Ein Vocho am Zocalo von Mexiko Stadt

28.11.2007 | Von:
Anne Huffschmid

Außerirdische und Invasoren:

Nachrichten aus dem urbanen Niemandsland

Auf einer Wellenlänge

In der Stadtkarte ist hier nur ein grünes Dreieck markiert, nicht mal eine Freifläche. "Für manche sind wir wohl eine besonders seltsame Gemüsesorte", grinst Nájera. Er kennt die Gegend seit fast 20 Jahren, als seine peronistische Jugendgruppe hier eine Volksküche für die Villa-Bewohner aufgebaut hat. Aus der Küche erwuchs das Bedürfnis nach Kommunikation, aus Lautsprechern und Wandzeitungen wurden ein Radiosender. Zum ersten Mal ging FM Bajo Flores im Sommer 1996 auf Sendung.

Das Radio ist längst eine Institution in Bajo Flores. Es gibt ein Aufnahme- und ein Sendestudio, etwa 20 junge Leute bestreiten das Radioprogramm, das heute viele Häuserblocks weit zu hören ist. Daneben gibt es Workshops, Kampagnen und Sozialarbeit, es geht um Alltag und um die große Politik. Die Madres der Plaza de Mayo haben eine Sendung, man macht Aufklärung für Kondome oder gegen die pasta, den billigen Koksabfall, den die Armen rauchen, der den Appetit verbrennt und die Kinder bis auf die Knochen abmagern lässt. Nájera legt Wert auf die Feststellung, dass man kein Alternativprojekt, sondern ein "Volksradio" sei. Alternativ, so glaubt der bärtige Mann, sei "ja meist elitär, mit wenig Bezug zur Wirklichkeit". Mit dem Staat hat man derzeit weniger Berührungsängste. Das Radio gehört zu jenen selbstverwalteten Projekten, die auf einer Wellenlänge mit der linksperonistischen Kirchner-Regierung sind. Was man von der an Zuschüssen bekommt, reicht gerade für den Betrieb, längst nicht für das, was man noch so vorhat: eine Bibliothek mit Büchern und Räumen zum Lesen, ein Internet-Café, ein Netz von "Villa-Korrespondenten".

Paola ist eine der ganz wenigen, die hier täglich ein- und ausgehen. Seit kurzem jobbt sie im Sozialamt der Stadtregierung, seit zwei Jahren studiert sie Publizistik. Doch das Leben da draußen ist eigenartig. An der Uni falle es ihr "schwer, mit den Leuten zu reden". Zwar ist die sozialwissenschaftliche Fakultät traditionell eher linkes Terrain. Doch es gibt so gut wie keine "Unterschichtsleute wie mich". Wie sie es sagt, klingt es selbstbewusst. Und doch verwundert.

Für die Außenwelt gerät Bajo Flores immer mal wieder als Drogenkiez in den Blick. Kurz vor dem ersten Besuch steht eine großformatige Reportage in der Zeitung. Anlass war ein Massaker, fünf Tote auf einer großen Fiesta zu Ehren eines peruanischen Heiligen, darunter ein Baby. Es soll konkurrierende Banden geben, Capos, die sich als Schutzmacht gebären, und Bewohner, für die Drogenbosse "das notwendige Übel" sind. Doch die Radio-Leute reagieren allergisch auf das Drogenthema. Das Bild von Bajo Flores als Miniatur-Kolumbien führe zur "Kriminalisierung der Armut", meint Nájera. Es sei immer dasselbe Klischee der Villa als "Wilder Westen", moniert auch seine Kollegin Mariela Pugliese. Sie ist die einzige im Team, die von außen kommt. Die studierte Historikerin war vor ein paar Jahren bei einer Recherche auf Nájeras Projekt gestoßen, war gleich begeistert und ist geblieben. Endlich nicht mehr die rebellierenden Mittelschichtkinder, die akademisch herbeidiskutierte Revolution. Die Begeisterung hat allerdings ihre Grenzen: Sie hätte, so sagt sie, durchaus mit Mann und der kleinen Tochter in die Villa ziehen können. Doch sie tat es nicht, "33 Jahre Mittelschicht streift man nicht einfach ab". So pendelt sie wie Paola zwischen drinnen und draußen, nur umgekehrt. "Die Villeros werden in der Stadt als Invasoren gesehen", sagt Pugliese. Und zwar selbst bei den engagierten, wohlmeinenden, aufgeklärten porteños. Wie neulich bei einer Veranstaltung der Madres im Stadtzentrum, als Leute aus der Villa bei den Büchertischen erschienen. Als allererstes, erinnert sie bitter, seien "die Handtaschen versteckt" worden.

Zwischen Fiktion und Wirklichkeit

Diese Kluft ist nie zu kitten. Zwei junge Frauen sitzen bei Julio Arrieta auf dem abgeschabten Samtsofa und warten geduldig auf ihren Einsatz. Sie wollen gerne in der Villa drehen, es geht um einen Film für die Uni, für ein internationales Festival. Er setzt sich die Brille auf die Nase, studiert kurz das mitgebrachte Papier, murmelt, mehr zu sich selbst: "Ja...ja, das lässt sich machen". Den Hauptpart kann sein elfjähriger Enkel übernehmen. Ob es einen Sonnenuntergang hier gebe? Arrieta grinst. "Aber klar doch, das lässt sich arrangieren. Nein, natürlich gibt es dafür kein Geld", sagt er, als die beiden zufrieden davon ziehen, das seien ja immer "ganz arme" Produktionen. "Aber hast Du das schicke Auto der Mädels gesehen?"

Der Regisseur Federico León hat einen Film über Julio Arrieta gedreht, "Estrellas" (Sterne), ein "Making of" jener wahnwitzigen Science-Fiction-Produktion vor ein paar Jahren. Keine Armutsreportage mit verwackelter Handkamera, sondern ein raffiniert in Szene gesetztes Spiel zwischen Fiktion und Wirklichkeit, zwischen denen drinnen und denen, die von draußen kommen. "Die Filmleute waren letztlich genauso Eindringlinge wie die Marsmenschen", sagt der ernste junge Mann im Gespräch. Was in diesem Fall auch heißt: Genauso willkommen! Die Villa sei ja "pure Gegenwart", Arrieta aber will höher hinaus. León schenkt ihm einen grandiosen Abspann: Julio in schwarzem Sakko am Steuer eines dunklen Wagens, neben ihm Maria Esther mit rotgeschminkten Lippen, man meint die Ohrringe klimpern zu hören. Beide schauen mit unbewegten Gesichtern in die Kamera, minutenlang, die Fenster sind geöffnet, das Heer weht im Fahrtwind, Bonnie und Clyde auf argentinisch. Die Wünsche im wirklichen Leben sind profaner. Schön wäre schon, wenn endlich mal ein Filmproduzent käme, der "vernünftig bezahlt", für Schauspiel, security und Wellblech-Setting.

Hintergrund: Villas Miseria

Keine der offiziell registrierten 31 Villas Miseria im Stadtgebiet von Buenos Aires sind auf den landläufigen Stadtkarten eingezeichnet. Dabei leben in ihnen immerhin mehr als 100.000 der mehr als drei Millionen Hauptstadtbewohnerinnen und -bewohner. Die Villas sind durchnummeriert und jeweils einzelnen "regulären" Stadtvierteln zugeordnet. Die drei größten sind die Villa 20 in Lugano, mit 25 bis 30.000 Menschen, die Villa 21 in Barracas mit 20.000 und Bajo Flores mit mehr als 60.000 Bewohnern.

Als "Unbehagen der Moderne" bezeichnet die Schriftstellerin Zenda Liendivist diese innerstädtischen Armutsenklaven, die als Abfallprodukte einer rasanten Verstädterung entstanden waren. Zu ersten illegalen Besiedlungen von städtischen Brachen kam es schon in den 1930er-Jahren. Im Zuge der Industrialisierung in den 1940er- und 1950er-Jahren kam die Stadt immer weniger hinterher, gegenüber den Arbeitssuchenden aus dem Landesinnern ihre Versprechen auf Job und Wohnraum einzulösen. Unter der letzten Militärdiktatur wurde unter dem Gebot der "Säuberung" eine brachiale Abrissstrategie (1976-1983) betrieben. Nach dem Ende der Diktatur begannen die Migrantinnen und Migranten, sich wieder in den Villas einzurichten. Diesmal kamen sie verstärkt aus den Nachbarländern, da vor allem die Dollar-Bindung des argentinischen Pesos in den 1990er-Jahren das Jobben für Menschen aus Bolivien, Peru und Paraguay lukrativ machte.

Die Losung der städtischen Verwaltung, seit vielen Jahren in der Hand aufgeklärter Linksperonisten, heißt heute nicht Eliminierung, sondern "Urbanisierung". Waren die Villas einst als Provisorium gedacht, fern von aller urbanen Planung und Architektur, so sind sie heute als prekäres Terrain dauerhaft verankert in der Stadtlandschaft. Es gibt dort längst eine "Zwei-Klassen-Gesellschaft" zwischen Mietern und Besitzern, wie die Stadtanthropologin Maria Cristina Cravino schreibt, und auch einen staatlich tolerierten, "informellen Immobilienmarkt". Kontakt zur Stadtverwaltung läuft über die Presidentes, die Sozialhilfe und Lebensmittelpakete oftmals in klassisch klientelistischer Manier verteilen.

Annäherung an das Unbekannte

Die Villas bleiben ein Störfaktor im neuen Mythos von der "Normalisierung", der Wiederauferstehung der Metropole nach jenem Crash im Dezember 2001, der den urbanen Flow fast vollständig zum Erliegen brachte. Für kurze Zeit verschmolzen die abgestürzten Mittelschichten mit den ohnehin schon Ausgegrenzten, Piqueteros und Cartoneros, Arbeitslose und Müllsammler. Die sozialen Grenzen schienen sich zu verflüssigen, es gab einen kurzen Sommer des Zusammenrückens, die urbane Öffentlichkeit war gezwungen, sich mit ihren Abgründen zu beschäftigen. Heute brummen Wirtschaft, Exporte und auch der Tourismus, attraktiver geworden durch den Peso-Verfall. Himmelhohe Häuser schießen in die Höhe, der Unternehmergeist blüht, es heißt, die Stadt habe wieder zu sich zurückgefunden – und damit auch zur Gewöhnung an die Armut. Also etwa an diejenigen, die nachts in der Innenstadt die Mülltüten von den Bürgersteigen sammeln, zehntausende von Cartoneros, die wieder zu Gespenstern des Urbanen werden: Sie sind noch da, doch man sieht sie nicht mehr. Für eine kurze Zeit, so berichtet ein befreundeter Designer, hätten damals alle den Müll säuberlich vorsortiert und in ordentlichen Tüten vor die Tür gestellt. "Heute macht das keiner mehr."

Trotzdem gibt es seit jener Zeit eine erhöhte Aufmerksamkeit im Kulturbetrieb und sogar in jener Welt des schnellen Glamours, also Mode, Medien und Design, die in Buenos Aires seit jeher beheimatet ist. Ein Beispiel ist der Stardesigner Martin Churba, der vergangenes Jahr seine Kollektion "Bajo Flores" präsentierte, gedacht als "liebevolle Hommage an die Diversität" und die "reale Schönheit" der bolivianischen Näherinnen in Bajo Flores. Dabei, so betonte Churba immer wieder, sei es ihm ausdrücklich nicht um Mitleid und Solidarität gegangen, sondern um "Annäherung an das Unbekannte". Ausgrenzung und Diskriminierung seien ihm selbst als Schwuler ja nicht ganz fremd. Derlei Argumente stoßen bei den Radio-Aktivisten der Villa auf wenig Verständnis. "Der hat doch keinen Schimmer von Bajo Flores", sagt Mariela Pugliese. Und vor allem: Die Leute hier hätten keine Ahnung, wer Martin Churba ist.

Nun zeichnet sich in Buenos Aires eine politische Wende ab. Bei den Bürgermeisterwahlen im Juni 2007 hat der konservative Unternehmer Mauricio Macri mit deutlichem Vorsprung gewonnen. Was das für die neue Stadtpolitik – gerade auch in den Villas – bedeutet, bleibt abzuwarten.

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