Stilisierte Farbzeichnung: Ein Mann mit gelber Badehose macht einen Kopfsprung von einer gelben Schwimmplattform mit der Aufschrift "Politische Bildung" in türkisfarbenes Wasser auf dem der Schriftzug "Digitalisierung" zu lesen ist.

22.2.2021 | Von:
Julia Kloiber

"Man braucht diese Visionen und positiven Narrative"

Im Interview unterstreicht Julia Kloiber die Bedeutung einer digitalen Zivilgesellschaft und empfiehlt politischen Bildnerinnen und Bildnern, den Zugang zu Wissen zu thematisieren und besonders aktuelle Phänomene aufzugreifen, wie etwa Desinformation. Sie regt dazu an, Technologie nicht als gegeben zu verstehen, sondern aktiv mitzugestalten.

Wie können wir den digitalen Wandel mitgestalten? Was brauchen Bürgerinnen und Bürger, damit sie dabei mündig handeln können? Und mit welchen netzpolitischen Themen oder Fragen sollte sich die politische Bildung beschäftigen? Ein Interview mit Julia Kloiber.

Ein Transkript des Interviews können Sie hier nachlesen:


bpb.de: Frau Kloiber, Sie setzen sich für eine aktive digitale Zivilgesellschaft ein. Warum braucht es die Ihrer Meinung nach?

Julia Kloiber: Zivilgesellschaft ist ja für Demokratie grundsätzlich sehr wichtig, die nochmal als weiteren Pol, weiteren Stakeholder zu haben. Und im digitalen Bereich gibt es da mehrere Funktionen. Zum einen als Watchdog, also als sogenannter Aufpasser, jemand, der Missstände ankreidet, der Nachforschungen anstellt. Da gab es jetzt auch spannende Fälle in nicht allzu ferner Vergangenheit, die Corona-Apps zum Beispiel. Dass der dezentrale Approach nachverfolgt wurde, ist eben auch darauf zurückzuführen, dass Zivilgesellschaft sich da engagiert hat, sprich der datenschutzfreundlichere Ansatz gewählt wurde. Oder das Bundesverfassungsgericht hat die Auslandsüberwachung durch den BND als verfassungswidrig erklärt beispielsweise. Das geht auch auf eine zivilgesellschaftliche Organisation zurück, die da geklagt hat.

Also Watchdog, Aufpasser nur eines, aber zum anderen auch marginalisierte Gruppen vertreten. Also wie wirken sich Technologien auf bestimmte Gruppen aus, wenn man sich den digitalen Bereich ansieht? Kann man da zum Beispiel über Barrierefreiheit sprechen? Natürlich ist da vieles gesetzlich verankert, aber oft geht es auch auf die Arbeit von zivilgesellschaftlichen Organisationen zurück.

Stilisierte Farbzeichnung: Zwei Hunde sitzen mit dem Rücken zueinander vor aufgeklappten Laptops. Über Ihren Köpfen jeweils drei Ausrufezeichen. Auf einem der Laptop Bildschirme ist zu lesen "Cookies akzeptieren, Ja, Nein". Über den Hunden ist eine Sprechblase zu sehen, in der steht: "Wir sind die zivilgesellschaftlichen Watchdogs".Zivilgesellschaftliche Watchdogs im Einsatz. Lizenz: cc by-nc-sa/4.0/deed.de (Illustration: Johanna Benz und Tiziana Beck/graphicrecording.cool)

Und dann vielleicht noch ein letzter Punkt: Zivilgesellschaft oder digitale Zivilgesellschaft stellt manchmal auch Infrastruktur zur Verfügung, entwickelt digitale Tools. Da haben wir jetzt auch im Zuge von Corona gesehen, dass zum Beispiel Freifunk, ein gemeinnütziger Verein, Schulen dabei hilft, ja digital unabhängig oder überhaupt digital agieren zu können, indem sie zum Beispiel "BigBlueButton" aufgesetzt haben, über das man Videokonferenzen durchführen kann datenschutzfreundlich oder auch Trainings und Weiterbildungen zu Technikkompetenz anbieten. Also es ist ein ganzer Blumenstrauß an Dingen, den digitale Zivilgesellschaft da mitbringt und einbringt.

Und wenn wir uns jetzt die ganz persönliche Ebene angucken: Also die digitale Zivilgesellschaft ist ja ein großes Wort und fordert uns theoretisch alle auf, daran mitzuwirken. Was ich mich da noch frage: Müssen wir uns denn alle einbringen? Also warum reicht das aus Ihrer Sicht zum Beispiel nicht, dass ich jetzt einfach nur Nutzerin von Tools bin? Warum soll ich mich auch in die zivilgesellschaftliche Seite einbringen?

Ein Portraitfoto der Interviewpartnerin Julia Kloiber.Julia Kloiber (© Oliver Ajkovic)
Ich meine, dieses "Es müssen sich jetzt alle einbringen" ist vielleicht auch ein bisschen vermessen so zu fordern, weil es natürlich auch eine Frage von zeitlichen Ressourcen ist, inwieweit kann man sich einbringen. Aber ich denke, dass es wichtig ist, unterschiedliche, auch niedrigschwellige Möglichkeiten Menschen anzubieten, sich einzubringen. Sprich, man kann anfangen, sich zu informieren. Man kann Informationen teilen, man kann spenden. Man kann sich natürlich ehrenamtlich einbringen. Also es gibt ja ganz unterschiedliche Formen.

Und ja, man kann auch einfach digitale Tools nutzen, die datenschutzfreundlich sind. Browser, die darauf ausgelegt sind, einfach das Bestmögliche für die Nutzer zu wollen und dann nicht möglichst viele Daten abzugreifen. Ich denke, es gibt da unterschiedliche Ebenen, auf denen man sich einbringen kann. Und es muss nicht immer Vollzeit ehrenamtliches Engagement sein.

Stichwort Datenschutz: Das ist ein Thema, was in der Schule auch immer wieder thematisiert wird, aufgegriffen wird im Kontext Digitalisierung, genauso wie das Thema Überwachung. Gibt es denn weitere netzpolitische Themen, die übersehen werden und mit denen wir uns eigentlich alle befassen sollten?

Ja, also es ist natürlich eins, sich mit Auswirkungen zu befassen und zu überlegen: Wie werde ich überwacht? Wie wird der Datenschutz vielleicht nicht eingehalten? Zum anderen finde ich es gut, da so einen Gegenpol dazu zu haben. Und zwar: Wie kann ich selbst gestalten? Wie kann man kollaborieren mit Online-Werkzeugen? Was gibt es da für Bewegungen? Stichwort Free Software oder Open Source, wo ja auch gemeinschaftlich an neuen digitalen Werkzeugen gearbeitet wird.

Oder hin zu Zukunftsnarrativen, also: Wie stelle ich mir die Zukunft vor, als Schülerin, als Schüler, als Lehrerin, als Lehrer? Was ist meine Vision einer gerechten Zukunft, in der möglichst viele sich beteiligen können? Ich glaube, man braucht diese Visionen und diese positiven Narrative, um selbst irgendwie tätig zu werden. Also nicht in einer Schockstarre festzuhängen, in der man denkt, dass Technologie irgendwie ohnehin etwas ist, was nur von anderen bestimmt ist und worauf man selbst keinen Einfluss hat.

Stilisierte Farbzeichnung: eine Hand greift eine Werkzeugkiste mit diversen Handwerkzeugen, wie Pinsel, Säge, Schraubenschlüsse und Ähnliches. Auf der Kiste steht "Gemeinsam digitale Werkzeuge entwickeln".Welche Kompetenzen gehören in den digitalen Werkzeugkasten? Lizenz: cc by-nc-sa/3.0/de (Illustration: Johanna Benz und Tiziana Beck/graphicrecording.cool)

Das heißt, man sollte sich quasi der eigenen gestalterischen Möglichkeiten auch bewusst werden? Ist das eine Rolle der Schule an dem Punkt?

Genau, ich denke ja. Ich denke, dass es sehr wohl eine Rolle von Schule ist zu verstehen, dass wir Technologie nicht ausgeliefert sind, dass das ein Prozess ist, den man verhandeln kann, dass Technologie von Menschen entworfen wird, also das ist menschengemacht.

Und dass Technologie auch nicht zwangsläufig nur von profitorientierten Unternehmen gestaltet wird, sondern dass es auch Sozialunternehmen gibt, die ganz spannende Sachen mithilfe von digitalen Werkzeugen und Technologien machen. Also dieses "Man kann selbst Dinge in die Hand nehmen und gestalten". Ich denke, das müsste man vielleicht noch mehr in den Mittelpunkt stellen. Und ich bin sicher, dass viele das auch schon machen.

Ich glaube, da berühren wir auch ein ganz zentrales Thema für Politische Bildung, eben diesen Aspekt der Mündigkeit. Welche grundlegenden Fähigkeiten brauchen denn Bürgerinnen und Bürger Ihrer Meinung nach, um sich online auch mündig zu bewegen? Was sind wichtige Kompetenzen, die alle in ihrem digitalen Werkzeugkasten haben sollten?

Ich glaube, eine wichtige Kompetenz - und ich meine, das ist ja auch ein großes Schlagwort gewesen in den letzten Jahren - ist natürlich Medienkompetenz. Man sieht es jetzt wieder in Zeiten der Pandemie, wo einfach Desinformation, Falschmeldungen so stark Verbreitung finden wie nie zuvor. Also Medienkompetenz. Einfach zu erkennen, auf welche Quellen kann man sich verlassen? Wie kann man Falschinformationen erkennen? Das ist halt eine grundlegende Kompetenz, die die Menschen brauchen, um sich online wirklich gut zurecht zu finden und nicht in Fallen zu tappen.

Dann natürlich auch nochmal die Frage, wie kann man sich schützen, welche Rechte hat man eigentlich als Nutzer, als Nutzerinnen online, dass Daten nicht ohne Einwilligung weitergegeben werden dürfen, dass man Auskunft über erhobene Daten erhalten kann, dass es eben Opt-out, also man sich quasi gegen etwas aussprechen kann und nicht immer nur den "Ja, okay"-Button klicken muss, wenn man gefragt wird, ob jetzt bestimmte Cookies tracken dürfen usw. Und es sind so simple Sachen, wie sichere Passwörter, Password-Manager, also ja so vieles, was Menschen, die täglich online sind oder sich sehr intensiv mit Technologie beschäftigen, eigentlich als "Okay, das hat doch jeder" betrachten. Aber ich denke, dass es da doch in einigen Bereichen noch Aufholbedarf gibt und man auch darauf achten muss, dass man nicht ständig mit Fremdwörtern um sich wirft, sondern wirklich auch über die Grundlagen öfters mal spricht, um unterschiedliche Menschen abzuholen. Und bestimmte Grundlagen kann man nicht oft genug wiederholen meiner Meinung nach.

Und wenn wir nochmal auf den Aspekt der Gestaltung zurückgehen oder zurückschauen: Welche Fähigkeiten braucht man dafür online, um wirklich partizipieren zu können und mitwirken zu können?

Ich denke, man muss wissen, auf welchen Seiten ist irgendwie Mitwirkung erwünscht. Also da gibt es ja natürlich die Wikipedia, wo man mitschreiben kann. Was muss man da beachten, wenn man mitschreibt, wie zitiert man Quellen usw.? Aber ich denke auch so ein Grundverständnis von "Wie ist Technologie programmiert?", also da Einblicke zu kriegen in: Wie sieht eigentlich die Infrastruktur beispielsweise des Internets aus? Also wenn ich eine Website aufsetze, was braucht es dazu? Der Server, die Domain... Also was steckt dahinter?

Und ich will nicht sagen, dass jeder programmieren lernen muss oder jede, sondern so ein Grundverständnis von "Wie funktionieren bestimmte Tools und wie werden die erstellt?" ist eben wichtig, um diesen Schritt dann auch irgendwann zu schaffen von man ist einfach nur passiver Nutzer, passive Nutzerinnen von Services hin zu man trifft im Hintergrund bestimmte Einstellungen, Vorkehrungen oder man entwickelt eben selbst Webseiten oder Tools.

Wenn Sie jetzt Lehrenden oder Bildnerinnen und Bildern drei netzpolitische Themen ans Herz legen würden, welche wären das?

Zum einen der ganze Bereich um den Zugang zu Wissen. Und da gibt es unterschiedliche Ebenen. Da kann man über Copyright sprechen, über Urheberrecht, da kann man über offene Daten sprechen. Welche Daten gibt es von staatlichen Einrichtungen, die man nutzen kann? Über Informationsfreiheit. Also das ist schon ein sehr breites und wirklich spannendes Feld, wo es darum geht, dass wir ja über diese neuen Technologien einfach großartige Möglichkeiten haben. Nicht nur was Vernetzung angeht, sondern auch, was den Zugang zu Informationen und zu Wissen angeht.

Es werden immer mehr Daten erhoben, auch von städtischen Verwaltungen beispielsweise. Und darauf auch Zugriff zu bekommen und zu sehen, wie verhält sich die Luftqualität, letztes Jahr, dieses Jahr, an bestimmten Tagen. Und was sind die Unfallzahlen, Verkehrsunfälle in meinem Umfeld und durch welche Maßnahmen kann das verbessert werden? Also da gibt es eine Vielzahl an Informationen, die einem noch besser zur Verfügung stehen könnten beispielsweise.

Besonders wichtig und interessant ist, aktuelle Themen anzugehen, also sich Desinformation anzuschauen, sich anzuschauen, wie verbreiten sich Verschwörungstheorien, wie ist es um Mobbing bestellt im Online-Raum? Also wirklich dann auch Themen zu finden und ich meine, da sind die Lehrerinnen und Lehrer ja Experten, die sich sehr nah am Alltag der Jugendlichen orientieren oder der Kinder.

Ein Thema, das ich noch in den Ring werfen wollen würde, ist zum Beispiel die Free-Software-Bewegung. Also wie ist das Internet entstanden? Welche Ideale und Ideen stehen dahinter, wie ist es zu dem Tool geworden, das es jetzt gerade ist und was gibt es da für Bewegungen, für Communities, die daran arbeiten, dass es offen und für alle nutzbar bleibt?

Sehen Sie denn heute noch den emanzipatorischen Charakter des Internets?
Absolut. Und ich glaube, man muss sich laufend dafür einsetzen, dass das Internet offen bleibt und für alle zugänglich bleibt. Ich glaube, dass man da bei weitem noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft hat, dass einem so Dinge wie Urheberrecht oft dem entgegenstehen, Informationen zu teilen und dass es da noch einiges an Möglichkeiten gibt, sich noch besser zu verbinden.

Ich meine, wenn man sich die Zahlen anguckt, ich habe die jetzt nicht ganz präsent, aber es gibt ja viele Leute, die überhaupt noch nicht online sind auf der Welt. Also viele können noch gar nicht das volle Potenzial nutzen und da jetzt zu sagen, okay, wir sind irgendwie am Ende angekommen und ab jetzt geht es nur noch bergab, finde ich fatal eigentlich, weil es einen daran hindert, sich einzubringen und zu gestalten und einfach diesen emanzipatorischen Charakter noch weiter herauszuarbeiten und zu überlegen, wie können noch viel mehr Menschen vom Internet und von der Möglichkeit, sich zu vernetzen, profitieren, noch viel diversere Gruppen mitarbeiten an digitalen Werkzeugen.

Denn häufig, wenn man sich anguckt, wo wird gerade Technologie produziert und von wem, dann ist es ja auf bestimmte geographische Regionen fokussiert und da sind lange nicht alle beteiligt. Das heißt, ich glaube, es gibt insofern noch extremes Potenzial, indem ganz viele Menschen da noch nicht beteiligt sind an der Gestaltung und dass da noch vieles an Ideen schlummert, das darauf wartet, ausgelebt zu werden im Internet.

Interview: Lea Schrenk, Redaktion: Tim Schmalfeldt

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