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Ein Vocho am Zocalo von Mexiko Stadt

8.1.2008 | Von:
Karl-Dieter Hoffmann

Erdöl als Entwicklungsfaktor in Ecuador

Fluch oder Segen?

Erdöl und Auslandsverschuldung

Solange das Land lediglich Agrarprodukte exportierte, beschränkte sich die Gewährung externer Finanzhilfe auf öffentliche und multilaterale Geber. Infolge der Entdeckung großer Ölvorkommen wurde Ecuador auch bei international agierenden Geschäftsbanken kreditwürdig. Die durch die erste Erdölkrise ausgelöste Petrodollarschwemme erleichterte seit Mitte der 1970er-Jahre den Zugang zu (billigen) Bankkrediten. Trotz der hohen Exporteinnahmen kam es immer wieder zu finanziellen Engpässen, welche die Regierung mittels externer Darlehen überwinden konnte. Die Kombination von enormen Erdöleinkünften und zinsgünstigen Auslandskrediten gestattete es den Machthabern, die Stärkung der internen Steuerbasis völlig zu vernachlässigen. Da auch Ministerien und viele staatliche Einrichtungen selbständig – d.h. ohne Zustimmung der Zentralregierung – ausländische Anleihen aufnehmen durften, erhöhte sich die öffentliche Auslandsverschuldung zwischen 1975 und 1980 von 500 Mio. auf rund vier Mrd. US-Dollar. Eine eigentliche Tilgung fand nicht statt, da die fälligen Rückzahlungen mittels neuer Kredite geleistet wurden. Die stetig steigende Überbewertung der heimischen Währung begünstigte eine solche Praxis, weil die Zinskosten durch die Inflationsrate mehr als kompensiert wurden. Diese unsolide Finanzierungspraxis fand durch den exorbitanten Anstieg des internationalen Zinsniveaus zu Beginn der 1980er-Jahre ein jähes Ende. Damals taten sich gewaltige akute Finanzierungslücken auf, die nur mittels extrem teurer kurzfristiger Kredite geschlossen werden konnten. Dadurch stieg die Summe der Auslandschulden binnen kurzer Zeit enorm an. Die jetzt nicht länger aufschiebbare Währungsabwertung brachte zahlreiche Privatunternehmer, die sich ebenfalls im Ausland verschuldet hatten, in arge Bedrängnis. Um den Bankrott der betroffenen Firmen zu verhindern, übernahm der Staat deren externe Verbindlichkeiten, wodurch die Gesamtschuldenlast um weitere 1,5 Mrd. auf 7,5 Mrd. US-Dollar (1984) anstieg. Dies ist der Hintergrund und Kern des Problems der Auslandsverschuldung, das die Ökonomie bis heute belastet. Entwicklungspolitisch frustrierend ist die Erkenntnis, dass zwischen der Summe der seit 1972 generierten Erdöleinkünfte und dem Gesamtumfang der bisher geleisteten Zins- und Tilgungszahlungen keine große Differenz besteht.

Die wirtschaftliche Entwicklung der Jahre 1982 bis 2002 stand im Zeichen eines permanenten Krisenmanagements mit nur kurzzeitigen Erholungsphasen, die in der Regel durch hohe Erdöleinnahmen bedingt wurden. Die Erdöldollars verhinderten nicht nur mehrfach den totalen ökonomischen Kollaps, sondern verschafften den aufeinanderfolgenden Regierungen auch die Möglichkeit, längst fällige Strukturreformen immer weiter hinauszuzögern.

Im Teufelskreis erdölpolitischer Fehlentscheidungen und Versäumnisse

Die staatlichen Erdöleinnahmen hängen von der Exportmenge und dem jeweils aktuellen Weltmarktpreis ab. Die Exportmenge wird ihrerseits durch die Kapazität der Pipeline und das Ausmaß des Inlandsverbrauchs von Erdölprodukten bestimmt. Letzterer stieg seit Beginn der nationalen Erdölära rasch an. Daraus resultierten nicht nur eine allmähliche Verminderung der für den Export verbleibenden Menge, sondern auch steigende Subventionskosten, weil Treibstoffe, Haushaltsgas und andere Erdölderivate den einheimischen Verbrauchern zu nicht kostendeckenden Preisen überlassen wurden. Der äußerst niedrige Preis stimulierte gleichzeitig einen enormen Schmuggelhandel mit Treibstoffen nach Peru und Kolumbien. Auch nach der ersten Preiskorrektur der Inlandspreise im Jahre 1981 war Benzin real immer noch billiger als 1973.

Vor dem Hintergrund der hartnäckigen Wirtschaftskrise kam den Treibstoffpreisen eine große innenpolitische Brisanz zu. Mehrfach wurden Preiserhöhungen angeordnet, um angesichts kräftiger Inflationsraten das Ausmaß der Subventionslast zu begrenzen. Dies hatte regelmäßig öffentliche Unruhen zur Folge, wobei die Protestierenden größtenteils der Unterschicht angehörten, die indes ungleich weniger von den niedrigen Energietarifen profitiert als die Mittel- und Oberschicht.

Die ständige Finanznot des Staates ist verantwortlich dafür, dass der staatlichen Erdölfirma Petroecuador nicht ausreichend Investitionsmittel zur Verfügung gestellt wurden, die erforderlich gewesen wären, um die Förderung und Verarbeitung des Rohstoffs an internationalen technologischen Standards auszurichten und systematisch nach weiteren Erdölvorkommen zu suchen. Das Resultat dieses Versäumnisses zeigt sich seit Mitte der 1990er-Jahre: Die Rohölförderung von Petroecuador ist rückläufig, der Anteil der im Land tätigen privaten Erdölfirmen steigt reziprok dazu an. Der Gesamtumfang der Rohölproduktion stagniert oder steigt nur sehr langsam. Hingegen nimmt der Binnenkonsum (inkl. Schmuggel) weiterhin stark zu. Die interne Raffineriekapazität wurde dem wachsenden Verbrauch nicht angepasst. Die Raffinerie Esmeraldas ist hoffnungslos überaltert, die hergestellten Qualitäten sind minderwertig, häufig kommt es zu Produktionsausfällen. Um den Binnenverbrauch zu decken, müssen immer mehr Erdölderivate importiert werden, was die Staatskasse aufgrund der großen Differenz zwischen Einfuhr- und inländischem Verkaufspreis zunehmend belastet. 2006 transferierte Petroecuador Gewinne in Höhe von 2,05 Mrd. US-Dollar in den Staatshaushalt, aus dem im gleichen Jahr 1,2 Mrd. US-Dollar Subventionen für Erdölderivate gezahlt werden mussten. Die Regierung Correa (2007-2011) will mithilfe Venezuelas den nationalen Erdölsektor umfassend modernisieren, ohne dass bisher klar geworden ist, wie die dafür erforderlichen riesigen Investitionen finanziert werden können. Eine nennenswerte Reduzierung der Energiesubventionen birgt das Risiko, dass Correa den für seine populistische Politik notwendigen Rückhalt der Unterschicht verliert.

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