Ein Vocho am Zocalo von Mexiko Stadt

28.11.2007 | Von:
Dana de la Fontaine
Bernhard Leubolt

Soziale Bewegungen in Brasilien

Frauenbewegung (FB)

Geschichte

Die FB entsteht Anfang des 20. Jahrhunderts mit Gründung des Nationalen Frauenrechtsverbandes "Federação Brasileira pelo Progresso Feminino" (FBPF). Zu einer breiten und schichtübergreifenden FB kam es erst ab den 1970er-Jahren mit der Gründung des "Centro da Mulher Brasileira" (CMB) und den Frauenkongressen in Rio de Janeiro und São Paulo seit den Achtzigerjahren.

Ziele

Forderungen der FB sind die Gleichberechtigung, das Ende der Gewalt gegen Frauen und das Recht auf Abtreibung.

Methoden

Über die Etablierung eines nationalen Rats für Frauenrechte ("Conselho Nacional dos Direitos da Mulher") werden die Interessen der FB gegenüber dem Staat artikuliert.

Persönlichkeiten

Bertha Lutz ist Mitgründerin der FBPF. Romi Medeiros da Fonseca und Terezinha Zerbini führten den feministischen Widerstand in den 1970er- Jahren an. Marta Suplicy setzt sich heute noch für die sexuelle Aufklärung ein.

Indigene Bewegung (IB)

Geschichte

Vereinzelt entstand die IB ab den 1970ern, vor allem mit Unterstützung des Katholischen Indigenen Missionarsrats "Conselho Indigenista Missionário" (CIMI). Ein nationaler Rat wurde 1992 in Form des "Conselho de Articulação dos Povos e Organizações Indígenas do Brasil" (CAPOIB) gegründet.

Ziele

Staatliche Zuweisung von Territorien, rechtlicher Schutz und staatliche Dienstleistungen.

Methoden

Die IB ist weniger national als lokal aktiv. Ihre Forderungen stellt die IB zumeist direkt an die staatliche Indigenenbehörde "Fundação Nacional do Índio" (FUNAI).

Persönlichkeiten

Das Oberhaupt des Marubo-Stammes Clóvis Marubo und die indianische Schriftstellerin Eliane Potiguara sind wichtige Aktivisten der IB.

Bewegung der solidarischen Ökonomie (BSÖ)

Geschichte

Die Anfänge der BSÖ finden sich in einzelnen Initiativen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Erst im Rahmen der Weltsozialforen ab dem Jahr 2000 kam es zur nationalen Etablierung der BSÖ. So wurde im Jahr 2004 das brasilianische Forum für SÖ (FBES) als nationaler und regionaler Vertreter der BSÖ gegründet.

Ziele

Das FBES fordert die öffentliche Unterstützung für solidarisches Wirtschaften, solidarisches öffentliches Verwalten und für Förder- und Beratungseinrichtungen für SÖ.

Methoden

Versuch des direkten Einflusses auf die Exekutive über das Sekretariat zur Unterstützung der solidarischen Ökonomie (SENAES).

Persönlichkeiten

Der Leiter von SENAES Prof. Paul Singer spielte vor allem in der nationalen Zusammenführung der BSÖ eine wichtige Rolle.

Ein interessanter aktueller Versuch von autonomer Institutionalisierung der dargestellten Bewegungen ist die "Koordination der Sozialen Bewegungen" (Coordenação de Movimentos Sociais). Sie wurde 2003 gegründet, und es handelt sich um den Versuch der größten unabhängigen Bewegungen wie CUT, MST und weiterer, eine gemeinsame Plattform zu bilden, um damit eine vom Staat unabhängige Organisierung zu ermöglichen. Soziale Bewegungen stehen nämlich heute in einem komplexen Verhältnis zum Staat. Aus der Tradition des Widerstands gegen den autoritären Staat betonen viele ihre Autonomie, das heißt ihre Unabhängigkeit vom Staat. Gleichzeitig stellten die Bewegungen schon im Zuge der Demokratisierung zunehmend Forderungen an den Staat – so wurden beispielsweise soziale Rechte für alle eingefordert.

Werden von staatlicher Seite dann soziale Leistungen erbracht, besteht die Gefahr der Vereinnahmung der Bewegungen und der Verlust ihrer Autonomie. Tritt der Staat nicht auf den Plan, besteht die Gefahr der Abhängigkeit von privaten Geldgebern.

Diesbezüglich ist die ambivalente Positionierung zur Regierung Lula besonders interessant. Auf der einen Seite unterstützt die Koordination die Regierung, da die Regierungspartei "Partido dos Trabalhadores" (PT) traditionell starke Bindungen zu den sozialen Bewegungen hat und teilweise auch aus den Bewegungen hervorging. Das bringt die Regierung auch dazu, vermehrt materielle Unterstützung zu gewähren. So werden etwa von der Landlosenbewegung bewohnte Gebiete flächendeckend mit Infrastruktur versorgt, und die für die Landreform vorgesehene Fläche hat sich gegenüber der Vorgänger-Regierung verdreifacht. Auch die "Kredit-Versorgung mit Kleinkrediten" fördert Bewegungen wie die Landlosenbewegung oder auch die Bewegungen zur Solidarischen Ökonomie, die seit 2004 durch die Arbeit des Staatssekretariats für Solidarische Ökonomie auch bei der Vernetzung und in rechtlicher Hinsicht unterstützt wurden. Gleichzeitig verlieren die Bewegungen durch die engeren Beziehungen zur Regierung auch Autonomie, was dazu führt, dass sie aufgrund der steigenden Abhängigkeit nun weniger Kritik üben.

Literatur

Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung: Boris, Dieter 1998: Zwischen Staatsnähe und Autonomie. Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung und das Beispiel Brasilien, in: Ders. (Hg.): Soziale Bewegungen in Lateinamerika, Hamburg.

Landarbeiterbewegung: De la Fontaine, Dana 2007: Die Institutionalisierung Sozialer Bewegungen am Beispiel der Landlosenbewegung MST in Brasilien, Magisterarbeit, Universität Tübingen

Bewegung der kirchlichen Basisgemeinden: Sträter, Beate 2007: Religiös-politische Bewegungen in Ländern der Dritten Welt am Beispiel der christlichen Befreiungstheologie in Brasilien, Baden-Baden.

Schwarzenbewegung: Silverio, Valter Roberto 2004: Movimento Negro und die (Re)Interpretation des brasilianischen Dilemmas, in: Stichproben. Wiener Zeitschrift für kritische Afrikastudien Nr. 6/2004, 4. Jg.

Frauenbewegung: Rausch, Renate 2003: Frauenbewegung zwischen Basisorganisationen, NGO-isierung und Global Governance, in: Costa, Sérgio / Coy, Martin / Sevilla, Rafael (Hg.): Brasilien in der postnationalen Konstellation, Brasilianisten-Gruppe in der ADLAF, Beiträge zur Brasilien-Forschung, Band 1, Tübingen, S. 244-259.

Indigene Bewegung: Schikora, Jan 2001: Politik jenseits der vermachteten Strukturen – Zur Bedeutung Sozialer Bewegungen für den Demokratisierungsprozess in Brasilien, in: Wentzlaff-Eggebert, Christian / Traine, Martin: Arbeitspapiere zur Lateinamerikaforschung, Universität Köln.

Umweltbewegung: Hochstetler, Kathryn & Keck, Margaret 2007: Greening Brazil: Environmental Activism in State and Society, Duke University Press.

Bewegung der Solidarischen Ökonomie: Singer, Paul 2004: Solidarische Ökonomie in Brasilien heute. Eine vorläufige Bilanz. In: Kurswechsel 19 (4), 89-101.

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