Autonomer am 1. Mai 2009 in Berlin, bewaffnet mit Flasche und Stein.

10.3.2008 | Von:
Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber

Der Marxismus zwischen Ideologie und Wissenschaft

Eine Darstellung der inhaltlichen Grundpositionen und Analyse der extremistischen Potentiale

Der Klassenkampf als zentraler Gesichtspunkt materialistischer Geschichtsauffassung

So erklären sich Marx und Engels denn auch die ökonomischen und politischen Umbrüche im Laufe der Geschichte, welche letztendlich alle auf den Konflikt um die Stellung im Produktionsprozess zurückgeführt wurden: "Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen. Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigner, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte, standen im steten Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen Kampf, der jedes Mal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete" (MEW, Bd. 4, S. 462). So etwas erwarteten Marx und Engels auch für den entwickelten Kapitalismus, standen sich dort doch die Kapitalisten ("Bourgeoisie") als Besitzer von Produktionsmitteln und die Arbeiter ("Proletariat") als abhängig Beschäftigte gegenüber. Beide hatten für Marx und Engels unvereinbare soziale Interessen: Erstere strebten eine Steigerung ihrer Gewinne auf Kosten der Arbeiter, diese eine Erhöhung der Löhne auf Kosten der Unternehmer an.

Die Erwartung eines notwendigen Niedergangs des Kapitalismus

Für Marx und Engels war der Wert einer Ware durch die in ihr enthaltene menschliche Arbeitskraft ("Wertgesetz") bedingt. Hierdurch kann jeweils mehr Wert geschaffen werden als für den Erhalt des Menschen notwendig ist. Den damit entstandenen Überschuss aus der Produktion ("Mehrwert") eigne sich der Kapitalist einseitig an, d. h. es handele sich eigentlich um die Ausbeutung fremder Arbeit im eigenen Interesse. In der Erzeugung dieses Mehrwerts sahen Marx und Engels das Kernprinzip des Kapitalismus, erlaube dieses doch erst den Unternehmern möglichst hohe Profite zu erlangen. Die ständige Erhöhung der Produktion von Waren würde allerdings zu Absatzkrisen führen, könnten diese doch nicht mehr verkauft werden. Insofern käme es im Kapitalismus aufgrund dieser inneren Logik zu kontinuierlichen Wirtschaftskrisen. In der Folge dieser Entwicklung würden zum einen immer mehr kleinere und mittlere Unternehmen bankrott gehen, danach in den Besitz von größeren Unternehmen wechseln und eine Konzentration und Zentralisation des Kapitals vorantreiben.

Die Krise des Kapitalismus und der Übergang zum Sozialismus

Andererseits löst diese Entwicklung nach Marx und Engels eine steigende Proletarisierung anderer sozialer Schichten, eine wachsende Verarmung und Verelendung der Arbeiterklasse und einen quantitativen Anstieg der gesellschaftlichen Bedeutung dieser sozialen Klasse aus. Marx schrieb daher: "Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten ... wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt" (MEW, Bd. 23, S. 790f.). Kurzum, aus dem Niedergang des Kapitalismus ergebe sich der Übergang zum Sozialismus.

Der Weg von der Revolution über den Sozialismus zum Kommunismus

Mit dieser Entwicklung produziert nach Marx und Engels die kapitalistische Wirtschaftsweise in Gestalt des Proletariats "ihre eigenen Totengräber" (MEW, Bd. 4, S. 447). Bei der Zuspitzung der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Situation würde es daher zu einer offenen Revolution kommen, wobei die Arbeiterklasse durch den "gewaltsamen Sturz der Bourgeoisie" (MEW, Bd. 4, S. 493) ihre Herrschaft begründet. Dies führe notwendig "zur Diktatur des Proletariats" und diese Diktatur bilde den "Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft" (MEW, Bd. 28, S. 508). Über die danach vorgesehenen Entwicklungen äußerten sich Marx und Engels nur kursorisch: Es müsste demnach eine Übergangsphase von der kapitalistischen zur sozialistischen und dann zur kommunistischen Gesellschaft geben. Während dieser Entwicklung sollte der Staat als Instrument zur politischen Umsetzung des Sozialismus zunächst erhalten bleiben und erst im Rahmen des Wandels zum Kommunismus langsam absterben.

Das Bild von der klassenlosen Gesellschaft ohne Entfremdung

Auch von dem Endziel des eingeforderten und prognostizierten Entwicklungsprozesses, nämlich der klassenlosen Gesellschaft, zeichnen Marx und Engels kein genaues Bild. Allgemein geht es ihnen um die Aufhebung von sozialen Unterschieden, würden doch die Produktionsmittel nicht mehr im Privatbesitz sein. Offenbar soll es eine Art Kollektivbesitz an Fabriken und Unternehmen geben, sprach Marx doch von einer "genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Produktionsmitteln gegründeten Gesellschaft" (MEW, Bd. 19, S. 19). In ihr würde eine "Assoziation freier Produzenten" (MEW, Bd. 18, S. 62) bestehen, welche ihr soziales Miteinander nach dem Motto "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen" (MEW, Bd. 19, S. 21) regeln sollten. In diesem Kontext wäre auch endgültig die Entfremdung und Selbstentfremdung des Menschen überwunden, entstünde sie doch aus der Arbeitsteilung und dem Privatbesitz im Kapitalismus. Erst dann nähert sich der Mensch nach Marx und Engels seinem wahren Wesen wieder an.

Unangemessene Kritik an den extremistischen Potentiale des Marxismus

Nach der vorstehenden reinen Beschreibung der Grundpositionen des Marxismus sollen nun einige kritische Einschätzungen formuliert werden. Dabei geht es aber nicht um die Frage der wissenschaftlichen Angemessenheit von bestimmten Auffassungen, sondern um die extremistischen Potentiale dieser politischen Theorie. So würde zwar eine Kritik an den unzutreffenden Prognosen zur Entwicklung des Kapitalismus gegen die Kompetenz von Marx als Ökonom sprechen, aber daraus ergeben sich nicht notwendigerweise Aussagen zum Verhältnis seiner Lehre zu den Normen und Regeln eines demokratischen Verfassungsstaates und einer offenen Gesellschaft. Hier geht es allein um die Aspekte, die Marx für eine diktatorische und extremistische Zielsetzung kompatibel machen. Außen vor bleiben dabei Aspekte seiner Persönlichkeit, galt Marx doch selbst seinem engen politischen Umfeld als autoritär und herrisch, intolerant und rücksichtslos. Derartige Charaktereigenschaften sprechen zwar gegen die Person, aber nicht notwendigerweise gegen die Lehre eines Denkers.

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