Ein Vocho am Zocalo von Mexiko Stadt

21.4.2008 | Von:
zibechi

Brasilien: Aufstand der Obdachlosen

Kultur-Guerrilla

Theater für die Kinder im Obdachlosen Lager 'Chico Mendes'Theater für die Kinder im Obdachlosen Lager 'Chico Mendes'
Unter den obdachlosen Arbeitern wird besonderen Wert auf kulturelle Aktivitäten gelegt. Jedes Wochenende werden Feste organisiert, Theateraufführungen und Videos gezeigt und Poesieabende veranstaltet. Besondere Aufmerksamkeit wird der Arbeit mit Kindern geschenkt. Dabei darf weder Musik noch Tanz fehlen. Capoeira, Forró und vor allem Rap und Hip Hop sind die bevorzugten Rhythmen der Jugend in den Favelas.

Die MTST setzt dabei auf die von ihr gegründeten Brigaden der Kultur-Guerrilla und nutzt die in mehr als drei Jahrzehnten gesammelte Erfahrung der Bewegung der Landlosen. Die Obdachlosen haben feste Beziehungen zur Hip-Hop-Szene entwickelt, einer kulturellen Widerstandsbewegung, die zu Beginn der 90er Jahre in den Armenvierteln der Großstädte entstanden ist. In einem Dokument der MTST heißt es dazu: "Über die Rap-Musik wird eine besonders scharfe und gezielte Sozialkritik geübt. Diese kämpferische Musik ist so machtvoll, dass sie eine wahre Revolution in der Köpfen der Menschen auslöst".

Die Soziologin Helena Abramo, der NGO Acción Educativa vertritt die Auffassung, dass sich die Jugendbewegungen der 80er und 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wesentlich von den Jugendbewegungen bis Ende der 70er Jahre unterscheiden. Ein erster Unterschied ist durch den sozialen Ursprung der Jugendlichen gegeben: in den 70er Jahren waren es vornehmlich Studenten der Mittelschicht, während es ab Ende der 70er Jahre Jugendliche aus allen Bevölkerungsschichten waren, die sich in ihrem Selbstverständnis nicht als Studenten definieren". Zudem sind die Jugendbewegungen heute eher auf Spaß und Kultur ausgerichtet, eine Tendenz die auf die Punk-Bewegung zurückgeht und zuerst in den Randgebieten der Großstädten aufkam.

Der Hip-Hop-Musik weist allerdings eine Besonderheit auf: ihre Vertreter und Anhänger sind überwiegend junge Farbige und oft "Opfer von Polizeigewalt". Darüber hinaus sind die Vertreter und Anhänger des Hip-Hops "stark territorial verbunden. Sie entwickeln eine starke Beziehung zu der Gemeinschaft und zu der Straßenkultur ihres Barrios. Damit üben sie einen großen Einfluss auf die eigene Gemeinschaft aus", rundet Abramo ab.

Die Hip-Hop-Szene in Brasilien ist hochgradig politisiert und hat im Rahmen des Weltsozialforums Porto Alegre eigene nationale Treffen organisiert. Nação Hip-Hop, Frente Nacional do Hip-Hop, Movimento Enraizados, Frente Brasileiro do Hip-Hop und Movimento Hip-Hop Organizado Brasileiro sind nur einige der Organisationen, in denen sich diese Bevölkerungsgruppen zusammengeschlossen haben und die mit politischen Parteien und anderen Institutionen eng zusammenarbeiten. Marcelinho Buraco, einer der bekanntesten Vertreter des Hip Hop weist allerdings zu recht darauf hin, dass " Repräsentation" nicht die Stärke der Bewegung darstellt. Allein in den Favelas von Sao Paulo existieren rund 4.000 Rap-Gruppen. Von den Aufnahmen, Auftritten und Performances einer Gruppe leben jeweils 10 bis 12 Personen. Milton Salles, ein Veteran der Rap- und Hip-Hop-Musik schätzt, dass sich in diesem Staat rund 60.000 Personen "für das Ende des in den Favelas tobenden Krieges zwischen rivalisierenden Gruppen einsetzen, die die jungen Menschen in den Favelas umbringt". Die Kultur der Straße ist die wichtigste Waffe gegen die Gewalt".

Das "Bündnis" zwischen Obdachlosen und Jugendlichen der Hip-Hop-Bewegung hat sich ganz von selbst durch das Zusammenleben in den Favelas ergeben. Beide Gruppen werden von der Polizei verfolgt und lehnen sich gleichermaßen gegen Armut und ein sie ausgrenzenden System auf. Die MTST ist davon überzeugt, dass Rap und Hip-Hop neue Werte, soziales kulturelles und gemeinschaftliches Verhalten fördern und wie eine Art "Kultur-Guerrilla" eine sehr langsame, aber dauerhafte Veränderung bewirkt.

Quellen

  • Revista Caros Amigos, "De volta para o futuro", de Mariana Amaral, 31 de octubre de 2005.
  • Diario do Grande ABC, 12 al 7 de abril de 2008.
  • "Com ocupaçoes pelo Brasil movimento urbano busca rearticulaçao", Brasil de Fato, 1 de abril de 2008.
  • "Movimento Sem teto evita despejo", en Brasil de Fato, 19 de enero de 2006.
  • Movimento de Trabalhadores Sem Teto: www.mtst.info
  • "Sem teto acampan na beirada de Sao Paulo", Le Monde Diplomatique, octubre de 2007


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