Dossierbild: USA (Freiheitsstatue)

10.10.2008 | Von:
Dirk Laabs

God´s Own Country

Die Bedeutung der Religion in den Vereinigten Staaten

Christen verlieren an politischem Einfluss

Auch bei den Kongresswahlen 2006 sind die evangelikalen Christen gescheitert: Kein Kandidat, der von radikalen Christen unterstützt wurde, konnte einen Sitz hinzugewinnen. Vielen moderaten Gläubigen waren die Forderungen der Kandidaten zu extrem. Allein kann die Gruppe der radikalen Christen Wahlen also nicht entscheiden. 2007 glaubten daher auch 62 Prozent der Amerikaner, dass Religion in den USA an Einfluss verliere; 2001 glaubten das nur 39 Prozent. Diese Katerstimmung hielt auch während der Präsidentenwahl 2008 an, da keiner der beiden Kandidaten den evangelikalen Christen nahe stand.

Die radikalen Christen sind zwar eine sehr mächtige, aber eben auch sehr berechenbare Wählergruppe. Auch wenn es häufig ihren ökonomischen Interessen widerspricht oder Wahlversprechen in der Vergangenheit gebrochen wurden, wählen sie verlässlich und in großer Mehrheit die konservativen Republikaner.

Glaube als Privatangelegenheit

Da in den USA die Meinungsfreiheit durchaus ernst genommen wird und die radikalsten Meinungen am meisten Schlagzeilen machen, entsteht trotzdem oft der falsche Eindruck, dass alle wiedergeborenen Christen den Staat verändern wollen. Tatsächlich ist für viele Gläubige in den USA selbst ihr radikaler Glaube etwas Privates. 39 Prozent der Amerikaner meinen laut der Gallup-Umfrage zwar, dass die Kreationisten "definitiv Recht haben", Gott also alles Leben vor 10.000 Jahren geschaffen hat. Allerdings glauben 70 Prozent der Amerikaner auch, dass es egal sei, ob ein US-Präsident an Darwins Lehre oder den Kreationismus glaube. Immer mehr Amerikaner, so zeigt eine Umfrage vom Pew Research Center (2008) wollen zudem, dass sich die organisierten Kirchen ganz aus der Politik heraushalten.

"Religion dämpft Egoismus"

Auch wird den USA die Religionsfreiheit durchaus ernst genommen. Neben Katholiken und Protestanten üben je sechs Millionen Juden und Muslime in Amerika ihre Religion aus – weitgehend ungestört. Die so genannten Amish-People können in Gemeinden nach eigenen, strengen Gesetzen leben. Die Quäker haben mit Richard Nixon bereits einen Präsidenten gestellt. Der Mormone Mitt Romney, Ex-Gouverneur von Massachusetts, bewarb sich 2008 um das Amt des Präsidenten. Der "Krieg gegen den Terror" der Bush-Regierung hat die Religionsfreiheit der Muslime bisher ebenfalls nicht beeinflusst. Ohne Probleme dürfen sie Moscheen mit Minaretten in amerikanischen Gemeinden bauen.

National mögen die religiösen Gruppen eine Lobbygruppe unter vielen sein, lokal können sie die Politik nachhaltiger beeinflussen. Vor allem auf einzelne Schulen machen christliche Verbände immer wieder Druck, auch oder ausschließlich die kreationistische Lehre zu unterrichten. Der Anthropologe Scott Atran weist daher darauf hin, dass die US-Gesellschaft zwar auch durch den Individualismus der europäischen Aufklärung beeinflusst wurde, das weitaus wichtigere Element jedoch immer der Geist der vielen verschiedenen sektiererischen Gemeinden war. Atran warnt aber davor, vorschnell religiös motivierte Teilhabe am Gemeinwesen als undemokratisch zu verurteilen. Denn nicht der Staat, sondern die Religionsgemeinschaften dämpften den Egoismus und ungezügelten Individualismus Amerikas. Das galt besonders in der Gründungszeit des Landes, so Atran. Und dieses Erbe wirkt noch bis heute nach.


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