Ein Vocho am Zocalo von Mexiko Stadt

21.4.2008 | Von:
zibechi

Brasilien: Aufstand der Obdachlosen

Enge Verbundenheit zu der Bewegung der Landlosen

Die MTST geht auf eine Initiative der Bewegung der Landlosen (Movimiento de Trabajadores Rurales Sin tierra - MST) aus dem Jahre 1997 zurück. Gilmar Mauro, Mitglied des nationalen Vorstandes der MST erläutert die Gründe: "85% der brasilianischen Bevölkerung lebt heute in Städten. Über die Zusammenarbeit zu der MTST soll das Recht auf Land mit dem Recht auf städtischen Raum verbunden werden" (Quelle: Le Monde Diplomatique Oktober 2007). Die erste große Besetzung fand 1997 in der Stadt Campinas (Sao Paulo) statt und erhielt den Namen Parque Oziel zu Ehren einer der Opfer des Massakers von Eldorado de Carajás, bei dem 1995 19 Obdachlose ermodert wurden. Parque Oziel war zum damaligen Zeitpunkt eine der größten städtischen Besetzungsaktionen in Lateinamerika. An ihr beteiligten sich 5.200 Familien.

1998 erregte die MTST großes Aufsehen durch ihren Einsatz in den großen Favelas von Sao Paulo, Diadema und Guarulhos. Im gleichen Jahr wurde auch die Arbeit in Rio de Janeiro und im Nordosten aufgenommen. In dieser Region konnte die Bewegung in 27 Gemeinden von Recife, in zwei Gemeinden von Natal und in einer Gemeinde in Aracajú Fuß fassen. Verbindungen wurden auch zu anderen Gruppen geknüpft, die sich für das Recht auf Wohnung einsetzen, darunter zu der União Nacional por Moradia Popular, die sich für die Schaffung von Sozialwohnungen einsetzt. In Rio de Janeiro wurden wichtige Aktionen in Einkaufszentren und Großmärkten veranstaltet, die es ihnen ermöglichten 10.000 Sozialwohnungen im Westen der Stadt zu bekommen.

An der 2001 von der MTST initiierten Besetzung des Geländes Anita Garibaldi beteiligten sich an die 10.000 Personen. Im Jahr 2003 wurde das Camp Carlos Lamarca errichtet und die besonders großes Aufsehen erregende Besetzung Santo Dias in Sao Bernardo do Campo durchgeführt. Alle Aktionen fanden im Staat Sao Paulo statt. Bei Santo Dias ging es um ein von 300 Familien der MTST am 19. Juli 2003 besetztes Grundstück des VW-Konzerns. Der massive Andrang der folgenden Tage mit der Ankunft von 4.000 Familien zeigte die prekäre Wohnungssituation in der Region erneut eindringlich auf. Angesichts der erfolgreichen Besetzung schickte die sozialdemokratische Regierung des Staates Sao Paulo die Militärpolizei, riegelte das Camp mit Hubschraubern und Elitetruppen ab und griff am 9. August 2003 die Obdachlosen an. Etliche Personen wurden verletzt oder festgenommen, das Grundstück wurde geräumt.

Das im September 2003 eingerichtete Camp Carlos Lamarca am Rande von Sao Paulo sollte mehrfach gewaltsam geräumt werden, dabei wurden Kinder verletzt und Aktivisten verhaftet. Das Grundstück gehört einer Institution, die Waisenkinder betreute (der Lar Consolador Da Verdade) aber aufgrund einer Anzeige wegen Misshandlung geschlossen wurde. (Quelle: Folha de Sao Paulo, 9. Januar 2006) Da die Eigentümer vor Gericht stehen und die Gemeindesteuern seit 1997 nicht gezahlt werden, dürften die Familien kaum wieder vertrieben werden. Allerdings werden sie von der Polizei bedrängt, die "täglich die Armut und die Sozialbewegungen, die die ärmsten Schichen vertreten, kriminalisiert. Die Polizei verletzt die Menschenrechte nicht nur in den besetzten Grundstücken, sondern auch täglich in den Favelas der Randgebiete und geht dabei absolut ungestraft vor", beschreibt Helena Silveira von der MTST die Situation.

Volksbibliothek im Lager Chico MendesVolksbibliothek im Lager Chico Mendes
Das Camp Carlos Lamarca hat vor zwei Jahren eine Volksbibliothek eingeweiht, die durch Bücherspenden aus Venezuela unterstützt wurde. Das Camp bietet kulturelle Veranstaltungen. Außerdem wurde ein erster Gemüsegarten zur Selbstversorgung der Familien angelegt. Gegründet wurde eine Genossenschaft, die später auch Obst und Gemüse vermarkten soll. In dem Camp wohnen vorwiegend Arbeiter, die im informellen Sektor beschäftigt sind. Gut die Hälfte davon sind "Cartoneros", die in den Straßen der Stadt Altpapier und Pappe sammeln und zur Zeit bemüht sind, eine Genossenschaft aufzubauen, über die sie das eingesammelte Papier wiederverwerten und kollektiv verkaufen wollen.

2005 wurde auf Initiative der obdachlosen Arbeiter die Associação Periferia Activa (APA) gegründet, ein Dachverband von ca. 50 Gemeinschaften des Großraums Sao Paulo, der sich besonders durch ihren Einsatz in den Favelas auszeichnet. Zentrales Thema des ersten von APA im April 2007 in Joao Cándido abgehaltenen Seminars war der Kampf der Bewohner der großstädtischen Randgebiete um eine neue Gesellschaftsordnung. Die APA will selbst Lösungen für die Probleme bieten, ohne auf die Politik zu warten. Die Arbeit richtet sich sowohl "nach innen" als auch "nach außen". Zum einen geht es darum, das Gemeindeleben zu aktivieren, die Probleme gemeinsam anzugehen und Bildungsprojekte, kulturelle Aktivitäten, das Genossenschaftswesen sowie Sauberkeit und Gesundheit im Kollektiv zu fördern. Nach außen hin werden die Rechte der Bewohner vertreten und der Aufbau einer Interessensvertretung gefördert.

Ebenso wie die Bewegung der Landlosen verfügen auch die obdachlosen Arbeiter über eine nationale Koordinierungsstelle, Koordinierungsbüros in den verschiedenen brasilianischen Staaten und regionale Kollektive, die sich aus aktiven Mitgliedern zusammensetzen, die in den einzelnen Spontansiedlungen leben. Vor jeder Besetzung wird erst mit der örtlichen Bevölkerung die Lage erörtert und sichergestellt, dass die Nachbarn die Besetzung befürworten. Darauf folgt dann eine topografische Analyse des Ortes. Dabei werden Hänge und Böschungen ausgeschlossen, die für Siedlungszwecke wenig geeignet sind. Schließlich wird in Erfahrung gebracht, ob der Eigentümer Steuerschulden bei der Gemeinde hat. Erfolgreiche Besetzungen

Besonders erfolgreich verliefen bisher die Besetzungen im Großraum Sao Paulo. Bei der ersten Besetzung, die überhaupt in Brasilien stattfand, erwirkten die Familien die Enteignung des Grundstücks. Heute ist Parque Oziel eine Siedlung mit ausgebauter Infrastruktur und Daseinsvorsorge, in der ein ausgeprägter Gemeinschaftssinn herrscht. Es dürfte sich um die erfolgreichste Besetzung der MTST handeln.

Mitte März 2005 besetzte die MTST ein weiteres Grundstück. Auch dieses Grundstück diente vorher ausschließlich der Immobilienspekulation. Geplant war auf dem in Irapecerica da Serra bei Sao Paulo gelegenen Grundstück ein Golf-Club. Die nach der Besetzung entstandene Siedlung Joao Cándido verwandelte sich mit der Ankunft von Hunderten von Personen nach und nach in eine richtige Ortschaft und beherbergt heute an die 3.000 Familien. Ende März 2005, also nur wenige Wochen nach der Besetzung, kam es zu einem großen Protestmarsch von 5.000 Obdachlosen zur Stadtverwaltung von Sao Paulo. Unterstützt wurden die Demonstranten von Abgeordneten, führenden Politikern, der katholischen Kirche und der Bewegung der Landlosen.

Die Einwohner von Joao Cándido haben insgesamt 36 Gruppen zu jeweils 100 bis 120 Familien gebildet sowie Koordinatoren und Beauftragte für Disziplin, Infrastruktur und Gesundheit ernannt. Künstler boten Solidaritätskonzerte und Shows an und Studenten haben Theaterworkshops und Kulturabende durchgeführt. Nachmittags wurden Seminare für politische Bildung angeboten. In einem Interview mit Le Monde Diplomtique ("Sem teto acampan na beirada de Sao Paulo", Le Monde Diplomatique, Oktober 2007) wies Rosi Mari de los Angeles, Koordinatorin einer der Gruppe auf die Schwierigkeiten hin, die ein Zusammenleben so vieler Menschen unter erschwerten Bedingungen, ohne Wasser, Strom und privaten Rückzugsmöglichkeiten mit sich bringt. Zugleich wies sie aber auch auf den Enthusiasmus der Menschen in den Siedlungen hin. "In der Favela versucht jeder zu überleben wie er kann. Hier dagegen ist die Solidarität Regel Nummer eins", betont Rosi Mari. Für die obdachlosen Arbeiter ist die Siedlung zudem auch eine Art Bildungsstätte.

Zwei Monate nach Errichten des Camps wurde das Grundstück geräumt. Zuvor allerdings unterzeichneten die Besetzer eine Vereinbarung mit der Gemeinde Itapecerica da Serra. Darin verpflichtete sich die Gemeinde, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich anderswo niederzulassen. So haben die ersten 350 Familien, die keine Bleibe haben, bereits ein neues Camp errichtet.


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