Autonomer am 1. Mai 2009 in Berlin, bewaffnet mit Flasche und Stein.

21.12.2011 | Von:

Das Politikverständnis in linksautonomen Publikationsorganen

Zeitschriftenporträts

"radikal" – von der Sozialistischen Zeitschrift für Westberlin zur bundesweiten Autonomenzeitung

Am 18. Juni 1976 erschien mit einer Auf lage von 3 000 Exemplaren die erste Ausgabe der Zeitschrift "radikal". Zur Verbesserung der Solidarität und des gegenseitigen Verständnisses innerhalb des zur damaligen Zeit erheblich zersplitterten linken Spektrums sollte mit dem Periodikum ein zentrales Informationsorgan, ein Diskussionsforum sowie ein praktisches Instrument im Dienste der antikapitalistischen Gruppierungen Westberlins geschaffen werden.[31] Was dies im Einzelnen zu bedeuten haben sollte, präzisierte die Redaktion der "radikal" in dem zweiten Heft noch einmal genauer: "radikal will in erster Linie nützliche Sachen tun, die potenziell allen Linken Vorteile bringen: Umfassender Veranstaltungskalender, Kleinanzeigen, juristische Tips, Bücherlisten, möglichst viele Berichte über Aktivitäten an der Basis, Raum für Diskussion, Gegenüberstellung von Standpunkten, Platz für Leserbriefe und Zuschriften von unorganisierten Genossen".[32]

Für den Titel "radikal", der innerhalb der Szene nicht nur auf Zustimmung stieß,[33] entschieden sich die Initiatoren der Zeitschrift aus zwei Gründen: Da der Begriff "linksradikal" nach Einschätzung der Redaktion für alle linken Gruppierungen Anwendung fand, sollte bewusst die Gemeinsamkeit der Linken verdeutlicht werden.[34] Betont wurde zudem, dass durch den Begriff "radikal" zum Ausdruck gebracht werden könne, dass es nicht darum geht, an Symptomen herumzukratzen, sondern deren Ursache anzugehen und das Übel an der Wurzel zu packen.[35] Schon früh hob die "radikal"-Redaktion hervor, dass sie selbst als Mittler, technischer Umsetzer und Realisator fungiere, und verpflichtete sich gleichzeitig, bei der Auswahl der eingehenden Artikel möglichst wenig einzugreifen.[36] Thematisch beschränkte sich die Zeitschrift zunächst in erster Linie auf die Aktivitäten der Berliner HausbesetzerInnen. Im Verlauf der Hausbesetzungen in Westberlin grenzte sich die Zeitschrift deutlich von der als linksradikales Zeitungsprojekt entstandenen "die tageszeitung" (taz) ab. Während die taz im Zusammenhang mit den Besetzungen als Sprachrohr der sogenannten VerhandlerInnen bzw. späteren Grünen fungierte, beheimatete die "radikal" den militanten Flügel der HausbesetzerInnen, der Verhandlungen ablehnte.[37] Das Ende der Hochzeit der HausbesetzerInnen markierte eine Zäsur für das Periodikum "radikal" und führte zu einer Art Sinnkrise.[38] Zu den thematischen Schwerpunkten entwickelten sich in den Folgejahren vor allem die Sicherheits- und Ausländerpolitik der Bundesrepublik sowie die Aktivitäten der Anti-AKW-Bewegung. Zahlreiche Beiträge in den 1980er- und 1990er-Jahren setzen sich außerdem mit den Aktivitäten der Rote Armee Fraktion (RAF) auseinander.

Eine einheitliche Positionierung zur RAF konnte angesichts unterschiedlicher Beurteilungen jedoch nicht erzielt werden. Deutlich zeigte sich dies im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwaltes Siegfried Buback.[39]

In vielen "radikal"-Beiträgen distanzieren sich die VerfasserInnen zwar von der Strategie der RAF, bekundeten jedoch hinsichtlich der Inhaftierungen von deren Mitgliedern oftmals ihre Solidarität.[40] Ungeachtet verschiedener thematischer Schwerpunkte profilierte sich die Zeitschrift "radikal" im Laufe der Zeit immer deutlicher in bewusster Abkehr zum demokratischen Verfassungsstaat. Deutlich zum Ausdruck kam diese Entwicklung seit den 1980er-Jahren. Während es anfangs noch um die Einbindung aller Linker ging, lässt sich anhand der Änderung des Untertitels von "Sozialistische Zeitung für Westberlin" zu "Zeitung für unkontrollierte Bewegungen" ab 1980 der Bruch zwischen der sich in der Entstehung befindenden autonomen Szene und der Alternativbewegung nachvollziehen.[41] Angesichts der intendierten Abschaffung des nicht anzuerkennenden staatlichen Gewaltmonopols[42] sprach sich die Redaktion bereits wiederholt für den Einsatz von Gewalt aus: "Die bestehenden Verhältnisse können nur dann erschüttert werden, wenn sich die linksradikalen Gruppen und Zusammenhänge Fähigkeiten und Strukturen aneignen, um punktuell schon heute wirksame Gegenmacht entwickeln zu können. Dies schließt notwendigerweise militante und auch bewaffnete Interventionen mit ein."[43] Zur Unterstützung der militanten Praxis der Szene lieferte die Szenezeitschrift "radikal" bereits in mehreren Heften Informationen, die zur Durchführung gewaltsamer Aktionen erforderlich sind. Dabei handelte es sich etwa um Anleitungen zum Bau von Brandsätzen,[44] Beschreibungen zur Anfertigung einer Briefbombe oder Ideen für Angriffe gegen Castor-Transporte.[45]

Ihre politische Positionierung brachte der Szenezeitschrift "radikal" seit ihrem Bestehen bereits mehrfach die Einleitung strafrechtlicher Maßnahmen ein. Schon 1977 führten einige Passagen zur Eröffnung eines Prozesses wegen der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener gegen den im Impressum genannten presserechtlich Verantwortlichen.[46] Die Konfrontation mit weiteren strafrechtlichen Schritten blieb für die Herausgeber der Zeitschrift auch in den darauffolgenden Jahrzehnten nicht aus. Medienaufmerksamkeit erzielte die Zeitschrift "radikal" insbesondere im Zusammenhang mit zwei Urteilen, die 1984 gegen die Herausgeber der "radikal" ergingen. Der Journalist Benny Härlin sowie der Student Michael Klöckner wurden vom Berliner Kammergericht zu je zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt. Während Klöckner zumindest eine redaktionelle und buchhalterische Tätigkeit bei der "radikal" nachgewiesen werden konnte, bekam der Journalist Härlin das gleiche Strafmaß für die Herausgeberfunktion.[47] Journalistenverbände sahen in den Urteilen eine Gefahr für die Pressefreiheit, und die "Süddeutsche Zeitung" bilanzierte gar, dass die Urteile verdeutlichten, wie sehr die mit Terroristenprozessen beschäftigten Kammerrichter ihr Augenmaß verloren hätten.[48] Die Zeitschrift erhielt aufgrund der Schärfe der Urteile zahlreiche Solidaritätsbekundungen. Teilweise fand sie sogar Unterstützung bis in das bürgerliche Milieu, wenngleich sich die betreffenden Personen von dem Inhalt der "radikal" distanzierten und nur die angebliche staatliche Zensur als inakzeptabel befanden.[49]

"Interim" – die bundesweite Zeitschrift der Autonomen

Die Etablierung als wichtigstes Informations- und Diskussionsmedium der Autonomen ist der erstmals im Mai 1988 erschienen Zeitschrift "Interim" gelungen.[50] Sie entstand während der Kampagne gegen das Treffen des Internationalen Währungsfonds im September 1988 in Berlin. Im ersten Heft hob die Redaktion hervor, dass mit der Zeitschrift zwei Lücken geschlossen werden sollen. Diese seien eine Konsequenz des politischen Abgangs der taz und des Umstandes, dass es keine Berliner Info der undogmatischen Linken gebe.[51] Von Anfang an entschieden sich die Initiatoren der "Interim" gegen ein redaktionelles Konzept, das konventionellen Maßstäben entspricht. Dementsprechend handelt es sich bei den Artikeln, die in der "Interim" veröffentlicht werden, um Beiträge, die theoretisch von jedweder Person stammen können. Ein in Berlin ansässiges Redaktionskollektiv druckt die zugesandten Texte ab. Diejenigen Beiträge, die nicht in die Zeitschrift aufgenommen werden, hinterlegt die "Interim"-Redaktion in einem Ordner, der in einem Berliner Infoladen zugänglich ist. Grundsätzlich werden die dort gesammelten Beiträge im Inhaltsverzeichnis der jeweiligen Ausgabe genannt.[52] Mit dem Konzept, zugesandte Artikel unverändert in die Ausgaben der "Interim" aufzunehmen, will die Redaktion einer Vielzahl von Gruppierungen die Möglichkeit geben, eigene Texte und Positionen zu veröffentlichten.[53] Die Grenzen dieses Anspruchs zeigten sich jedoch bereits mehrfach in der Praxis. Beispielhaft ist etwa, dass die Redaktion in einem Fall nicht darauf verzichtete, den Verfasser eines zugesandten Textes im Vorwort einer Ausgabe namentlich anzusprechen und darüber aufzuklären, dass seine politischen Positionen teilweise als problematisch erachtet wurden und der Text daher nicht in die Zeitschrift aufgenommen werden konnte.[54] Auch betonte die Redaktion, dass zugesendete Texte zwar grundsätzlich abgedruckt werden sollen, doch nicht in jedem Fall unkommentiert.[55] "Nicht zensieren, kommentieren",[56] rechtfertigt die Redaktion diese Handhabung. Sie verzichtete zudem nicht auf die Benennung thematisch bevorzugter Themen für noch nicht erschienene Ausgaben.[57] Eine, wenn auch begrenzte, redaktionelle Strukturierung fand und findet insofern statt. Bis 1998 erschien die "Interim" in vielen Städten wöchentlich, seither erscheint das Periodikum in einem Abstand von zwei Wochen. Die Auflage der "Interim" schwankt zwischen 1 500 und 2 500 Exemplaren.[58]

Bei den Beiträgen, die in der "Interim" erscheinen, handelt es sich in erster Linie um Positionspapiere einzelner Gruppierungen, anonyme Bekennerschreiben, Ankündigungen von Demonstrationen sowie Berichte über bereits durchgeführte Aktionen, in denen das eigene Handeln bilanziert wird. Auch die Aktivitäten von Autonomen in anderen Staaten werden in einigen Artikeln thematisiert. Die letzte Seite dient in der Regel der Information über anstehende Termine sowie dem Aufruf zur Teilnahme an Demonstrationen.

In unregelmäßigen Abständen diente die Zeitschrift bereits der Diskussion um szeneinterne Konfliktfelder. Dabei handelte es sich größtenteils um sich wiederholende Debatten entlang der Themengebiete Organisation, Militanz und Geschlechterverhältnisse.[59] Einige wenige "Kontroversen" gilt es, angesichts der Heftigkeit und der Intensität, mit denen sie geführt wurden, zu erwähnen. Dazu zählt zunächst die sogenannte Heinz-Schenk-Debatte, eine Anfang der 1990er-Jahre in der "Interim" ausgetragene, szeneinterne Auseinandersetzung mit der eigenen Kampagnenpolitik. Ausgelöst durch den Beitrag ""Wir sind doch kein Kampagnenheinz" erfolgte eine monatelange Debatte, in der die Wirkung des eigenen politischen Engagements sowie damit verbunden die Frage verbesserter Organisation thematisiert wurde.[60] Intensiv ausgetragen wurde ebenfalls die Paul-und-Paula-Debatte. Gegenstand der Ende der 1990er-Jahre geführten Auseinandersetzung war das Themenfeld Geschlechterverhältnisse.

Das Periodikum "Interim" begreift sich als Teil linksradikaler Widerstandskultur. [61] Die Zeitschrift dient daher vor allem als Forum für Personen und Gruppierungen, die Staat und Gesellschaft ablehnen und zum Widerstand gegen die bestehenden Verhältnisse aufrufen.[62] In den in der "Interim" abgedruckten Bekennerschreiben werden vorwiegend Sachbeschädigungen genannt, die sich gegen die Infrastruktur von Rechtsextremen oder das staatliche Handeln richten können.[63] Die Legitimität gewaltsamer Mittel zur Durchsetzung der eigenen Ziele veranschaulichen zudem diejenigen Beiträge, in denen relevante Informationen zur Unterstützung der militanten Praxis, etwa eine Anleitung zur Herstellung von Buttersäure, [64] geliefert werden. Auch die "Interim" musste sich bereits wiederholt mit strafrechtlichen Schritten auseinandersetzen. Auslöser war in jüngster Zeit etwa der Abdruck einer Anleitung zum Bau von Brandbomben in einer Ausgabe der Zeitschrift.[65]

Fußnoten

31.
Vgl. radikal, Nr. 1 (1976), S. 2.
32.
Ebd.
33.
Vgl. ebd.; Vgl. radikal, Nr. 3 (1976), S. 14.
34.
Vgl. Ders., Nr. 2 (1976), S. 2.
35.
Vgl. ebd.
36.
Vgl. radikal (Anm. 31), S. 2.
37.
Vgl. Autorenkollektiv (Anm. 7), S. 187.
38.
Vgl. ebd., S. 54.
39.
Vgl. ebd., S. 18f.
40.
Vgl. radikal, Nr. 131, S. 8 – 15.
41.
Vgl. Ders., Nr. 84 (November 1980), S. 2.
42.
Vgl. Ders. (Anm. 11), S. 7.
43.
Ebd.
44.
Vgl. radikal, Nr. 156 ( Juni 1999), S. 27 ff.
45.
Vgl. Ders. (Anm. 11), S. 16 ff, S. 24 ff.
46.
Vgl. Autorenkollektiv (Hrsg.) (Anm. 7), S. 19.
47.
Vgl. Der Spiegel, Nr. 10 (1984), S. 119.
48.
Vgl. ebd.
49.
Vgl. radikal (Anm. 11), S. 2.
50.
Vgl. Sebastian Haunss, Identität in Bewegung. Prozesse kollektiver Identität bei den Autonomen und in der Schwulenbewegung, Wiesbaden 2004, S. 133.
51.
Vgl. Interim, Nr. 1 (Mai 1988), S. 2.
52.
In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass in einigen Ausgaben keine Angaben dazu gemacht werden, ob Artikel in dem Ordner hinterlegt sind. Die Autorin konnte daher die genauen Umstände dafür nicht mehr überprüfen.
53.
Vgl. Interim, Nr. 504 ( Juni 2000), S. 9.
54.
Vgl. Ders., Nr. 515 (November 2000), S. 2; der Verfasser wurde jedoch dazu aufgefordert, die Redaktion erneut zu kontaktieren.
55.
Vgl. Interim, ( Juni 2000), S. 15.
56.
Ebd.
57.
Vgl. Interim, Nr. 516 (Dezember 2000), S. 2.
58.
Vgl. S.Haunss (Anm. 50), S. 133.
59.
Vgl. ebd., S. 189.
60.
Vgl. ebd., S. 135 ff.
61.
Vgl. Interim (Anm. 53), S. 9.
62.
Vgl. Ders., Nr. 719 (Oktober 2010), S. 16f.
63.
Vgl. Ders., Nr. 501 (Mai 2000), S. 9.
64.
Vgl. ebd., S. 5.
65.
Vgl. http://www.morgenpost.de/berlin-aktuell/article1224783/Gericht-laesst-Autonomen-Magazin-beschlagnahmen.html.

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