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Salvarsan-Ampulle

Ulrich Bollert Klaus Cussler

/ 7 Minuten zu lesen

Paul Ehrlich, ein einzigartiges medizinisches Genie, veränderte das öffentliche Gesundheitswesen grundlegend. Ein Teil seiner wichtigsten Arbeit wurde durch eine Gemeinschaft jüdischer Philanthropen und Wissenschaftler ermöglicht.

Salvarsan-Ampulle, Externer Link: Shared History Projekt. (Georg-Speyer-Haus) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Das Objekt

Diese drei Ampullen mit gelbem Pulver stellen verschiedene Medikamente aus der Salvarsan-Familie dar. Salvarsan, auch Arsphenamin oder Präparat 606 genannt, war das erste moderne antimikrobielle Arzneimittel zur Behandlung von Interner Link: Syphilis. Es wurde im Jahr 1909 von dem jüdischen Arzt Paul Ehrlich und dem jüdischen Chemiker Alfred Bertheim in Deutschland entwickelt. Salvarsan war zwar ein wirksames Präparat, doch war es hinsichtlich der Handhabung und Löslichkeit noch verbesserungswürdig. Diese Verbesserungen konnten Ehrlich und seine Forschung später mit den Präparaten Neosalvarsan und Salvarsan-Natrium liefern.

Ein altes Labor im Georg-Speyer-Haus mit dem Relief des Forschers Paul Ehrlich. (© picture-alliance/dpa)

Die Ampullen gehören zu einer Sammlung des "Georg-Speyer-Hauses" (GSH), einer privaten jüdischen Stiftung in Frankfurt, wo die Medikamente entwickelt wurden. Die Ampulle mit Salvarsan ist einer Laborcharge entnommen. Die Ampulle mit Neosalvarsan wurde vom GSH für das Gesundheitskomitee des Völkerbundes zur Qualitätskontrolle hergestellt. Die Salvarsan-Natrium-Ampulle war Teil einer für den Verkauf vorgesehenen Charge aus der Herstellung des Chemie-und Pharmazieunternehmens Interner Link: Farbwerke Hoechst. Vor der Marktfreigabe in Deutschland kam das Präparat zur Qualitätskontrolle ans GSH.

Historischer Kontext

Paul Ehrlichs bahnbrechende Arbeit profitierte von der Unterstützung durch die jüdische Gemeinschaft und der Freiheit, ein diverses Team einstellen zu können

Als die Sitzung zum Thema "Chemotherapie" am 19. April 1910 auf dem Kongress für Innere Medizin in Wiesbaden zum Ende kam, brach stürmischer Beifall aus. Paul Ehrlich hatte der Medizinwelt soeben mitgeteilt, dass die strategische und systematische Prüfung hunderter organischer Arsenverbindungen eine wirksame Syphilis-Therapie in Form von Präparat 606 hervorgebracht hatte. Sein japanischer Assistent Sahachiro Hata berichtete über die Tierversuche, die sie durchgeführt hatten, um schädliche Wirkungen auszuschließen und die Wirksamkeit der Behandlung zu belegen. Die abschließende Präsentation zweier Krankenhausärzte beschrieb die erstaunlichen Therapieerfolge einer einzigen Anwendung von Präparat 606 bei klinischen Fällen von schwerer Syphilis. Ehrlich hatte seine "Zauberkugel" gefunden – ein Medikament, das nach nur einer Injektion das Syphilis-verursachende Bakterium bekämpft, ohne dem Patienten zu schaden.

Porträt des deutsche Mediziners Paul Ehrlich. Photographie von Alfred Krauth, um 1920. (© picture-alliance, IMAGNO)

1899 war Paul Ehrlich von Berlin nach Frankfurt gezogen, um dort Direktor des Königlichen Instituts für experimentelle Therapie (IET) zu werden. Er hatte sich in Berlin mit seiner wissenschaftlichen Arbeit bereits großes Ansehen erworben, doch hatte er das Gefühl, eine angemessene akademische Position sei ihm aufgrund seiner jüdischen Abstammung verwehrt geblieben. Durch die Neugründung des Instituts auf Betreiben von Friedrich Althoff, dem Schutzherrn und Förderer Ehrlichs am Preußischen Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten, schuf der Frankfurter Bürgermeister Franz Adickes die Stelle für Paul Ehrlich.

Ehrlichs Möglichkeiten, seinen Forschungen nachzugehen, wurden noch erweitert. Ludwig Darmstaedter, ein Chemiker aus jüdischer Familie und Bewunderer der wissenschaftlichen Arbeit Ehrlichs, überzeugte seine Schwägerin Franziska Speyer, die Witwe des jüdischen Bankiers Georg Speyer, eine Million Mark für ein zweites Institut für Ehrlich zu spenden. Das GSH wurde 1906 eröffnet.

Die Leitung von zwei benachbarten Instituten mit sich ergänzender wissenschaftlicher Ausrichtung bot Ehrlich ein Höchstmaß an Flexibilität. Neben den Vorzügen seiner staatlichen Anstellung genoss er die wissenschaftliche Freiheit, Grundlagenforschung am GSH zu betreiben. Da das GSH eine private jüdische Einrichtung war, konnten Forschungsschwerpunkte frei gewählt und vielversprechende Forscher ohne die Einschränkungen der öffentlichen Verwaltung verpflichtet werden. Aufgrund seines Mitarbeiterstabs mit einem hohen Anteil an internationalen und an jüdischen Wissenschaftlern wurde das Forschungsinstitut schnell zu einem Zentrum der Spitzenforschung.

Ehrlich nutzte diese Freiheit, um sich ganz der Entwicklung von chemotherapeutischen Medikamenten zu widmen. Mit seinen Kollegen führte er systematische Untersuchungen von miteinander verwandten Verbindungen durch, bis sie eine gefunden hatten, die für den Krankheitserreger, nicht aber für den Menschen toxisch war. Ausgangspunkt war Atoxyl, eine Arsenverbindung, von der man wusste, dass sie bei Tieren gegen eine als "Schlafkrankheit" bekannte tropische Parasiteninfektion wirkte, die aber für den Menschen zu giftig war. Die Wissenschaftler um Ehrlich modifizierten das Molekül Schritt für Schritt, bis sie mit der 606. Verbindung Erfolg hatten.

In der Folge des Wiesbadener Kongresses wurde Ehrlich mit Anfragen für das Präparat 606 überhäuft, doch weigerte er sich, das neue Medikament der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ehe nicht seine Gefahrlosigkeit und Wirksamkeit in weiteren sorgfältigen klinischen Studien bewiesen war. Darüber hinaus gab es im Chemie- und Pharmazieunternehmen Farbwerke Hoechst Probleme, die komplizierte Synthese von Präparat 606 aus dem Labor des GSH in eine industrielle Produktion zu überführen. Schließlich kam Präparat 606 im Dezember 1910 unter dem Markennamen Salvarsan (eine Verknüpfung aus den lateinischen Wörtern salvar und arsenicum, die ein "heilendes Arsen" suggerierte) auf den deutschen Arzneimittelmarkt. Jede für den deutschen Markt produzierte Charge wurde am GSH zusätzlichen Tests durch Fachleute unter der Leitung von Paul Ehrlich unterzogen, um einen Qualitätsstandard zu gewährleisten, für den Ehrlich den Begriff "hyperideal" prägte.

Salvarsan erwies sich als großer Erfolg, aber es hatte auch Nachteile. Die Anwendung des Produktes war schwierig. Der Inhalt der Ampulle wurde nach Auflösung in sterilem Wasser sauer, weswegen die Lösung vor der Injektion noch neutralisiert werden musste. Hinzu kam, dass das Mittel bei Kontakt mit Sauerstoff giftig wurde, sodass eine zügige Injektion von größter Wichtigkeit war. Entsprechend waren die meisten der nach der Anwendung von Salvarsan berichteten unerwünschten Folgen nicht durch die Arznei selbst, sondern durch ihre unsachgemäße Verabreichung verursacht.

Die überwältigende öffentliche Aufmerksamkeit für Salvarsan war hauptsächlich positiv, doch breiteten sich zunehmend beunruhigende Berichte aus, die auf Interner Link: falschen Informationen beruhten. Die Bereitstellung einer wirksamen Behandlung der am meisten gefürchteten Geschlechtskrankheit des 19. Jahrhunderts führte auch zu Anfeindungen durch jene, die einen Sittenverfall infolge des Abbaus sexueller Hemmungen fürchteten. Ehrlich selbst wurde mit deutlich antisemitischem Unterton vorgeworfen, sich über Gebühr zu bereichern.

Die haltlosen Anschuldigungen, der Beginn des Ersten Weltkriegs und gesundheitliche Probleme belasteten Paul Ehrlich zunehmend, doch arbeitete er weiter mit seinen Kollegen an der Verbesserung von Salvarsan. Das Ergebnis waren neue Präparate mit geringerem Arsengehalt, die unmittelbar nach dem Lösen anwendbar waren und die mühsame Neutralisation unnötig machten. Präparat 914, auch "Neosalvarsan" genannt, ersetzte kurz nach seiner Einführung 1913 das "alte" Salvarsan. Paul Ehrlich starb am 20. August 1915. Die Erfindung des ersten wirksamen chemotherapeutischen Medikaments für eine Infektionskrankheit war der bedeutendste Erfolg einer Karriere voller Entdeckungen und Innovationen.

Persönliche Geschichte

Ludwig Darmstädter und die Familie Speyer - eine Verbindung zwischen Wissenschaft und Philanthropie

    "Ich bin daher allen denen, durch deren Zusammenwirken die Gründung des neuen Instituts ermöglicht wurde, zu aufrichtigstem Dank verpflichtet. Vor allen Dingen gebührt mein wärmster Dank für das Erreichte unserer hochverehrten Frau Speyer, durch deren hohen Sinn und Opferwilligkeit ich heute in reifem Alter die Erfüllung meiner Wünsche miterleben darf. Zugleich muss ich ihrem bewährten Berater, Herrn Dr. Darmstaedter, Dank abstatten für seine stete und wohlwollende Förderung aller wissenschaftlichen Forschung, durch die er bereits einem wichtigen Arbeitsgebiet des Instituts für experimentelle Therapie, der Krebsforschung, erfolgreiche Unterstützung gewährt hat."

Diese Worte sind der Ansprache Paul Ehrlichs zur Feier der Eröffnung des Chemotherapeutischen Forschungsinstituts Georg-Speyer-Haus (GSH) entnommen. Von der finanziellen Unterstützung seiner Forschung durch die Familie Speyer abgesehen, war sich Paul Ehrlich vollkommen im Klaren darüber, dass Ludwig Darmstaedter die graue Eminenz im Hintergrund war, die seine Forschung seit seiner Ankunft in Frankfurt gefördert hatte.

Ludwig Darmstaedter (Public Domain, Wikimedia) Lizenz: cc publicdomain/zero/1.0/deed.de

Ludwig Darmstaedter (1846-1927), Nachfahre einer alteingesessenen jüdischen Familie aus Mannheim, war ein deutscher Chemiker und Wissenschaftshistoriker. 1872 ehelichte er Marie Gumbert, die jüngere Schwester Franziska Gumberts, die später Georg Speyer heiraten sollte. Die beiden Familien waren von jeher eng miteinander verbunden.

Darmstaedter war immer ein aufmerksamer Beobachter der experimentellen Wissenschaften einschließlich der Medizin gewesen. Er lernte schon bald Paul Ehrlich kennen und erkannte seine herausragenden Fähigkeiten. Als Viktoria von Preußen, auch "Kaiserin Friedrich" genannt, am 5. August 1901 in Kronberg bei Frankfurt an Brustkrebs starb, waren die Frankfurter vom langen Leiden Ihrer Königlichen Hoheit derart berührt, dass sie spontan Spenden für die Krebsforschung sammelten. Ludwig Darmstaedter organisierte die Spendensammlung, zu der auch er selbst und Georg Speyer beitrugen. Ein ausreichendes Startkapital war schnell erreicht, und im November 1901 bat der Kaiser persönlich Paul Ehrlich darum, sich der Krebsforschung zu widmen. So wurde das erste Krebsforschungszentrum in Deutschland unter der Leitung von Paul Ehrlich gegründet.

Als Georg Speyer 1902 an einem Herzinfarkt starb, wurde Ludwig Darmstaedter zum engen Berater seiner Schwägerin Franziska Speyer. Auf seinen Rat hin finanzierte Franziska Speyer das GSH als Forschungsinstitut für Paul Ehrlich. Dank seines Engagements blieb das GSH von der neu gegründeten Universität unabhängig und konnte seine erfolgreiche Arbeit in der Erforschung chemischer Therapien gegen Infektionskrankheiten fortsetzen. In Anerkennung seiner Verdienste wurde Darmstaedter Ehrenmitglied sowohl im IET als auch im GSH. 1926 entschied der Stiftungsrat des GSH, ihm aus Anlass seines 80. Geburtstages ein Denkmal zu setzen und alle drei Jahre den "Ludwig-Darmstaedter-Preis" für wegweisende Forschungen in den biologischen und chemotherapeutischen Medizinwissenschaften zu vergeben. 1952 wurden der Ludwig-Darmstaedter-Preis und der Paul-Ehrlich-Preis zusammengelegt. Heute wird der Paul-Ehrlich-und-Ludwig-Darmstaedter-Preis jedes Jahr am 14. März, dem Geburtstag Paul Ehrlichs, für herausragende Forschungsbeiträge zur Immunologie, Krebsforschung, Hämatologie, Mikrobiologie und experimenteller als auch klinischer Chemotherapie vergeben.

Ludwig Darmstaedter hatte neben den Naturwissenschaften noch viele andere Interessen. Er war ein ausgezeichneter Bergsteiger und setzte sich für verbesserte Bedingungen in Jugendgefängnissen ein. Als leidenschaftlicher Sammler trug er eine umfangreiche Sammlung von Handschriften und Autographen zusammen, die der Staatsbibliothek in Berlin gestiftet wurde. Auch seine Sammlung alten Porzellans war weltberühmt.

Ludwig Darmstaedter starb mit 81 Jahren in Berlin.

Dieser Beitrag ist Teil des Externer Link: Shared History Projektes vom Externer Link: Leo Baeck Institut New York I Berlin.

Weitere Inhalte

Ulrich Bollert wurde 1941 in Berlin geboren. Er ist Chemiker und seit über 40 Jahren im Vorstand bzw. im Stiftungsrat des Georg Speyer Hauses in Frankfurt tätig. Er ist auch Mitglied im Kuratorium der Paul-Ehrlich-Stiftung.

Klaus Cussler, geboren 1956, ist Tierarzt und war über 30 Jahre als Wissenschaftler am Paul-Ehrlich-Institut tätig. Derzeit betreut er die historische Sammlung und das Archiv des Georg-Speyer-Hauses in Frankfurt am Main.