Ein Vocho am Zocalo von Mexiko Stadt

30.9.2010 | Von:
Kinderarbeit

Lasst uns doch in Ruhe arbeiten!

Die Mutter hilft einer Freundin bei Schneiderarbeiten, dafür gibt es Essen, aber kein Bargeld. Das braucht sie dringend, seit Monaten hat sie grässliche Bauchschmerzen, kann sich keinen Arztbesuch leisten. Das Neun-Quadratmeter- Zimmer in einem halbfertigen Haus, in dem Guido, seine Mutter und die Schwester wohnen, kostet nichts, weil die Familie den Rohbau bewacht. Doch bald soll das Haus verkauft werden. Dann muss Geld für Miete her. Guido arbeitet auch noch bei einem Schreiner, schmirgelt Tischbeine ab. Wenn der keine Aufträge hat, geht er wie heute zur Plaza und ruft die Bushaltestellen aus.

Bei Unicef oder der ILO spricht man nicht gern über die Forderungen der Kinder. Zur ILO-Konferenz im Mai in Den Haag kamen mehr als 450 Experten, aber kein arbeitendes Kind. Dabei widerspricht das der UN-Kinderrechtskonvention, Artikel 12: "Die Vertragsstaaten sichern dem Kind, das fähig ist, sich eine eigene Meinung zu bilden, das Recht zu, diese Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten frei zu äußern, und berücksichtigen die Meinung des Kindes angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife."

"Es ist ein Fehler, für die Kinder zu entscheiden, ohne sie anzuhören", sagt Elizabeth Patiño, ehemals Vize-Ministerin für Kinder, Jugendliche und ältere Menschen in Bolivien, heute Vertreterin von Terre des Hommes. "So lange die Eltern nicht genug verdienen, arbeiten die Kinder. Vernünftige Löhne für die Erwachsenen, das wäre ein erster Schritt. Wir wollen Ausbeutung verhindern, aber den arbeitenden Kindern keine Steine in den Weg legen. Die Programme zur Abschaffung der Kinderarbeit erreichten gerade mal zwei Prozent der arbeitenden Kinder. Und von diesen zwei Prozent haben viele heimlich weiter gearbeitet. Schulbücher kann man nicht essen."

Auch die Kinder greifen die internationalen Organisationen an: "Die verstehen uns nicht", sagt Mónica, wie Guido Mitglied der Kinderbewegung in El Alto. "Wir sind doch auch gegen Ausbeutung von Kindern, aber gegen die können wir nicht kämpfen, so lange wir in die Illegalität gedrängt werden."


Es ist ein stiller Krieg zwischen den Kindern und der ILO. Still, weil die Kinder nicht gehört werden, in internationalen Gremien haben sie keine Stimme. Viele Staaten haben die Abkommen über ein Verbot von Kinderarbeit mit der ILO längst unterzeichnet. Ein Experte für Kinderarbeit der ILO, im Rahmen dieses Artikels angefragt, hatte keine Zeit für ein Interview. Vielleicht war es ihm unangenehm, über die neuen Entwicklungen in Bolivien zu sprechen.

Mónica spricht leise und legt die langen braunen Haare mit dem Finger hinter die Ohren. Sie will keine Angeberin sein. Mag schon sein, dass es etwas Besonderes ist, mit zwölf Jahren die Verfassung eines Landes geändert zu haben, das gibt sie zu. Aber das hätte doch jedes Kind gemacht, sagt die heute 14-jährige Bolivianerin, es war ja höchste Zeit. Die Mutter schneidert Röcke, davon kann sie die fünf Kinder kaum ernähren, der Vater hat sich vor Jahren nach Argentinien abgesetzt. Mónica knüpft Armbändchen und Taschen aus bunter Wolle, verkauft sie, hilft der Mutter. Die Brüder arbeiten wie Guido als Ausrufer in den Bussen.

Als Evo Morales 2006 eine neue Verfassung plante, stand im ersten Entwurf: "Kinderarbeit ist verboten". Mónica und ihre Freunde konnten es nicht fassen: "Wir helfen doch nur unseren Eltern. Und das soll verboten sein?" Zusammen sprachen sie bei mehreren Abgeordneten vor. Die meisten sagten "ja ja, schön schön". Doch dann empfing der Außenminister die Freunde. "Es ist unrealistisch, Kinderarbeit zu verbieten", erklärte ihm Mónica. "Wir müssen arbeiten, sonst essen wir nicht!" Dann dröselte sie es logisch auf: Wenn Kinderarbeit verboten ist, müssen sich die arbeitenden Kinder verstecken. Und dann wird alles nur schlimmer. Sie werden schlecht bezahlt und ausgebeutet. Arbeiten viele Stunden, müssen gefährliche Jobs machen, und das Schlimmste: Sie können böse Arbeitgeber nirgendwo anzeigen. "Wenn Kinderarbeit nicht mehr verboten ist, können wir für würdige Bedingungen kämpfen und gegen die Ausbeutung", sagte Mónica, und der Minister nickte. Er brachte sie zur verfassungsgebenden Versammlung, dort wiederholte Mónica ihre Ansprache.

"Danach passierte ein kleines Wunder", sagt sie. "Das Verbot von Kinderarbeit wurde gestrichen." Der Artikel 61 Absatz zwei der bolivianischen Verfassung lautet nun: "Zwangsarbeit und Ausbeutung von Kindern sind verboten. Aktivitäten, die Kinder im familiären und sozialen Rahmen ausüben, dienen ihrer integralen Entwicklung als Bürgerinnen und Bürger und haben eine bildende Funktion."

Mónica und ihre Freunde jubelten und riefen die anderen Kinder zusammen. "Wir erklärten allen, dass wir nun keine Verbrecher mehr sind", sagt Mónica. "Aber die Verfassung alleine reicht nicht, sie ist nur die Grundlage. Was fehlt, sind neue Gesetze. Damit wir uns in Zukunft wirklich gegen Ausbeuter wehren können."

Aus: fluter Nr. 36: Arbeit, S. 41-43.


Online-Angebot

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Die Regisseurin Icíar Bollaín erzählt von einem europäischen Filmteam, das in Bolivien einen Film über Kolumbus dreht, und dort von der Realität eingeholt wird. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht.

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