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14.2.2011

‚Bruttoinlandsglück

Auf der Suche nach qualitativer Entwicklung

Es ist schwierig zu bestimmen, woran sich die Entwicklung eines Landes messen lässt und welche Länder weiter als andere entwickelt sind. Es lässt sich beobachten, dass die allgemeine Stimmungslage in einem Land eng mit der (aktuellen) wirtschaftlichen Entwicklung zusammenhängt. Aber reicht das bloße Wachstum der Wirtschaftsleistung eines Landes aus, um den Wohlstand einer Gesellschaft zu messen?

Indikatoren (Messgrößen), die die jährliche Gesamtproduktion bzw. Gesamteinkommen eines Landes anzeigen, sagen zum Beispiel noch nichts über deren Verteilung aus. Faktoren, wie etwa Einkommensverteilung, Gesundheit, Bildung und Belastung der Umwelt bleiben hier unberücksichtigt. Aber diese Dinge werden für die Lebensbedingungen in der Zukunft einen erheblichen Einfluss haben. Diese Erkenntnis liegt den Bemühungen um eine nachhaltige Entwicklung zugrunde. Die Herausforderung wird umso größer, wenn man bedenkt, dass viele Erfordernisse nachhaltiger Entwicklung längst eine globale Dimension haben. Einerseits haben lokale Entscheidungen oft Konsequenzen auf globaler Ebene, andererseits sind nationale Gremien oft mit der Lösung globaler Probleme überfordert.

Doch was genau ist dann Entwicklung? Im weiten Sinne beinhaltet menschliche Entwicklung alle Aspekte von Lebensqualität. Das wirtschaftliche Wachstum ist dabei ein Mittel, welches den Zweck - menschliche Entwicklung - unterstützt. Denn ohne Deckung der materiellen Grundbedürfnisse, lässt sich erst mal schwerlich an etwas anderes denken. Es mutet an wie ein Paradox, aber trotz einer historisch beispiellos hohen Wirtschaftsleistung, beobachten wir, dass wirtschaftliches Wachstum nicht zwingend auch zu besserer Entwicklung führt, sondern auch größere Ungleichheit, höhere Arbeitslosigkeit, schwache Demokratien, den Verlust kultureller Identität und einen unverantwortlichen Verbrauch natürlicher Ressourcen zur Folge haben kann.

Vor dem Leitbild einer sozial und ökologisch nachhaltigen Wirtschaftsweise gerät das Bruttosozialprodukt bzw. Bruttoinlandsprodukt als Messgröße für die Wohlstandsentwicklung einer Gesellschaft und um und Staaten miteinander zu vergleichen zunehmend in die Kritik. Seit geraumer Zeit intensiviert sich darum die Suche nach qualitativen Messgrößen für die Wohlstandsentwicklung. In den vergangenen Jahren wurden die Diskussionen um das BIP zunehmend auf höchster politischer Ebene geführt. Und es bewegt sich in der Tat etwas: Im Jahr 2008 setzte z.B. der französische Präsident Nicolas Sarkozy eine Expertenkommission mit fünf Nobelpreisträgern ein. Gemeinsam mit OECD, den Vereinten Nationen und dem französischen Statistikamt sollte die Gruppe Vorschläge machen, wie man wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt messen kann. Im September 2009 legten die Vorsitzenden der Kommission – die Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen sowie der französische Wirtschaftsprofessor Jean-Paul Fitoussi – ihren Bericht vor. Die EU-Kommission will einen neuen Ansatz zur Bewertung des wirtschaftlichen Fortschritts entwickeln, der sowohl umfassende Informationen zur Umwelt als auch zur sozialen Situation enthält. Und der Deutsche Bundestag beschloss im Dezember 2010 die Einsetzung einer Enquete-Kommission mit dem Titel "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft". Dabei soll die Kommission auch die Möglichkeiten der Entwicklung eines ganzheitlichen Wohlstands- bzw. Fortschrittsindikators ausloten.

Dabei können die verschiedenen Kommissionen und Initiativen auf einer Reihe von bereits existierenden Initiativen und Konzepten aufbauen. Hierzu gehören z.B. der

Human Development Index der Vereinten Nationen

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) veröffentlicht jährlich einen Bericht über die menschliche Entwicklung. Anders als der Ländervergleich der Weltbank berücksichtigt der darin enthaltene Human Development Index (HDI, Index der menschlichen Entwicklung) nicht nur das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Einwohner eines Landes, sondern ebenso die Lebenserwartung und den Bildungsgrad bzw. die Alphabetisierungsrate der Bevölkerung, um anhand einer Maßzahl den Stand der menschlichen Entwicklung in den Ländern der Welt zu verdeutlichen. Der Faktor Lebenserwartung gilt dabei als Indikator für Gesundheitsfürsorge, Ernährung und Hygiene; das Bildungsniveau steht für erworbene Kenntnisse und das Einkommen für einen angemessenen Lebensstandard. Dazu gehören unter anderem die Lebenserwartung bei der Geburt, das Bildungsniveau sowie das Pro-Kopf-Einkommen. Dadurch ergibt sich eine Rangliste, aus der man den Stand der durchschnittlichen Entwicklung eines Landes ableiten kann. Der aktuelle Human Development Report kann hier heruntergeladen werden.


Genuin Progress Indicator

Der GPI wurde von der NGO "Redefining Progress" erarbeitet. Sein Wertschöpfungsindikator basiert zwar zunächst auch auf dem Bruttosozialprodukt, wird jedoch um einige wesentliche Dimensionen ergänzt. Hierzu gehört z.B. Hausarbeit und Ehrenamt: Beides wird im BIP nicht berücksichtigt, da kein Geld fließt. Der GPI berechnet dies hingegen so, als ob man jemanden von außen dafür anstellen würde. So wird z.B. geschätzt, dass das deutsche Bruttosozialprodukt um 40 bis 50 Prozent höher liegen würde, wenn man diese Tätigkeiten als Wertschöpfung mit einrechnen würde. Weitere Komponenten sind z.B. die Einkommensverteilung, der Ressourcenverbrauch, die langfristige Umweltschäden, "das Freizeitbudget", die Haltbarkeit von Produkten und öffentliche Infrastruktur und die Abhängigkeit von ausländischen Kapitalgebern. Weitere Informationen zum Genuine Progress Indicator findet man hier.


Bruttoinlandsglück

1972 wurde in Bhutan von König Jigme Singye Wangchuck das Bruttoinlandsglück (Gross National Happiness, GNH) eingeführt, welches anhand der vier Säulen "Konstante und gerechte Wirtschaft", "Schutz und Unterstützung kultureller Werte", "Umweltschutz" und "Errichtung einer guten Regierung" gemessen wird. Das System wurzelt in der buddhistischen Überzeugung, das Ziel des Lebens sei inneres Glück. Die Philosophie der GNH ist es, die Entwicklungsziele Bhutans nicht nur mit der Wirtschaft, sondern direkt mit dem Glück der Bevölkerung zu verbinden. Seit den 70er Jahren hatte Bhutan begonnen, globale Einflüsse, wie z.B. Massenmedien, Tourismus oder Investitionen ausländischer Kapitalgeber zu begrenzen. Man zweifelte daran, viel Gewinn aus den konventionellen westlichen Entwicklungen ziehen zu können. Weitere Informationen und weiterführende Links zum Bruttoinlandsglück finden sich auf der englischen Wikipedia-Seite. Ein Detail am Rande, Ende 2004 hat der König von Bhutan beschlossen, dass Zigaretten und Bruttoinlandsglück nicht vereinbar seien – nun ist der Verkauf von Tabak in dem Land nicht mehr erlaubt.


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