Autonomer am 1. Mai 2009 in Berlin, bewaffnet mit Flasche und Stein.

21.12.2011 | Von:

Das Politikverständnis in linksautonomen Publikationsorganen

"Clash" – der Versuch einer internationalen autonomen Zeitschrift

Mehrere Infoläden aus insgesamt zwölf westeuropäischen Staaten entwickelten in den 1980er-Jahren die Idee einer internationalen respektive westeuropäischen autonomen Zeitschrift. Ziel des Projekts war, die Aktivitäten von Autonomen verschiedener Länder abzubilden.[66] Im Editorial der ersten Ausgabe der "Clash" kündigte die Redaktion daher an, "die medienpolitik der herrschenden aktiv anzugreifen und die vernetzung der kämpfe voranzutreiben".[67] Mit dem Anspruch, über Autonome verschiedener Staaten zu berichten, verband sich die Hoffnung einer gegenseitigen Ermutigung sowie des Aufbaus einer gemeinsamen europäischen Diskussion. [68] Der Blick auf den Anderen sollte zudem neue Anstöße für das eigene Handeln liefern und zu fantasievolleren Widerstandsaktionen verhelfen. [69] Angesichts des Anspruchs, die Zusammenarbeit von Autonomen verschiedener Staaten zu befördern, wurde zu Beginn entschieden, die "Clash" in deutscher und englischer Sprache zu veröffentlichen. In dem Zeitraum von 1989 bis 1994 erschien die "Clash", die zunächst unter dem Titel "Clash – Zeitschrift vom/für den Widerstand" bzw. "Clash – Newspaper for/of resistance in europe" firmierte, zwei- bis viermal im Jahr. Ihre Auflage betrug zunächst etwa 2 000 Exemplare, von denen etwa 500 in englischer Sprache erschienen.[70] Nachdem zunächst wahllos die zugesandten Artikel abgedruckt wurden, entschied die Redaktion, für die einzelnen Hefte thematische Schwerpunkte zu bilden, um damit Orientierung zu geben und Fragestellungen als Diskussionsanregungen anzubieten.[71] Die Zeitschrift "Clash" erhob den Anspruch, dazu beizutragen, eine Alternative zum bestehenden System aufzubauen.[72] Als Ziel wurde ausdrücklich benannt, die bestehenden, als unterdrückend empfundenen Strukturen zu sprengen.[73] Die "Clash" ließ darüber hinaus eine deutliche Nähe zur RAF erkennen.[74] Ausdrücklich betonte die Redaktion etwa: "So soll CLASH ein Mittel sein (…) damit wir gemeinsam in die Lage kommen europaweit gemeinsame Ziele zu verfolgen und zusammen zu handeln. Mit ›wir‹ meinen wir grundsätzlich alle Menschen und Gruppen (…) Dazu gehören eben auch bewaffnete kämpfende Organisationen wie z.B.die Rote Armee Fraktion (RAF)." [75]

Die offensichtliche Nähe zu den Positionen der RAF führte dazu, dass bereits 1991 ein Ermittlungsverfahren gegen die "Clash" eingeleitet wurde. Konsequenz dessen war, dass die Zeitschrift fortan nicht mehr über ein Postfach in Hamburg, sondern in Amsterdam erreichbar war.[76] Das ursprünglich proklamierte Ziel, die Zusammenarbeit Autonomer aus verschiedenen Staaten zu forcieren, blieb für die Initiatoren des Periodikums unerreicht. Stattdessen zeichnete sich schon früh ab, dass die Zeitschrift den Fokus insbesondere auf die autonome Szene der Bundesrepublik legte. fussnote>Vgl. Clash (Anm. 74), S. 3. Problematisch erwies sich zudem bereits frühzeitig die Zweisprachigkeit. Englische Leser merkten etwa an, dass die englischsprachigen Beiträge in einigen Fällen unverständlich seien und dass die Hilfe von Muttersprachlern bei der Übersetzung von Artikeln herangezogen werden solle.[77] Schwierig gestaltete sich für die "Clash"-Redaktion zudem die Übersetzung politischer Parolen.

"Arranca" – ein Novum autonomer Medienkultur?

Mit dem Anspruch, "das Entstehen einer revolutionären Organisation mitzuermöglichen und ein Forum für die linke Neubestimmung zu bieten",[78] initiierte die Berliner Gruppe FelS 1993 die Zeitschrift "Arranca". Den Ausführungen der Redaktion zufolge waren die wesentlichen Gründe für diese Zielbestimmung, dass Organisierung nicht zufällig erfolge und auch nicht in die Hände einer Art Avantgarde-Gruppe zu legen sei. Die Gruppe FelS positionierte sich zunächst in bewusster Abkehr zu den Autonomen, gleichwohl blieben FelS und "Arranca" mit der autonomen Szene stets verbunden. [79] Zwar war die Gruppe F.e.l.S. für die Entstehung der "Arranca" maßgeblich, gleichwohl wird im Editorial der ersten Ausgabe explizit betont, dass keine völlige Identität zwischen Gruppe und Zeitschrift bestehe.[80] In diesem Zusammenhang sei jedoch angemerkt, dass "Arranca" und FelS nicht voneinander losgelöst sind und einige Inhalte der "Arranca" aus FelSDiskussionen entnommen wurden.[81] Der Titel "Arranca" leitet sich von "arrancar" ab, dem spanischen Wort für starten, beginnen. Das Starten bzw. Loslegen bezieht die Redaktion der "Arranca" auf die Notwendigkeit, eine Organisationsdiskussion jenseits der Vorschläge zum Aufbau einer kommunistischen Partei zu etablieren.[82] Entgegen dem Veröffentlichungskonzept, für das sich etwa die Initiatoren der "Interim" entschieden, lehnte die Redaktion der "Arranca" von Beginn an ab, zugesandte Beiträge wahllos zu veröffentlichen. In der ersten Ausgabe wird vielmehr betont, dass eine gewisse Kanalisierung der Diskussionsbeiträge sowie Schwerpunktsetzung vor dem Hintergrund der angestrebten Zielsetzung unvermeidbar sei.[83] Eine Fokussierung auf bestimmte Themen sollte daher den roten Faden in jeder neuen Ausgabe bilden.[84]

Zu den thematischen Schwerpunkten der "Arranca" zählten zunächst vor allem die Tätigkeiten der autonomen und linken Szene Berlins.[85] Darüber hinaus veröffentlichte die Redaktion jedoch auch Texte über die Aktivitäten Autonomer außerhalb der Bundesrepublik.[86] Im Gegensatz zu anderen Periodika der autonomen Szene nimmt in der "Arranca" seit jeher auch die Behandlung von kulturellen Themen einen wichtigen Stellenwert ein.[87] Eine Beschränkung auf politische Fragen lehnt die Redaktion dezidiert ab.

Trotz der genannten Unterschiede zu anderen linksautonomen Zeitschriften spiegeln auch die in der "Arranca" veröffentlichten Beiträge die zentralen Wesensmerkmale autonomen Politikverständnisses wider. Zwar sprachlich oftmals in ein weniger radikales rhetorisches Gewand gehüllt, werden auch in "Arranca"-Artikeln die bestehenden Verhältnisse explizit abgelehnt und der Einsatz von Gewalt als legitim erachtet.[88] Schon in der Null-Nummer des Heftes werden Überlegungen angestellt, mit welchen Voraussetzungen eine Umwälzung der gegebenen Verhältnisse notwendigerweise gegeben sei.[89] Auch die Redaktion der "Arranca" zog bereits das Interesse der Sicherheitsbehörden auf sich. Ausschlaggebend waren dafür allerdings nicht in der Zeitschrift veröffentlichte Texte[90] In einem Fall etwa zog die Zeitschrift in Zusammenhang mit der Verhaftung der seinerzeitigen RAF-Terroristin Birgit Hogefeld die Aufmerksamkeit auf sich.[91]

Szeneintern wird die Zeitschrift "Arranca" auch als nach-autonome Zeitschrift bezeichnet.[92] Ausschlaggebend sei dafür, dass die "Arranca" mit der gängigen autonomen Theorie und Praxis breche. Mit einem anspruchsvollen Layout und theorielastigen Texten versuche die Zeitschrift, einen neuen Stil autonomer Medienkultur umzusetzen.[93]

Ausblick

Bislang erfüllte die Herausgabe von Zeitschriften zweifellos eine wichtige Integrationsfunktion innerhalb der autonomen Szene und diente dieser heterogenen Gruppierung innerhalb des linksextremistischen Spektrums zur Kommunikation und Information. Fraglich ist jedoch, wie sich die Rolle der traditionellen autonomen Publikationsorgane angesichts der explosionsartigen Verbreitung des Internets weiterhin entwickeln wird. Aufgrund der Erfahrungen mit strafrechtlichen Maßnahmen, die gegen Zeitschriften bzw. Herausgeber in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder eingeleitet wurden, trug die im Internet gebotene Anonymität maßgeblich dazu bei, dass Autonome seit einigen Jahren verstärkt das Internet nutzen. Schätzungen zufolge existieren mittlerweile mehr als 1 000 linksextremistische deutschsprachige Internetseiten.[94] Insbesondere die Internetplattformen Indymedia Deutschland und Nadir werden deutschlandweit genutzt.[95] Das Internet erweist sich jedoch als Fluch und Segen zugleich. Zwar bietet es ein hohes Maß an Anonymität, gleichwohl legen Internetforen keine Grenzen akzeptabler Diskussionsbeiträge fest und sind teilweise der Qualität der Veröffentlichungen eher abträglich.[96] Welche langfristigen Konsequenzen die Ausdehnung des Internets auf die Medienlandschaft der autonomen Szene haben wird, bleibt insofern abzuwarten.

Der Text entstammt dem Buch "Linksextremismus in der Bundesrepublik Deutschland" der bpb.

Fußnoten

66.
Vgl. Clash, Nr. 2, S. 3; Infoläden aus den folgenden Staaten beteiligten sich an der Veröffentlichung der "Clash": Österreich, Großbritannien, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Niederlande, Italien, Norwegen, Schweden, Spanien und die Schweiz.
67.
Clash, Nr. 0, S. 1.
68.
Vgl. Ders., Nr. 2, S. 4.
69.
Vgl. Ders., Nr. 3, S. 5.
70.
Vgl. Ders., Nr. 1, S. 3.
71.
Vgl. Ders., Nr. 10, S. 3.
72.
Vgl. Ders., Nr. 7, S. 3.
73.
Vgl. ebd., S. 5.
74.
Vgl. Ders., Nr. 6, S. 54 f; Ders. (Anm. 72), S. 15 ff.
75.
Ders. (Anm. 69), S. 9.
76.
Vgl. Bernd Drücke, Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland, Ulm 1998, S. 339.
77.
Vgl. Ders. (Anm. 70), S. 3.
78.
www.Arranca.org/Arranca-wer-wir-sind.
79.
Vgl. S. Haunss (Anm. 50), S. 146.
80.
Vgl. "Arranca", Nr. 0 ( Januar 1993), S. 3.
81.
Vgl. Autorenkollektiv (Hrsg.) (Anm. 7), S. 211.
82.
Vgl. "Arranca" (Anm. 81), S. 3.
83.
Vgl. ebd.
84.
Vgl. ebd., S. 4.
85.
Vgl. Jan Schwarzmeier, Die Autonomen zwischen Subkultur und sozialer Bewegung, Göttingen 1999, S. 154.
86.
Vgl. Autorenkollektiv (Anm. 7), S. 225.
87.
Vgl. ebd., S. 210.
88.
Vgl. http://Arranca.org/ausgabe/3/suppe-im-salz.
89.
Vgl. "Arranca" (Anm. 81), S. 14.
90.
.Vgl. Autorenkollektiv (Hrsg.) (Anm. 7), S. 222.
91.
In dem Rucksack von Birgit Hogefeld wurden Briefe gefunden, aus denen sich angeblich ergab, dass die "Arranca" sowie die Gruppe FelS das "Gegenmacht-vonunten-Konzept" der RAF legal durchzuführen beabsichtigten. Vgl. Autorenkollektiv (Hrsg.) (Anm. 7), S. 222.
92.
Vgl. radikal (Anm. 11), S. 12.
93.
Vgl. ebd.
94.
Vgl. Thomas Barisic/Arnd Reinhardt, Linksextremismus im Internet, in: Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Extremismus in Deutschland – Erscheinungsformen und aktuelle Bestandsaufnahme, Juni 2004, S. 222 –252, hier S. 224.
95.
Indymedia Deutschland ist dem weltweit betriebenen Netzwerk Indymedia zuzuordnen und dient der Veröffentlichung von Berichten und Informationen über szenerelevante Themen. Das Internetportal Nadir, das schon länger als Indymedia existiert, wird von einigen linksextremistischen Organisationen genutzt, um ihre eigene Webseiten auf dem Nadirserver zu hinterlegen. Vgl. Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen, Autonome Szene im Freistaat Sachsen, S. 15.
96.
Vgl. AK Wantok (Hrsg.) (Anm. 1), S. 395 ff.

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