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Grüselhorn

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Grüselhorn

Debra Kaplan

/ 7 Minuten zu lesen

Das Blasen des Grüselhorns symbolisierte die fragile Balance zwischen wirtschaftlichem Austausch und gesellschaftlicher Ausgrenzung zwischen Juden und Nichtjuden in Straßburg.

Grüselhorn, Externer Link: Shared History Projekt. (Le Musée Historique de la Ville de Strasbourg) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Das Objekt

Grüselhorn aus dem Straßburger Münster

Das bronzene Grüselhorn mit einem Durchmesser von 12 cm ist 78 cm lang und mit zwei Wappen geprägt: dem Straßburger Stadtwappen und dem Wappen des Kirchenschatzes des Liebfrauenmünster zu Straßburg. Das Horn war ab dem späten 14. Jahrhundert bis zum Ende der Interner Link: Französischen Revolution in Gebrauch und wurde jede Nacht auf dem westlichen Turm des Straßburger Münster zweimal geblasen. Mit dem Signal wurde den Juden in der Stadt bedeutet, es sei an der Zeit, zu gehen – sie waren aus Straßburg vertrieben worden und es war ihnen verboten, die Nächte dort zu verbringen. Die Französische Revolution setzte diesem Brauch ein Ende und das Horn wurde in der Stadtbibliothek eingelagert; dort überstand es 1870 unbeschadet ein Feuer. Bis heute befindet sich das Grüselhorn im Besitz der Stadt Straßburg.

Historischer Kontext

Zusammenarbeit und Koexistenz trotz aufgezwungener Trennung

Das hier abgebildete Horn aus Bronze wurde vierhundert Jahre lang jede Nacht zweimal geblasen: ab dem Ende des 14. Jahrhunderts bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Unter den Glocken verschiedener Tonlagen, ob hell oder tief, und Posaunen, die jeweils etwas anderes signalisierten, wenn sie von der Spitze des Straßburger Münster erklangen, war auch das abgebildete Horn zu hören. Aus diesem besonderen, als Grüselhorn bekannten Horn erklang der "Judenblos", ein Signalton, der anzeigte, dass es für die Juden an der Zeit war, die Stadt zu verlassen.

Straßburg, eine bedeutende Stadt im Unterelsaß, war vom Interner Link: Mittelalter bis ins 17. Jahrhundert Teil des Heiligen Römischen Reiches, bevor es von Frankreich eingenommen wurde. Juden lebten spätestens ab dem 12. Jahrhundert in Straßburg. Ihre Häuser, Synagogen und Ritualbäder befanden sich weniger als 200 Meter vom Münster entfernt. Die räumliche Nähe der jüdischen und christlichen Gemeinden zueinander ist ein Hinweis darauf, dass Juden und Christen tagtäglich miteinander Kontakt hatten – wie es überall in den deutschsprachigen Gegenden des Mittelalters der Fall war.

Judenpogrom in Straßburg (Wikimedia) Lizenz: cc publicdomain/zero/1.0/deed.de

1349, als der Interner Link: Schwarze Tod nahegelegene Städte befiel, vertrieben die Straßburger Bürger die jüdische Gemeinde aus der Stadt und erklärten die den Juden geschuldeten Beträge als getilgt. Ungefähr 200 Juden wurden auf dem jüdischen Friedhof der Stadt getötet. Jahrzehnte später wurde es einigen jüdischen Familien gestattet, wieder zurück in die Stadt zu ziehen. Diese neue Gemeinde war erheblich kleiner, als die ursprünglich in Straßburg angesiedelte Gemeinde es gewesen war.

Möglicherweise wurde das Grüselhorn erstmals im 14. Jahrhundert genutzt, um den Juden anzuzeigen, dass es für sie an der Zeit war, in ihre Häuser zurückzukehren. Doch wurden die Juden im Jahr 1390 ein weiteres Mal aus der Stadt vertrieben. Dieses Mal war es ihnen bis ins späte 18. Jahrhundert verwehrt, als Einwohner in der Stadt zu leben. Dennoch kamen die Juden, die in kleinen Städten und Dörfern im Elsass lebten, tagsüber weiterhin nach Straßburg. Sie verkauften Wein, Tiere, Interner Link: Pferde und Lebensmittel und Interner Link: dienten der christlichen Bevölkerung als Geldverleiher. Einige Juden waren Ärzte (ohne eine entsprechende Ausbildung zu haben, da es Juden verboten war, an den Universitäten Medizin zu studieren) und kamen in die Stadt, um die Einwohner zu behandeln.

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Juden und Christen von einer förmlichen Vereinbarung geregelt. Streitigkeiten zwischen Juden und den Bürgern Straßburgs sollten nunmehr von den Gerichten entschieden werden. Einige Juden unterrichteten die protestantischen Reformer der Stadt in Hebräisch; sie statteten sie mit jüdischen Büchern aus und berichteten ihnen über Interner Link: jüdische Gepflogenheiten und Bräuche. Viele der Reformer der Stadt waren christliche Hebraisten: christliche Gelehrte, die die hebräischen und jüdischen Quellen nutzten, um mit der Übersetzung der Bibel und durch ihre Auslegung den wahren Kern des Christentums nachzuweisen.

In diesen Jahren ertönte das Grüselhorn an jedem Abend zweimal. Im Winter war es das erste Mal um 20 Uhr zu hören und im Sommer um 21 Uhr oder 21:30 Uhr. Ein weiteres Mal tönte es ganzjährig um Mitternacht. Auch wenn Juden tagsüber in Straßburg arbeiteten, war es ihnen verboten, über Nacht in der Stadt zu bleiben. Das Signal war eine ständige und täglich wiederkehrende Erinnerung an ihren Ausschluss aus der Stadt.

Um Zutritt zur Stadt zu erlangen, mussten Juden wie andere Fremde auch besondere Steuern und Abgaben leisten. Jedoch unterlagen sie noch weiteren Einschränkungen und zusätzlichen Gebühren. Im Laufe des 17. Jahrhunderts erließ der Magistrat Straßburgs neue Gesetze und Vorschriften, die eine Beschränkung der jüdischen Präsenz in der Stadt bewirken sollten. Juden waren bei Ankunft zu durchsuchen und während ihres Aufenthalts in der Stadt zu begleiten. Obwohl nicht eindeutig geklärt ist, in welchem Ausmaß diese Gesetze praktisch umgesetzt wurden, zeugen sie von einer härteren Gangart gegenüber Juden. Es ging so weit, dass vom Magistrat die mit der jüdischen Gemeinde im Elsass bestehende Vereinbarung für nichtig erklärt und Juden verboten wurde, den Großteil der Stadtviertel zu betreten. Immerhin war den Juden noch gestattet, auf bestimmten Märkten zu arbeiten, da sie wesentliche Güter wie Nahrungsmittel und Pferde in die Stadt brachten, insbesondere während des Interner Link: Dreißigjährigen Kriegs. Aus Urkunden geht hervor, dass Juden und Christen trotz dieser Verbote sowohl in der Stadt als auch außerhalb weiterhin Umgang miteinander pflegten.

Das Grüselhorn blieb bis zur Französischen Revolution in Gebrauch. Als Folge der Revolution erhielten die Juden Frankreichs die Staatsbürgerschaft: die Sephardim im Jahr 1790 und die Aschkenasim 1791. Über das Grüselhorn wurde 1790 ausdrücklich von den Mitgliedern der Société des Amis de la Constitution debattiert, von denen viele das Horn und seinen Mißton als Symbol des Judenhasses ansahen. Einige forderten seine Entfernung, um durch diese Maßnahme zu verdeutlichen, dass mit der Revolution eine neue Ära der kommunalen Verwaltung begonnen hatte. Das Horn wurde 1812 aus dem Münster entfernt.

Persönliche Geschichte

Leben im Rhythmus des Grüselhorns

Die Aussichtsplattform der gotischen Kathedrale von Straßburg befindet sich in 66 Metern Höhe. Um die Plattform zu erreichen, muss man eine Wendeltreppe mit 330 Stufen erklimmen. Oben angekommen wird man mit einem Panoramablick auf die Stadt belohnt. Conrad Morant, ein Maler des 16. Jahrhunderts, saß auf der Plattform, seinen Rücken gegen die Turmmauer gelehnt, als er seinen farbenfrohen Stadtplan der frühneuzeitlichen Stadt anfertigte.

Auf der Plattform standen in einem Wachhäuschen die Stadtwachen. Die Wächter hatten unterschiedliche Aufgaben und arbeiteten im Schichtdienst, um die Sicherheit der Stadt rund um die Uhr zu gewährleisten. Der Blick, den sie vom Dach des Münsters über Straßburg hatten, ermöglichte es ihnen, schnell etwaige Probleme auszumachen, besonders den Ausbruch eines Feuers, da Rauchschwaden von ihrem Beobachtungsposten aus leicht zu erkennen waren.

Ihr Aufgabenbereich umfasste auch das Läuten verschiedener Glocken, die die unten in der Stadt lebenden und arbeitenden Menschen mühelos verstanden. Zum einen dienten die akustischen Signale des Münsters als Zeitanzeigen, zum anderen aber markierten sie, jeweils in unterschiedlicher Tonlage, für die Menschen in der Stadt die Ereignisse des Tagesablaufs, während sich diese vollzogen. Täglich wurden die Uhrzeit und die Gebetsstunden signalisiert. Mit einer besonderen Glocke wurde verkündet, dass der Stadtrat zusammentrat. Für das Abendläuten wurde eine andere Glocke genutzt. Hörner erklangen, um einen Feueralarm anzuzeigen, und das hier abgebildete Grüselhorn wurde an jedem Abend zweimal geblasen: einmal, wenn die Juden die Stadt zu verlassen hatten, und ein weiteres Mal um Mitternacht.

Vierhundert Jahre lang gehörte der Klang eines Horns, das die Anwesenheit von Juden in Straßburg sowie ihren Ausschluss aus der Stadt verkündete, zur gewohnten Geräuschkulisse. Das Horn spiegelt den vielschichtigen Status von Juden in der vormodernen, deutschsprachigen Stadt wider: Ihre Gegenwart dort war so spürbar, dass sie ein tägliches Signal erforderte, und gleichzeitig war dieses Plärren das Zeichen des Ausschlusses einer Bevölkerungsgruppe, die aus der Stadt vertrieben worden war und der es nun verboten war, in der Stadt zu wohnen.

Das fortdauernde tägliche akustische Signal des Grüselhorns, das von der jüdischen Präsenz in der Stadt auch nach der Vertreibung der Juden aus Straßburg zeugt, findet seine schriftliche Entsprechung in den Urkunden unterschiedlichster Art im Stadtarchiv. Mit diesen lässt sich die Geschichte der Gegenwart von Juden in der Stadt nachvollziehen. Ein bemerkenswertes Beispiel ist die Bitte der Juden im Jahr 1525 um Zuflucht in der Stadt, als der Bauernkrieg tobte. Interner Link: Josel von Rosheim, der aus dem Elsass stammte und über die Grenzen des Elsass hinaus als Parnas und Vertreter der jüdischen Interessen bekannt wurde, war maßgeblich daran beteiligt, dass es vom Magistrat der Stadt den Juden genehmigt wurde, während des Krieges in Straßburg unterzukommen.

Im Laufe der Jahre verhandelten Josel und viele jüdische Männer und Frauen mit der Stadtregierung über den Zugang zur Stadt, über Gerichtstermine, Darlehen, Verlängerungen von Fristen und Verträge. Die im Stadtarchiv bewahrten Urkunden ermöglichen Einblicke in diese Verhandlungen zwischen Juden und Christen und spiegeln die sich unentwegt verändernde Dynamik zwischen diesen beiden Gemeinden wider. Vierhundert Jahre lang nahmen Juden bis zu einem gewissen Maße am Stadtleben teil – doch das Grüselhorn gemahnt an die Grenzen der Toleranz, die ihnen gewährt wurden.

Dieser Beitrag ist Teil des Externer Link: Shared History Projektes vom Externer Link: Leo Baeck Institut New York I Berlin.

Weitere Inhalte

Debra Kaplan ist außerordentliche Professorin für jüdische Geschichte an der Bar-Ilan Universität in Israel. Sie studiert das frühneuzeitliche Westeuropa und ist die Autorin des 2020 erschienenen Buches "The Patrons and their Poor: Jewish Community and Public Charity in Early Modern Germany".