Autonomer am 1. Mai 2009 in Berlin, bewaffnet mit Flasche und Stein.

10.3.2008 | Von:
Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber

Der Marxismus zwischen Ideologie und Wissenschaft

Eine Darstellung der inhaltlichen Grundpositionen und Analyse der extremistischen Potentiale

Das diffuse Dialektikverständnis als Legitimation von Willkürentscheidungen

Das dem Marxismus eigene Dialektikverständnis weist zutreffend darauf hin, dass sich Entwicklungsprozesse in der Gesellschaft häufig als Ergebnis des Aufeinandertreffens gegensätzlicher Kräfte vollziehen. Will man aus dieser Erkenntnis einen Nutzen für eine differenzierte und nachvollziehbare Analyse ableiten, muss das Dialektikverständnis aber inhaltlich stärker entwickelt sein. Allenfalls dient es sonst auch zur Legitimation widersprüchlicher oder willkürlicher Einschätzungen. Ein solches Vorgehen räumte Marx in einem Brief an Engels ein: "Es ist möglich, dass ich mich blamiere. Indes ist dann immer mit einiger Dialektik wieder zu helfen. Ich habe natürlich meine Aufstellungen so gehalten, dass ich im umgekehrten Fall auch noch recht habe" (MEW, Bd. 29, S. 160f.). Hier geht es nicht mehr um die genaue Einschätzung von Entwicklungen, sondern die Rechtfertigung gegensätzlicher Bewertungen. Daraus konnten spätere kommunistische Diktaturen ein methodisches Instrument zur Legitimation ihrer Herrschaft entwickeln.

Die Inanspruchnahme des Wissen um das "wahre Wesen" des Menschen

Marx beanspruchte sowohl in seiner Frühphase, als auch während der Arbeit an seinen späteren ökonomischen Studien immer wieder, es ginge ihm um die wahre Emanzipation des Menschen, müsse er doch wieder seinem "wahren Wesen" zugeführt werden. Auch der Kritik an der "Entfremdung" ist dieser Anspruch eigen, setzt er doch im Umkehrschluss ein genaues Wissen über die eigentliche Identität des Menschen voraus. In Marx´ umfangreichem Schrifttum gibt es aber keine ausführliche Darstellung mit notwendigen Belegen dazu, was dem "wahren Wesen" des Menschen nun eigen sein soll. Er beansprucht eine Art exklusives Deutungsmonopol auf dieses Wissen, das sich aber einer genauen Begründung und kritischen Prüfung verweigert. Daraus lässt sich die Auffassung ableiten, nur die eigenen politischen Auffassungen und Ziele würden den Werten des "wahren Menschen" entsprechen. Mangels Einsicht in dieses höhere Wissen können dann Andersdenkende als Anhänger falscher Ideologien ausgegrenzt, diskriminiert oder verfolgt werden.

Der autoritäre Staat als Voraussetzung für den Übergang in die freie Gesellschaft

Längerfristig gesehen plädierten Marx und Engels für die Abschaffung des Staates durch ein langsames Absterben im Rahmen des Übergangsprozesses vom Sozialismus zum Kommunismus. Gleichwohl sollte am Beginn dieser Entwicklung die Etablierung eines autoritären Staates zur Überwindung der bürgerlichen und kapitalistischen Gesellschaftsordnung stehen. Demnach lief die Staatsauffassung für diese Phase auf ein autoritäres, repressives und zentralistisches System hinaus. Dies warfen Marx schon seine zeitgenössischen Kritiker aus dem anarchistischen Lager wie Michael Bakunin (1814-1876) vor: Demnach sei Marx ein autoritärer und zentralistischer Kommunist, der durch die Diktatur einer despotischen Regierung die soziale Gleichheit erringen wolle. Er verwandle dabei die Internationale der Arbeiterschaft in einen disziplinierten Staat, welcher die ganze Macht in seinen Händen konzentriert. Gerade angesichts der späteren Entwicklung kommunistischer Diktaturen erwies sich diese anarchistische Marx-Kritik als prophetisch.

Das offene Bekenntnis zur Forderung nach einem diktatorischen und repressiven Staat

Betrachtet man sich bestimmte Aussagen von Marx und Engels hielten sie sich mit dem offenen Bekenntnis zur Forderung nach einem diktatorischen und repressiven Staat nicht zurück. So heißt es etwa: "Die Arbeiter müssen ... nicht nur auf die eine und unteilbare deutsche Republik, sondern auch in ihr auf die entschiedenste Zentralisation der Gewalt in der Hand der Staatsmacht hinwirken. Sie dürfen sich durch das demokratische Gerede von Freiheit der Gemeinden, von Selbstregierung und so weiter nicht irremachen lassen" (MEW, Bd. 7, S. 252). Oder als weiteres Beispiel: "Da nun der Staat doch nur eine vorübergehende Einrichtung ist, deren man sich im Kampf, in der Revolution bedient, um seine Gegner gewaltsam niederzuhalten, so ist es purer Unsinn vom freien Volksstaat zu sprechen: solange das Proletariat den Staat noch gebraucht, gebraucht es ihn nicht im Interesse der Freiheit, sondern der Niederhaltung seiner Gegner ..." (MEW, Bd. 34, S. 129). Kurzum, da man im Namen der einzig richtigen Lehre sprach, konnte man auch solche Konsequenzen einfordern.

Die Fixierung auf die Ökonomie und das Ausblenden des Pluralismus

Marx konzentrierte sich seit der mittleren Phase seines Lebens auf das Studium der Entwicklungsgesetze des Kapitalismus. Damit ging eine Fixierung auf die Ökonomie einher, welche den Menschen entsprechend des Basis-Überbau-Modells als primär durch seinen Stellenwert in den Produktionsverhältnissen ansah. Sein Denken war in diesem Sinne in erster Linie von den materiellen Gegebenheiten geprägt. Hierbei handelte es sich schon seinerzeit um eine Fehleinschätzung, hätte ein solcher Tatbestand doch zu einer massenhaften Hinwendung der Arbeiter zu den kommunistischen Organisationen führen müssen. Marx übertrug dieses Schema aber auch auf die Phase während und nach der Revolution. In dieser Perspektive würde sich die proletarische Mehrheit der Gesellschaft nicht nur sozial, sondern auch ethisch, kulturell und politisch gleich ausrichten. Dieses Auffassung ignorierte, dass der Mensch nicht nur über eine wirtschaftliche Identität verfügt. Gleichzeitig schloss sie anderslautende Auffassungen im Sinne eines Pluralismus aus.

Das identitäre Gesellschaftsverständnis und die Unterordnung des Individuums

Ganz eng mit diesem Gesichtspunkt hängt auch die Neigung zu einem identitären Gesellschaftsverständnis zusammen, welches von der politischen Homogenität der Menschen und deren Identität mit der staatlichen Führung ausgeht. Wenn, so die innere Logik der Argumentation, alle Menschen sozial gleich sind, bestehen auch keine Gründe mehr für Differenzen. Marx und Engels hielten die Sozialisierung der Produktionsmittel nicht nur für eine unabdingbare, sondern auch ausreichende Voraussetzung für die Begründung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung. Dabei ignorierten sie, dass Differenzen zwischen den Individuen auch aus nicht-ökonomischen Motiven wie ethischen Grundsätzen, individuellem Machthunger oder kulturellen Orientierungen entstehen können. Um damit verbundene Konflikte aus den Bereichen des "Überbaus" einzudämmen, bedürfte es einer rigorosen Unterwerfung unter die politischen Vorgaben des sozialistischen Staates. Jede Abweichung würde als Negierung oder Verrat am Gesamtinteresse des "wahren Volkswillen" gelten.

Die Annahme eines Geschichtsdeterminismus mit klarem Verlauf

Ein zentraler Bestandteil des Marxismus ist der historische Materialismus, der von einem stufenartigen Entwicklungsprozess von der Urgesellschaft über die Sklavenhaltergesellschaft und den Feudalismus, den Kapitalismus und den Sozialismus bis hin zum Kommunismus ausgeht. Vorangetrieben werde die damit verbundene Dynamik durch die Widersprüche zwischen Produktivkräften (der ökonomisch-technologischen Entwicklung) und den Produktionsverhältnissen (den sozialen Verhältnissen der Menschen in der Produktion). Sie führen nach Marx und Engels auf einem langen historischen Weg notwendigerweise zu einer kommunistischen Gesellschaftsordnung. Demnach gingen sie auch von einer Art "Gesetz der Geschichte" oder einem "Sinn der Geschichte" aus. Solche Annahmen lassen menschliches Handeln letztendlich nur als determiniert und vorherbestimmt erscheinen. Problematisch hierbei ist aber nicht nur der damit verbundene methodische Fehler, sondern der alleinige Anspruch auf die Erkenntnis des historischen Prozesses.

Der Marxismus als Heilslehre zur Erlösung der Welt

Nicht wenige Kritiker des Marxismus wiesen auf dessen religiösen Charakter hin, wobei aber formale und inhaltliche Aspekte von Religion verwechselt werden. Bei den Lehren von Marx und Engels handelt es sich um eine säkulare Theorie. Gleichwohl gibt es in ihr auch formale Merkmale einer Religion: Hierzu gehört vor allem die Erwartung, nach der Überwindung des Privatbesitzes an Produktionsmitteln und der Einführung des Sozialismus werde der Weg zum Heil für die Menschen beschritten. Die damit verbundenen prophetischen Hoffnungen prägten auch die Schriften von Marx, der nicht nur ein nüchterner Analytiker der Entwicklung des Kapitalismus, sondern auch ein unduldsamer Revolutionär für den Kommunismus war. Immer wieder überlagerte daher seine ideologische Voreingenommenheit die wissenschaftliche Perspektive. Gleichzeitig erhob Marx im Namen der Wissenschaft den Anspruch, die einzig richtige und wahre Gesellschaftsanalyse vorzunehmen. Andersdenkende stellten sich in dieser Wahrnehmung gegen Vernunft und Wissenschaft.

Schlusswort und Zusammenfassung

Der Marxismus kann sicherlich nicht auf die vorstehenden extremistischen Potentiale reduziert werden. Gerade der Blick auf die sozialen Auseinandersetzungen im Laufe der Geschichte bereicherte die Betrachtung des historischen Geschehens um eine bedeutsame Dimension. Bei aller Fehlerhaftigkeit der Kapitalismusanalyse wies der Marxismus doch zutreffend auf bestimmte Begleiterscheinungen und Folgen von der Globalisierung über die Krisenanfälligkeit bis zur Verelendung hin. Insofern verbietet sich auch eine pauschale und undifferenzierte Verdammung der Lehren von Marx und Engels. Gleichwohl ist ihnen auch eine ideologische Dimension neben dieser wissenschaftlichen Komponente eigen. Gerade die thematisierten Bestandteile griffen später Kommunisten auf, um ihre politischen Bestrebungen in der Bewegungs- oder Systemphase zu legitimieren. Insofern weisen die Vorstellungen des Marxismus auch zentrale Elemente auf, welche ihn in Form und Inhalt für extremistische Absichten und diktatorische Systeme kompatibel machen.

Literatur

Marx, Karl/Friedrich Engels: Werke (MEW), Berlin (DDR) 1958-1968.

Arndt, Andreas: Karl Marx. Versuch über den Zusammenhang seiner Theorie, Bochum 1985.

Blumenberg, Werner: Marx, Reinbek 1962.

Euchner, Walter: Karl Marx, München 1982.

Fetscher, Iring: Marx, Freiburg 1999.

Flechtheim, Ossip K./Hans-Martin Lohmann, Marx zur Einführung, Hamburg 2003.

Hornung, Klaus: Der faszinierende Irrtum. Karl Marx und die Folgen, Freiburg 1978.

Künzli, Anold: Karl Marx. Ein Psychogramm, Wien-Frankfurt/M.-Zürich 1966.

Rohbeck, Johannes: Marx, Leipzig 2006.

Popper, Karl R.: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Bd. 2: Hegel, Marx und die Folgen, Bern 1958.

Raddatz, Fritz J.: Karl Marx. Eine politische Biographie, Hamburg 1975.

Sieferle, Rolf Peter: Karl Marx zur Einführung, Hamburg 2007.

Szczesny, Gerhard (Hrsg.), Marxismus – ernstgenommen. Ein Universalsystem auf dem Prüfstand der Wissenschaften, Reinbek 1975.

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