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Mutbürger Ein Rollentausch in Leipzig: Die Stasi im Visier

Peter Wensierski

/ 6 Minuten zu lesen

Ende der 80er Jahre wuchs das Selbstbewusstsein oppositioneller Gruppen in der DDR - auch gegenüber der Stasi. Sie verloren ihre Angst. Michael Arnold, damals 25-jähriger Student in Leipzig, spähte das MfS sogar selber aus und zeichnete heimlich seine Vernehmung auf. Sein Motto: "Die kommen dauernd zu uns, jetzt kommen wir zu ihnen!"

Mahnwache in der Leipziger Nikolaikirche am 24. Oktober 1988 gegen den Ausschluss kirchlicher Basisgruppen von den damals regelmäßig durchgeführten Friedensgebeten - also ein Protest gegen die Kirchenleitung. Diese hatte zuvor Initiativgruppen untersagt, ihre Friedensgebete weiter eigenständig zu gestalten und dort eigene Recherchen zu verbreiteten. (© Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V. / Christoph Motzer)

Leipzig, im Juli 1989. Polizei und Stasi versuchen seit Monaten, oppositionelle Gruppen einzuschüchtern, aber die Überwachungsmaßnahmen und die Übergriffe nützen nichts. Micha Arnold aus der "Initiativgruppe Leben" und seine Freundin geben nicht auf. Die Gruppe hatte sich zwei Jahre zuvor gegründet, ihre Ziele waren ökologische Verbesserungen und politische Reformen.

Sie sind es allerdings leid, dass ständig Stasimitarbeiter vor ihrer Haustür in der Zweinaundorfer Straße 20 a herumlungern. Mal versuchen es die beiden mit Galgen­humor, mal tun sie so, als gäbe es die frierenden Stasigestalten im Observationsauto nicht, mal servieren sie ihnen heißen Kaffee, und nur wenn die Kerle bis in den Hausflur vordringen, raunzen Micha und Sabine ihre Widersacher an. Doch die lästige Observation hört nicht auf. Da denkt sich Micha: "Ein Geheimdienst ist nur so lange geheim, wie man ihn nicht offenlegt." Und beschließt, den Spieß einfach umzudrehen.

Blick aus der Zweinaundorfer Straße 20a im Januar 1989. Michel Arnolds Kreuze markieren Stasi-Beobachter im Auto und einen "Beobachtungsstützpunkt" der DDR-Geheimpolizei. (© Archiv Bürgerbewegung Leipzig / Michael Arnold)

So geht er von seiner Wohnung in die Stadt und betrachtet den Gebäudekomplex zwischen Beethoven- und Dimitroffstraße einmal genauer. Mehrmals in den vergangenen Jahren hat die Stasi ihn dort vernommen. Im Innenhof liegt die Untersuchungshaftanstalt. Kameras überwachen die Ein- und Ausgänge. Hohe, graublaue Tore aus Metall schirmen in der Beethovenstraße das Innere vor neugierigen Blicken der Passanten ab.

An mehreren Tagen umkreist Micha den Gebäudekomplex, mal mit seiner Tochter Johanna im Tragetuch oder im Kinderwagen, mal hat er seinen Freund Uwe dabei und diskutiert mit ihm über das Vorhaben. Micha entdeckt bald, dass sich die Untersuchungsführer der Stasi täglich zwischen 16 und 18 Uhr aus einem Nebenausgang in der Beethovenstraße herausschleichen. Er erkennt sogar einen seiner Vernehmer wieder.

Das beobachtete MfS

An einem Tag mit schönem Wetter verabredet sich Micha mit seinem Freund Rainer für den frühen Nachmittag. Die beiden gehen in der Beethovenstraße zielstrebig auf ein Wohnhaus schräg gegenüber dem Nebenausgang zu. Die Haustür steht offen, und sie steigen im Treppenhaus ganz nach oben. Die Dachbodentür ist unverschlossen. Es riecht nach Staub, das Sonnenlicht dringt durch Mauerritzen in schmalen Streifen bis auf den Bretterboden. Der Dachboden steht leer und wird auch nicht zum Wäschetrocknen verwendet. Hier stört sie wahrscheinlich niemand.

Durch kleine runde Fenster auf Bodenhöhe kann Micha die Straße und das gegenüberliegende Gebäude gut überschauen. Er nimmt eine Decke aus seiner Tasche, faltet sie über dem Taubendreck auseinander und legt sich bäuchlings darauf vor eines der kleinen Fenster. Aus seiner Tasche zieht er ein 500-Mil­limeter-Teleobjektiv, Lichtstärke 5,6, und setzt es auf seine Praktica-Spiegelreflex­kamera. Er hat das Monsterobjektiv – rund einen halben Meter lang – eigens für diesen Zweck gekauft. Sein Freund bleibt an der Bodentür stehen und lauscht ins Treppenhaus. Als Micha sieht, dass gegenüber ein Mann aus seinem geöffneten Fenster schaut, drückt er das erste Mal auf den Auslöser. Er putzt die Glasscheibe noch etwas sauberer, stützt das schwere Objektiv besser ab.

Da zeigt sich zu Dienstschluss auch schon der erste Stasimann mit seiner Aktentasche am Nebenausgang, Micha zielt und – klick! Gleich darauf der nächste, in kurzen Hosen. Klick! Einer mit Dederon-Beutel, ein anderer auf dem Fahrrad. Klick, klick!

Fotos mutmaßlicher Leipziger Stasi-Mitarbeiter - aufgenommen von Michael Arnold und weiteren Bürgerrechtlern von einem Dachboden gegenüber der Stasi-Untersuchungshaftanstalt in der Leipziger Beethovenstraße. Sie hatten mit den Fotos eine Ausstellung und Veröffentlichungen über das MfS geplant, um die heimliche Arbeit der Stasi öffentlich zu thematisieren. (© Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V. / Michael Arnold)

Viele kommen in der typischen beigefarbenen Windjacke, einige auch mit Schlips und Jackett. Hinter dem Fenstergitter eines Vernehmungszimmers zeigt sich ein Mitarbeiter, hemdsärmelig, aber ebenfalls mit Schlips – ob er gerade jemanden in die Mangel nimmt? Das Objektiv holt ihn ganz dicht heran. Im nächsten Moment geht das große Metalltor auf, und ein Lada schiebt sich durch. Fahrer und Nummernschild sind deutlich zu erkennen. Klick!

Micha muss schon bald den Film wechseln. Nach drei Stunden und mehr als ­hundert Aufnahmen hat er fürs Erste genug. Als wäre nichts gewesen, verlassen die beiden das Haus und machen sich auf den Heimweg. Sie sind aufgekratzt und malen sich aus, wer die Bilder zu sehen bekommen soll. Alle könnten helfen, die Vernehmer zu identifizieren und vielleicht auch herauszufinden, wo sie wohnen, wie sie heißen. Und schließlich könnte man die Bilder auch in einer Aus­stellung öffentlich machen. "Die kommen dauernd zu uns, jetzt kommen wir zu ­ihnen!"

Zum Entwickeln gibt er einen Teil der Filme in dem Geschäft seines Vertrauens ab: Foto Korzer in der Zweinaundorfer Straße. Da hat er schon öfter entwickeln lassen, das war stets unproblematisch, selbst bei heiklen Motiven wie Bildern von verbotenen Demonstrationen.

Eine der ersten Protestaktionen der Leipziger Gruppe - eine "Umweltwallfahrt" in Deutzen nahe Leipzig am 12. Juni 1988 (© Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V. / Christoph Motzer)

Andere Fotogeschäfte in der Innenstadt sind angewiesen, "auffällige" Fotos zu melden. Dennoch liegt ein paar Tage später ein Brief im Postkasten der Zweinaundorfer. Absender ist die MfS-Untersuchungsabteilung mit der Aufforderung, Micha solle am nächsten Tag um acht Uhr morgens mit Personalausweis im Zimmer 111 der Dimitroff­straße 5 erscheinen. Er ist pünktlich.

Oppositionelle Lauschaktion - beim MfS

Der Vernehmungsraum: klein und eng, Neonlicht, ein strenger Geruch nach Desinfektions- oder Putzmittel. Oder riecht der Fußbodenbelag so? Ein Tisch mit Schreibmaschine, ein vergittertes Fenster, ein Holzstuhl. Oben auf dem Aktenschrank vegetiert eine anspruchslose Grünlilie vor sich hin. Sein Gegenüber, ein Oberleutnant, gibt sich korrekt.

Ihren Ausweis haben Se mit? Ja.

Die Vorladung? Nee.

Warum nicht?

Die hab ich schon weggeworfen.

Na sicher! Geht die jetzt in Ihre Sammlung ein?

Wie? Ist das eine Leihgabe? Das wär ne große Sammlung!

Dann stellt Micha dem Vernehmer eine Frage: Wie ist denn Ihr Name?

Mein Name? Schall und Rauch.

Sie sind von der Staatssicherheit?

Ja. Na, dann wollen wir mal: Wir wollen wissen, warum Sie in der Vergangenheit mehrfach vor Dienstobjekten des MfS festgestellt worden sind. Was für einen Grund hatten Sie dafür?

Der Text ist dem Buch des SPIEGEL-Autors Peter Wensierski entnommen, das zur Leipziger Buchmesse 2017 erschienen ist: "Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution - Wie eine Gruppe junger Leipziger die Rebellion in der DDR wagte" - publiziert in der Verlagsgruppe Random House. Es schildert, mit welchem Einfallsreichtum sich junge Leute in den 80er Jahren in Leipzig Gehör verschafften, um sich für Demokratie, Umweltschutz und Überwachung einzusetzen.

Wenn man Sie an Dienstobjekten des MfS sieht, dann setzt das bei uns verschiedene Überlegungen in Gang.

Ich hab einen Spaziergang durch die Stadt gemacht.

Welcher Art?

Provokation? Spionage?

Mich interessieren Menschen auf der Straße, auch die vom MfS. Ich möchte wissen, was sind das für Menschen?

Micha überlegt nur kurz: Sagen Sie bitte nicht, dass Sie mich aufgrund Ihrer Überlegungen hierherbestellt haben. Sie stellen ja viele Überlegungen über Menschen an und bestellen die nicht alle deswegen ein.

Der Vernehmer fällt ihm ins Wort: Die halten sich auch nicht alle vor Objekten des MfS auf! Schon gar nicht zu Zeiten ­reger Personenbewegung, wie bei Dienstschluss.

Micha bleibt ruhig, sagt: Zu der Zeit am Nachmittag hab ich die beste Möglichkeit, ins Zentrum der Stadt zu gehen.

Sein Vernehmer wird ungeduldig. Wissen Se, ich bin ein erwachsener Mensch, jetzt sagen Se mal endlich: Was bezwecken Sie damit, sich verstärkt Objekte des MfS anzusehen?

Mit anderen Worten: Sie gehen bewusst dorthin? Ich gehe überall bewusst hin.

Sie sind ja nun kein unbeschriebenes Blatt für uns. Sie waren ja schon im Januar unser Gast hier. Steht das in einem Zusammenhang? Nein!

Warum machen Sie uns denn unsere Arbeit so schwer?

Ich werde doch nicht für Ihre Arbeit bezahlt.

Machen Sie soziologische Studien? Wollen Sie unsere Leute kennenlernen? Oder wollen Sie Informationen über die Mitarbeiter ans Ausland weitergeben? Sie können den Mitarbeitern ja leicht nachgehen und sehen, wo sie wohnen, wie sie heißen. Micha bleibt trotzig: Das kann ich doch nicht beeinflussen, wenn Ihr Geheimdienst öffentlich wird! Wenn Sie mir nur vorwerfen können, dass ich an Ihren Dienst­objekten in Erscheinung trete, dann werde ich das auch in Zukunft weitermachen!

Sein Vernehmer beugt sich vor: Wollen Sie uns etwa ausspionieren?

Micha muss grinsen. Er denkt an die Fotos und hat in seiner Jackentasche einen Walkman und im Ärmel ein Mikrofon. Er nimmt das Gespräch auf.

Aber hoffentlich dauert es nicht mehr so lange. Er hat nur eine Kassette mit einer halben Stunde Laufzeit beschaffen können – und die würde sich am Ende mit einem lauten Klack verabschieden. Doch das Gespräch wird nicht beendet. Micha löst das Problem mit lautem Husten: Der Stasimann hört nicht, wie sich der Walkman abschaltet, das Gerät bleibt unentdeckt.

Auch das Verhör übersteht Michael Anrnold unbeschadet. Seine Pläne, mit der Aufnahme und den Stasi-Fotos an die Öffentlichkeit zu gehen, werden aber in den Folgewochen im September und Oktober 89 von nahezu täglich neuen Ereignissen überrollt.

Demonstration der Gruppe in der Leipziger Innenstadt am 4. September 1989. Nach nur wenigen Sekunden rissen Stasileute das Transparent herunter. (© Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V. / Armin Wiech)

Leipziger Mutbürger

Interview

Leipziger Mutbürger

In Leipzig wagten sich junge Leute 1988/89, immer couragierter in die Öffentlichkeit zu treten, um für Demokratie, Umweltschutz und Meinungsfreiheit einzutreten. Ein 25-jähriger überlistete dabei sogar die Stasi - mit deren eigenen Mitteln. Der Spiegel-Journalist Peter Wensierski, Autor des 2017 erschienenen Buches "Die Unheimliche Leichtigkeit der Revolution", berichtet.

Fussnoten