Ein Vocho am Zocalo von Mexiko Stadt

8.1.2008 | Von:
Olaf Karnik

Moderne Popmusik aus Lateinamerika

Sex- und Gewaltphantasien, Beats und MG-Salven

Noch Ende der 1950er-Jahre konnte ein Film wie "Orfeu Negro" das Leben in den Favelas von Rio de Janeiro halbwegs romantisierend darstellen. Seitdem haben sich die Lebensbedingungen in den Slums enorm veschlechtert. Drogen-Gangs wie Comando Vermelho und Terceiro Comando kontrollieren große Teile der mehr als 600 Favelas, in denen Prostitution, brutale Gewalt, Drogenhandel und der Besitz von Schusswaffen sogar unter Jugendlichen und Kindern an der Tagesordnung sind. Der Spielfilm "City of God" (2002) thematisiert diese Zustände in aller Drastik. In diesem Milieu ist in den 1980er- und 1990er-Jahren auch der Carioca Funk als lokale Hip-Hop-Abart aus Electro-Beats und brasilianischen Percussions, dreistem Sampling und schrillen Sound-Effekten entstanden. Als Funkeiros bezeichnen sich die Anhänger des primitiv-effektiven Funks, der in äußerst expliziten Texten die im Ghetto vorherrschenden Themen reflektiert und feiert: Sex, Drogen und Gewalt. Der amerikanische Gangsta-Rap gilt hier als Vorbild, wird aber an Krassheit in Rio weit übertroffen – besonders auf den unter dem Begriff Proibidão (= verboten) in den Favelas kursierenden Mix-CDs mit Live-Aufnahmen, deren professionelle Verbreitung von Drogen-Gangs gewährleistet wird. Berüchtigt war die Musik in den 1990er-Jahren vor allem durch die vielen Todesopfer bei den so genannten Bailes de Corredor (auch Bailes Funk genannt) – Massenveranstaltungen mit tausenden von Besuchern in Turnhallen und auf Fußballplätzen der Favelas. Zum Freizeitvergnügen zählt hier, dass sich rivalisierende Gangs entlang eines Korridors in zwei Hälften spalten, in dessen Mitte sich die gegnerischen Funkeiros in einer Art Kampftanz attackieren. Einen erschütternden Augenzeugen-Bericht über die Baile Funk-Szene und die Situation in den Favelas hat Klaus Stark verfasst (ila-bonn.de).

Heute ist Carioca Funk längst kein Underground-Phänomen mehr. Auch die weiße Mittel- und Oberschicht Rio de Janeiros tanzt inzwischen auf Funk-Partys in Copacabana oder Ipanema zu dieser Musik. Im Radio oder in Plattenläden ist Carioca Funk ebenfalls präsent, und die größten Hits des Genres (MC Serghinos "Pocotocopo", Bonde Do Tiagros "O Baile Todo" oder "Tapinha" von MCs Nadinho & Beth) wurden so populär, dass sie sogar in den Fußballstadien Rios gesungen werden. Dem DJ und Musikjournalisten Daniel Haaksman ist es zu verdanken, dass diese und andere Carioca Funk-Stücke einem internationalen Publikum überhaupt bekannt wurden, zählen doch seine beiden Compilations "Rio Baile Funk: Favela Booty Beats" und "More Favela Booty Beats" zu den allerersten Veröffentlichungen dieser Art außerhalb Brasiliens. Auf seinem eigenen Label Man Recordings hat Haaksman in den vergangenen beiden Jahren auch zahlreiche Baile Funk-Maxis mit Remixen renommierter Produzenten aus den USA und England herausgegeben. Und mit "Frenétiko" von Edu K ist hier 2006 auch das erste Künstleralbum eines Baile Funk-Produzenten in Deutschland erschienen. Die Chancen, durch die internationale Popularisierung des Favela-Funks aus der Favela rauszukommen, wachsen weiter.

CDs

Various Artists – Mestizo Music. Rebelión en América Latina (Trikont / Indigo)

Various Artists – Señor Coconut presents Coconut FM: Legendary Latin Club Tunes (Essay / Indigo)

Various Artists – Rio Baile Funk: Favela Booty Beats (Essay / Indigo)

Various Artists – Rio Baile Funk: More Favela Boots Beats (Essay / Indigo)

Various Artists – Proibidão C.V.: Forbidden Gang Funk From Rio de Janeiro (Sublime Frequencies / Import)

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