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Der Vietnamkrieg

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Der Vietnamkrieg

Prof. Dr. Rolf Steininger

/ 6 Minuten zu lesen

Am 30. April 1975 marschierten nordvietnamesische Kommunisten in Saigon ein: Südvietnam kapitulierte bedingungslos. Es war das Ende des Krieges in Vietnam. Die Bilanz: eine von ihrem Präsidenten zutiefst enttäuschte Nation – und ein verlorener Krieg.

Fast 60.000 amerikanische Soldaten starben im Vietnamkrieg. (© AP)

Die Vorgeschichte

Noch während des Zweiten Weltkrieges warfen die USA Broschüren über Vietnam ab, in denen die Bevölkerung zum Widerstand gegen die japanischen Besatzer aufgefordert und ihnen Unabhängigkeit und Selbstbestimmung in Aussicht gestellt wurden. Doch nach dem Sieg über Japan und dem Beginn des Kalten Krieges war davon keine Rede mehr. Jetzt ging es um die "Eindämmung" des Kommunismus. Unter diesem Vorzeichen akzeptierten die USA auch Frankreichs Bestrebungen zur Restauration seiner Kolonialherrschaft in Indochina. Das ging nicht ohne Gewalt. Und so begann Ende 1946 der französische Indochina-Krieg, der 1954 mit der Niederlage Frankreichs endete.

Auf der anschließenden Konferenz in Genf wurde Vietnam entlang des 17. Breitengrades geteilt. Im Norden herrschten die Kommunisten unter Führung von Ho Chi Minh, im Süden bestimmten von nun an die USA die Politik. Die Freiheit San Franciscos, so hieß es, werde in Saigon verteidigt.

Johnsons Krieg

Anfang August 1964 kam es im Golf von Tonking zu einem folgenschweren Zwischenfall. Nordvietnamesische Patrouillenboote beschossen den US-Zerstörer Maddox. Tage später flogen die USA erste Luftangriffe gegen Nordvietnam und nach einem vermeintlichen zweiten Zwischenfall ermächtigte der US-Kongress Präsident Lyndon Johnson, "alle notwendigen Schritte, einschließlich der Anwendung bewaffneter Gewalt, zu ergreifen", um Südvietnam zu unterstützen.

Im Frühjahr 1965 wurde aus einem schwelenden Bürgerkrieg ein amerikanischer Krieg. Mit der Operation "Donnergrollen" (Rolling Thunder) begann am 2. März 1965 die systematische Bombardierung Nordvietnams. Am 8. März 1965 landeten 3.500 US-Marines in Da Nang. Hanoi sprach von einer "offenen Kriegserklärung". In den folgenden Jahren schickten die USA immer mehr Soldaten nach Südvietnam, 1968 waren es 550.000.

Das Jahr 1968 markierte auch das Ende von Johnsons Krieg mit der sogenannten "Tet-Offensive", einem nicht mehr für möglich gehaltenen Großangriff der Nordvietnamesen gegen fünf der sechs großen Städte, 36 der 44 Provinzhauptstädte und einem Viertel der 242 Provinzstädte Südvietnams im Januar 1968. Am Ende hatten Amerikaner und Südvietnamesen zwar alle verloren gegangenen Gebiete wieder zurückerobert, aber es war ein Pyrrhus-Sieg: Die amerikanische Öffentlichkeit hatte den Glauben an den Sieg verloren, der Präsident seine Glaubwürdigkeit eingebüßt. Ende April verkündete Johnson, dass er sich einer Wiederwahl nicht stellen werde.

Nixons Krieg

Der neue Präsident hieß Richard Nixon. Er hatte die Wahl mit dem Versprechen gewonnen, den Vietnamkrieg zu beenden. Im Juli 1969 verkündete er seine neue Doktrin: Vietnamisierung, das hieß Abzug der amerikanischen Truppen; die Südvietnamesen sollten übernehmen.

Inzwischen sank die Moral der Truppe in Vietnam auf den niedrigsten Stand in der Geschichte der USA. Das Ende des Krieges wurde zur absoluten Notwendigkeit für Washington. Nixons Sicherheitsberater Henry Kissinger führte in Paris Gespräche mit der der Regierung der Demokratischen Republik Vietnam (Nordvietnam), die im Oktober 1972 zu einer prinzipiellen Einigung führten: nordvietnamesische Truppen sollten im Süden des Landes bleiben, die entmilitarisierte Zone am 17. Breitengrad wurde nicht als offizielle politische Grenze bezeichnet, die USA würden das Land verlassen. Am 27. Januar 1973 unterzeichneten US-Außenminister William P. Rogers und sein nordvietnamesischer Kollege Nguyen Thuy Trinh das "Abkommen über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung des Friedens in Vietnam".

Das Ende

Die einzigen, die sich an das Abkommen hielten, waren die USA: Am 29. März 1973 verließ der letzte GI Südvietnam. Zwei Tage zuvor hatte Nordvietnam 591 amerikanische Kriegsgefangene freigelassen. Für die USA war der Krieg offiziell vorbei, für die Vietnamesen ging er mit unverminderter Härte weiter.

Inzwischen war Nixon in den Strudel der Watergate-Affäre geraten und praktisch handlungsunfähig. Im April 1974 lehnte der Kongress zusätzliche Militärhilfe für Südvietnam ab, am 9. August 1974 trat Nixon zurück.

Im März 1975 begann Nordvietnam die "Ho Chi Minh-Offensive" gegen das Regime im Süden, das nach 55 Tagen zusammenbrach. Am 28. April spielten die amerikanischen Radiosender in Südvietnam Bing Crosbys "I’m dreaming of a white Christmas". Das war das Zeichen für die Operation Frequent Wind, die amerikanische Evakuierung der südvietnamesischen Hauptstadt Saigon. US-Botschafter Graham Martin hatte allerdings viel zu lange damit gewartet. Die Bilder von der chaotischen Rettung der eigenen Leute – und circa 51.000 Vietnamesen – gingen damals um die Welt. Anfang 1973, nach Unterzeichnung des Abkommens, war Kissinger gefragt worden, wie lange sich Saigon wohl halten könne. Seine Antwort: "Ich glaube, wenn sie Glück haben, anderthalb Jahre."

Fazit

Was waren die Gründe für das Scheitern der USA in Vietnam? Für die militärische Führung, vor allem für den Oberbefehlshaber General Westmoreland, wurde der Krieg unter Johnson verloren. Damals habe man die Mittel, die man zur Verfügung hatte, nicht richtig eingesetzt und die zwei Städte Hanoi und Haiphong nicht zerstört. Auch ging es um eine falsche Taktik: Der Krieg war anders als jener im Zweiten Weltkrieg oder in Korea. Das beste Beispiel dafür war die Operation Rolling Thunder (1965-1968), eine erfolglose Luftoffensive gegen ein industriell unterentwickeltes Land. Oder die verfehlte Taktik des sogenannten body-count: den Gegner töten. Je mehr gegnerische Leichen gezählt wurden, umso erfolgreicher sei die eigene Truppe; die Kommunisten in Nordvietnam sollten so geschwächt werden (search and destroy), dass sie am Ende ihre Verluste nicht mehr ausgleichen konnten und aufgeben würden.

Die Militärs machten darüber hinaus die Zivilisten verantwortlich, unter anderem für das Zerbrechen des innenpolitischen Konsenses in den USA – und natürlich die Medien. Zu keinem Zeitpunkt wurde dem einfachen Soldaten und der Öffentlichkeit die Frage glaubwürdig beantwortet, warum man überhaupt in Südvietnam war und Opfer brachte.

Etwa 2,7 Millionen Amerikaner waren während des Vietnamkrieges als Soldaten in Vietnam, davon 1,6 Millionen im Kampfeinsatz. Es gab die Wehrpflicht, aber das System war höchst ungerecht: Wer die finanziellen Mittel hatte, konnte sich dem Militärdienst in Vietnam (durch Studium etc.) entziehen. Von jenen, die ihren Wehrdienst ableisteten und in Vietnam kämpften und starben, waren unverhältnismäßig viele arm, schlecht gebildet und schwarz. Es war eine Armee von Teenagern – mehr als 60 % starben im Alter von 18 bis 21 Jahren, das Durchschnittsalter der US-Truppe war 19.

Der Vietnamkrieg bleibt eines der größten Desaster der US-Geschichte und ein Trauma für die Weltmacht. Er war ein "furchtbarer Irrtum", wie Verteidigungsminister Robert McNamara (1961 – 1968) ihn 1995 in seinen "Erinnerungen" bezeichnete. Es war bis zu dem Zeitpunkt Amerikas längster Krieg und der erste, der verloren gegangen war. Mit furchtbaren Folgen: 58.269 amerikanische Soldaten waren gestorben, 304.704 verletzt, mehr als 33.000 blieben gelähmt. In seiner Folge begingen mehr Veteranen Selbstmord, als Soldaten in Vietnam gefallen waren. In der Heimat fanden sich viele im Zivilleben nicht mehr zurecht. 500.000 – 800.000 von ihnen litten und leiden unter einem posttraumatischen Stresssyndrom. Anfang der neunziger Jahre waren von den etwa 750.000 Obdachlosen in den USA ein Viertel bis ein Drittel Vietnamveteranen. Der Vietnamkrieg wurde der Albtraum der Amerikaner, der die Nation so spaltete wie nichts mehr seit dem Bürgerkrieg 100 Jahre zuvor.

Im Unterbewusstsein wirkte und wirkt dieser Krieg fort und bestimmte für die nächsten Jahre die amerikanische Außenpolitik. Die unmittelbare Konsequenz der Niederlage für die USA formulierte der deutsche Botschafter in Washington, Berndt von Staden, 1975 so: "Die ‚missionarische‘ Phase der amerikanischen Außenpolitik, die vom Willen zum eigenen Einsatz getragen war, scheint sich ihrem Ende zuzuneigen."

Der Krieg in Südostasien war allerdings nicht nur eine Katastrophe für die USA: eine Million südvietnamesische Soldaten starben, etwa zwei Millionen tote Zivilisten waren zu beklagen; Zwei Millionen Menschen wurden verstümmelt. Es ist anzunehmen, dass in Nordvietnam mindestens genauso viele Menschen ihr Leben lassen mussten. Die USA warfen viermal so viele Bomben ab wie während des gesamten Zweiten Weltkrieges – mit einer Zerstörungskraft von etwa 600 Hiroshima-Atombomben und 20 Millionen Bombenkratern. 50 Millionen Liter des hochgiftigen Agent Orange wurden zur Entlaubung der Wälder versprüht, um den Feind besser bekämpfen zu können – mit Auswirkungen bis auf den heutigen Tag.

Nach der gewaltsamen Wiedervereinigung Vietnams 1975 verschwanden 400.000 Südvietnamesen in Arbeits- und Umerziehungslagern. In den folgenden Jahren flüchteten etwa 1,4 Millionen Südvietnamesen, u.a. die boat people, von denen während der ersten Fluchtwelle 50.000 ihr Leben verloren.

Als Saigon im April 1975 kapitulierte, liefen in den USA die Vorbereitungen zur 200-Jahr-Feier des Landes. Vietnam fiel zunächst einem kollektiven Vergessen anheim. Das Thema "Warum Vietnam, und wer hat den Krieg verloren?" wurde vielfach verdrängt. Mit privaten Spenden wurde 1982 dann das eindrucksvolle Vietnam Veterans Memorial in Washington, D. C., errichtet. Mit zwei Millionen Besuchern pro Jahr verzeichnet es bis heute mehr Besucherinnen und Besucher als jede andere öffentliche Einrichtung oder Museum in Washington.

US-Präsident Gerald Ford verhängte 1975 ein Handelsembargo über das Land, 1994 hob US-Präsident Bill Clinton das Embargo auf. 1995 nahmen beide Länder diplomatische Beziehungen auf. Der erste US-Botschafter wurde 1997 der ehemalige Pilot Douglas "Pete" Peterson, dessen Flugzeug 1966 abgeschossen worden war und der die Jahre bis 1973 in nordvietnamesischer Gefangenschaft verbracht hatte.

Weitere Inhalte

Rolf Steininger, Studium in Marburg, Göttingen, München, Lancaster, Cardiff; von 1984 bis zur Emeritierung 2010 Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck; Senior Fellow des Eisenhower Center for American Studies der University of New Orleans; Jean Monnet-Professor; Gastprofessor in Tel Aviv, Queensland (Australien) und New Orleans; Gastwissenschaftler in Saigon, Hanoi, Kapstadt, Arcata; 1993 Ruf an die Universität Düsseldorf, 2007 an die Universität Bozen; 2011 Tiroler Landespreis für Wissenschaft.