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Motorroller Schwalbe KR51 von Simson

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Motorroller Schwalbe KR51 von Simson

David Brown

/ 9 Minuten zu lesen

Der ostdeutsche Motorroller, Herzstück der Postzustellung in der DDR, hat eine eingeschworene Fangemeinde, aber nur wenige wissen um seine jüdische Entstehungsgeschichte.

Motorroller "Schwalbe KR51" der Firma Simson, Externer Link: Shared History Projekt. (AKF Fahrzeugteile GmbH; Foto: Leo Baeck Institute – New York | Berlin) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Das Objekt

Motorroller "Schwalbe KR51" der Firma Simson

Dieser 1978 hergestellte Motorroller (Typ Schwalbe KR51/1 von Simson) ging durch viele Hände, bevor er 2013 auf einer Auktion durch die AKF Fahrzeugteile GmbH, ein auf die Restaurierung und den Teilehandel für Simson-Motorräder und -roller spezialisiertes Unternehmen mit Sitz in Bautzen, erworben wurde.

Die Simson-Schwalbe wurde nicht nur von Privatleuten genutzt – sie diente der Deutschen Post in der DDR, der ostdeutschen Polizei und auch den Gesundheitsversorgern in ländlichen Gegenden als Dienstfahrzeug.

Die AKF restaurierte den Motorroller und stellte u. a. mit einer neuen blauen Lackierung seinen ursprünglichen Zustand wieder her; das Unternehmen beabsichtigt, die Schwalbe dem Interner Link: Verkehrsmuseum Dresden für dessen neue, für das Jahr 2021 geplante Ausstellung als Leihgabe zur Verfügung zu stellen.

Historischer Kontext

Simson – ein jüdischer Name und ein Zeichen für Qualität in der Produktion.

Es hieß Simson Schwalbe (nach dem Vogel) und war mit einem 3,4 PS starken Zweitaktmotor mit einem Hubraum von 50 Kubikzentimetern, mit Dreiganggetriebe und einer recht einfachen und daher ohrenbetäubend lauten Auspuffanlage ausgerüstet. Das ursprüngliche Modell KR1 wurde in Blau, "Tundragrau" und in begrenzter Stückzahl auch in Signalorange hergestellt. Höchstgeschwindigkeit: 60 km/h.

Wie andere Marken, die auf Grund der Zwänge der Interner Link: Planwirtschaft omnipräsent waren (vom Trabant bis zu Halberstädter Würstchen), eroberte die Schwalbe nicht wegen ihres eleganten Designs, ihrer Qualität oder Zuverlässigkeit die Herzen der ostdeutschen Verbraucher, sondern weil sie eine der sehr wenigen Möglichkeiten auf dem Markt war, die Freiheit auf zwei Rädern zu genießen. Zwar wird sie nicht mehr hergestellt, doch ist die Schwalbe einfach zu reparieren und so ist sie von ihrer aus Interner Link: DDR-Nostalgikern und ölverschmierten Bastlern zusammengesetzten Fangemeinde weiterhin heißbegehrt.

Bei dem Interner Link: Roller handelt es sich um einen jener Fälle, bei denen das Modell – ein wenig ungerechtfertigt – mit seiner Berühmtheit die faszinierende jüdische Geschichte der Marke in den Schatten stellt. Der Aufstieg des Unternehmens Simson spiegelt prototypisch den späten, aber spektakulären Einstieg Deutschlands in die Interner Link: industrielle Revolution wider und markiert ebenso die Anfänge des vielgepriesenen deutschen Interner Link: Mittelstands. Und er stellt ein geradezu lehrbuchhaftes Beispiel dar, wie die Ausweitung der den Jüdinnen und Juden zugestandenen Externer Link: Bürgerrechte im 18. und 19. Jahrhundert deren wirtschaftliche Aussichten zum Positiven beeinflusste.

Im Jahr 1856 erwarben die jüdischen Brüder Moses und Löb Simson eine Stahlschmiede im thüringischen Suhl (Thüringen war seit langem etablierter Standort von Waffenherstellern) und stellten dort Waffenläufe her. Als Arthur und Julius, die Enkel von Moses, das Unternehmen in den frühen 1920er Jahren übernahmen, beschäftigte das Werk tausende von Arbeitern, die Waffen, Fahrräder, Autos und sogar Flugzeugmotoren fertigten.

Moses und Löb Simson gehörten der ersten Generation preußischer Jüdinnen und Juden an, denen es gestattet war, Grundbesitz zu erwerben. Ihre Vorfahren waren wie die meisten jüdischen Unternehmenden im Preußen des 18. Jahrhunderts im Handel tätig gewesen. Ihr Großvater war Lohnarbeiter bei einem Interner Link: jüdischen Viehhändler. Ihr Vater war im Tuchhandel und Geldverleih ungewöhnlich erfolgreich, sodass er seinen Söhnen ein bescheidenes Erbe von knapp 12.000 Reichstalern hinterließ.

Die Generation des Vaters von Moses und Löw war in Preußen von der Landwirtschaft und vom Handel ausgeschlossen, also übernahm sie in der Wirtschaft Mittlerrollen, die sogar ihre überzeugtesten Verteidiger als verderbt erachteten. In seiner 1781 verfassten Abhandlung mit dem Titel "Über die bürgerliche Verbesserung der Juden" machte der für die Gleichberechtigung engagierte Historiker Christian Wilhelm von Dohm die Art von Arbeit, zu deren Ausübung Jüdinnen und Juden aufgrund ihrer eingeschränkten Rechte gezwungen waren, für deren schlechten Ruf verantwortlich. Er rief daher zu ihrer Einbindung in die Landwirtschaft und das Handwerk auf. Führende Stimmen der jüdischen Aufklärung – auch Interner Link: Haskala genannt – schlossen sich seinem Aufruf an und verbanden ihre Forderungen nach Berufsfreiheit mit der Hoffnung, dass Jüdinnen und Juden das Hausieren und den Geldverleih zugunsten von Landwirtschaft und Handwerk aufgeben würden.

Die Geschichte nahm einen anderen Weg. Die Interner Link: Industrialisierung und der aufkommende Kapitalismus bedeuteten, dass die bisherigen Erwerbsformen in allen Bereichen der Gesellschaft dem Untergang geweiht waren. Jüdische Unternehmende, die wie die Simson-Brüder aus einer Handelsfamilie kamen, hatten damit das notwendige Rüstzeug, um die sich ihnen bietenden Gelegenheiten des sich gerade entwickelnden Systems zu nutzen. In den Branchen Textil und Gastronomie, im Verlagswesen und im Einzelhandel hebelten die im Handel und im Gewerbe verwurzelten Jüdinnen und Juden ihr kleines Kapital mithilfe ihrer Verbindungen zu Rohstoffproduzenten und Verbrauchern und konnten so bedeutende Unternehmen schaffen. Rudolf Mosses Verlagshaus, Emil Rathenaus "Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft" (AEG) und Salman Schockens Warenhäuser zählten zu den bekanntesten Unternehmen der deutschen Wirtschaft.

Jüdisches Leben in Deutschland: Soziale Ungleichheit und Wohlfahrt 1800 bis 1945

In der entmilitarisierten Interner Link: Weimarer Republik wurde Simson & Co. die exklusive Lizenz zur Herstellung von Waffen für die Reichswehr erteilt. Zwar überstand das Unternehmen dank dieses Auftrags die wirtschaftliche Katastrophe von 1929, doch nährte sein Erfolg antisemitische Propaganda gegen das "jüdische Monopol". Interner Link: Fritz Sauckel, Bezirksleiter der Nationalsozialistischen Partei in Thüringen, ging mit aller Vehemenz publizistisch gegen das Unternehmen vor. Im Jahr 1927 veröffentlichte er einen Leitartikel in Der National-Sozialist, in dem er behauptete, dass Simson der Reichswehr Kosten in Rechnung stellte, die bei der Fertigung ziviler Produkte entstanden waren. Dabei stellte er die absurde Behauptung auf, die mit der Produktion von Fahrrädern beschäftigten Arbeiter lagerten Waffenteile unter ihren Arbeitsbänken, die sie dann rasch hochholen konnten, wenn das Werk von Inspektoren der Reichswehr besucht wurde.

Dies war nur die erste einer Reihe verleumderischer Behauptungen, die sich schlussendlich am 23. November 1935 im Hauptquartier der Gestapo in der Interner Link: Prinz-Albrecht-Straße in Berlin in einem besonderen Vertragswerk niederschlugen: Quasi im neuralgischen Zentrum des Terrorapparats der Nationalsozialisten wurde Arthur Simson zur Unterzeichnung einer Vereinbarung gezwungen, mit der Sauckel die Kontrolle über das Unternehmen übertragen wurde. Wie es auch bei tausenden anderer Unternehmen jeder Größe der Fall war, sah die "Verkaufsvereinbarung", mit der das Unternehmen "Interner Link: arisiert" wurde, keinen Ausgleich für die jüdischen Eigentümer vor. Der Wert des Unternehmens wurde mit einer Strafe für "Übergewinn" aufgerechnet, der angeblich von den Aufträgen der Reichswehr abgeschöpft worden war. Ihres Familienunternehmens beraubt, folgten Arthur und Julius Simson ihren Geschwistern in die Vereinigten Staaten, wo sie den langen Kampf um Interner Link: Wiedergutmachung aufnahmen.

Die Firma Simson wurde ihren Eigentümern auf Grund der Vorstellung geraubt, Jüdinnen und Juden hätten in Deutschland einen unverhältnismäßig großen wirtschaftlichen Einfluss, was den gewöhnlichen Arbeitenden schade. Die sich in der Ausklammerung von Jüdinnen und Juden aus dem Begriff des gewöhnlichen Arbeitenden offenbarende konzeptuelle Enge beiseite lassend, können zahlreiche Beispiele herausragender Errungenschaften durch jüdische Unternehmende in der Zeit der deutschen Industrialisierung angeführt werden. Und deren Leitung stehende Unternehmen schufen nicht nur technische Innovationen und Wohlstand, sondern leisteten einen Beitrag zur Kultur der Alltagsgegenstände, die in Marken wie Nivea Hautpflegemitteln, Fromms Kondomen und nicht zuletzt der Simson-Schwalbe weiterlebt.

Wie die Geschichte von Moses und Löb Simson veranschaulicht, waren die bemerkenswerten Erfolge einiger jüdischer Unternehmenden (die wie so oft bei unternehmerischen Erfolgsgeschichten herausragende Persönlichkeiten waren) zurückzuführen einerseits auf konkret nur die jüdische Bevölkerung betreffende Umstände und historische Vorgänge und andererseits auf systemische wirtschaftliche Veränderungen. Die jüdischen Namen und Marken, die sich noch heute auf deutschen Produkten befinden, sind Erinnerungen an die die gesamte Geschichte Deutschlands durchziehenden tiefen Verbindungen zwischen Jüdinnen und Juden und Deutschen, doch sind die Geschichten dahinter oft in Vergessenheit geraten. Und noch heute sind viele schmerzhafte Fragen der Restitution und Wiedergutmachung ungelöst.

Der Kampf um die Herausgabe von gestohlenem Eigentum wurde schon vor Ende des Interner Link: Zweiten Weltkriegs aufgenommen. Der Erfolg eines Anspruchs hing allerdings wesentlich davon ab, wo die Flüchtlinge sich niedergelassen hatten und wo sich ihr Eigentum befand. In die Vereinigten Staaten Geflüchtete erreichten ein gewisses Maß an erster Wiedergutmachung, insbesondere bei Ansprüchen in der amerikanischen Besatzungszone, wo sich die Militärregierung hilfreich einschaltete. Die junge Bundesrepublik erließ im Rahmen ihrer Bemühungen um eine Wiederaufnahme in die internationale Gemeinschaft Gesetze, in denen bestimmte Wiedergutmachungsansprüche anerkannt wurden. Selbst diese geringfügigen, auf frühe Wiedergutmachung abzielenden Gesten sahen sich jedoch in der deutschen Bevölkerung massivem Widerstand gegenüber, und ihre Ergebnisse waren unzureichend. Schließlich wurde über die Ansprüche oft von genau jenen Beamten entschieden, die sich in den 1930er Jahren damit beschäftigt hatten, jüdischen Besitz zu enteignen.

In der Deutschen Demokratischen Republik wurden Wiedergutmachungsansprüche weniger durch die dort noch anzutreffenden Nationalsozialisten als vielmehr durch konkurrierende Ansprüche der Sowjetunion und des "Arbeiter- und Bauernstaates" blockiert. Ein Großteil des Eigentums, das jüdischen Besitzerinnen und Besitzern gestohlen worden war, wurde in volkseigene Betriebe überführt und somit verstaatlicht, während bedeutende Industriegüter als Kriegsreparationen in die Sowjetunion geschafft wurden. Die jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Enteignungen erhielten erst nach dem Interner Link: Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 einen Ausgleich; auf Grund der komplexen und oftmals streitbefangenen Privatisierung der ostdeutschen Wirtschaft wurden die Bemühungen um Ausgleich zusätzlich erschwert.

Persönliche Geschichte

Bei der Bemühung um Rückführung entdeckte ein Erbe den Wunsch, neu zu investieren.

Dennis Baum (© Leo Baeck Institute - New York|Berlin/Jennifer Rodewald)

Für Dennis Baum, einen Investmentmanager in New York, war "Simson" vor allem der Mädchenname seiner Großmutter Minna, die 1936 aus Deutschland in die USA emigrierte. "In der Familie wurde kaum über das Vermögen gesprochen, das wir in Deutschland zurückgelassen hatten", sagte Baum. "Ich hatte eine ungefähre Vorstellung von einem Unternehmen, das irgendwann auch Autos hergestellt hatte."

Im Frühjahr 1990 reiste er über mit Schlaglöchern durchsetzte ostdeutsche Straßen nach Suhl in Thüringen, der früheren Heimatstadt seiner Familie. Auf der Fahrt wurde ihm klar, dass der Name Simson wohl mehr bedeutete, als ihm bewusst war. "Wir fuhren hinter einem Bus und konnten nicht überholen, und auf der Rückseite sahen wir die Werbung für einen Roller, die ‚Simson-Schwalbe‘." Anscheinend war die Marke Simson in Ostdeutschland noch immer von Bedeutung. Nach der deutschen Wiedervereinigung lag die Kontrolle über die volkseigenen Betriebe bei der Treuhandanstalt, einer Anstalt öffentlichen Rechts, die mit der Privatisierung der gesamten Wirtschaft der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik beauftragt war. Vor einem Verkauf waren jedoch Fragen der etwaigen Wiedergutmachung oder Restitution an enteignete Eigentümer zu klären. Während in Westdeutschland seit den 1950er Jahren einige Wiedergutmachungsansprüche auf geraubtes Eigentum bearbeitet worden waren, war in Ostdeutschland nichts dergleichen geschehen. Das Verzeichnis des widerrechtlich enteigneten Eigentums war lang. "Jeder Vermögensgegenstand hatte eine eigene Geschichte", sagte Baum. "Auf der Liste standen Villen und Dörfer, und sogar ein typisch deutscher Schrebergarten für den privaten Gemüseanbau."

Das meiste wurde einfach verkauft, doch in einem Fall erkannte die Familie eine Geschäftsgelegenheit. Die Suhler Jagd- und Sportwaffen GmbH (JuS GmbH) schien eine ausbaufähige zu sein. Das Unternehmen hatte die Präzisionsgewehre gefertigt, mit denen die ostdeutschen Biathleten olympisches Gold nach Hause brachten. Im Auftrag der Simson-Erben sollte ein Team, dem auch der inzwischen verstorbene J. Thompson Ruger angehörte (vom US-amerikanischen Waffenhersteller), das neue Unternehmen mit einer Marketingkampagne an den Start bringen, die an die frühere olympischen Stärke der Simson-Gewehre anknüpfen sollte. Nach dem Konzept sollten die Wiedergutmachungsleistungen für den mittlerweile erloschenen Rollerhersteller auf den Erwerb und Wiederaufbau des Jagdgewehrunternehmens verwendet werden, Fernziel war es, die Produkte der (ost)deutschen Ingenieurskunst in die Jagdschirme und Hochsitze Amerikas zu bringen.

Die Erben der jüdischen Familie, die eines der größten Unternehmen in Thüringen aufgebaut hatte, standen bereit, symbolisch in ihre Heimatstadt im wiedervereinigten Deutschland zurückzukehren und die Produkte herzustellen, die schon seit Jahrhunderten die Wirtschaft der Region angetrieben hatten. Es galt, einer Traditionsbranche im neuen deutschen Bundesland mit höchst benötigtem Fachwissen und unternehmerischer Durchschlagskraft zu einem Neustart zu verhelfen, und dies just zu einem Zeitpunkt, als die Märkte im ehemaligen Sowjetblock zusammenbrachen.

Stattdessen wurden die Simson-Erben 1992 vom Bieterverfahren ausgeschlossen und die JuS GmbH für 27 Millionen DM einem deutsch-französischen Konsortium zugesprochen. Die zugesagten Investitionen wurden nie getätigt und die JuS GmbH ging innerhalb eines Jahres in Konkurs. Heute gibt es nur noch eine verschwindend geringe Anzahl von Waffenschmieden in Suhl. Die Simson-Erben erhielten zwar eine Wiedergutmachung für das ihnen geraubte Vermögen, doch konnte ihre emotionale Investition in eine Rückkehr zu ihren Wurzeln in Deutschland nie Früchte tragen.

Allerdings ist die Familie immer noch Eigentümerin der Rechte am Namen Simson. Arthur Simson hatte den ostdeutschen Nachfolgeunternehmen 1970 telefonisch die Genehmigung erteilt, den Namen und die Marke Simson weiterhin zu nutzen. "Meiner Meinung nach war das eine von Arthur Simsons klügsten Entscheidungen", sagte Baum. "Er ahnte, dass der Name den Anspruch der Familie an dem Unternehmen stärken würde." Sollte jemals ein Investor die Roller-Fertigung in Suhl wieder aufleben lassen wollen, wird er Dennis Baum in New York anrufen müssen.

Dieser Beitrag ist Teil des Externer Link: Shared History Projektes vom Externer Link: Leo Baeck Institut New York I Berlin.

Weitere Inhalte

David Brown ist Leiter für Kommunikation und Programme am Leo Baeck Institute - New York | Berlin (LBI). Er hat Deutsch und Geschichte an der Northwestern University und der Humboldt-Universität zu Berlin studiert und redigiert LBI-Publikationen, darunter die Website des LBI (Externer Link: www.lbi.org) und Newsletter.