Ein Vocho am Zocalo von Mexiko Stadt

30.9.2010 | Von:
Kristina Hille

Reaktivierte Unternehmen: Die empresas recuperadas in Argentinien



Die Mitglieder der empresas recuperadas sind zwar kein derartig schwacher Akteur wie die piqueteros, die Erwerbslosen, die keinerlei Anbindung an ein Unternehmen hatten und folglich überhaupt keine Ansprüche stellen können, sie sind aber auch nicht mit einer fest angestellten Belegschaft zu vergleichen, die beispielsweise für die Verkürzung ihrer Arbeitszeit protestiert. Die Mitglieder der empresas recuperadas verfügen über keinerlei Produktionsmacht gegenüber ihrem ehemaligen Arbeitgeber, denn es handelt sich um Unternehmen, bei denen die Produktion bereits eingestellt wurde. Eine Produktionsblockade als Verhandlungsbasis ist deswegen nicht mehr möglich. Es bleibt den Arbeitern einzig und allein die Besetzung des Unternehmens, um zu verhindern, dass die Maschinen abtransportiert werden. Sie können nicht, wie beispielsweise die Belegschaft von General Motors in Flint, Michigan, im Jahr 1936, einfach das Fließband lahmlegen.

Handelt es sich bei einem Werk um ein wichtiges Glied in einer vertikalen Unternehmensorganisation, kann die Stilllegung des Produktionsprozesses in diesem Werk unter Umständen zur Unterbrechung der Produktion des gesamten Unternehmens führen. Eine kleine Zahl von Aktivisten reicht hier bereits aus, um eine robuste Verhandlungsposition zu schaffen.[9] Die Verteidigung des Arbeitsplatzes bei einer bereits vollzogenen Kündigung oder gar Werksschließung erfordert dagegen eine ganz neue Dimension. Sie verlangt ein gewaltiges Engagement nicht nur Einzelner, sondern der gesamten Belegschaft und ist darüber hinaus auf Unterstützung von Seiten der Gesellschaft angewiesen.

Die empresas recuperadas sind eine extreme Herausforderung, vor allem für die ehemaligen Mitarbeiter. Sie erfordern von den Kooperativenmitgliedern einen enormen Gemeinschaftsgeist und große Eigeninitiative. Besonders schwierig ist die lange Zeit der Besetzung, während der sie nichts verdienen und auf den guten Willen ihrer Mitbürger angewiesen sind. Aufgrund ihrer Ausrichtung als Genossenschaft unterliegen fast alle empresas recuperadas den Solidaritätsprinzipien, die verlangen, dass ihre Mitglieder das Einkommen untereinander gleichmäßig verteilen, die Leitungspositionen regelmäßig rotieren und die wichtigsten Entscheidungen in der Vollversammlung treffen. Die Solidarität zwischen den Arbeitern ist teilweise grenzübergreifend: Einen Versuch, die Isolation der Betriebsstandorte aufzuheben, machte zum Beispiel die Belegschaft des Automobilzulieferers Mahle im vergangenen Jahr, als sich Arbeiter der Werke im unterfränkischen Alzenau, im französischen Colmar und im argentinischen Rosario gegenseitige Solidarität bekundeten - allen Werken drohte die teilweise oder ganze Schließung. Auch die Mitarbeiter der selbstverwalteten Druckerei Chilavert in Buenos Aires schrieben an die Arbeiter der deutschen empresa recuperada Strike-Bike, um ihnen Mut zu wünschen.

Die Mitarbeiter eines Fahrradproduzenten im thüringischen Nordhausen verwalteten ihr Unternehmen im Jahr 2007 nach einer mehrmonatigen Besetzung eine Woche lang in Eigenregie. Während dieser Selbstverwaltung produzierten sie fast 2000 "Solidaritätsfahrräder", die unter Vorkasse bestellt wurden: das sogenannte Strike-Bike.[10] Nachdem sie von Fasinpat in Argentinien und Lip [11] in Frankreich gehört hatten, beschloss die Belegschaft, dass es an der Zeit sei, auch in Thüringen ein selbstverwaltetes Unternehmen zu gründen. Zu DDR-Zeiten war die Fabrik der Konsumgüterproduktion Motorenwerk angegliedert. Nach dem Fall der Mauer wurde der Betrieb von der Unternehmensgruppe des Iraners Mehdi Biria gekauft, einer der drei größten Fahrradproduzenten Europas. 2005 fiel es in die Hände der umstrittenen Investmentgesellschaft Lone Star in Texas, USA. Wenige Jahre später eskalierte der bestehende Konflikt mit dem Investor, weil den Arbeitnehmern gekündigt wurde, keine Abfindungen gezahlt werden sollten, Ansprüche auf Urlaubsgeld unbeachtet blieben und Kündigungsfristen nicht eingehalten wurden. Nach einer Woche Selbstverwaltung musste die ehemalige Belegschaft allerdings dem Insolvenzverwalter weichen und sich einer Transfermaßnahme unterziehen. Danach gründete ein Teil von ihnen die Strike-Bike GmbH.

Auch in anderen Ländern Europas und den USA kämpfte die Belegschaft für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze: Die Mitarbeiter von Prisme Packaging in Dundee, Großbritannien, hatten das Unternehmen Anfang 2009 fast zwei Monate lang besetzt und gründeten anschließend die Kooperative Discovery Packaging and Design Ltd. Sie wurden von der Öffentlichkeit und schließlich auch von der Politik unterstützt und deswegen nicht geräumt. In gleicher Weise konnte sich die Belegschaft des Unternehmens Republic Windows & Doors in Detroit, mit ihrem Sit-In im Dezember 2008 der Solidarität der Bevölkerung erfreuen, die aufgrund der Finanzmarktkrise ihren Ärger teilte. Die Besetzung wurde stillschweigend toleriert und die Zahlungsansprüche der Arbeiter schließlich erfüllt. Einige konnten anschließend unter dem neuen Investor Serious Materials weiter arbeiten.[12] Ganz anders verhielt es sich dagegen in der Türkei. Die besetzten Fabriken von Meha Textil und Sinter Metal wurden von der Polizei geräumt.[13] Auch in Südkorea wurde die Besetzung der Ssangyong-Autofabrik gewaltsam beendet.[14]


Globalisierung und empresas recuperadas



Werkbesetzung und Selbstverwaltung, als Alternative zu Resignation und Arbeitslosigkeit sind in der Geschichte der Menschheit sicherlich nicht neu. Wir erinnern uns nur an die Minenarbeiter der Kohlezeche Tower Colliery in Südwales, die unter Führung von Tyrone O'Sullivan und der National Union of Mine Workers in den 1990er Jahren für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze kämpften.[15] Außergewöhnlich viele Unternehmen wurden aber in Argentinien zu Anfang dieses Millenniums von ihrer Belegschaft besetzt und wieder betrieben. Die Bewegung der empresas recuperadas ging 2001 von Argentinien aus und war ein Ansporn für Erwerbslose auf der ganzen Welt. Sie folgten dem argentinischen Beispiel "ocupar, resistir, producir".

Im Zuge der global vernetzten Produktionsweise verschmelzen nationale Arbeitsmärkte zunehmend zu einem einzigen, auf dem die Arbeiter weltweit miteinander konkurrieren. Dabei stehen sie, mit sich angleichenden Lebens- und Arbeitsbedingungen, meist denselben multinationalen Konzernen gegenüber. Da die hohe Mobilität an Kapital in der globalisierten Welt mit dem voranschreitenden Verlust an staatlicher Souveränität gegenüber supranationalen Akteuren einhergeht, verläuft die Spaltung nicht mehr zwischen dem "Norden" und dem "Süden", sondern zwischen den Arbeitern der Welt, den großen Konzernen und den Regierungen, die oftmals eher letztere unterstützen. Aus Angst vor zu großen sozialen Unruhen und auf der Suche nach profitableren Produktionsbedingungen verlegen Unternehmen ihre Werke von Land zu Land. Nur wenn es alternative Profitmöglichkeiten an einem Standort gibt oder es sich um einen Sektor handelt, der eine Kapitalverlagerung unmöglich macht, weil er mit den Hauptsitzen der multinationalen Konzerne unmittelbar verbunden ist, dann verhandeln sie mit den Regierungen über Sozialpakte.[16]

Mit ihren Protestaktionen kämpfen viele Arbeiter des 21. Jahrhunderts nicht nur gegen die eigene Ausbeutung, sondern gleichermaßen gegen die herrschende Ordnung, in der die Existenzsicherung aller Menschen hinter der Profitgier einer kleinen Gruppe zurücktritt. Die Arbeiterunruhen sind oft Vorreiter für die Interessen der gesamten Bevölkerung, die sich in Verbindung mit anderen sozialen Bewegungen gegenseitig stärken. Sichtbar wurde dies auch in der Argentinienkrise 2001: Den Arbeitern folgte die Mittelschicht, und sie kämpften in schlechten Zeiten gemeinsam, nach dem Motto "piquetes y cacerola, la lucha es una sola" (Straßenkämpfe und Kochtöpfe,[17] der Kampf ist derselbe).

Fazit

Die empresas recuperadas haben in Argentinien zweifellos einen Ausweg aus der Krise gewiesen. Ihre Mitglieder konnten in der Regel ihre Arbeitsplätze sichern und teilweise sogar neue Stellen schaffen. Die Entscheidung der argentinischen Regierung, den Arbeitern die Möglichkeit zu geben, aktiv und engagiert im Arbeitsprozess zu bleiben, anstatt sie in die passive Arbeitslosigkeit zu schicken, hat sich ausgezahlt. Die von der Regierung geschaffene Gesetzeslage bietet den Arbeitnehmern die Chance, sich zu organisieren und zu orientieren, wie es in dieser Form bisher aus keinem anderen Land bekannt ist.

Besonders interessant sind die empresas recuperadas für Länder, in denen Krisen periodisch wiederkehren. Für den Staat ist diese Art von Genossenschaft schon allein deshalb lohnenswert, weil er ihren Mitgliedern kein Arbeitslosengeld zahlen muss und sie weiterhin im Wirtschaftskreislauf bleiben und konsumieren. Auch die International Labour Organization sprach sich schon 2002 für das Genossenschaftswesen aus und bewertete diese Unternehmensform als profitabel, weil die Arbeiter ihre eigenen Auftraggeber sind und sie auch ihr eigenes Kapital in das Unternehmen investieren: Zeit und Geld. Doch zeigt das Beispiel Argentinien auch: Der politische Wille, solche Wege zu gehen, wird (oft) erst aus der Not geboren.

Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 12/2010)

Fußnoten

9.
Vgl. Beverly Silver, Forces of Labour. Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870, Berlin-Hamburg 2003, S. 33.
10.
Vgl. Fahrradhersteller in Thüringen: Fabrikbesetzer weichen dem Insolvenzverwalter, in: Spiegel Online, 1.11.2007, online: www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,514820,00.html (5.1.2010).
11.
1973 hatten die 1500 Arbeiter der Uhrenfabrik Lip in Besançon das Unternehmen mehrere Monate lang besetzt, um gegen den Verlust ihrer Arbeitsplätze zu protestieren. Die Arbeiter nahmen 60000 Uhren "als Geiseln" und verkauften diese, um davon ihre Löhne zu zahlen. Diese illegale Aktion wurde von der politischen Elite stillschweigend als legitime Selbstverteidigung geduldet. Das Unternehmen stand von 1973-75 unter Arbeiterselbstverwaltung. Vgl. LIP ist am Ende, in: Die Zeit vom 19.10.1973, online: www.zeit.de/1973/43/Lip-ist-am-Ende (19.1.2010).
12.
Vgl. La fábrica que se convertió en símbolo de los desempleados, in: La Nación vom 9.12.2008, S. 2; Laren Ann Cullotta, New Owners to Reopen Window Plant, Site of a Sit-In in Chicago, in: New York Times vom 27.2.2009, online: www.nytimes.com/2009/02/27/us/27factory.html (23.1.2010).
13.
Vgl. Shawn Hattingh, Workers Creating Hope: Factory Occupations and Self-Management, in: Upping the Anti, online: http://auto_sol.tao.ca/node/3324 (29.1.2010).
14.
Vgl. Sven Hansen, Besetzte Fabrik in Südkorea: Tödlicher Arbeitskampf, in: Die Tageszeitung (taz) vom 24.7.2009, online: www.taz.de/1/politik/asien/artikel/1/toedlicher-arbeitskampf/(14.12.2009).
15.
Nachdem die Arbeiter 1994 entlassen wurden, weil die Regierung die Grube schließen wollte, schlossen sie sich als Kooperative zusammen und kauften mit Hilfe ihrer Abfindungen und einem Kredit das Unternehmen, um es in Eigenregie weiter zu führen. Vgl. Last day at Tower, the coalmine that became a goldmine, in: The Independent vom 27.1.2008, online: www.independent.co.uk/news/uk/this-britain/last-day-at-tower-the-coalmine-that-became-a-goldmine-774530.html (29.1.2010).
16.
Diese Zentralen befinden sich in den sogenannten global cities, den Orten "an denen die Arbeit verrichtet wird, die die globalen Systeme am Laufen hält". Saskia Sassen, Cities in a World Economy, Thousand Oaks, CA 20002, S. 1. Ein gutes Beispiel dafür ist die Ende der 1980er Jahre entstandene nordamerikanische Justice for Janitors-Kampagne der Gebäudereiniger. Aufgrund der Unverzichtbarkeit ihrer Arbeit in den Zentralen der globalen Konzerne hatten sie beispielsweise 1990 in Los Angeles eine gute Verhandlungsbasis in ihrem Kampf gegen schlechte Arbeitsbedingungen. Vgl. B. Silver (Anm. 9), S. 141.
17.
Als cacerolazo werden die Protestzüge bezeichnet, mit denen die Bevölkerung im Dezember 2001 gegen den sogenannten corralito protestierte, als die Sparer kein Geld mehr von ihren Konten abheben konnten, weil ihre Guthaben eingefroren wurden.

Schwerpunkt

Olympische Spiele 2016 in Rio de Janeiro

2016 ist Brasilien Gastgeber des Megaevents Olympische Spiele. Das Land befindet sich in einer politischen Krise und das Ansehen der Spiele hat durch Dopingskandale gelitten. Wofür steht Sport und wie geht es dem größten Land Lateinamerikas?

Mehr lesen

Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 41-42/2010)


Die Linke in Lateinamerika

Bisherige Versuche, auf dem Subkontinent sozialistische Politik umzusetzen, sind am Widerstand der USA und an gravierenden Fehlern der reformistischen und revolutionären Regime gescheitert.

Mehr lesen