Nächtliche Skyline von Shanghai

1.10.2005 | Von:

Von der Wandzeitung zum Blog

Meinungs- und Gedankenfreiheit in China heute

Das Medium ist die Botschaft: Gedanken- vor Redefreiheit

Wir können also nicht erwarten, dass das Internet in China eine Plattform radikaler Agitation oder regierungsfeindlicher Aktivitäten wird. Dies heißt jedoch nicht, dass es keinen bedeutsamen Wandel eingeläutet hätte. Der Einfluss von Mailboxnetzen und Blogs auf die chinesische Politik mag gering sein, aber sie verändern die chinesische Gesellschaft. Sie haben völlig neue Arten der Meinungsäußerung und der sozialen Interaktion eingeführt, die nach und nach die Gesellschaft von innen heraus transformieren. Kehren wir zu unserer ursprünglichen Frage nach den Parallelen zwischen dem Internet und dem Samisdat in China zurück, so sind Mailboxnetze, Foren und Blogs zu neuen Formen der Meinungsäußerung geworden, die vielleicht weniger radikal, aber sicherlich verbreiteter als die traditionellen Selbstpublikationen sind. Sie haben einen neuen öffentlichen Raum geschaffen, der wiederum weniger politisiert, aber größer und zugänglicher ist als der Samisdat von gestern.

Während der hitzigen Kongressdebatte über die Komplizenschaft amerikanischer Firmen mit der chinesischen Online-Zensur war das heiße Thema in der chinesischen Blogosphäre nicht die politische Freiheit oder ihr Mangel, sondern die Online-Parodie eines bis dato unbekannten Scherzboldes namens Hu Ge auf den berühmten Regisseur Chen Kaige. Hu Ge hatte eine neue Fassung eines der weniger gelungenen Filme Chens als 20-minütige Videoparodie geschnitten und ins Netz gestellt. Chen verklagte ihn wegen Verletzung des Urheberrechts und wurde zum Gespött des ganzen chinesischen Internet.[20] Es könnte so scheinen, bemerkt Rebecca McKinnon, dass die Chinesen stärker an schlechten Filmen als an schlechter Politik interessiert sind, aber die Moral der Geschichte reicht tiefer. Die chinesischen Apparatschiks mögen die Politik noch immer fest im Griff halten, aber sie haben ihre Kontrolle über das Kulturleben verloren. Das Internet kann vielleicht nicht die Regierung stürzen, aber es kann den Ruf eines berühmten Regisseurs ruinieren. Jeder, der den Niedergang des Kommunismus in Osteuropa erlebt hat, wird zu würdigen wissen, was der Verlust der Macht über die kulturelle Sphäre für die Zukunft eines Einparteisystems bedeutet.

Und es ist nicht nur die Kultur, sondern der Lebensstil im Allgemeinen, der sich peu à peu durch das Online-Geschehen wandelt. Es verdient Beachtung, dass vielleicht diejenige Person, der man das größte Verdienst für den Popularitätszuwachs des Bloggens in China anrechnen kann, nicht ein ambitionierter politischer Reformer ist, sondern eine Journalistin namens Li Li, die unter dem Pseudonym Muzi Mei schreibt. Ihr Blog[21] wurde 2003 berühmt, weil er ihre erotischen Abenteuer mit verschiedenen Männern mit "post-Siebziger"-Einstellung zum Sex beschreibt. Die Propagandaabteilung der Partei war nicht amüsiert, und Li verlor ihren Job bei der Zeitung, wurde aber stante pede vom größten Blogportal Bokee.com eingestellt. Ein Buch mit Auszügen aus ihrem Online-Tagebuch wurde aus den chinesischen Buchläden zurückgerufen, verkaufte sich in Hongkong und Taiwan aber gut. Übersetzungen ins Deutsche und Französische folgten.[22]

Bald darauf tauchte in Gestalt von Tang Jiali eine weitere Berühmtheit auf, eine ehemalige Tänzerin des Staatsballetts, die unter www.tangjiali.com ihre Nacktfotos ausstellte. Einige davon wurden sogar mit schmeichelhaften Kommentaren auf der Website des offiziellen Sprachrohrs der Kommunistischen Partei Chinas "Tageszeitung des Volkes" (Renmin ribao)[23] wiederabgedruckt, und der einzige Konflikt, in den sie damit geriet, war der mit ihrem Fotografen, der sie auf Namensnennung und Tantiemen verklagte.[24] Die Regierung mag gegenüber dem Internet immer noch fest auftreten, aber allenthalten stürzen alte Tabus und fallen Schranken. Die meisten Menschen mögen vorsichtig sein, was sie online sagen, aber es gibt immer irgendwo jemanden, der die Grenzen austestet. Ob auf dem Gebiet des Films, der Sexualmoral oder alternativer Musik: Die alten Orthodoxien erodieren schnell.

Isaac Mao (www.isaacmao.com), einer der Pioniere und einflussreichsten Persönlichkeiten der chinesischen Blogosphäre und 2002 Mitgründer des ersten chinesischen Blogdienstes CNblog.org, hat eine interessante Überlegung angestellt.[25] Mit Blick auf die Neigung zur Selbstzensur in China zieht er den Schluss, dass freie Rede schwierig, wenn nicht unmöglich sei, wo freies Denken fehle. Die Gedanken der Menschen von mentalen Tabus, Propagandasedimenten und anderen Beschränkungen zu befreien, müsse daher jedem ernsthaften Versuch vorausgehen, die Meinungsfreiheit einzuführen. Und genau für diese Befreiung ebnen Internet und insbesondere Blogs in China den Weg. Zwar gibt es online noch keine volle Meinungsfreiheit, aber mit den Äußerungen im Netz emanzipiert sich das Denken von der offiziellen Ideologie, die noch immer von einem Großteil der Print- und Rundfunkmedien propagiert wird. Das Internet wird aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zu einer politischen Revolution führen, zumindest nicht direkt, aber es bewirkt einen langsamen und tiefgreifenden Wandel in der Art und Weise, wie die Menschen denken und sich austauschen. Eben diese Transformation ist es, die dazu beiträgt, einen künftigen politischen Wandel möglich zu machen und den Wunsch danach zu erzeugen. Politische Freiheiten sind nur sinnvoll für Menschen, die im freien Denken geübt sind.

Einige chinesische Beobachter haben die Kakophonie der Stimmen im chinesischen Internet und insbesondere den Blogs mit dem chaotischen Spektakel der Wandzeitungen oder dazibao zu Beginn der Kulturrevolution verglichen. Der berühmte Schriftsteller Yu Hua (geboren 1960), im Westen bekannt vor allem für seinen Roman Leben! (Huozhe), den Zhang Yimou verfilmte und dafür für den Golden Globe nominierte wurde, erinnert sich, wie fasziniert er als Kind von den Wandzeitungen war, die in Abwesenheit echter Bücher die erste literarische Erziehung boten:
    Ich glaube, meine erste literarische Leseerfahrung begann mit meiner Lektüre der Wandzeitungen während der Kulturrevolution. Die Wandzeitungen steckten voller Lügen, Anklagen, Denunziationen und Angriffe. Die Kulturrevolution brachte das volle Potential der chinesischen Vorstellungskraft ans Licht. Die Menschen erfanden Verbrechen, die sie anderen anhängten ohne die geringste Grundlage. Die Missetaten bestanden gewöhnlich aus einer Reihe von Geschichten. Ich erinnere mich, wie ich mit meinem Schulranzen auf dem Nachhauseweg war und im Gehen jede der Wandzeitungen las. Mich interessierten nicht die revolutionären Sprüche. Mich interessierten die Geschichten.[26]
In einem Interview mit der New York Times brachte Yu Hua diese Erfahrung auf den Punkt. Bei der Lektüre der dazibao sei ihm die Macht der Sprache klar geworden: "Man konnte in ihnen über fast alles lesen, sogar Sex. Sie waren wie die Blogs von heute."[27]

Das Internet bietet den Menschen genau wie die dazibao eine Chance, sich frei von Vorab-Zensur auszudrücken. Wenn sie ihre Köpfe aber nicht von der langwährenden Wirkung unerbittlicher offizieller Rhetorik und Propaganda befreien, übersetzt sich diese Freiheit nicht automatisch in Meinungsfreiheit, sondern häufig eher in eine Karikatur davon. Dies war besonders in der Frühphase der Kulturrevolution zu beobachten, als die Menschen immer noch im Griff der Ideologie waren und ihre neue Freiheit nur nutzten, um sich gegenseitig zu denunzieren. Doch ist es gerade der Gebrauch der freien Rede, der zur Selbstkultivierung führt. Das Medium ist die Botschaft. Indem sie das Mittel des freien Ausdrucks benutzen, lernen die Menschen, ihren Geist zu befreien. So geschah es im weiteren Verlauf der Kulturrevolution, und es gilt umso mehr für das chinesischen Internet von heute.

An diesem Punkt können wir einen direkten Vergleich zwischen Samisdat, den illegalen Selbstpublikationen im Kommunismus, und dem Internet ziehen. Mit keinem von beiden Medien konnte man die bestehende Macht herausfordern, und wohl kaum jemand dürfte auch nur im Traum einen solchen Ehrgeiz gehegt haben. Viele der unautorisierten Veröffentlichungen im Samisdat ebenso wie im Internet scherten sich nicht einmal um Politik. Sie waren und sind bis heute eher Ausdruck eines Lebensstils. Die Beschäftigung damit verändert das Leben der Menschen. Sie treten aus dem offiziell sanktionierten Diskurs heraus in einen neuen öffentlichen Raum jenseits der (vollen) Kontrolle des Staates. Sie befreien sich selbst und möglicherweise andere.

Das Internet hat eine viel größere Reichweite als der Samisdat je hatte, da es nicht wirklich im Untergrund operiert. Die Sicherheit und Anonymität, die das Internet bietet, liegt nicht in Geheimhaltung und Verschwörung, vielmehr im Gegenteil, in der schieren Zahl von Beteiligten. Gerade die Sichtbarkeit der Online-Aktivität macht sie auch anfällig für zumindest partielle Selbstzensur, daher äußern sich Meinungen hier womöglich weniger direkt und radikal als im Samisdat (zumindest bezogen auf den osteuropäischen Samisdat; viele der chinesischen Selbstpublikationen standen, wie gesehen, immer noch unter dem Bann der offiziellen Propaganda). Aber die soziale Wirkung ist, bis zu einem gewissen Grad, ähnlich. Beide Ausdrucksformen führen, ungeachtet dessen, was tatsächlich geäußert wird, zur Emanzipation der Produzenten und, in geringerem Maße, auch der Konsumenten. Beide schaffen einen alternativen öffentlichen Raum jenseits der unmittelbaren Reichweite des Staates.

Beide Formen der unabhängigen Meinungsäußerung erreichen dies auf ihre je eigentümliche Weise. Samisdat mag unverblümter und direkter gewesen sein, aber er war in seiner Reichweite beschränkt und durch eine scharfe Grenze zwischen Produzenten und Konsumenten gekennzeichnet. Das Internet ist verletzbarer gegenüber Zensur und Selbstzensur, aber es hat eine viel größere Reichweite und ist ein wahrhaft partizipatorisches Medium mit einer diffusen Trennlinie zwischen Autoren und Lesern. Beide verändern die Art, wie Menschen leben und denken. Ich möchte behaupten, dass langfristig Zensur und Selbstzensur keine große Rolle mehr spielen, so ärgerlich ihre täglichen Manifestationen auch sein mögen. Was wirklich zählt, ist der Wandel der Haltungen und Einstellungen, der durch die Erfahrung bewirkt wird, die eigenen Gedanken und Ansichten in einer virtuellen Gemeinschaft von Gleichen, die nicht durch soziale und politische Hierarchien oder einen reglementierten Diskurs gebunden sind, frei zu äußern.


* Dieser Artikel geht auf einen Beitrag zu der Konferenz "From Samizdat to Tamizdat: Dissident media crossing borders before and after 1989" zurück, die am 12.-15. September 2006 am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien stattfand. Sie wurde von Friederike Kind-Kovács (Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam), Jessie Labov (Stanford University) und Camelia Craciun (CEU – Central European University, Budapest) organisiert; die Ergebnisse, darunter auch der vorliegende Text, werden 2008 in englischer Sprache erscheinen.

Der Artikel ist ursprünglich unter dem Titel From "big character posters" to blogs. Facets of independent self-expression in China, in: Transit 34 (2007-2008) erschienen. Übersetzung von Andreas Simon dos Santos. © Martin Hala/Transit © Eurozine.