Nächtliche Skyline von Shanghai

6.8.2008 | Von:
Uli Franz

Porträt: Deng Xiaoping

Nicht genau datiertes Schwarz-Weiß-Foto aus den 1920er Jahren von Deng Xiaoping. Der spätere chinesische Politiker und Veteran der kommunistischen Revolution ist hier in der Zeit seines Studiums in Paris zu sehen. Deng war später eine der wichtigsten Machtstützen Mao Tse-tungs und wandelte sich dabei vom linken Hardliner zum marktorientierten Pragmatiker. Nach Maos Tod übernahm er die Führung der Kommunistischen Partei und regierte die Volksrepublik, ohne jemals die Spitzenämter persönlich einzunehmen, faktisch von 1979 bis 1997.Deng Xiaoping während seiner Studienzeit in Paris in den 1920er Jahren. (© AP)

"Die Wahrheit in den Tatsachen suchen" als Maxime

Auch als er seinen ursprünglichen Plan, als Werkstudent in Lyon die Universität besuchen zu können, dahinschwinden sieht, bleibt er in Frankreich, in der Gegend von Paris und sucht sich Arbeit, um sein Überleben zu garantieren. Im Örtchen Chalette klebt er Gummischuhe zusammen und erhält einen schmalen Akkordlohn von dem amerikanischen Unternehmen Hutchinson. Später lernt er den Umgang mit Werkzeugen in der Montage des Automobilfabrikanten Renault.

Nie war sich Deng zu fein, eine körperliche Arbeit anzunehmen. Vielleicht begünstigte diese Lebenseinstellung eine weitere Maxime seines Lebens "die Wahrheit in den Tatsachen suchen". Noch in Frankreich trat er in die KP Chinas ein, die im Jahr 1921 in Schanghai gegründet worden war. Gewiss fasste er schon damals eine Karriere in dieser Partei ins Auge. Für seine Kaderlaufbahn ist wichtig zu wissen: Im Gegensatz zu Mao Zedong entwickelte Deng ein subtiles Gespür für den Umgang mit dem Kapitalismus des Westens. Auch wenn er in letzter Konsequenz auf seinen chinesischen Wurzeln beharrte. Von ihm stammt der Satz "Den frischen Wind hereinlassen – die Moskitos draußen halten".

Die westlichen Demokratien, wollen sie das heutige China als Partner gewinnen, dürfen niemals vergessen, dass die auswärtigen Wirtschafts- und Kulturbeziehungen Chinas immer ein Pendeln zwischen Anziehung und Distanz, zwischen Annäherung und Selbstbehauptung sind und sein werden. Wohlgemerkt, bei aller Anziehung ist man im Fernen Osten vorrangig auf die Aufrechterhaltung der Selbstbehauptung bedacht.

Nachdem der junge Deng mit seiner Handarbeit das Leben in der Fremde kennengelernt hatte, kehrte er nach einem sechsjährigen Auslandsaufenthalt in Frankreich und Moskau nach Schanghai zurück. Mit 23 Jahren, man schrieb das Jahr 1926, gab er in seiner Junggesellenbude an der Avenue Edward VII. der französischen Konzession der Chinesin Zhang Qianyuan das Ja-Wort. Sie wurde schwanger, aber sie sollte an den Folgen einer Fehlgeburt sterben. Er heiratete erneut, doch diese Beziehung ging auch nicht gut. Seine zweite Frau wurde ihm von einem moskautreuen Parteikader geraubt. Diesen Verlust musste er ertragen, weil er sich politisch ins Abseits manövriert hatte. Der "Raub" ging einher mit dem ersten Einbruch in seiner Kaderkarriere – im Sommer 1933. Zwar behielt er seinen Parteiausweis, aber er verlor seine Ämter. Doch er resignierte nicht. Weder politisch noch privat. Schon bald fand er seine dritte Frau. Sie hieß Zhuo Lin, war die Tochter eines reichen Wurstfabrikanten und gebar ihm fünf Kinder.

Im roten Dschungel von Intrige und Macht

Dank seiner Anpassungsfähigkeit überlebte Deng immer wieder im roten Dschungel von Intrige und Macht. Er duckte sich mal nach rechts, mal nach links – und überlebte seinen zweiten Sturz im Winter 1966, zu Beginn der Kulturrevolution. Wieder einmal verlor er bis auf sein Parteibuch alle Ämter und musste in einer Infanterieschule bis 1973 "überwintern".

Da er sogar ein drittes Mal gestürzt wurde (sein Bruder wurde in den Selbstmord getrieben und sein ältester Sohn verkrüppelt), aber gleichzeitig neben Außenminister Zhou Enlai als engster Vertrauter von Mao in der Parteiführung agierte, müssen wir uns fragen, in welcher Beziehung Deng zu Mao stand? Mao, dessen prächtige Erscheinung geradezu nach einem Personenkult verlangte, teilte mit Deng die Idee, einen Sozialismus chinesischer Prägung zu erschaffen. Dieses gewaltige Unterfangen, diese gigantische Baustelle kannte eine klare Rollenverteilung: Mao der Kopfarbeiter, Deng der Handarbeiter. Doch damit lässt sich Dengs herausragende Parteirolle nicht vollständig erklären. Deng wurde im Laufe seines Lebens ein hoher Militär und im Jahr 1981 gar der höchste Militärkommandeur des roten China. Mao zeigte Respekt vor diesem geborenen Soldaten, denn Generalstabschef Deng konnte schießen und auch tödliche Wortsalven abfeuern. "Es ist einfacher in den Himmel zu steigen, als mit Deng zu diskutieren", formulierte einmal ein Parteigänger. Mao und Deng stammten beide aus Südchina, und in ihrem Wesen waren beide von einem scharfen Humor, ja Sarkasmus geprägt. In Stunden der Sentimentalität soll Mao einmal gesagt haben, Deng erinnere ihn an seinen getöteten Bruder Zetan.

In welcher Beziehung stand nun Deng zu Mao? Deng war Mao ergeben, weil er der Diktatur des Proletariats ergeben war. Vom menschlichen Wesen her gefiel Deng das bäuerliche Naturell von Mao, denn auch er stammte aus einem Bauerndorf. Beide liebten das scharfe Chili-Mahl, die häufige Zigarette, den beizenden Hirseschnaps, das Kartenspiel und die Frau. Mit Blick auf Mao müssen wir sagen: die Frauen. Obwohl beide ihr Glück in einer dreimaligen Heirat suchten, wurde Mao ein Leben lang vom Sex gehetzt. Noch im hohen Alter mussten ihm seine Lakaien krankhaft viele Konkubinen zuführen. Da verhielt sich Deng schon züchtiger und entsprechend der propagierten Parteimoral. Wohlgemerkt, in der Hygiene unterschied sich der Privatmann Deng vom Großen Steuermann: beim Zähneputzen. So gut wie nie putzte sich Mao die Zähne; er sei ein Tiger, pflegte er seinem mahnenden Leibarzt zu antworten, er trinke dafür Grünen Tee. Beide Führer ergänzten sich als Paar. Beide waren keine Asketen, weder privat noch in der Politik. Allerdings konnte Deng mit Entbehrungen und Niederlagen viel gewandter umgehen als Mao.

Der rote Pragmatiker

"Du hast Fehler begangen, Fehler, für die man dich nach deinem Tod auspeitschen wird", soll Mao ihm einmal prophezeit haben. Wenn einer für seine Fehler ausgepeitscht gehört, dann eher der rote Utopist als der rote Pragmatiker. Zweifelsohne hat Deng in seinem 92-jährigen Leben Fehler begangen, doch nur ein Fehler war ein Verbrechen: Er kommandierte die Gewehre der Armee, damit sie auf das Volk schießt, am Pekinger Blutsonntag, am 4. Juni 1989.

Von außen betrachtet, verdient Deng ein Denkmal für seine Öffnungspolitik. Dank seiner Pioniertat erlebte China einen atemberaubenden Wandel der Werte des Arbeitslebens, des Denkens, der Freizeit und des Konsums. Seit dem Beginn dieser Politik im Jahr 1978 hat das urbane China einen echten Weitsprung vom Mangel in den Überfluss gemacht. Denkmal ja, aber nicht allzu pompös. Denn Dengs Losung "Reich werden ist ehrenhaft" bedingte eine Verarmung großer Schichten der Bevölkerung. Nach drei Jahrzehnten Modernisierung durchzieht das Land eine Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Stadt und Land. Heute droht bereits das kapitalistische Übel der Arbeitslosigkeit für Millionen, und von Stadt zu Stadt zieht ein wachsendes Heer von aktuell 200 Millionen Wanderarbeitern. Was soll aus vielen dieser ehemaligen Bauern nach den Olympischen Spielen werden? Zeit seines Lebens rackerte sich der kleine Mann aus Sichuan ab – vielleicht weil sein Schwerpunkt so tief lag. Dann, im hohen Alter, kam noch die Taubheit dazu. Hatte Deng zu viel gehört, wollte er sich nur noch abschotten?

Auf einem erdachten Grabstein könnte die Inschrift stehen: Deng Xiaoping war ein Sohn der Armee und seiner Familie. Niemals fiel ihm etwas in den Schoß, er musste immer für Erfolge kämpfen. Trotz aller Widrigkeiten war er ein geselliger Mensch und seine Eitelkeit hielt sich in Grenzen.

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