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Nachhaltiger Bananenanbau ein Modell für die Zukunft?

Jörn Breiholz

/ 6 Minuten zu lesen

Millionen von Chiquita-Bananen werden jährlich in Costa Rica geerntet und für den weltweiten Export, auch nach Deutschland, vorbereitet. Für die Mitarbeiter ein schweißtreibender Job, der auch viele Gefahren birgt.

Über Guápiles und den Bananenplantagen rund um die kleine Provinzstadt ist der Himmel bedeckt. Es ist drückend heiß unter den Bananenblättern auf der Finca Modelo, feucht und stickig. Fredo Gonzales Cruz steht der anstrengende Job permanent ins Gesicht geschrieben. Der Schweiß rinnt ihm in Rinnsälen herunter.

Plantagenarbeiter mit Schutzkleidung. (© Jörn Breiholz)

Cruz hantiert mit Agrochemikalien. Er steht auf einer Leiter, die er an einen drei Meter hohen Bananenstrauch gestellt hat, und stülpt blaue, im Inneren mit einem Insektizid imprägnierte Plastiktüten über die Bananenbündel. Zwei Wochen lang wird die Substanz aus den Poren der Plastiktüte auf die Bananenfinger dampfen und Insekten vom Befall der Bananen abhalten. "Dann ist es verflogen", sagt Friedhelm Gauhl, Biologe und leitender Chiquita-Angestellter, der den Einsatz der Schädlingsbekämpfungsmittel auf den Bananenplantagen Chiquitas in Lateinamerika koordiniert.

Cruz trägt eine Atemschutzmaske, die nur wenige Zentimeter seines Gesichts frei lässt, außerdem Handschuhe und lange Kleidung: "Als Schutz vor den Agrochemikalien, mit denen ich hantieren muss", wie er sagt. Er ist froh, dass er trotz der Hitze diese Arbeitskleidung tragen kann. Vor wenigen Monaten noch, erzählt er, habe er auf einer anderen Bananenfinca, die nicht zu Chiquita gehöre, gearbeitet. "Dort gab es weder Arbeitskleidung noch Schutzmaske." Nun gehe er auch alle drei Monate zur Blutuntersuchung. Dann wird Cruz darauf getestet, ob der tägliche Umgang mit dem Pestizid sein Blut krank macht. Der Bananenarbeiter ist einer von mehreren tausend in Costa Rica, die für Chiquita arbeiten. Auf deren Farmen ist Arbeitskleidung beim Umgang mit gefährlichen Stoffen wie Pestiziden inzwischen vorgeschrieben. Vor sieben Jahren haben sich alle Chiquita-Farmen und inzwischen auch fast alle Zulieferer des Bananenmultis den Regeln der Nichtregierungsorganisation "Rainforest Alliance" unterworfen. Die prüft nun einmal jährlich, ob die von ihr definierten Umwelt-, Sozial- und Arbeitsauflagen auf den Chiquita-Farmen eingehalten werden. Listen die Auditoren von der Rainforest Alliance keine schwerwiegenden Mängel auf, können die Farm und damit auch die in Europa vertriebenen Chiquita-Bananen das Siegel der Rainforest Alliance tragen - und damit werben.

Seit gut einem Jahr ziert die Chiquita-Bananen nun das mit einem Frosch versehene Siegel, das den Eindruck erweckt, als wenn der Bananenanbau von Chiquita den Regenwald schütze. "Nachhaltigen Bananenanbau" nennen jetzt die Rainforest Alliance und Chiquita die Massenproduktion von Bananen in Monokultur. Nachhaltigkeit ist – im Gegensatz zu "öko" oder "bio" - kein geschützter Begriff. Doch die Bananenmanager von Chiquita sind überzeugt, den richtigen Weg zu gehen. "Wir haben den Einsatz von Plastik und Pestiziden auf unseren Farmen erheblich reduziert", sagt beispielsweise Chiquitas Nachhaltigkeits-Chef Manuel Rodriguez beim jährlichen Meeting mit den für Umwelt- und Arbeitsbedingungen zuständigen Chiquita-Mitarbeitern in Costa Rica in der Nähe von Nogal.

Als einziges der großen transnationalen Bananenunternehmen lässt sich Chiquita von der Rainforest Alliance zertifizieren. Der Bananenmulti präsentiert die Ergebnisse gerne. Journalisten zum Beispiel, die nach Costa Rica eingeladen und von einer blonden Chiquita-Mitarbeiterin durch das Schutzwäldchen in Nogal geführt werden. Kein anderes Bananenunternehmen zeige sich so offen wie Chiquita, sagt George Jaksch, in Europa zuständig für "Corporate Responsibility". "Welches andere Unternehmen lässt schon Journalisten und NGO's auf die Farmen und gibt einen so transparenten Einblick in die Bücher?" Grün ist es überall in dem kleinen, tropischen Land in Zentralamerika - um Guapiles herum bananenblättergrün. Scheinbar endlos ziehen die Bananenfelder mit ihren exakt gezogenen Drainagegräben vorbei, tausende Hektar Bananen stehen hier, industrielle Landwirtschaft eben. Chiquita, Dole, Delmonte ist auf den Lastwagen geschrieben, die mit Kühlaggregaten ausgestattete Containerboxen geschultert haben. Jeder Container gefüllt mit tausend Bananenpappkisten à 18 Kilogramm Frucht. Lastwagen an Lastwagen zieht gen Puerto Limón. Von dort kommen sie zurück, um Nachschub zu holen für die Bananenschiffe, die Richtung Europa starten, um auch den Deutschen ihr zweitliebstes Obst nach dem Apfel zu bringen. Wenn die bulligen us-amerikanischen Trucks an den Bananenarbeitern vorbeidonnern, die mit geschulterter Machete auf dem Rad unterwegs sind, ist zwischen Mensch und Metall manchmal nicht viel Platz.

Harte Arbeit

Ein Warnschild verbietet den Aufenthalt in der Plantage während des Einsatzes der Sprühflugzeuge. (© Jörn Breiholz)

Es gibt Tage, da riecht es süßlich hier, kilometerlang. Dann kann es nicht lange her sein, dass ein Flugzeug oder ein Hubschrauber über die Felder geflogen ist, und aus den dampfenden Sprühleitungen Schwaden feiner Tropfen mit Fungiziden auf die Bananen nieder gerieselt sind. Sie fliegen und sprühen, um einen Pilz zu töten. Als der gelbe Sigatoka-Pilz in Costa Rica ausgemerzt war, kam der schwarze, vor gut 20 Jahren. Wegen dieses Pilzes steigen durchschnittlich einmal pro Woche die Pestizid-Flieger in die Luft und sprühen Fungizide über die Bananenblätter. Hat der Sigatoka die Blätter erst einmal hinreichend befallen oder "verbrannt", wie es im Bananenjargon heißt, ist es vorbei mit der Photosynthese: Die Banane stirbt.

Seit vielen Jahrzehnten steht der Bananenanbau in den Tropen wegen des massiven Einsatzes von Agrochemikalien und der Arbeitsbedingungen in der Kritik von Umweltschützern und NGO's. In den Neunzigern streikten tausende Bananenarbeiter auf lateinamerikanischen Bananenplantagen, weil der Einsatz des Pestizids Nemagon bei Arbeitern Knochenkrebs, Atembeschwerden und Herzkrankheiten ausgelöst hatte. Das Stigma des bösen US-Ausbeuters, der sich ohne Rücksicht auf Verluste an den Menschen in Drittweltländern bereichert, klebte auch Chiquita lange auf der Stirn. Schließlich war es gerade die ehemalige "United Fruit Company", wie Chiquita vor der Umbenennung noch bis Ende der 1980er-Jahre hieß, die den Begriff "Bananenrepublik" prägte: Als us-amerikanischer Konzern, der mit seiner wirtschaftlichen Macht in Zentralamerika politisch mehr zu sagen hatte als die jeweiligen Regierungen; auch weil es die jeweilige Polit-Elite massiv korrumpierte. Dass die düstere Zeit der politisch unsauberen Zusammenarbeit noch längst nicht vorbei ist, bewies der Konzern erst jüngst wieder. Noch bis 2004, heißt es auch offiziell aus der Unternehmenszentrale im us-amerikanischen Cincinnati, habe der Konzern in Kolumbien Schutzgelder an linke und rechte Paramilitärs bezahlt. Chiquita finanzierte also die terroristischen Kräfte und Protagonisten des seit Jahrzehnten währenden schmutzigen Bürgerkrieges in Kolumbien.

Vor gut zwölf Jahren begann der Bananenmulti, den Dialog mit der in den USA gegründeten Nichtregierungsorganisation "Rainforest Alliance" zu suchen, und entschloss sich, alle Chiquitaplantagen und Zuliefererbetriebe nach den Vorgaben der Organisation auszurichten. Diese Standards beinhalten die Organisationsfreiheit von Gewerkschaftern genauso wie die Abstände zu Wasserläufen, damit aufgebrachte Agrochemikalien nicht in den Boden gelangen. Noch vorhandene Biotope müssen geschützt und nicht genutzte Flächen aufgeforstet werden.

Warnhinweise für den korrekten Umgang mit Pflanzenschutzmitteln. (© Jörn Breiholz)

Längst nicht alle costaricanischen Chiquita-Mitarbeiter sind mit dem Erreichten zufrieden. Im Ort Roble beispielsweise, einer kleinen Ansiedlung zwischen Chiquita-Bananenfeldern ein Stück nördlich in Richtung nicaraguanischer Grenze, berichten die Anwohner, dass die Drift von den Pestizideinsätzen aus der Luft häufiger bei ihnen im Garten lande. " Die Flieger", sagt der Bananenarbeiter Julio Ramos Martin und zeigt in dem kleinen Garten hinter seinem Häuschen auf das direkt angrenzende Bananenfeld, "besprühen sogar direkt unsere Häuser." Erst an diesem Morgen wieder, erzählt der junge Familienvater, hätten ein Flugzeug und ein Hubschrauber um kurz nach sechs Uhr die Felder direkt hinter seinem Garten besprüht. "Und die Wolke ist direkt bei uns im Garten gelandet." Wenn die Pestizid-Flieger kreisten, sagt Martin, "müssen meine Kinder im Haus bleiben." Dagoberto Quirós Granados, auch er Bananenarbeiter bei Chiquita und Gewerkschaftsmitglied, zeigt Fotos von toten Fröschen. "Die habe ich nach einem Nematizid-Einsatz auf den Bananenplantagen im Sommer vergangenen Jahres fotografiert", sagt Granados. Der 53-Jährige ist vor einem Jahr in den Gewerkschaftsverband Cosiba eingetreten, auch weil ihn der Vorarbeiter durch einen Jüngeren ersetzen wollte. "Die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft hat mich bisher vor der Entlassung schützen können", sagt er.

Im Gewerkschaftsbüro in Puerto Viejo de Sarapiquí sind an diesem Samstag gut ein Dutzend Bananenarbeiter zusammengekommen, um sich von Gewerkschaftsanwalt Guaren Flores beraten zu lassen. Flores sagt, Chiquita würde Arbeiter mit fadenscheinigen Begründungen entlassen, nur weil sie in der Gewerkschaft sind. "Das Unternehmen will verhindern, dass die Gewerkschaft in den Plantagen zu stark wird", sagt der Anwalt. Ein Vorwurf, den Chiquita weit von sich weist. "Jeder Arbeiter bei uns kann sich gewerkschaftlich organisieren", meint George Jaksch.

Die Gewerkschafter präsentieren Dokumente. Zum Beispiel ein Protokoll über ein Zusammentreffen zwischen der Leitung einer Chiquita-Plantage und Gewerkschaftsmitgliedern, die sich über den wiederholten Einsatz von Pestiziden aus der Luft beschweren – während sie im besprühten Bananenfeld arbeiten. Das würde gegen die Regeln der "Rainforest Alliance" verstoßen. Bei Wiederholung drohte der Entzug des Siegels mit dem Frosch der Organisation Rainforest Alliance, der so sehr nach Regenwaldschutz aussieht. Bisher ist so etwas noch nicht vorgekommen. Doch erst kürzlich, sagt Chris Wille von der "Rainforest Alliance", sei auf einer Chiquita-Plantage in Guatemala Regenwald planiert worden: "Daraufhin sind fünf Farmmanager entlassen worden." Den Vorfall, sagt Wille, hätte Chiquita selbst gemeldet.

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Jörn Breiholz, geboren 1967 in Wilster (Schleswig-Holstein), arbeitet seit 15 Jahren als freier Journalist in Hamburg, unter anderem als Herausgeber und Chefredakteur des Monatsmagazins HH19 und als Norddeutschland-Korrespondent für die Frankfurter Rundschau. Seit 1994 recherchiert er immer wieder auch in Lateinamerika. Er arbeitet für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, Tageszeitungen und Magazine.