog Lazarus in ein anderes Dorf, um eine Lehre als Schneider zu anzutreten. Diese Entscheidung hatte er selbst gefällt und sie bedeutete für ihn eine Wende zu einem neuen Leben. Nach Abschluss der Ausbildung fertigte er Krawatten, die er als Hausierer verkaufte. Als er 1842 seine Lebensgeschichte niederschrieb, hatte er sich in Speyer niedergelassen, wo bereits seit dem Mittelalter eine jüdische Gemeinde bestand.

Einwanderung in die USA: Ankunft eines Auswandererschiffes im Hafen von New York. - Holzstich nach Zeichnung von William John Hennessy. (© picture-alliance/akg)

Die späteren Phasen im Leben von Lazarus verliefen deutlich anders als seine Kindheit und Jugend. Es steht zu vermuten, dass er seinen Text in einer Zeit schrieb, die für ihn einen persönlichen Wendepunkt darstellte. 1843, im Jahr nach der Fertigstellung seines Lebensberichts, heiratete Lazarus im Alter von 26 Jahren und ließ sich in Mannheim nieder, einer wachsenden Industriestadt mit einer blühenden jüdischen Gemeinde. Der Aufstieg von Lazarus von einem auf dem Land reisenden Hausierer zu einem erfolgreichen Fabrikbesitzer war nicht untypisch. In den Jahrzehnten um die Mitte des 19. Jahrhunderts verließen die meisten Juden überall in den Fürstentümern Deutschlands die ländlichen Gesellschaften, an deren Rändern sie ihre Existenz gefristet hatten, um Teil des Bürgertums der wachsenden Metropolen wie Frankfurt, Berlin und Mannheim zu werden.

Persönliche Geschichte

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Im Jahr 1857 besuchte der Großherzog von Baden die Zigarrenfabrik, die Lazarus Morgenthau in Mannheim betrieb, und fand anerkennende Worte für ihren Eigentümer. In der Rückschau war dieser Besuch wohl der Höhepunkt im Leben von Lazarus: Der Herrscher eines bedeutenden deutschen Landes ehrte einen erfolgreichen jüdischen Bürger und Unternehmer, der in seiner Fabrik dutzende Arbeiter beschäftigte.

Ansicht der Stadt Mannheim. - Kupferstich, 1729. (© picture-alliance/akg)

In der deutsch-jüdischen Geschichte spielt Mannheim eine besondere Rolle. Im frühen 18. Jahrhundert, als in den meisten Städten in Deutschland immer noch ein Verbot für Juden galt, sich dort niederzulassen, öffnete der Herrscher die Stadt religiösen Minderheiten, um den Handel und die wirtschaftliche Entwicklung seines Landes zu fördern. Anders als im nahegelegenen Frankfurt mussten Juden hier nicht in einem Ghetto wohnen. Im durchaus von Diversität geprägten Umfeld, das Mannheim darstellte, waren die Juden besser integriert als in den meisten anderen Städten Deutschlands. Die wirtschaftliche Blüte Mannheims im 19. Jahrhundert verdankt sich zu einem großen Anteil der Leistung von Lazarus und anderen jüdischen Unternehmern. Im Jahr 1862 wurde Baden der erste deutsche Staat, der seine jüdische Bevölkerung vollumfänglich emanzipierte. Die Lebensgeschichte von Lazarus steht exemplarisch für den bemerkenswerten Aufstieg der deutschen Juden als Gruppe, die während der Mitte des 19. Jahrhunderts binnen einer einzigen Generation, aus der gesellschaftlichen Marginalisierung hinein in das städtische Bürgertum aufstiegen.

Bis in die 1860er Jahre entsprach das Leben von Lazarus einem Muster, das für junge jüdische Männer im deutschsprachigen Raum nicht untypisch war. Er wuchs in Armut auf, lernte ein Handwerk und arbeitete als Hausierer. Im Gegensatz zu den meisten jüdischen Jungen und Mädchen seiner Generation erwarb er keine schulische Grundausbildung. Mit der Tätigkeit als ambulanter Kleinhändler erwirtschaftete er das Kapital, das er für eine Eheschließung und für den Neuanfang in einer Stadt benötigte. In Mannheim war Lazarus in bescheidenem Maße erfolgreich und konnte sich als Tabakhändler etablieren. Von den Kindern von Lazarus und seiner Frau Babette wurden elf Kinder älter als fünf Jahre.

In den späten 1840er Jahren wanderte Mengo Morgenthau, der jüngere Bruder von Lazarus, nach Kalifornien aus – der Interner Link: Goldrausch lockte. Auch dies war nicht ungewöhnlich. In der Zeit von 1820 bis 1880 wanderten mehr als 100.000 jüngere jüdische Männer und Frauen aus den deutschen Ländern in die Vereinigten Staaten aus, zusammen mit den Millionen anderer deutschsprachiger Auswanderer, die den Atlantik überquerten. In den frühen 1850er Jahren gründeten Mengo und Lazarus ein transatlantisch tätiges Unternehmen. Lazarus baute eine Zigarrenfabrik in Mannheim auf und überwachte den Anbau von Tabak in der Umgebung der Stadt. Sein Bruder war verantwortlich für den Export in die Vereinigten Staaten und verkaufte dort den Tabak als Großhändler. Das Unternehmen ist Beispiel der zunehmenden Bedeutung des transatlantischen Handels in dieser Epoche. Bald nach dem Besuch des Großherzogs verschlechterte sich jedoch die Lage: amerikanische Einfuhrzölle und sinkenden Tabakpreise zwangen Lazarus, seine Fabrik zu schließen.

New York: Das Judenviertel auf der Lower East Side. Foto um 1900. (© picture-alliance/akg)

1866, im Alter von 49, zog Lazarus mit seiner Frau und seinen Kindern nach New York. Die meisten jüdischen Einwanderer aus Mitteleuropa brachten es in Amerika zu Wohlstand. Nach einigen Jahren des Hausierens gründeten sie kleine Betriebe in wachsenden Städten, wobei sie sich oft mit ihren Geschwistern oder engen Freunden zusammentaten. Das Schicksal von Lazarus macht jedoch deutlich, dass dieser Erfolg nicht garantiert war. Vermutlich sind seine mangelnde Vertrautheit mit der amerikanischen Geschäftskultur und die große Familie, die er zu versorgen hatte, ein Teil der Erklärung dafür, dass er wirtschaftlich zu kämpfen hatte. Die meisten jüdischen Migrantinnen und Migranten waren bei ihrer Einwanderung in Amerika zwischen 20 und 30 Jahre alt, waren unabhängig, flexibel und in hohem Maße mobil – mit anderen Worten, sie waren so wie Lazarus als junger Mann gewesen war.

Henry Morgenthau mit Familienangehörigen 1933 vor dem Weißen Haus in Washington. (© picture-alliance/dpa, API)

Lazarus konnte sich sein Scheitern nicht eingestehen und isolierte sich zusehends. Es kam zur Scheidung von seiner Frau und er zerstritt sich mit mehreren seiner Kinder. Bei einer Gelegenheit beauftragte sein Sohn Henry, ein erfolgreicher Anwalt und Immobilieninvestor, den Sicherheitsdienst Pinkerton’s, um seinen Vater an der Teilnahme an einer Familienfeier zu hindern. Für kurze Zeit wurde Lazarus in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Im Alter wurde er von Verwandten finanziell unterstützt. 1897 starb er in New York.

Dieser Beitrag ist Teil des Externer Link: Shared History Projektes vom Externer Link: Leo Baeck Institut New York I Berlin.

Weitere Inhalte

Tobias Brinkmann ist Malvin and Lea Bank Associate Professor of Jewish Studies and History an der Penn State University, University Park, PA, USA. Seine Forschung beschäftigt sich mit der Geschichte jüdischer Migration nach 1800.