Jugendliche sitzen bei einem Rollenspiel hinter Stacheldraht, 08.06.2016.

1.11.2016 | Von:
Wolfgang Sander

Sozialisation und das Konzept des produktiv realitätsverarbeitenden Subjekts in Verbindung mit Entwicklungsaufgaben

Zwei Entwicklungen sind charakteristisch für Sozialisationsprozesse in unserer Gesellschaft: Zu einen dehnt sich die Phase der Sozialisation in der modernen Gesellschaft deutlich aus und die dabei von den Heranwachsenden zu lösenden Entwicklungsaufgaben sind weit umfangreicher als in einer statischen Gesellschaft.

Einige seien genannt, um deutlich zu machen, was Jugendliche heute selbstständig zu leisten haben, ohne dass ihnen dabei viel (von Peers oder Erwachsenen) geholfen werden kann:
  • Aufbau und Pflege emotionaler Beziehungen (Partnerschaft)
  • Erlernen der Sprache (der wichtigen Bezugspersonen)
  • Erarbeitung von relevanten Informationen über die technische und soziale Welt
  • Erfüllung schulischer und beruflicher Qualifikationen und Kompetenzen
  • Planung und Durchführung zweckrationalen Handeln
  • Aufbau und Pflege eigener Wert- und Sinnorientierung
  • Eigenständige politische Orientierung
  • Soziales Engagement
  • Vorbereitung und Einstieg in den Arbeitsmarkt
  • Berufliche und finanzielle Eigenständigkeit
  • Aufbau, Betreuung und Versorgung einer eigenen Familie.
Da es zudem in einer dynamischen und innovativen "Risikogesellschaft" (Beck) häufig keine vorgegebenen oder perfekten Lösungen für die Entwicklungsaufgaben gibt, ist der Einzelne – das ist der zweite Aspekt - bei der Suche nach Lösungen häufig auf sich angewiesen. Er ist hier gefordert, neue Lösungsstrategien zu entwickeln, zu erproben, sich z.T. selbst neu zu erfinden und zu präsentieren. Rollenkonformes Verhalten und der Aufbau sowie Pflege gekonnter Interaktionsbeziehungen werden nicht überflüssig, werden aber durch produktive realitätsbezogene Innovationen der Subjekte ergänzt und erweitert. Neu zu erbringende Problemlösungen werden von den Subjekten an typischen Fällen konkretisiert. Nicht alle Vorschläge setzen sich durch. Die einen Subjekte haben mit ihren Vorschlägen Erfolg, andere weniger. Hier treten Krisen neuer Art im Prozess der Sozialisation zu Tage, wenn innovative Probleme wider Erwarten von den Individuen nicht oder unzureichend oder widersprüchlich gelöst werden oder ihre Vorschläge gar scheitern.

Diesen Besonderheiten der sozialen Situation hat K. Hurrelmann (1983) in dem vom ihm maßgeblich konzipierten Konzept des "produktiv realitätsverarbeitenden Subjektes" ( prS ) Rechnung getragen: Es betont die aktive Rolle des Handelnden bei der Aufarbeitung und innovativen Gestaltung von sozialer Wirklichkeit (was im Rollenkonzept undenkbar ist, da es dort nur um Konformität, nicht aber um Innovationen geht) und konzipiert den Realitätsbezug nach dem epistemologischen Subjektmodell, was neu ist gegenüber dem Symbolischen Interaktionismus . Entsprechend werden die Akzente bei der Definition von Sozialisation gesetzt, denn Sozialisation ist nicht mehr nur eine eher mechanische Verhaltensanpassung des Individuums an seine soziale Umwelt, die über die Erwartungen an den Inhaber einer Rolle gesteuert wird, sondern ist jetzt auch gekennzeichnet durch einen dynamischen Austauschprozess zwischen dem Subjekt und seiner Umwelt. Was in der Wissenschaft Falsifikation (K. R. Popper) ist, ist nun im sozialen Alltag Versuch und Irrtum.

Sozialisation umfasst in diesem Konzept die selbstgesteuerte Wahrnehmung und Interaktion mit der sozialen Umwelt und besteht aus einem Wechsel von Individuation und Vergesellschaftung. Denn ein reflektierendes Selbst (das epistemologische Subjekt) ist in vielen Bereichen eine wichtige Voraussetzung für eine realistische Selbstverwirklichung, erfolgsorientiertes Handeln und für eine gelingende Integration in die Gesellschaft. Hinzu kommt: Als Individuum verstehe ich mich immer auch als Produzenten meiner eigenen Entwicklung. Sozialisation geht einher mit einem dynamischen Bild meiner Selbst (Selbstsozialisation). "Im Kern bezeichnet Sozialisation damit die Interaktion zwischen individueller Entwicklung und den umgebenden sozialen Strukturen, wobei die Persönlichkeit diese Interaktionserfahrungen aktiv und produktiv verarbeitet und sich dabei an Umfeldstrukturen anpassen oder sich von diesen abgrenzen kann." (Hurrelmann/Bauer 2015 S. 146) "Sozialisation wird definiert als Prozess der Entstehung und Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von und in Auseinandersetzung mit den historisch vermittelten sozialen und dinglich-materiellen Lebensbedingungen." (Bauer /Hurrelmann 2015 S. 156).

Das je spezifische Gelingen dieser produktiven Bewältigung der jeweils anstehenden Entwicklungsaufgaben wird als Kern der individuellen Persönlichkeit (Identität der Person) angesehen. Patenrezepte gibt es nur für Routineaufgaben. Bei Problemen ist jeder vielmehr gehalten, die Herausforderungen entsprechend seiner Erfahrungen und Vorstellungen (unter Berücksichtigung der Erwartungen der anderen) anzunehmen und nach Lösungen zu suchen.

Krisen entstehen, wenn das produktiv realitätsverarbeiten¬de Subjekt bei der Lösung von Entwicklungsaufgaben das Spannungsverhältnis zwischen sozialer Integration und persönlicher Individuation nicht hinreichend zu lösen vermag. Das Ausmaß der Krise kann von der Bedeutung der Entwicklungsaufgaben, von dem Umfang der Diskrepanz und von der Gleichzeitigkeit von ungleichzeitigen Problemen abhängen. Quenzel (2015 S. 241f) hat vier typische Konflikte bzw. Probleme eruiert, die Jugendliche heute im Sozialisationsprozess zu bewältigen haben:
  • Konflikte durch divergierende Erwartungen
  • Konflikte durch unvereinbare Bewältigungsanforderungen
  • Wissensdefizite
  • Ressourcenmangel.
"Eine Situation, in der keine divergierenden Erwartungen an ein Individuum herangetragen werden, in der es keine zeitlichen und inhaltlichen Konflikte mit anderen Herausforderungen gibt, in der alles benötigte Wissen bereits vorhanden ist, alle relevanten materiellen, sozialen und persönlichen Ressourcen problemlos mobilisiert werden können und es keine Konflikte mit anderen persönlichen Bedürfnissen, Interessen und Zielen gibt, ist kaum vorstellbar." (Quenzel 2015, S. 244)

Das hypothetisch-experimentelle Denken, das in den Naturwissenschaften die Grundlage für einen enormen Erkenntnisfortschritt bildete, das daher bis heute noch als das dominante Wissenschaftsparadigma gilt und das nun mehr auch die Geistes- und Sozialwissenschaften durchdringt, wird mit diesem Konzept des produktiv realitätsverarbeitenden Subjektes nun auch im Alltagswissen der Menschen verortet und zugleich "hoffähig" gemacht. (zur Rezeption dieses Konzeptes innerhalb der Soziologie vgl. Abels 2015 S. 66ff) Mündig sein heißt aus dieser kritisch-rationalen Sicht (K. R. Popper), sich im Alltag der Methoden der Wissenschaft zu bedienen, ja die Wissenschaft mit den eigenen Waffen zu schlagen. Es gilt – wie der Pädagoge Henningsen das schon 1968 für die politische Bildung vorgeschlagen hat - "den Menschen mündig (und das heißt jetzt ‚raffiniert‘) zu machen" (Henningsen 1968 S.36). Mit Hilfe dieses Konzeptes können die vielfältigen Lücken des Alltags unter Rückgriff auf wissenschaftliche Methoden (wissenschaftlich fundierte Ratgeberliteratur) geschlossen und die freien Entwicklungsaufgaben von den einzelnen Akteuren zu ihrem Vorteil selbstständig und innovativ gelöst werden, in der Hoffnung, dass sich dann die "pfiffigsten" Lösungen auf dem Markt der Möglichkeiten durchsetzen werden.

Es wird bei diesem Fortschrittsoptimismus jedoch vielfach übersehen, dass es Kapitalverwertungszwänge gibt und die Entwicklungskosten für die innovativen Entwicklungen, die sich nicht am Markt behaupten und sich nicht rechnen, in der Regel von den Akteuren getragen werden müssen, was bei einem Scheitern ruinös sein kann. Das Funktionieren dieses Konzeptes setzt zudem voraus, dass die Gesellschaft in großen Teilen relativ zuverlässig und sicher funktioniert (z.B. nach vorgeschriebenen und etablierten Rollenvorschriften) und ein anderer Teil in kleinschrittigen Prozessen zwischen den Akteuren immer wieder ausgehandelt wird, wie das der Symbolische Interaktionismus nahelegt. Der dem einzelnen gleichsam frei verfügbare Teile für Innovationen ist demgegenüber zwar recht klein (s. Entwicklungsaufgaben), profitiert aber vom Funktionieren einer zivilen und humanen Gesellschaft, obwohl die Innovateure selbst sich häufig an keine Moral oder sittliche Gesinnung gebunden fühlen, da sie innovativ, grenzüberschreitend sein wollen und insofern im Kauf nehmen, partiell zur Zerstörung der Gesellschaft beizutragen. Das Dilemma der empirisch-analytischen Wissenschaft tritt an diesem Sozialisationskonzept besonders deutlich zu Tage: Je mehr in der Wissenschaft und jetzt gemäß dem prS-Modell auch im Alltag die Subjekte daran interessiert sind zu wissen, wie soziale Wirklichkeit funktioniert, desto weniger wird darüber nachgedacht, in welche Richtung sich Innovationen entwickeln sollen, was im Sinne einer humanen Gesellschaft sein soll. Das Fehlen eins positiven Freiheitskonzeptes und die damit verbundenen Probleme wie Entgrenzung, Opportunismus, Beliebigkeit, normative Orientierungslosigkeit) werden ganz offensichtlich.


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