Überwachungskamera

30.3.2016 | Von:
Nina Oelkers

Sicherheit im ländlichen Raum

Wertorientierungen und die Wahrnehmung sozialer Probleme

Die Frage ist, wie sich die unterschiedlichen Sicherheitswahrnehmungen erklären lassen, wenn es doch weitgehend eine Angleichung der Lebensstile zwischen Stadt und Land gibt. Um diese Frage zu klären, sollte betrachtet werden, wer vor welchem Hintergrund über Sicherheit oder Kriminalität spricht. Bei der Betrachtung der Einstellungen der ländlich-kleinstädtischen und großstädtischen Bevölkerung lassen sich unter anderem Unterschiede auf der Ebene der politischen Präferenzen feststellen (in diesem Falle entlang des sogenannten Inglehart-Index): Zwar dominieren sowohl in ländlichen Regionen wie in Großstädten sogenannte Mischformen von materialistischen bzw. post-materialistischen Wertorientierungen, dennoch lassen sich konservative und konsensorientierte Orientierungen eher ländlichen Regionen zurechnen sowie liberale und individualistisch geprägte Orientierungen verstärkt in großstädtischen Regionen auffinden. Darüber hinaus zeichnen sich ländliche und kleinstädtische Kommunikationsformen durch einen ausgeprägten Gemeinschaftsbezug wie durch eine hohe Konsensorientierung aus. Sie prägen dabei die Einstellungen gegenüber Kriminalität und Strafe, aber auch gegenüber Recht und Ordnung im Allgemeinen. Bedeutsam erscheint darüber hinaus die Wahrnehmung von gesellschaftlichen Konflikten und Problemlagen. Folgt man den Daten von Bevölkerungsumfragen (z.B. der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage in den Sozialwissenschaften, ALLBUS) werden sie vor allem in kleinstädtischen und ländlichen Zusammenhängen tendenziell dramatischer beschrieben. Da die Welt "hier" noch in Ordnung ist, werden gleichzeitig die Probleme der weiten Welt "da draußen" zugerechnet und in dieser als verunsichernd erlebt[4]. Dies gilt zum Beispiel für die Wahrnehmung von Konflikten zwischen den Generationen, zwischen Reich und Arm sowie bezüglich der Einstellung gegenüber Migration. Sozialer Wandel wird vor dem Hintergrund einer (erlebten und immer wieder unterstellten) Homogenität ländlich-kleinstädtischer Räume als bedrohlicher wahrgenommen, als in großstädtischen Settings, die weitaus toleranter gegenüber Differenzen und Abweichungen zu sein scheinen.

Unsicherheitserzählungen und ländlich-kleinstädtische Sicherheitsproblematiken

Aber welche Themen werden in den lokalen Kriminalitäts- und Unsicherheitserzählungen (im sogenannten Crime Talk)[5] verhandelt? Es fällt es auf, dass sich die Thematiken im ländlich - kleinstädtisch geprägten Raum kaum von städtischen Settings unterscheiden: Einerseits werden Gewalt, Sexualstraftaten und Jugendkriminalität (mit und ohne Migrationshintergrund) in den Erzählungen problematisiert. Dabei werden die Sicherheitswahrnehmung und das Sicherheitserleben hochgradig geschlechtsspezifisch thematisiert: Weiblichkeit - Vulnerabilität (Verletzlichkeit) – Viktimisierung (Opferwerdung) werden als zusammenhängend betrachtet. Vor diesen (angenommenen) Zusammenhang wird das Verhalten im Alltag gedeutet. Unabhängig von einem tatsächlichen Risiko, Opfer zu werden, werden der ländliche Raum oder besser bestimmte Orte im ländlich-kleinstädtischen Raum als unsicher für Mädchen und Frauen wahrgenommen: "Man geht einfach nicht alleine nach Hause und das möchte keiner gerne, gerade von den Mädchen nicht. […][…] Also das ist halt nen Muss. Das gerade als Mädchen, als Frau muss man eben aufpassen und das ist in jeder Stadt so, in jedem Land" (Teilnehmerin SIMENTA-Gruppendiskussion Studierende).

Insgesamt wird deutlich, dass sich im Rahmen von Gruppendiskussionen die Unsicherheitserzählungen auf bestimmte Orte beziehen, die generell und ereignisunabhängig zu bestimmten Zeiten als unsicher wahrgenommen werden. Der sogenannte "Crime Talk" wird hier zum "Place Talk", in dem unsichere Orte thematisiert werden und es weniger um tatsächliche Kriminalitätsereignisse, als vielmehr um als unsicher empfundenen Plätze geht (z.B. spezifische Parks, Bars, Treffpunkte von Jugendlichen, Parkplätze), die aber häufig in keinerlei Beziehung zu einer erhöhten Kriminalitätsbelastung stehen.[6] In den Erzählungen zum ländlichen Raum ist auffällig, dass Verweise auf die "üblichen" (Ordnungs-)Störungen (z.B. Graffiti, sichtbare Obdachlosigkeit und Drogenszene) fehlen, die innerhalb städtischer Erzählungen und kriminologischer Forschung häufiger thematisiert werden. Ein Problemstatus wird diesen Störungen weder aus der ländlichen-kleinstädtischen Bevölkerung, noch von professionellen Akteuren zugeschrieben. Dagegen spielen das Auto und die Sicherheit im Straßenverkehr häufig eine entscheidende Rolle, wenn es um die Wahrnehmung lokaler Sicherheitsproblematiken geht (beispielsweise überhöhtes Tempo auf Landstraßen oder Trunkenheit am Steuer).

Erklärungsansätze, Herausforderungen und Wirkweisen

Wie sind die unterschiedlichen Sicherheitswahrnehmungen zu erklären? Sozialer Zusammenhalt im kommunalen Nahraum durch langjährig stabile Netzwerke von Bekanntschaften sowie durch intensivere Kontakte zu Nachbarn formt im ländlich-kleinstädtischen Raum einen besonderen Umgang mit Abweichungen und Störungen, der sich von der Großstadt unterscheidet. Die soziale Kontrolle mit Nachbarn und durch Nachbarn wird sowohl von professionellen Akteuren als auch von der Bevölkerung als zentral erachtet. Scheitert diese informelle Sozialkontrolle, wird die Polizei in der Pflicht gesehen. Der intensive Kontakt zu Nachbarn und einer Vielzahl bekannter Personen ermöglicht darüber hinaus ein gemeinsames Verständnis geteilter Normen, die vor Ort gültig sind und regt dazu an, sie im Störungsfalle geltend zu machen.[7] Allerdings kann ein vermehrter Zuzug neuer Personengruppen, zum Beispiel im Kontext von Neubaugebieten oder dem Anwachsen der Region, diese Selbstverständnisse verstören. Neue Handlungsmuster treffen auf althergebrachte Ordnungsvorstellungen und geraten in Konflikt. Ob die Ordnungsvorstellungen (Normen und Regeln) dabei weiterhin gelten, bleibt offen. In diesen Situationen, so zumindest der internationale Stand der Forschung in diesem Bereich, werden bis dahin selbstgeregelte Alltagskonflikte dann gehäuft als "Kriminalität" betrachtet und auch der Polizei gemeldet. Es kommt stellenweise zu höheren Unsicherheitsgefühlen gegenüber den "Fremden" oder "Neuen" durch die "alteingesessen" Bewohner/innen. Diese "Alteingesessenen" können ihren Verunsicherungen und Kriminalitätswahrnehmungen in der Regel Geltung verschaffen. Sie profitieren von ihrem Status in der Gemeinschaft, dem erhöhten Kohäsionsgrad und besonders von den etablierten Zugängen zu öffentlichen Institutionen (Politik, Verwaltung, Polizei). In solchen Fällen kann es auch zu einer Abnahme informeller Kontrollbemühungen und somit einem vorübergehenden Anstieg der registrierten Kriminalität kommen: In einem eher unklaren und konfliktreich wahrgenommenen Kontext zieht man sich unter Umständen zurück oder meldet sich nicht mehr zu Wort. Der häufig zitierte "Nachbar", wie der immer wieder konstatierte Gemeinschaftsbezug stoßen demnach an ihre Grenzen, wenn "Fremde" den Zusammenhalt und die informelle Kontrolle stören.

Kulturelle Vorstellungen von Ländlichkeit und ländliche Sicherheitsmentalitäten

Die Situation des Zuzugs von "Fremden" könnte auch als Verstörungen der kulturellen (also traditionellen) Vorstellungen von Ländlichkeit begriffen werden[8]. Es kann nicht vorausgesetzt werden, dass die "Zugezogenen" den ortüblichen Konsens über Normen so tragen, wie es von der alteingesessenen Bevölkerung erwartet wird. Sie bewegen sich auch nicht in den gleichen Netzwerken, die diese Erwartungen transportieren.

Die zuvor beschriebenen sicherheitsrelevanten Prozesse werden von Überzeugungen getragen, wonach ländliche und kleinstädtische Settings kriminalitätsarm und weitestgehend sicher sind (ländlichen bzw. kleinstädtischen Sicherheitsmentalitäten). Die Sicherheitsmentalitäten sind geprägt von einer hohen Vernetzung von professionellen Akteuren vor Ort, einer hohen regionalen Einbindung zum Beispiel in Vereine und durch eine längere Wohndauer (bzw. seltene Umzüge) der Bevölkerung. Dieses Setting fördert zusammen mit den ländlich-kleinstädtischen Sicherheitsmentalitäten das Vertrauen in Nachbarn wie in die Nachbarschaft insgesamt ("Jeder achtet auf den anderen"). Da die Einigkeit über Normen und Wertorientierung vorausgesetzt wird, gelten eigene Kontrollaktivitäten (informelle Sozialkontrolle) im öffentlichen Raum als legitim. Es wird bspw. vom Nachbarn eingegriffen, wenn jemand fremdes auf den Hof fährt oder wenn die Kinder aus der Nachbarschaft etwas "anstellen".[9] In diesem Sinne wirken länger andauernde Kontakte somit sowohl positiv auf die informelle Sozialkontrolle wie auch auf das Sicherheitsgefühl: "[Das ist, g]laube ich ganz wichtig hier, die Kontakte werden ja intensiv hier gepflegt [...]. Wenn man da in ne Ecke zieht, dann lernt man die Leute kennen, die gehen auf einen zu und jeden den man kennt, [ist] auch nicht mehr so beängstigend. Den kann ich einschätzen" (Teilnehmer Gruppendiskussion Experten). Die Bedeutung der intensiven Kontakte und Einbindung in die ländlich-kleinstädtische Gemeinschaft findet sich auch in den Selbstdeutungen professioneller Akteure wie zum Beispiel einzelner Polizeibeamter, die sich häufig als stark eingebunden in einen lokalen Zusammenhang erleben ("mit dem bin ich zusammen im Verein".[10] Das eigene Handeln, wie die eigene Darstellung gegenüber Dritten, scheint hier als eine besondere Herausforderung, da man sich häufig gleichzeitig als Mitglied der regionalen Gemeinschaft erlebt. Der Wert der Beziehungen wird anerkannt und vorausgesetzt. Die Interviews mit professionellen Akteuren verweisen darauf, dass ein verstärkt repressives oder kompromissloses Vorgehen in der Gemeinschaft mit der Befürchtung eines sozialen Ausschlusses einhergeht.[11]

Die "dunkle Seite" der Gemeinschaft

Die mit der starken Gemeinschaft im kleinstädtischen und ländlichen Raum zusammenhängende geringe Kriminalitätsbelastung und Kriminalitätsfurcht hat allerdings auch Nachteile. Die beschriebene Form der nachbarschaftlichen Vergemeinschaftung und der damit einhergehenden erhöhten informellen Kontrolle wird von den an der SIMENTA Studie teilnehmenden Experten/innen wie auch Bewohner/innen als ein "zweischneidiges Schwert" beschrieben: Einerseits bietet die starke soziale Kohäsion Sicherheit, andererseits kann diese auch als Einschränkung empfunden werden. Letzteres vor allem auch durch nicht selbst zu steuernden Tratsch und stellenweise unliebsame Kontakte zu Nachbarn. Informelle soziale Kontrolle berührt demnach nicht nur "unliebsame Fremde", sondern auch jeden in seiner persönlichen Freiheit. Generell erscheint die Frage der hohen sozialen Kontrolle ländlicher und kleinstädtischer Räume widersprüchlich. Sie mag für einige schutzgewährend erscheinen, während andere Akteure sie als erheblich einschränkend erleben und sich auch gerade deshalb gegen eine Wohnortwahl im ländlichen Raum entscheiden.[12]

Literaturhinweise:

  • Elias, N./Scotson, J.L. (1993): Etablierte und Außenseiter. Frankfurt am Main.
  • Franzen,N. et al. (2008): Herausforderung Vielfalt – Ländliche Räume im Struktur- und Politikwandel. Unter: http://shop.arl-net.de/media/direct/pdf/e-paper_der_arl_nr4.pdf (letzter Abruf: 13.11.2013).
  • Gängler, H. (1990): Soziale Arbeit auf dem Lande. Vergessene Lebensräume im Modernisierungsprozeß. Weinheim und München.
  • Girling, E./Loader, I./Sparks, R. (2000): Crime and Social Change in Middle England. London.
  • Klimke, D. (2008): Wach- & Schließgesellschaft Deutschland – Sicherheitsmentalitäten in der Spät-moderne. Wiesbaden.
  • Oelkers, N./ Schierz, S. (2015): Sicherheitsmentalitäten im ländlichen Raum. In: Dollinger, Bernd/ Schmidt-Semisch, Henning (Hg.): Sicherer Alltag? Politiken und Mechanismen der Sicherheitskonstruktion im Alltag
  • Tietz, M. (2015): Crime Talk auf dem Lande. Eine Rekonstruktion der dominanten ruralen Deutungsmuster bezüglich (Un)Sicherheit. In: Kriminologisches Journal (im Erscheinen).
  • Völschow, Y./ Helms, Z.-M. (2015, eingereicht): "Jeder achtet auf den anderen" – Informelle Kriminalitätskontrolle in ländlich geprägten Regionen. In: Kriminologisches Journal.
  • Yarwood, R. (2001): Crime and Policing in the British Countryside: Some Agendas for Contemporary Geographical Research. In: Sociologica Ruralis 2/41, S. 201-219

Fußnoten

4.
Vgl.: Girling, E./Loader, I./Sparks, R. (2000): Crime and Social Change in Middle England. London.
5.
Vgl.: Girling, E./Loader, I./Sparks, R. (2000): Crime and Social Change in Middle England. London, S. 5.
6.
Vgl. weiterführend: Tietz, M. (2015): Crime Talk auf dem Lande. Eine Rekonstruktion der dominanten ruralen Deutungsmuster bezüglich (Un)Sicherheit. In: Kriminologisches Journal (im Erscheinen).
7.
Vgl.: Elias, N./Scotson, J.L. (1993): Etablierte und Außenseiter. Frankfurt am Main.
8.
Yarwood, R. (2001): Crime and Policing in the British Countryside: Some Agendas for Contemporary Geographical Research. In: Sociologica Ruralis 2/41, S. 201-219
9.
Vgl.: Völschow, Y./ Helms, Z.-M. (2015, eingereicht): "Jeder achtet auf den anderen" – Informelle Kriminalitätskontrolle in ländlich geprägten Regionen. In: Kriminologisches Journal.
10.
Vgl. weiterführend: Völschow, Y./ Helms, Z.-M. (2015, eingereicht): "Jeder achtet auf den anderen" – Informelle Kriminalitätskontrolle in ländlich geprägten Regionen. In: Kriminologisches Journal.
11.
Völschow, Y./ Helms, Z.-M. (2015, eingereicht): "Jeder achtet auf den anderen" – Informelle Kriminalitätskontrolle in ländlich geprägten Regionen. In: Kriminologisches Journal.
12.
Vgl.: Franzen,N. et al. (2008): Herausforderung Vielfalt – Ländliche Räume im Struktur- und Politikwandel. Unter: http://shop.arl-net.de/media/direct/pdf/e-paper_der_arl_nr4.pdf (letzter Abruf: 13.11.2013), S. 9.

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