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Dossierbild Polen

21.5.2012 | Von:
Reinhold Vetter

Analyse: Das elektronische Archiv der Transformation

Demonstration der polnischen Gewerkschaft "Solidarnosc" auf dem Warschauer Schlossplatz am 3. Mai 1982. Zu diesem Zeitpunkt ist die Gewerkschaft, die 1980 aus einer Streikbewegung heraus entstand und an der politischen Wende 1989 entscheidend mitwirkte, bereits durch die Ausrufung des Kriegszustandes in Polen in der Nacht zum 13. Dezember 1981 bei zeitgleicher Internierung der führenden Köpfe der Gewerkschaft verboten.Demonstration der zu diesem Zeitpunkt bereits verbotenen polnischen Gewerkschaft "Solidarnosc" auf dem Warschauer Schlossplatz am 3. Mai 1982. (© AP)

Zusammenfassung

Auch in Polen bemüht man sich zunehmend, historische Quellen ins Internet zu stellen und damit einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. So haben die Kanzleien des Staatspräsidenten und des Senats die Federführung für ein neues Projekt mit dem Titel »Archiwa Przełomu 1989–91« (Archive des Umbruchs) übernommen, das der Sammlung, Aufbereitung und Digitalisierung von Materialien dient, die den damaligen Systemwechsel dokumentieren. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Tätigkeit der Bürgerkomitees überall in Polen, die in jenen Jahren neben der Gewerkschaft Solidarność die entscheidende Triebkraft der Transformation an der gesellschaftlichen Basis waren. Die Archivalien befinden sich insbesondere im Archiv des Senats in Warschau, aber auch in staatlichen und öffentlichen Institutionen sowie in privaten Sammlungen im ganzen Land.

Seit dem Jahr 2011 arbeiten Archivare in Warschau an einem interessanten Projekt, das zur Verbreitung des Wissens über einen entscheidenden Abschnitt der polnischen Zeitgeschichte beitragen soll. Dabei geht es um den Aufbau einer Internetseite mit dem Titel »Archiwa Przełomu 1989–1991« (»Archive des Umbruchs 1989–1991«), die den Zugang zu Dokumenten der Transformation des politischen und ökonomischen Systems in Polen ermöglichen soll. Fachleute haben damit begonnen, schriftliche Quellen sowie Ton-, Film- und Fernsehdokumente zu sammeln, aufzubereiten und zu digitalisieren. Ein entsprechender Katalog wird die Nutzung des Angebots im Internet erleichtern. Der Zugang soll kostenlos sein. Gegenstand des elektronischen Archivierens sind nicht nur Materialien zentraler staatlicher, politischer und gesellschaftlicher Institutionen in Warschau, sondern auch Bestände aus öffentlichen und privaten Sammlungen in den Regionen ganz Polens. Dabei werden die Originale der Dokumente in der Regel vor Ort bleiben. »Die Anfertigung digitaler Kopien ist unser gemeinsames archivarisches Projekt, wir wollen niemandem etwas wegnehmen«, betont Robert Kubaś, Leiter des Archivs im Senat, der zweiten Kammer des polnischen Parlaments. Staatliche Archive und Museen in den Regionen sowie Privatpersonen sollten also keine Befürchtungen hegen, so Kubaś. Treibende Kräfte des Projekts sind die Kanzleien des Staatspräsidenten und des Senats.

Tatsächlich haben die Jahre 1989–91 das neue Gesicht Polens entscheidend geprägt. Nicht zufällig ist von einem Umbruch (poln.: przełom) die Rede. Besonders die beiden Streikwellen des Jahres 1988 hatten gezeigt, dass das sozialistische System Polens in eine ausweglose Krise geraten war. Zusätzlicher Druck entstand durch die Veränderungen in der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow und erste Reformen insbesondere in Ungarn. Nach langem Tauziehen einigten sich die kommunistischen Machthaber und die polnische Opposition unter Führung der Gewerkschaft Solidarność während der Beratungen am Runden Tisch im Frühjahr 1989 auf einen Fahrplan für eine durchgreifende politische und ökonomische Transformation des herrschenden Systems. Die Niederlage der Kommunisten in der ersten, halbfreien Parlamentswahl vom Juni 1989 ermöglichte die Bildung einer Koalitionsregierung unter Führung des politisch erfahrenen Oppositionspolitikers Tadeusz Mazowiecki, die durch einschneidende verfassungsrechtliche und gesetzgeberische Veränderungen Polen auf den Weg zu einer demokratisch-parlamentarischen Republik und Marktwirtschaft brachte. Nach und nach entstanden auch neue politische Parteien unterschiedlichster Couleur.

Neben der Solidarność spielten das Bürgerkomitee bei Lech Wałęsa (später Bürgerkomitee »Solidarność«), in dem sich die wichtigsten Köpfe der Opposition sowie parteipolitisch ungebundene und reformbereite Intellektuelle versammelten, sowie die im Vorfeld der halbfreien Wahl überall im Land entstehenden Bürgerkomitees eine wichtige Rolle als Triebkräfte der Transformation. Nicht zufällig trug die erste parlamentarische Fraktion der vormaligen Opposition den Namen Parlamentarischer Bürgerklub (Obywatelski Klub Parlamentarny – OKP) ). Die Leitung des OKP übernahm Bronisław Geremek, der wohl wichtigste Stratege der Transformation auf Seiten der Opposition. Auch die erste freie Wahl zu den regionalen und lokalen Selbstverwaltungsorganen im Mai 1990 wurde entscheidend durch die Bürgerkomitees geprägt. Tadeusz Mazowiecki nannte diese Wahl eine »kollektive Beratung« auf nationaler Ebene. Nach Auffassung des Historikers Andrzej Friszke hat sich die Transformation sowohl oben, auf zentraler Ebene, als auch unten, in den Woiwodschaften, Städten und Gemeinden vollzogen. So liegt es auf der Hand, dass das geplante Internetarchiv nicht zuletzt die Arbeit der Bürgerkomitees dokumentieren soll.

Schlüsselrolle des Senats

Nach einer ersten Vereinbarung zwischen den Kanzleien des Staatspräsidenten und des Senats, die bereits im Jahr 2009 getroffen worden war, kamen am 22. November 2011 etwa 50 Vertreter von zentralen, regionalen und lokalen Archiven, Bibliotheken, Museen und Stiftungen zu einer Konferenz im Warschauer Senatsgebäude zusammen, um unter dem Thema »Archive des Umbruchs als Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen« über den Aufbau des Internetarchivs zu beraten. Im Rahmen der Konferenz charakterisierte Andrzej Friszke die Transformation als eine entscheidende Etappe der polnischen Zeitgeschichte, die als abgeschlossene historische Periode weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen bedürfe. Tadeusz Mazowiecki sagte über sein Kabinett der Jahre 1989–90, dass dies eine Regierung der Koalition mit den früheren Machthabern gewesen sei, in der aber zunehmend die vormalige Opposition und die Solidarność das Kommando übernommen hätten. Der damalige Staatspräsident Wojciech Jaruzelski, so Mazowiecki, habe als reformbereiter Repräsentant des alten Systems mehr oder weniger mit der neuen Regierung kooperiert und insbesondere die durchgreifende ökonomische Umgestaltung nicht behindert. Nach und nach habe Jaruzelski dann an Handlungsfähigkeit verloren.

Henryk Wujec, in den Jahren 1988–90 Sekretär des Bürgerkomitee bei Lech Wałęsa und dann auch Abgeordneter im Sejm, berichtete, damals seien viele Oppositionelle immer auch Archivare gewesen, die sich bemüht hätten, möglichst viele Dokumente für spätere Zeiten aufzubewahren. Wujec, den man in Warschau einen »begnadeten Sammler« nennt, hat große Teile seiner privaten Bestände im Archiv des Senats deponiert, darunter Teile des Archivs des Bürgerkomitee bei Lech Wałęsa und auch Fotos und Plakate der Kandidaten der Opposition, die bei der Wahl im Juni 1989 antraten. Gegenstand der Beratungen während der Konferenz im November 2011 waren insbesondere die Aktivitäten der Bürgerkomitees überall in Polen in den Jahren 1989–90 sowie die organisatorische und zeitliche Planung des Aufbaus des Internetarchivs.

Dass die Kanzlei des Senats und das Senatsarchiv eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung dieses elektronischen Archivs spielen, geht auf die Tatsache zurück, dass der Senat – im Jahr 1989 neu geschaffen – die erste staatliche Institution war, die vollkommen vom alten System unabhängig war, und dort auch das erste öffentliche nichtkommunistische Archiv aufgebaut wurde.


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