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1.10.2009 | Von:
Prof. Dr. Wolfgang Kubin

Chinesische Literatur in Moderne und Gegenwart

"Kampagne wider geistige Verschmutzung"

Die "Kampagne wider geistige Verschmutzung" (1983) und die Niederschlagung der Demokratiebewegung von 1989 haben nach und nach einen Exodus der bekanntesten Autoren bewirkt. Sie sind jedoch inzwischen mehrheitlich mit neuer Staatsbürgerschaft zurückgekehrt, um an chinesischen Universitäten einer Lehrtätigkeit nachzugehen. Für diese Entscheidung, die auch eine gewisse Toleranz auf Seiten des chinesischen Staates voraussetzte, war das Jahr 1992 ausschlaggebend. Damals hatte Deng Xiaoping (1904 bis 1997), Vater der chinesischen Reform, als erster Staatsmann in der chinesischen Geschichte seinem Volk Reichtum empfohlen: Armut sei kein Ruhmesblatt mehr wie noch unter Mao Zedong, sondern eine Schande, und Reichtum sei nicht weiter zu verachten, sondern eine Ehre.

Weniger Lyrik, mehr Romane

Diese neue Politik wirkte sich zweifach auf die Literaturszene aus: 1. Viele, auch sehr bekannte Schriftsteller gaben das Schreiben auf, um in den Hafenstädten oder Sonderzonen dem Gelderwerb nachzugehen. 2. Die Literatur wurde allmählich Teil des Marktes und damit in gewisser Hinsicht der Politik entzogen. Unter denjenigen, die weiter der Profession des Schriftstellers verpflichtet blieben, setzte ein Schwenk ein: Während die Erzähler mit Rücksicht auf eine weniger anspruchsvolle Leserschaft immer mehr marktorientiert schrieben, schufen die Dichter eine sprachlich und gedanklich höchst komplizierte Gegenwelt. Die Folge liegt auf der Hand: Die Lyrik – von Essay und Drama gar nicht zu sprechen –, wanderte an den gesellschaftlichen Rand, und die Erzähler begannen die Verlage und Buchhandlungen zu dominieren. Dieses Phänomen lässt sich nicht nur in China feststellen, es gilt inzwischen auch verallgemeinert für den Weltmarkt.

Belletristik-Autoren wie Mo Yan (Jahrgang 1956) oder Yu Hua (Jahrgang 1960) haben inzwischen ihre eigenen Agenten und verkaufen die Rechte an ihren Werken über amerikanische Agenturen in die ganze Welt. Beide lieben das Deftige und bevorzugen eine schnelle Schreibe. Allerdings muss man Autoren wie ihnen bescheinigen, dass sie sich immer noch ernsthaft mit gesellschaftlichen Belangen der chinesischen Gegenwart auseinandersetzen. Dies gilt weniger für die neue Pop-Literatur, die von den Medien herkommt und im Internet erprobt wird, bevor sie in den Druck geht. Hier sind Sex and Crime, Spaß und Konsum bevorzugte Themen. Vor allem junge Frauen sind ihre Verfasser, denen – so will es die Presse – inzwischen Kultstatus unter der Jugend nachgesagt wird. Trotz literarischer Dürftigkeit finden auch diese ihre Übersetzer und namhafte Verlage zum Beispiel in Deutschland. Ob China oder hierzulande: Die Auflagen sind in allen genannten Fällen sehr hoch, und zwar so sehr, dass Trittbrettfahrer gern beliebig viele Fortsetzungen schreiben.

Dass der chinesische Büchermarkt noch nicht ganz zum Spielball rein materieller und medialer Interessen geworden ist, ist den Dichtern zu verdanken, die eher im Ausland als im Reich der Mitte rezipiert werden. Im Gegensatz zu den Erzählern, die sich entweder der Tradition oder dem Mediengesetz verpflichtet haben, ist ihre Ästhetik überwiegend von der westlichen (Post-)Moderne geprägt. Ihre Werke erscheinen daheim nur in kleinen Auflagen bei kleinen Verlagen und sind oft von den Produzenten selber (mit-)finanziert. Die internationale Literaturszene dagegen hofiert sie in gewisser Hinsicht. Einladungen zu bedeutenden Literaturfesten, Publikationen in angesehenen Literaturzeitschriften oder gar großen Verlagen sind keine Seltenheit mehr. Namen wie die der Dichterin Zhai Yongming (Jahrgang 1955), 2007 zu Chinas bestem "Dichter" gekrönt, wie die von Ouyang Jianghe (Jahrgang 1956), Wang Jiaxin (Jahrgang 1957) oder Xi Chuan (Jahrgang 1963), die alle der sogenannten posthermetischen Schule zugeschlagen werden, sind mittlerweile im Ausland bekannter als in ihrer Heimat.

Während auf dem Festland durch die Verlage und Verleger noch eine gewisse Zensur ausgeübt wird – bestimmte Themen sind tabu –, haben die Autoren auf Taiwan und in Hongkong sowie Macau ihre schriftstellerische Freiheit noch nicht hinreichend für die Sache der chinesischen Literatur zu nutzen gewusst. Was auf dem Festland nicht geschrieben werden kann, hier könnte es zu Papier gebracht und auch verlegt werden. Gleichwohl lässt sich die eine oder andere bedeutende Persönlichkeit unter den Schriftstellern ausmachen, so zum Beispiel der (post-)moderne Leung Ping-kwan (Liang Bingjun, Jahrgang 1949) aus Hongkong oder die feministische Hsia Yü (Xia Yu, geb. 1956) in Taipeh. Beide vertreten eine kosmopolitische Haltung, die einmal Schule machen könnte.

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