Ein Vocho am Zocalo von Mexiko Stadt

9.1.2008 | Von:
Timm B. Schützhofer

Nicaragua heute:

Zwischen Bildungsnotstand und neuem Aufbruch

Die Misere der Lehrergehälter

Das bereits erwähnte Ende der "Schulautonomie" verschärfte das Problem der ohnehin zu niedrigen Lehrergehälter. Es war allgemein bekannt und wurde, wenn auch nur murrend, hingenommen, dass sich viele Lehrer etwa durch zusätzliche Prüfungen und Nachhilfekurse Nebeneinkünfte geschaffen hatten. So gab es in der Bevölkerung auch überraschend viel Zustimmung für die Forderungen der Lehrer nach höheren Gehältern.

Für die niedrigen Löhne tragen neben den von 1990 bis 2006 verantwortlichen Regierungen auch die Auflagen der Weltbank und insbesondere des IWF Verantwortung. Durch die nominale Festsetzung der Lehrergehälter von 1992 bis 1997 sanken die Reallöhne aufgrund der Inflation beträchtlich. Erst nach 1997 begann ein moderater Anstieg der Lehrerlöhne. Allerdings griff der IWF 2005 durch eine neue Auflage wieder verstärkt in die Lohnpolitik Nicaraguas ein: Von nun an sollte die Gesamtlohnsumme im öffentlichen Sektor real nicht mehr steigen. In der Folge betrug der Durchschnittslohn eines Grundschullehrers "mit Titel" nur noch 52 Prozent des Durchschnittseinkommens im formellen Sektor, in dem es geregelte Arbeitsverhältnisse gibt, die sich nach den Arbeitsgesetzen richten müssen. Nach langen Streiks und Protesten vieler Lehrer wurden in diesem Jahr bedeutende Gehaltserhöhungen erkämpft. Das Grundeinkommen eines Lehrers in der Primaria stieg von ca. 116 auf etwa 140 US-Dollar und bei den Sekundarstufenlehrern von etwa 122 auf ca. 146 US-Dollar. Dies entspricht einer Lohnerhöhung von rund 20 Prozent.

Der Durchschnittslohn der Lehrer in Zentralamerika liegt hingegen bei 350 US-Dollar, einem Betrag, den die Lehrer im Nachbarland Honduras trotz ähnlicher wirtschaftlicher Lage erhalten, von dem die Kollegen in Nicaragua aber selbst mit Hilfe verschiedener Zulagen weit entfernt sind. Ein weiterer Richtwert ist die Relation des Lehrereinkommens zum BIP. Die Weltbank empfiehlt Lehrergehälter, die 3,5 Mal über dem BIP pro Kopf liegen. Um den Richtwert der Weltbank zu erreichen, müsste somit ein Lehrer in Nicaragua etwa 269 US-Dollar verdienen.

Als Folge der niedrigen Löhne entscheiden sich gute Abiturienten nur selten für ein Lehrerstudium, denn sogar einfache Bankangestellte oder Sekretärinnen und Sekretäre erhalten üblicherweise höhere Gehälter. Auch durch diese skandalöse Unterbewertung des Lehrerberufs leidet die Bildungsqualität erheblich.

Die Finanzierung der Universitäten

Die besten Universitäten des Landes sind überraschenderweise öffentlich oder zumindest primär öffentlich finanziert. Seit den 1980er-Jahren stehen den Universitäten nach der Verfassung sechs Prozent des Staatshaushaltes zu. Doch nur etwa zwölf Prozent der Heranwachsenden beginnen ein Universitätsstudium, zudem ist die Abbrecherquote sehr hoch. Die durchschnittlichen öffentlichen Ausgaben pro Student an einer öffentlich finanzierten Universität lagen 2005 bei etwa 911 US-Dollar. Demgegenüber wurden für einen Schüler der Primaria oder Secundaría lediglich 72 US-Dollar ausgegeben. Dass hier eine eklatante Vernachlässigung der Schulbildung gegenüber dem Hochschulstudium vorliegt, wird durch einen Vergleich mit dem OECD-Bildungsbericht 2006 deutlich. Im OECD-Mittel wurden pro Schüler/Student folgende Beträge aufgewendet: Grundschüler = 5.450$, Schüler bis 10. Klasse = 6560$, Sekundarstufe II von Gymnasien, Gesamtschulen und Berufsfachschulen = 7.582$, Student 8.093$.

Die öffentliche Finanzierung der Universitäten erlaubt es diesen, relativ niedrige Gebühren zu erheben und so auch Kindern aus weiten Teilen der Mittelschicht ein Studium zu ermöglichen. Stipendien sind ebenfalls in Verbindung mit guten Schulleistungen üblich. Von Armut oder gar extremer Armut betroffene Kinder können die Schule jedoch meist nicht bis zum Abitur besuchen. Wenn sie es dennoch schaffen, aber kein Stipendium bekommen, ist ihnen der Universitätsbesuch wegen der trotz öffentlicher Zuschüsse meist anfallenden Studiengebühren praktisch verwehrt. So verlangen auch durchschnittliche Universitäten in Provinzstädten oft 30 US-Dollar oder mehr an monatlichen Studiengebühren. Diese Summe ist in einem sehr armen Land wie Nicaragua für die meisten Familien schlicht unbezahlbar. Also sind die hohen staatlichen Ausgaben für die Universitäten im Grunde eine staatliche Förderung der Kinder Besserverdienender.

Die Schieflage in der Bildungsfinanzierung führt dazu, dass das Abitur nur sehr schlecht auf ein Universitätsstudium vorbereitet. "So hat die Hochschule für Ingenieure (UNI) bekannt gegeben, dass von den 2.832 neuen Studienbewerbern, die an der Aufnahmeprüfung teilnahmen, nur eine Handvoll, insgesamt 75, bestanden haben, das heißt eine erschütternd niedrige Rate von gerade mal 2,6 Prozent". Bei diesen Aufnahmeprüfungen im Jahr 2004 wurden nach Angaben der Universität explizit nur Lehrplaninhalte abgefragt.

Fazit und Ausblick

Abschließend ist festzustellen, dass neben der Unterfinanzierung des Bildungssystems auch die sozial unausgewogene Prioritätensetzung und die Konzentration der Gelder auf die universitäre Bildung zu hinterfragen ist. Die mangelhafte materielle und personelle Ausstattung der Schulen, die niedrigen Gehälter für Lehrer sowie unzureichende Anreize und Möglichkeiten zur Weiterbildung haben zu einem niedrigen Niveau der Schulbildung geführt. Angesichts der Tatsache, dass die meisten Kinder nur die vernachlässigte Grundschule durchlaufen, wird die Verkennung der enormen bildungspolitischen Bedeutung dieser Schulstufe deutlich. Skandalös ist auch die hohe Analphabetenrate von offiziell 23 Prozent.

Die neue sandinistische Regierung hat einige Schritte in die richtige Richtung unternommen und intensiviert den Kampf gegen den Analphabetismus. Durch ihre aktive Unterstützung dieser Kampagne zeigen auch die Universitäten, dass sie sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind. Die Gehälter der Lehrer werden in den nächsten Jahren weiterhin deutlich steigen müssen, wenn der Lehrerberuf wieder attraktiver gemacht werden soll. Höhere Gehälter wie vorgesehen auch an den Besuch von Fortbildungen zu knüpfen, ist im nicaraguanischen Kontext sinnvoll.

Berechtigte Kritik am derzeitigen Regierungshandeln entzündet sich vor allem daran, dass der auch unter der neuen sandinistischen Regierung weit verbreitete Klientelismus dazu führt, dass die Besetzung der Ämter im Bildungsbereich mehr nach persönlichen Kontakten, familiären Beziehungen und parteipolitischer Nähe erfolgt als nach fachlicher Qualifikation, und so die Umsetzung dieser Schritte gefährden könnte.

Um das Millenniumsentwicklungsziel Grundschulbildung für alle möglichst schnell zu erreichen, müssen mehr Haushaltsmittel für diese Schulstufe bereitgestellt werden. Die sandinistische Regierung muss hier den eingeschlagenen Weg der Entprivatisierung öffentlicher Bildung fortsetzen. Für die von extremer Armut betroffenen Menschen muss es über den bereits kostenlosen Schulbesuch hinaus eine umfassende Lehr- und Lernmittelfreiheit geben. Dabei müssen auch die Kosten für zusätzliche Kleidung und den Schulweg berücksichtigt werden.

Zu fordern ist also, dass die neue sandinistische Regierung ein umfassendes bildungspolitisches Konzept ausarbeitet und umsetzt, das geeignet ist, die aufgezeigten eklatanten Mängel des nicaraguanischen Bildungswesens in kurzer Zeit zu beheben. Nur so kann Nicaragua seinem Status als Billiglohnland mit einem großen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften entkommen und langfristig den Weg aus der Unterentwicklung finden.

Literatur

CEPAL, CEPALSTAT Estadísticas de América Latina

Deutscher Entwicklungsdienst, Länderbericht Nicaragua

Deutsche Unesco Kommission, Weltbericht "Bildung für alle" 2007, Bonn 2006

Envio Nr. 281, 2005

INIDE, Encuesta Nacional de Hogares sobre medición del nivel de vida 2005

Nicaragua Forum Heidelberg, Januar 2004, Juli 2007

Observadir Económico, Adelmo Sandino, 14. September 2006

Rosa Amelia Jiménez, Vizepräsidentin der Escuela Internacional de Agricultura y Ganadería in Rivas, Nicaragua und in den 1980er Jahren Delegierte des Bildungsministeriums für die Provinz Rivas

Worldvision Deutschland e.V., Länderinformation Nicaragua

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